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Nynaeve schauderte, als er sich bückte und seine Klinge an der Jacke eines Toten abwischte. Selbst dabei wirkte er noch elegant. Selbst dabei war er noch schön. Sie glaubte, sich übergeben zu müssen.

Sie hatte keine Ahnung, wie lange das alles gedauert hatte. Einige der Schienarer stützten sich schwer atmend auf ihre Schwerter. Und sie betrachteten Galad mit gehörigem Respekt. Thom hatte sich vorgebeugt, eine Hand auf ein Knie gestützt, und mit der anderen versuchte er, sich Elayne vom Leibe zu halten. Er versicherte ihr dabei, er müsse nur wieder zu Atem kommen. Es mochte Minuten gedauert haben oder eine Stunde — sie wußte es nicht.

Ausnahmsweise einmal löste ein Blick auf die Verwundeten, die hier und da auf dem Pflaster lagen und von denen einige wegzukriechen versuchten, nicht das Verlangen aus, sie mit Hilfe der Macht zu heilen. Sie empfand überhaupt kein Mitleid. Unweit von ihr hatte jemand eine Mistgabel fallengelassen. Der abgeschlagene Kopf eines Mannes war auf eine Zinke gespießt und der einer Frau auf eine andere. Sie spürte dabei lediglich ein Würgen und die Erleichterung darüber, daß es nicht ihr Kopf war. Und kalt war ihr.

»Danke«, sagte sie laut in die Runde. »Vielen Dank.« Die Worte kamen ein wenig schwerfällig heraus, denn sie gab nicht gern zu, daß sie selbst etwas nicht genauso gut hätte erledigen können, aber es lag doch Eindringlichkeit darin. Dann nickte Birgitte zustimmend und Nynaeve mußte mit sich kämpfen. Doch diese Frau hatte genausoviel vollbracht wie die anderen. Erheblich mehr also als sie selbst. So steckte sie das Messer wieder in die Gürtelschlaufe. »Du ... hast sehr gut geschossen.«

Mit einem trockenen Grinsen, als wisse sie genau, wie schwer Nynaeve diese Worte gefallen waren, machte sich Birgitte daran, ihre verschossenen Pfeile wieder einzusammeln. Nynaeve schauderte und vermied es, ihr dabei zuzusehen.

Die meisten Schienarer waren verwundet, und auch Thom und Juilin hatten Blut lassen müssen, doch benahmen sie sich wie rechte Männer. Jeder behauptete, seine Wunden seien weiter unbedeutend. Wundersamerweise war Galad völlig unberührt geblieben. Aber vielleicht war das doch nicht so wunderlich, wenn man bedachte, mit welcher Kunst er seine Klinge geführt hatte. Selbst Uno sagte, sie müßten sofort weitergehen, obwohl ihm ein Arm steif herabhing und er einen Schnitt über seine Wange empfangen hatte, der zu einer fast spiegelgleichen Narbe wie die auf der anderen Seite werden würde, falls man ihn nicht schnell heilte.

Tatsächlich aber zögerte sie keineswegs, sofort weiterzugehen, obwohl sie sich sagte, sie solle eigentlich nach den Verletzungen sehen. Elayne legte ihren Arm stützend um Thom; der aber weigerte sich, sich auf sie zu stützen. Dann begann er einfach, eine Ballade im Hochgesang zu rezitieren, und zwar so blumig ausgeschmückt, daß es schwerfiel, die Geschichte von Kirukan darin zu erkennen, der schönen Soldatenkönigin aus den Trolloc-Kriegen.

»Sie hatte, vorsichtig ausgedrückt, eine Laune wie ein Keiler, der im Dorngestrüpp festsitzt«, sagte Birgitte leise vor sich hin. »So schlimm wie niemand sonst in ihrer Nähe.«

Nynaeve knirschte mit den Zähnen. Sie würde sich hüten, dieser Frau noch einmal ein Lob zu spenden, was sie auch in Zukunft anstellen mochte. Und wenn sie es recht bedachte, konnte jeder Mann von den Zwei Flüssen auf diese Entfernung genauso gut schießen. Ach was, jeder Junge!

