Выбрать главу

Neres' Lippen wurden womöglich noch schmaler, obwohl das kaum wahrscheinlich erschien, und er wandte sich wieder an Galad: »Also, wenn Ihr dann Eure Männer von meinem Schiff abziehen würdet kann ich die Segel setzen lassen. Es gefällt mir nun weniger als je zuvor, mich im hellen Tageslicht hier zu befinden.«

»Sobald Ihr eure anderen Passagiere an Bord genommen habt«, sagte Nynaeve und nickte in Richtung der Menschen, die am Ufer kauerten.

Neres blickte sich nach Galad um, doch der unterhielt sich ein Stück weiter mit den anderen Weißmänteln. Dann sah er sich die Leute am Ufer an und sprach in die Luft über Nynaeves Kopf hinein: »Jeden, der zahlen kann. Nicht viele von denen da drüben sehen aus, als könnten sie. Und ich könnte auch nicht alle mitnehmen, selbst wenn sie bezahlten.«

Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, damit er ihr Lächeln auf keinen Fall übersah. Sein Kinn versank daraufhin in seinem Kragen. »Jeden einzelnen von ihnen, Kapitän. Ansonsten schneide ich Euch selbst die Ohren ab.«

Der Mann öffnete zornig den Mund, doch dann riß er plötzlich die Augen auf und starrte an ihr vorbei.

»In Ordnung«, sagte er hastig. »Aber merkt Euch, ich erwarte irgendeine Art von Bezahlung. Ich gebe nur am Namenstag Almosen, und der ist schon lange her.«

Sie ließ ihre Fersen wieder auf das Deck sinken und blickte sich mißtrauisch um. Thom, Juilin und Uno standen dort und beobachteten sie und Neres ausdruckslos. So ausdruckslos sie nur konnten, wenn man Unos Gesichtszüge bedachte und das Blut auf ihren Gesichtern sah. Viel zu ausdruckslos.

Nach einem betonten Schnauben sagte sie: »Ich will sie alle an Bord sehen, bevor irgend jemand auch nur ein Tau berührt«, und wandte sich ab, um Galad zu suchen. Sie fand, er habe nun doch einen Dank verdient. Er hatte geglaubt, das Richtige zu tun. Das war das Schwierige gerade bei den besten Männern. Sie glaubten immer, das Richtige zu tun. Nun, was diese drei eben auch angestellt haben mochten, sie hatten ihr jedenfalls einen längeren Streit erspart.

Sie fand Galad bei Elayne. Auf diesem schönen Männergesicht stand blanke Niedergeschlagenheit. Seine Miene erhellte sich aber bei ihrem Anblick. »Nynaeve, ich habe für Eure Fahrt bis hinunter nach Boannda bezahlt. Das liegt nur auf halbem Weg nach Altara, dort, wo der Boern in den Eldar mündet, aber ich konnte mir einfach nicht mehr leisten. Kapitän Neres hat mir jede Kupfermünze aus der Tasche geluchst, und ich mußte mir sogar noch etwas borgen. Der Kerl verlangt zehnfach überhöhte Preise. Ich fürchte, Ihr werdet Euch von dort aus selbst den Weg nach Caemlyn suchen müssen. Es tut mir wirklich so leid.«

»Du hast bereits genug getan«, warf Elayne ein, während ihr Blick zu den Rauchwolken über Samara hinüberschweifte.

»Ich habe mein Versprechen gegeben«, sagte er müde resignierend. Offensichtlich hatte es schon vor Nynaeves Ankunft einen entsprechenden Wortwechsel gegeben.

Nynaeve brachte es über sich, ihm zu danken, was er freundlich zurückwies, und das mit einem Blick, als verstehe auch sie ihn nicht. Und sie war mehr als bereit, das zuzugeben. Er hatte einen Krieg begonnen, um ein Versprechen einzulösen — Elayne hatte in diesem Falle recht; wenn nicht schon jetzt, dann würde sich bald ein Krieg daraus entwickeln — und obwohl doch seine Männer Neres' Schiff besetzt hielten, verlangte er keinen günstigeren Preis von dem Kapitän. Es war Neres' Schiff, und Neres konnte für die Fahrt verlangen, was er wollte. Solange er nur Elayne und Nynaeve mitnahm. Es war so: Galad beachtete niemals den Preis, den er oder jemand anderer dafür bezahlen mußte, wenn man nur das Richtige tat.

An der Planke blieb er noch einmal stehen und blickte die Stadt an, als sehe er in die Zukunft. »Haltet Euch fern von Rand al'Thor«, sagte er mit unheilschwangerer Stimme. »Er bringt die Zerstörung. Er wird die Welt noch einmal zerstören, bevor er mit ihr fertig ist. Haltet Euch fern von ihm.« Und dann schritt er auch schon über den Kai und rief nach seiner Rüstung.

