Выбрать главу

»Es gibt noch einen Grund, warum wir sobald wie möglich mit ihr sprechen sollten. Bisher habe ich mir nichts weiter dabei gedacht, aber beim letztenmal, als wir miteinander sprachen, ist sie mitten im Satz verschwunden. Jetzt erinnere ich mich auch daran, daß sie vorher plötzlich überrascht wirkte, so, als habe sie Angst bekommen.«

Nynaeve atmete tief durch und preßte beide Hände auf ihren Magen in einem vergeblichen Versuch, das plötzliche Flattern darin zu unterdrücken. Trotzdem brachte sie es fertig, mit beherrschter Stimme zu sprechen: »Moghedien?«

»Licht, du denkst immer gleich an so schöne Dinge! Nein. Falls Moghedien sich in unsere Träume einschleichen könnte, wüßten wir das mittlerweile.« Elayne schauderte leicht; sie hatte ja doch ein wenig Ahnung, wie gefährlich Moghedien war. »Auf jeden Fall sah sie nicht danach aus. Sie hatte Angst, aber doch nicht so viel.«

»Dann ist sie vielleicht gar nicht in Gefahr. Möglich, daß...« Nynaeve zwang sich, die Hände wegzunehmen und preßte zornig die Lippen aufeinander. Nur war sie sich nicht klar darüber, wem ihr Zorn eigentlich galt.

Den Ring wegzustecken, ihn zu verbergen bis auf ihre verabredeten Treffen mit Egwene, war durchaus eine gute Idee gewesen. War. Jeder weitere Vorstoß in die Welt der Träume konnte sie auf Moghedien stoßen lassen, und sich von ihr fernzuhalten war mehr als nur einfach eine gute Idee. Es war ihr klar, daß Moghedien ihr überlegen war. Der Gedanke war ihr unerträglich, und er tauchte recht häufig auf, doch er entsprach schlicht der Wahrheit.

Und doch bestand nun die Möglichkeit, daß Egwene Hilfe benötigte. Nur eine geringe Möglichkeit, aber immerhin. Nur weil sie Moghedien vernünftigerweise aus dem Weg ging, durfte sie diese Möglichkeit doch nicht unterschätzen. Und außerdem konnte es sein, daß es auch Rand mit einem der Verlorenen zu tun hatte, und zwar aus ganz persönlichen Gründen, so wie es ihr und Elayne mit Moghedien ging. Was Egwene berichtet hatte, sowohl aus den Bergen wie auch von Cairhien, roch richtig nach einer Herausforderung. So, als wolle hier ein Mann einen anderen provozieren. Nicht, daß sie irgendeine Möglichkeit hatte, etwas dagegen zu unternehmen. Aber bei Egwene...

Manchmal schien es Nynaeve, als habe sie den ursprünglichen Grund vergessen, warum sie überhaupt die Zwei Flüsse verlassen hatte. Um junge Menschen aus ihrem Dorf zu beschützen, die sich in den Netzen der Aes Sedai verfangen hatten. Nicht soviel jünger als sie selbst, höchstens ein paar Jahre, aber wenn man bereits Seherin des eigenen Dorfes war, schien der Unterschied größer. Klar, daß mittlerweile die Versammlung der Frauen in Emondsfeld eine neue Seherin gewählt hatte, aber es war trotzdem immer noch ihr Dorf und sie waren ihre Schutzbefohlenen. Und tief in ihrem Innersten war sie nach wie vor ihre Seherin. Doch auf irgendeine Art war aus dem ursprünglichen Schutz für Rand, Egwene, Mat und Perrin eine Frage des Überlebens geworden, und selbst dieses Ziel hatte sich mit der Zeit zu anderen Zielen hin verschoben, ohne daß sie sagen konnte, wann und wo das geschehen sei. Aus dem Wunsch heraus, Moiraine zu Fall zu bringen, hatte sie die Weiße Burg betreten, aber daraus war der brennende Wunsch geworden, Menschen mit Hilfe ihrer Fähigkeiten zu heilen. Wie sich die Aes Sedai ständig in das Leben anderer einmischten, hatte sie einst mit Haß erfüllt, und trotzdem fühlte sie gleichzeitig, daß sie selbst eine werden wollte. Vielleicht wollte sie nicht so wie die anderen werden, aber es war die einzige Möglichkeit, zu lernen, was sie unbedingt lernen wollte. Alles war mittlerweile so verwickelt wie eines der Gewebe der Aes Sedai, sie selbst eingeschlossen, und sie wußte nicht, wie sie aus diesem Spinnennetz entkommen sollte.