Ein Grollen folgte ihnen, dumpfes Gebrüll aus anderen Straßenzügen in einiger Entfernung, und hin und wieder hatte sie das Gefühl, von ungesehenen Augen aus leeren, glaslosen Fensterhöhlen heraus beobachtet zu werden. Doch die Nachricht von ihrem Kampf mußte sich herumgesprochen haben, oder die Beobachter hatten selbst zugesehen, denn sie erblickten keine Menschenseele, bis plötzlich vor ihnen zwei Dutzend Weißmäntel in die Straße einbogen, die Hälfte mit gespannten Bögen, die anderen mit blanken Klingen. Die Schienarer hatten innerhalb eines Herzschlags ihre Schwerter gezogen.

Ein paar kurze Sätze, die Galad mit einem Burschen mit mürrischem Gesicht unter dem kegelförmigen Helm tauschte, sorgten dafür, daß sie durchgelassen wurden, obwohl der Mann die Schienarer zweifelnd musterte, ebenso wie Thom und Juilin und auch Birgitte. Es reichte jedenfalls, um Nynaeve aufzuregen. Es mochte noch hingehen, daß Elayne mit erhobenem Kinn weitermarschierte und die Weißmäntel ignorierte, als seien sie Diener, aber Nynaeve paßte es ganz und gar nicht, einfach übersehen zu werden.

Der Fluß war nicht mehr weit entfernt. Hinter ein paar kleinen, gemauerten Lagerhäusern mit Schieferdächern zogen sich die drei gemauerten Anlegeplätze der Stadt kaum bis zum Wasser des halb ausgetrockneten Flusses über den vertrockneten Schlamm hin. Am Ende einer der Mauern schaukelte ein plumpes Schiff mit zwei Masten, das sehr tief lag. Nynaeve hoffte, es werde keine Mühe machen, separate Kajüten zu bekommen. Und sie hoffte, es möge nicht zu schlimm schwanken.

Eine kleine Menschenansammlung duckte sich zwanzig Schritt vom Kai entfernt unter den wachsamen Blicken von vier Wächtern mit weißen Umhängen. Es waren beinahe ein Dutzend Männer, vorwiegend alt und alle zerlumpt und mit Schrammen oder Schwellungen, und etwa doppelt so viele Frauen, die meisten mit zwei oder drei Kindern an der Hand oder auf dem Arm, ein paar sogar mit Säuglingen. Zwei weitere Weißmäntel standen direkt vor dem Zugang zum Kai. Die Kinder verbargen ihre Gesichter in den Röcken der Mütter, doch die Erwachsenen blickten sehnsuchtsvoll zu dem Schiff hinüber. Der Anblick brach Nynaeve fast das Herz. Sie erinnerte sich an die gleichen Blicke, nur in viel größerer Zahl, in Tanchico. Menschen, die verzweifelt auf einen Weg in die Sicherheit hofften. Sie war nicht in der Lage gewesen, etwas für sie zu tun.

Bevor sie auch nur irgend etwas für diejenigen hier tun konnte, packte Galad sie und Elayne jeweils am Arm, zog sie den Kai entlang und über eine schwankende Planke hinunter auf das Schiff. Sechs weitere Männer mit strengen Gesichtern, weißen Umhängen und glänzend polierten Harnischen standen an Deck und blickten auf eine Ansammlung barfüßiger Männer, meist mit bloßem Oberkörper, die am Bug nahe der Reling kauerten. Es war schwer zu entscheiden, ob der Kapitän am Fuß der Planke die Weißmäntel mürrischer anblickte oder die bunt gemischte Gruppe, die nun sein Schiff betrat.

Agni Neres war ein großer, knochiger Mann in einem dunklen Rock. Seine Ohren standen ab, und sein schmales Gesicht trug einen eigensinnigen Ausdruck.

Er beachtete den Schweiß gar nicht, der ihm über das Gesicht rann. »Ihr habt mir die Passage für zwei Frauen bezahlt. Wollt Ihr etwa, daß ich das andere Frauenzimmer und die Männer umsonst mitnehme?« Birgittes Blick verhieß Gefahr, aber er schien es nicht zu bemerken.

»Ihr sollt Euer Geld bekommen, mein guter Kapitän«, sagte Elayne kühl zu ihm.

»Solange es sich in vernünftigen Grenzen hält«, fügte Nynaeve schnell hinzu und beachtete Elaynes scharfen Blick nicht.