Nynaeve ertappte sich dabei, wie sie einen erstaunten Blick mit Elayne tauschte, obwohl sie schnell verlegen beiseite sah. Es fiel schwer, einen Augenblick wie diesen mit jemandem zu teilen, von der man wußte, wie scharf ihre Zunge sein konnte. Zumindest deshalb war ihr nicht wohl in ihrer Haut. Sie konnte sich nicht vorstellen, wieso Elayne einen verwirrten Eindruck machte, es sei denn, sie käme doch langsam zur Besinnung. Sicherlich hatte Galad nicht die geringste Ahnung, daß sie überhaupt nicht beabsichtigten, nach Caemlyn zu reisen. Männer verfügten nicht über eine solche Auffassungsgabe. Sie und Elayne sahen sich von nun an eine ganze Weile nicht mehr an.

49

Nach Boannda

Es machte wenig Schwierigkeiten, die bunt zusammengewürfelte Gruppe von Männern, Frauen und Kindern an Bord zu schaffen. Nicht ein einziges Mal mußte Nynaeve Kapitän Neres erneut klar machen, daß er Platz für jeden zu finden hatte; und was immer er glaubte, für ihre Passage an Geld verlangen zu können, so wußte sie doch ganz genau, was sie ihm für die Fahrt nach Boannda zahlen würde. Natürlich mochte es ein wenig geholfen haben, daß sie Uno leise befohlen hatte, seine Schienarer sollten irgendwie an ihren Schwertern herumspielen. Fünfzehn grob gekleidete Männer mit harten Gesichtern, alle mit kahlgeschorenen Köpfen bis auf die Skalplocken, ganz zu schweigen von den Blutflecken, Ölten und schliffen ihre Klingen, lachten laut, als einer erzählte, wie ein anderer beinahe wie ein Lamm aufgespießt worden wäre ... nun, die Wirkung war höchst befriedigend. Sie zählte ihm die Münzen in die Hand hinein, und wenn es zu weh tat, mußte sie nur an den Hafen von Tanchico denken, und schon fiel es ihr leichter, weiterzuzählen. Neres hatte in einer Hinsicht recht: Diese Menschen wirkten nicht, als hätten sie noch viel Geld, und sie würden noch jede Kupfermünze bitter notwendig brauchen. Elayne hatte kein Recht dazu, in diesem giftig süßlichen Tonfall zu fragen, ob man ihr vielleicht gerade einen Zahn gezogen habe.

Die Schiffsbesatzung eilte davon, als Neres seine Befehle schrie, und machte die Leinen los, während noch die letzten Flüchtlinge an Bord schlurften, die wenigen Habseligkeiten in den Armen, jedenfalls diejenigen, die außer den Lumpen am Leib überhaupt noch etwas besaßen. Tatsächlich schien das plumpe Schiff allmählich so übervölkert daß Nynaeve sich zu fragen begann, ob Neres nicht recht gehabt hatte. Und doch stand soviel Hoffnung auf ihre Gesichter geschrieben, sobald sie mit beiden Füßen an Deck standen, daß sie bereute, auch nur daran gedacht zu haben, sie wieder zurückzuschicken. Und als sie erfuhren, daß sie für die Fahrt bezahlt hatte, drängten sie sich um sie, versuchten, ihre Hände zu küssen oder ihren Rocksaum, riefen ihr Dank und Segenswünsche zu, und bei einigen, Männern wie Frauen, strömten Tränen über die Wangen. Sie wäre am liebsten in den Schiffsplanken unter ihren Füßen versunken.

Das Deck war von Geschäftigkeit erfüllt, als man die Ruder hinausschob und die Segel setzte. Samara begann hinter ihnen zu verschwinden, bevor sie diese Dankesorgie hinter sich gebracht hatte. Hätten Elayne und Birgitte auch nur ein Wort darüber fallen lassen, hätte sie beide zur Strafe glatt zweimal ums Schiff gejagt.

Fünf Tage verbrachten sie auf der Wasser schlänge, fünf Tage langsamer Fahrt den Eldar mit seinen vielen Windungen hinunter. Die Tage waren glühend heiß und die Nächte nicht viel kühler. Einiges besserte sich während dieser Zeit, doch die Fahrt hatte keinen guten Beginn.

Das erste wirkliche Problem auf der Reise war Neres' Kajüte im Heck, die einzige Behausung an Bord, wenn man vom Deck absah. Nicht, daß Neres gezögert hätte, dort auszuziehen. Die Eile, mit der er sich Hosen und Jacken und Hemden über die Schultern warf und ein weiteres dickes Kleiderbündel auf die Arme nahm — dazu nahm er dann noch die Rasierschüssel in die eine und das Rasiermesser in die andere Hand — veranlaßte Nynaeve, Thom, Juilin und Uno einen scharfen Blick zuzuwerfen. Es war ja durchaus angebracht, wenn sie die Männer benützte, sobald sie es für richtig hielt, aber keineswegs, wenn sie hinter ihrem Rücken auf sie aufpaßten. Ihre Mienen waren jedoch so offen und ehrlich, und ihre Augen blickten so unschuldig drein... Selbst Elayne fühlte sich genötigt, wieder ein altes Sprichwort Linis auszugraben, das der Gelegenheit entsprach: »Ein offener Sack verbirgt nichts, und hinter einer offenen Tür kann sich auch nur wenig verstecken, doch ein offener Mann hat garantiert etwas zu verbergen.«