Ich bin noch immer, die ich vorher war. Ich werde ihnen helfen, so gut ich kann. »Heute abend«, sagte sie laut und entschlossen, »werde ich den Ring benutzen.« Sie setzte sich auf das Bett und zog ihre Strümpfe an. Diese feste Wolle war bei der Hitze nicht gerade angenehm zu tragen, doch wenigstens war dann ein Teil von ihr anständig angezogen. Feste Strümpfe und feste Schuhe. Birgitte trug Brokatpantoffeln und Strümpfe aus hauchdünner Seide, die angenehm kühl aussahen. Schnell und energisch verdrängte sie diesen Gedanken. »Nur, um festzustellen, ob sich Egwene wirklich im Stein aufhält. Wenn nicht, komme ich zurück, und wir benützen den Ring erst zum nächsten verabredeten Treffen wieder.«

Elayne sah sie unverwandt und ohne zu blinzeln an. Das machte sie in steigendem Maß nervös und ließ sie an den Strümpfen herumzupfen. Diese Frau sagte kein Wort, doch ihr ausdrucksloser Blick schien die Möglichkeit anzudeuten, daß Nynaeve log. Jedenfalls empfand Nynaeve ihn so. Der Gedanke, der ihr ganz am Rande durch den Kopf geschossen war, daß sie nämlich einfach dafür sorgen könnte, den Ring im Schlaf gar nicht ihre Haut berühren zu lassen, half auch nicht gerade. Es gab natürlich keinen stichhaltigen Grund, anzunehmen, daß Egwene heute abend im Stein von Tear auf sie wartete. Sie hatte überhaupt nicht ernsthaft an ein solches Ausweichmanöver gedacht, und der bloße Gedanke war ihr völlig unbewußt gekommen, doch nun war er einmal da, und sie hatte Schwierigkeiten, Elayne in die Augen zu sehen. Vielleicht hatte sie wirklich Angst davor, Moghedien zu treffen? Das wäre ja nur vernünftig, wenn sie es auch nicht gern zugab.

Ich werde tun, was sein muß. Sie unterdrückte gewaltsam dieses Flattern im Bauch. Als sie das Hemd herunterzog, hatte sie es plötzlich eilig, das blaue Kleid anzulegen und in die Hitze hinauszukommen, nur, um Elaynes Blick zu entgehen.

Elayne war gerade damit fertig, ihr zu helfen, die Reihen kleiner Knöpfe am Rücken zuzuknöpfen, und sie meckerte, ihr habe auch keiner geholfen, als habe sie beim Anziehen der Hose Hilfe benötigt, da ging die Wagentür auf und krachte gegen die Wand, gefolgt von einer Woge schwülheißer Luft. Überrascht fuhr Nynaeve zusammen und hielt sich die Hände schützend über den Busen, bevor sie sich beherrschen konnte. Als statt Valan Luca dann Birgitte hereinkletterte, tat sie so, als habe sie nur das Kleid zurechtziehen wollen.

Die hochgewachsene Frau strich die gleichermaßen schimmernde blaue Seide an ihrer Hüfte glatt, dann zog sie den dicken schwarzen Zopf über eine nackte Schulter nach vorn und grinste dabei selbstgefällig. »Wenn du die Aufmerksamkeit auf dich lenken willst, dann gib dich nicht damit ab, etwas verstecken zu wollen. Es ist zu offensichtlich. Atme einfach tief durch.« Sie führte es vor und lachte über Nynaeves schockierte Miene.

Nynaeve gab sich alle Mühe, sich zu beherrschen.

Dabei wußte sie nicht einmal, warum eigentlich. Sie konnte sich kaum noch vorstellen, daß sie Schuldgefühle gezeigt hatte wegen des Geschehenen. Gaidal Cain war vielleicht froh, diese Frau los zu sein. Und Birgitte konnte ihr Haar tragen, wie sie wollte. Nicht, daß dies irgendwie eine Rolle spielte. »Ich kannte an den Zwei Flüssen jemanden wie dich, Maerion. Calle redete alle Leibwächter der Händler mit Vornamen an, und sie hatte gewiß keine Geheimnisse vor ihnen.«

Birgittes Lächeln verzerrte sich etwas. »Auch ich kannte einst eine Frau wie dich. Mathena blickte auch hochnäsig auf die Männer herunter und ließ sogar einen armen Kerl hinrichten, weil er zufällig auf sie stieß, als sie nackt badete. Sie war noch nicht einmal geküßt worden, bis Zheres ihr einen Kuß stahl. Man hätte glauben können, damit habe sie erst entdeckt, daß es Männer gab. Sie berauschte sich derart an ihren eigenen Gefühlen, daß Zheres sich auf einen Berg zurückzog, um ihr zu entgehen. Paß auf den ersten Mann auf, der dich küßt. Früher oder später kommt bestimmt einer.«

Mit geballten Fäusten trat Nynaeve einen Schritt auf sie zu. Jedenfalls versuchte sie das. Irgendwie befand sich plötzlich Elayne zwischen den beiden und hielt sie mit erhobenen Händen zurück.