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Sie war schon hundert Schritt weit auf der Lehmstraße gelaufen, bis die anderen sie endlich einholten. Elayne warf ihr einen Seitenblick zu und schnaubte lautstark, während sie mit den beiden großen, immer wieder verrutschenden Bündeln auf ihrem Rücken kämpfte. Sie mußte ja auch wieder alles mitnehmen!

Birgitte schritt neben ihr und tat so, als führe sie Selbstgespräche, doch sie knurrte durchaus hörbar etwas von Frauen, die wegrannten wie die Carpanmädchen, die von einer Klippe springen wollten. Nynaeve ignorierte beide gleichermaßen.

Die Männer verteilten sich um sie herum — Galad vorn, flankiert von Thom und Juilin, und die Schienarer in zwei Reihen zu ihrer Rechten und Linken. Mißtrauische Augen suchten jeden verwelkten Strauch und jede kleine Mulde zu beiden Seiten nach möglichen Gefahren ab. Nynaeve kam sich schon ein bißchen töricht vor, wie sie da mitten zwischen ihnen einherstolzierte. Man hätte denken können, sie erwarteten jeden Moment, daß sich ein ganzes Heer vom Boden erhob, und man hätte sie und die beiden anderen Frauen für ganz und gar hilflos halten können, besonders, als die Schienarer, die schweigend Unos Führung folgten, auch noch die Schwerter zogen. Warum eigentlich, wo doch kein einziges menschliches Wesen zu sehen war; selbst die Hüttendörfer vor der Stadt schienen verlassen. Galads Klinge blieb in der Scheide, aber Juilin hielt seinen daumendicken Stab kampfbereit in der Hand, anstatt ihn als Spazierstock zu benützen. In Thoms Händen tauchten plötzlich Messer auf und verschwanden wieder, als sei er sich dessen gar nicht bewußt. Sogar Birgitte legte einen Pfeil auf. Nynaeve schüttelte den Kopf. Die Schläger mußten schon sehr tapfer sein, die sich in Reichweite der Waffen dieser Gruppe begaben.

Dann erreichten sie Samara, und sie begann sich zu wünschen, sie hätte das Angebot Petras und der Chavanas akzeptiert und jeden zu ihrem Schutz mitgenommen, der sich anbot.

Das Tor stand offen und war unbewacht, und über die graue Stadtmauer quollen sechs schwarze Rauchsäulen in den Himmel. Die Straßen dahinter waren ruhig. Glasscherben aus eingeschlagenen Fenstern knirschten unter ihren Stiefeln, doch das war das einzige Geräusch, abgesehen von einem entfernten Summen, das klang, als flögen ungeheure Schwärme von Wespen durch die Stadt. Auf den Pflastersteinen lagen zersplitterte Möbel und vereinzelte Kleidungsstücke, Töpfe und Geschirr, Gegenstände, die man aus Läden und Wohnungen geworfen hatte. Es war nicht festzustellen, ob Plünderer oder Flüchtlinge dieses Durcheinander angerichtet hatten.

Nicht nur Hab und Gut war zerstört worden. Bei einem Haus hing die Leiche eines Mannes in einem grünen Seidenrock halb aus einem Fenster, schlaff und bewegungslos, während man an den Dachbalken der Werkstatt eines Blechschmieds einen zerlumpten Burschen am Hals aufgehängt hatte. Einige Male erhaschte sie in Seitenstraßen oder schmalen Gassen einen Blick auf etwas, das wie weggeworfene Kleiderbündel aussah. Doch ihr war klar, daß es keine waren.

An einem Haus hing die eingeschlagene Tür schief an einem einzigen Scharnier, und dahinter züngelten kleine Flammen an einer Holztreppe empor. Gerade eben begann Rauch herauszuquellen. Die Straßen war jetzt wohl menschenleer, doch wer das auch angerichtet hatte, war noch nicht lange fort. Nynaeve drehte unablässig den Kopf hin und her in dem Bemühen, nach allen Seiten gleichzeitig Ausschau zu halten, und außerdem hatte sie ihr Messer fest in die Hand genommen.

Manchmal schwoll das zornige Summen an, ein wortloser, kehliger Aufschrei der Wut, der kaum eine Straße entfernt schien, und manchmal flaute er zu einem dumpfen Murmeln ab. Doch als das Verhängnis kam, kam es ganz plötzlich und lautlos. Wie ein Rudel hungriger Wölfe kam die kompakte Masse von Männern um die nächste Ecke, füllte die Straße von einer Seite zur anderen, lautlos bis auf das Stampfen der Stiefel. Der Anblick Nynaeves und der anderen wirkte auf sie wie eine Fackel, die man auf den Heuboden wirft. Es gab kein Zögern. Wie ein Mann stürzten sie los, heulten wild auf, schwangen Mistgabeln und Schwerter, Äxte und Knüppel, alles, was man als Waffe benützen konnte.

