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Als der Schrei verklang, schien es, als hätten sich alle Tiere schlagartig beruhigt. Die Pferdeknechte standen herum und sahen sie an. Kühl ignorierte sie die Männer. Jetzt ging ihr nichts mehr nahe. Sie war nun eisig ruhig und hatte sich wieder vollkommen im Griff.

»War das ein Hilfeschrei?« fragte Birgitte und hielt den Kopf schief. »Oder hast du Hunger? Ich denke, ich könnte eine Amme auftreiben, um dich zu stillen... «

Elayne stolzierte davon. Ihr Fauchen hätte jedem Leoparden zur Ehre gereicht.

48

Abschiede

Sobald sie wieder im Wohnwagen war, zog sich Nynaeve ein anderes, ein anständiges Kleid an, wenn auch etwas murrend, weil sie eine Reihe Knöpfe auf dem Rücken wieder aufmachen und eine andere dann aufs neue ohne jede Hilfe zuknöpfen mußte. Das einfache graue Wollkleid, aus feinster Wolle und von gutem Schnitt, konnte nicht als besonders modisch gelten, aber es würde nirgendwo auffallen. Leider war es auch entschieden wärmer. Trotzdem war es ein gutes Gefühl, wieder züchtig gekleidet zu sein. Obwohl —irgendwie fühlte sie sich eigenartig, als trage sie zuviel Kleidung an sich. Das mußte an der Hitze liegen.

Schnell kniete sie vor dem kleinen gemauerten Ofen mit seinem winzigen Schornstein nieder und öffnete die Eisenklappe, um ihre Wertgegenstände herauszuholen.

Bald lag der verdrehte Steinring in ihrer Gürteltasche neben Lans schwerem Siegelring und ihrem eigenen Großen Schlangenring. Der kleine, vergoldete Kasten, in dem die Juwelen lagen, die ihnen Amathera gegeben hatte, kam in die Ledertasche, zusammen mit den Beuteln voll Kräuter, die sie von Ronde Macura in Mardecin mitgenommen hatte, und dem kleinen Tiegel und dem Stößel, mit denen man sie zerstieß. Sie befühlte die Kräuterbeutel, nur um sich besser daran erinnern zu können, was jeder enthielt — von Allheilkraut bis zu der schrecklich schmeckenden Spaltzungenwurzel. Die Kreditbriefe kamen mit hinein und dazu drei der sechs Geldbeutel, keiner davon noch so fett wie vorher. Sie hatte ja schließlich die Reisekosten der Menagerie nach Ghealdan bezahlt. Luca hatte möglicherweise wirklich kein Interesse mehr an seinen hundert Goldmark, aber die Spesen hatte er immer ohne alle Gewissensbisse kassiert. Einer der Briefe, die die Trägerin autorisierte, im Namen der Amyrlin zu handeln, was immer sie auch tat, wanderte zu den Ringen in die Gürteltasche. Kaum mehr als vage Gerüchte über irgendwelche Auseinandersetzungen in Tar Valon waren bis Samara durchgedrungen, und so könnte dieses Dokument trotz Siuan Sanches Unterschrift vielleicht noch einmal nützlich sein. Das dunkle Holzkästchen ließ sie stehen, genau wie die drei übrigen Geldbeutel und den groben Jutesack mit dem A'dam, den sie ganz bestimmt nicht anrühren wollte, und auch den silbernen Pfeil, den Elayne in der Nacht ihrer katastrophalen Auseinandersetzung mit Moghedien gefunden hatte, ließ sie daneben liegen.

Einen Augenblick lang sah sie den Pfeil finster an und dachte über das Problem mit Moghedien nach. Es war einfach am besten, alles zu unternehmen, um ein Zusammentreffen mit ihr zu vermeiden. Bestimmt! Ich habe sie einmal bezwungen! Und beim zweitenmal war sie wie eine Speckseite in der Küche aufgehängt worden. Wäre Birgitte nicht gewesen... Sie hat es aus eigenem Antrieb gemacht. Das hatte die Frau ja selbst behauptet und es stimmte auch. Ich könnte sie wieder bezwingen. Ich bin mir sicher. Aber sollte ich es nicht schaffen... Falls sie versagte...

Sie versuchte lediglich, den Waschlederbeutel ganz hinten zu meiden, und das war ihr auch bewußt, doch der Gedanke an den Beutelinhalt war kaum weniger grauenvoll, als daran zu denken, was geschähe, sollte sie Moghedien erneut unterliegen. So holte sie schließlich tief Luft, faßte vorsichtig hinein und nahm den Beutel an der Kordel hoch. In diesem Moment wurde ihr klar, daß sie nicht recht gehabt hatte. Das Böse schien über ihre Hand zu schwappen, stärker als je zuvor, als bemühe sich der Dunkle König wirklich und persönlich, das Cuendillar-Siegel drinnen zu brechen. Es war entschieden besser, sich den ganzen Tag über vorzustellen, was geschähe, sollte sie Moghendien tatsächlich unterliegen. Zwischen Gedanken und Realität lag doch ein gewaltiger Unterschied. Es mußte wohl Einbildung sein, denn in Tanchico hatte sie das nicht spüren können, aber trotzdem wünschte sie, Elayne würde das Ding an ihrer Stelle tragen. Oder sie könnte es einfach hierlassen.

Sei nicht so närrisch! befahl sie sich selbst ganz energisch. Es verschließt das Gefängnis des Dunklen Königs. Mit dir geht einfach deine Phantasie durch. Und doch ließ sie den Beutel auf das rote Kleid, das Luca für sie hatte anfertigen lassen, fallen wie eine halb verweste Ratte, und dann wickelte sie das Ding gut ein und verschnürte voller Hast das Bündel. Dieses Seidenbündel kam anschließend mitten in ein größeres Bündel Kleider hinein, die sie mitnehmen wollte, und das Ganze hüllte sie letztendlich noch in ihren guten, grauen Reisemantel. Ein paar Fingerbreit Abstand schirmten sie von diesem Gefühl schwärzesten Grauens ab, doch sie empfand das eindeutige Bedürfnis, ihre Hand zu waschen. Wenn sie nur nicht so genau wüßte, daß es sich dort drinnen befand. Es war wirklich idiotisch. Elayne würde sie auslachen und Birgitte vermutlich auch. Und zu Recht.

Tatsächlich ergaben die Kleidungsstücke, die sie mitnehmen wollte, zwei Pakete, und sie bedauerte jedes, das sie zurücklassen mußte. Sogar das tief ausgeschnittene blaue Seidenkleid. Nicht, daß sie so etwas jemals wieder tragen wollte, und sie hatte gewiß nicht vor, das rote Kleid auch nur zu berühren, bevor sie es in Salidar einer Aes Sedai übergab, aber sie konnte es nicht lassen, die Kosten all dieser Dinge — Pferde, Wagen und Kleider — im Kopf zu addieren, die sie seit dem Verlassen Tanchicos hatten tragen müssen. Und natürlich die Kutsche und die Fässer mit Textilfarben. Selbst Elayne hätte davon Bauchschmerzen bekommen, aber die dachte wohl an so etwas einfach nicht. Diese junge Frau glaubte wahrscheinlich, es wären immer neue Münzen vorhanden, wenn sie nur in ihren Geldbeutel griff.

Sie war noch dabei, das zweite Bündel zu packen, als Elayne wiederkam und schweigend ein blaues Seidenkleid anzog. Schweigend, außer ein paar Flüchen, wenn sie sich die Arme nach hinten verrenken mußte, um die Knöpfe zu schließen. Nynaeve hätte ja geholfen, wenn sie darum gebeten worden wäre, aber da Elayne nicht daran dachte, musterte sie lediglich den Körper der anderen Frau beim Umziehen, ob sie irgendwelche Schrammen aufwies. Sie glaubte, Elayne nur wenige Minuten vor ihrer Rückkehr aufschreien gehört zu haben, und falls sie und Birgitte sich tatsächlich geschlagen hatten... Sie war nicht unbedingt froh darüber, keine Schrammen vorzufinden. Auf einem Flußschiff würde es im Grunde genauso eng zugehen wie in diesem Wohnwagen, und es würde noch schlimmer werden, wenn sich die beiden Frauen gegenseitig an die Kehle gingen. Und so hätte es vielleicht geholfen, wenn beide bereits hier etwas von ihrer scheußlichen Laune abreagiert hätten.

Elayne sagte kein Wort, während sie ihre eigenen Habseligkeiten zusammenpackte. Sie antwortete nicht einmal, als Nynaeve ganz freundlich fragte, wohin sie denn zuvor wie angeschossen gerast sei. Die Frage brachte Nynaeve lediglich ein gehobenes Kinn und einen eisigen Blick ein, als glaube dieses Kind, es säße bereits auf dem Thron ihrer Mutter.

Elaynes Schweigen konnte manchmal mehr sagen als viele Worte. Als sie nur noch drei Geldbeutel vorfand, hielt sie kurz inne, bevor sie sie in die Hand nahm, und in dieser Zeit sank die Temperatur im Wohnwagen spürbar. Dabei stellten die drei genau ihren Anteil dar. Nynaeve hatte ihre Nörgelei darüber satt, wie sie das Geld ausgab oder nicht. Sollte sie doch selbst sehen, wie die Münzen abnahmen. Vielleicht sah sie dann endlich ein, daß sie möglicherweise einige Zeit mittellos auskommen mußten. Als Elayne allerdings entdeckte, daß auch der Ring weg war und lediglich der dunkle Kasten noch dastand...