In Nynaeve kochte noch genug Zorn, daß sie in der Lage war, nach Saidar zu greifen, und das tat sie denn auch, ohne weiter nachzudenken und noch bevor sie das Glühen um Elayne herum wahrnahm. Es gab ein Dutzend Möglichkeiten, allein und ohne Hilfe diesen Mob zurückzuhalten, und ein Dutzend mehr, ihn zu vernichten, wenn sie das wollte. Wäre da nicht die Bedrohung durch Moghedien gewesen. Sie war sich nicht sicher, ob Elayne durch die gleiche Überlegung zurückgehalten wurde. Ihr war lediglich bewußt, daß sie mit gleicher Leidenschaft an ihrem Zorn und an der Wahren Quelle festhielt, und mehr als die heranstürmende Menge war es Moghedien, die ihr das schwer machte. Sie hielt an der Macht fest, und doch wagte sie nicht, sie zu benützen. Nicht, solange es noch die kleinste Möglichkeit gab, sich anders zur Wehr zu setzen. Sie wünschte beinahe, sie könnte die Stränge kappen, die Elayne jetzt bestimmt verwob. Es mußte eine andere Möglichkeit geben!

Ein Mann, ein hochgewachsener Kerl in einem zerlumpten roten Rock, der, seinen grüngoldenen Stickereien nach zu urteilen, einst jemand anderem gehört hatte, rannte mit seinen langen Beinen den anderen voran und schwang wild ein Beil. Birgittes Pfeil traf ihn genau in ein Auge. Er stürzte, lag bewegungslos am Boden, und die anderen trampelten mit verzerrten Gesichtern und unartikulierten Schreien über ihn hinweg. Nichts würde sie aufhalten. Aufheulend vor Zorn und Angst, riß Nynaeve ihr Messer vom Gürtel und bereitete sich gleichzeitig darauf vor, eben doch die Macht einsetzen zu müssen.

Wie eine Woge, die an Felsen zerschellt, so rannte sich der Angriff am Stahl der Schienarer fest. Die Männer mit ihren Skalplocken wirkten immerhin noch weniger zerlumpt als die, gegen die sie zu kämpfen hatten. Sie arbeiteten methodisch mit ihren Zweihandschwertern wie Handwerker bei ihrer Arbeit, und der Ansturm kam nicht über ihre dünne Reihe hinaus. Männer fielen unter Schreien nach dem Propheten, aber immer weitere kletterten über ihre Leichen hinweg. Juilin, dieser Narr, hielt seinen Platz in dieser Reihe, den oben flachen, kegelförmigen Hut auf dem dunklen Kopf. Sein nur daumendicker Stock wirbelte kaum sichtbar durch die Luft, wehrte Hiebe ab, brach Arme und knallte auf Schädel herab. Thom befand sich hinter der Reihe und huschte mit deutlich ausgeprägtem Hinken, aber trotzdem schnell, von einem Ort zum anderen, um sich den wenigen zu stellen, die es geschafft hatten, sich durchzuwinden. Er hatte wohl nur in jeder Hand einen Dolch, doch selbst Schwertträger starben von eben diesen Händen. Das ledrige Gesicht des Gauklers trug einen grimmigen Ausdruck. Als ein massiger Kerl in der Lederweste eines Hufschmieds mit seiner Mistgabel beinahe Elayne erreicht hätte, knurrte Thom ebenso wild auf wie viele in der angreifenden Masse und trennte dem Mann fast den Kopf ab, als er ihm die Kehle aufschlitzte. Inmitten dieses Durcheinanders wechselte Birgitte seelenruhig immer wieder die Stellung, und jeder ihrer Pfeile fand sein Ziel in irgendeinem Auge.

Und wenn sie auch den Mob aufhielten, war es doch Galad, der den Angriff endgültig zurückschlug. Er stand ihrem Ansturm gegenüber, als warte er auf einem Ball auf den nächsten Tanz, die Arme verschränkt und unbeeindruckt. Er hielt es noch nicht einmal für notwendig, die Klinge zu ziehen, bis sie ihn fast schon erreicht hatten. Dann tanzte er, und all seine Eleganz der Bewegung wandelte sich in tödliche Geschmeidigkeit. Er stellte sich ihnen nicht; vielmehr schnitt er sich einen Weg direkt ins Herz des Mobs, eine Gasse, so breit wie die Reichweite seines Schwerts. Manchmal umringten ihn gleich fünf oder sechs Männer mit Schwertern und Tischbeinen als Knüppel, aber das dauerte nicht lange — nur so lange, wie sie brauchten, um zu sterben. Am Ende konnte weder ihr Zorn noch ihr Blutdurst ihn in die Knie zwingen. Vor ihm rannten sie zuerst davon, ließen die Waffen fallen, und als auch die anderen sich der Flucht anschlossen, teilte sich der Strom an ihm wie an einem Felsen. Nachdem sie auf dem gleichen Weg verschwunden waren, den sie bei ihrem Überfall genommen hatten, stand er allein zwanzig Schritt von den anderen entfernt zwischen den Toten und Sterbenden, mit ihrem Stöhnen als Begleitmusik.