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»Auf diese Weise zu spionieren« — Erim verzog den Mund bei dem Ausdruck ›spionieren‹, als sei das bloße Wort schon eine Beleidigung — »wäre genauso, als verrate man die Geheimnisse der eigenen Septime. Niemand mit Ehre im Leib würde so etwas tun!«

Rand verkniff es sich, zu fragen, ob man vielleicht jemanden mit einem etwas lockereren Ehrbegriff finden könne. Der Humor bei den Aiel war eine eigenartige Sache, oftmals sogar grausam, aber es gab Fälle, in denen verstanden sie absolut keinen Spaß.

Um das Thema zu wechseln, fragte er: »Gibt es irgendwelche Nachrichten von jenseits des Drachenwalls?« Er kannte die Antwort, denn diese Art von Neuigkeiten sprach sich selbst bei der Anzahl von Aiel schnell herum, wie sie hier vor Rhuidean versammelt war.

»Nichts Nennenswertes«, antwortete Rhuarc. »Bei den Streitigkeiten unter den Baummördern kommen nur wenige Händler ins Dreifache Land.« So nannten die Aiel ihre Wüste: zum einen Buße für ihre Sünde, dann als Ort, an dem sie ihren Mut beweisen mußten, und schließlich als Amboß, auf dem sie zurechtgeschmiedet wurden. Als Baummörder bezeichneten sie die Bewohner Cairhiens. »Das Drachenbanner weht noch über dem Stein von Tear. Die Taierener sind nach Norden marschiert, wie Ihr angeordnet hattet, und haben unter den Baummördern Lebensmittel verteilt. Sonst nichts.«

»Ihr hättet die Baummörder verhungern lassen sollen«, brummte Bael, und Jheran schloß eiligst den Mund. Rand vermutete, er habe gerade dasselbe sagen wollen.

»Die Baummörder sind zu nichts anderem gut, als entweder getötet oder wie Vieh in Shara verkauft zu werden«, sagte Erim zornig. Das waren zwei der Strafen, die bei den Aiel üblich waren, wenn man uneingeladen in die Wüste kam. Nur Gaukler, Händler und Kesselflicker hatten uneingeschränkt Zugang, obwohl die Aiel die Kesselflicker mieden wie die Pest. Shara nannten sie die Länder jenseits der Wüste. Nicht einmal die Aiel wußten viel über sie.

Aus dem Augenwinkel sah Rand zwei Frauen, die erwartungsvoll gerade innerhalb des hohen Türbogens standen. Jemand hatte einen Vorhang aus mit bunten Glasperlen behängten Schnüren angebracht, rot und blau, um die fehlende Tür zu ersetzen. Eine der Frauen war Moiraine. Einen Augenblick lang überlegte er sich, ob er sie warten lassen solle. Moiraine hatte wieder diesen aufreizenden Kommandoblick an sich und erwartete offensichtlich, daß sie alles unterbrächen, um sie anzuhören. Andererseits war aller Diskussionsstoff ohnehin verbraucht, und sie sah wohl auch den Männern an, daß sie keine Lust zum Plaudern hatten. Nicht jetzt, wo man gerade an die Trostlosigkeit und die Shaido denken mußte.

Seufzend stand er auf, und die Häuptlinge taten es ihm nach. Alle außer Han waren genauso groß oder noch größer als er. Wo Rand aufgewachsen war, hätte man Hans Größe als durchschnittlich oder sogar etwas überdurchschnittlich betrachtet, während er unter den Aiel als klein galt. »Ihr wißt, was Ihr zu tun habt. Holt die restlichen Clans her und behaltet die Shaido im Auge.« Er schwieg einen Moment lang und fügte dann hinzu: »Es wird schon gut ausgehen. So gut für die Aiel, wie ich es nur fertigbringe.«

»Es wurde geweissagt, daß Ihr uns vernichten werdet«, sagte Han mürrisch, »und Ihr habt gut damit begonnen. Und doch werden wir Euch folgen. Bis der Schatten verflogen«, zitierte er, »bis das Wasser versickert ist, in den Schatten hinein mit gebleckten Zähnen, bis zum letzten Atemzug Widerspruch schreiend, um am Letzten Tag dem Sichtblender ins Auge zu spucken.« Sichtblender war eine der Aielbezeichnungen für den Dunklen König.

Rand blieb nichts anderes übrig, als eine geziemende Antwort zu geben. Einst hatte er sie nicht gekannt. »Bei meiner Ehre und dem Licht wird mein Leben zum Dolch im Herzen des Sichtblenders werden.«

»Bis zum Letzten Tag«, beendete der Aiel die zeremoniellen Sätze, »und zum Shayol Ghul selbst.« Der Harfner spielte friedlich weiter. Die Häuptlinge drängten sich an den beiden Frauen vorbei, wobei sie Moiraine mit respektvollen Blicken bedachten. Sie hatten aber offensichtlich keine Angst vor ihr. Rand wünschte, er besäße ebensoviel Selbstsicherheit. Moiraine hatte zu viele Pläne für ihn, zu viele Möglichkeiten, ihn als Marionette zu benützen, ohne daß er es überhaupt bemerkte.

Die beiden Frauen traten ein, sobald die Häuptlinge weg waren. Moiraine wirkte so kühl und elegant wie immer: eine kleine, hübsche Frau, ob mit oder ohne die typische Alterslosigkeit der Aes Sedai. Sie hatte das feuchte Tuch zur Kühlung ihrer Schläfen abgelegt. Statt dessen hing auf ihrer Stirn an einer feinen goldenen Kette, die in ihrem dunklen Haar befestigt war, ein kleiner blauer Edelstein. Es hätte aber auch nichts bedeutet, wenn sie an dieser Stelle das Tuch belassen hätte; nichts konnte ihre königliche Haltung mindern. Sie erschien allen für gewöhnlich einen Fuß größer, als sie tatsächlich war, und in ihren Augen standen Selbstvertrauen und Überlegenheit.

Die andere Frau war größer, wenn sie ihm auch nicht bis an die Schulter reichte, und jung, also keineswegs alterslos. Es war Egwene, mit der er aufgewachsen war. Nun konnte sie sich fast, wenn man die großen, dunklen Augen mißachtete, als Aielfrau ausgeben, und das nicht nur ihres sonnenverbrannten Gesichts und der Hände wegen. Sie trug den bei den Aiel üblichen Rock aus brauner Wolle und eine lose hängende weiße Bluse aus einer Pflanzenfaser, die Algode genannt wurde. Algode war weicher als selbst die feinstgesponnene Wolle. Falls er je die Aiel dazu bringen konnte, wäre das eine hervorragende Handelsware. Um Egwenes Schultern hing ein graues Dreieckstuch, und sie hatte sich einen ebenfalls grauen Schal zusammengerollt und um die Stirn gebunden, der ihr schulterlanges, dunkles Haar zurückhielt. Anders als die Aielfrauen trug sie aber nur einen Armreif aus Elfenbein, in Form eines Flammenringes geschnitzt, und nur eine einzige Halskette aus Gold mit Elfenbeinperlen. Und noch etwas: einen Großen Schlangenring an der linken Hand.

Egwene hatte sich von einigen Weisen Frauen der Aiel ausbilden lassen. Rand wußte nicht genau, worin, er vermutete aber, es müsse um Träume gehen. Egwene und die Aielfrauen hüllten sich in Schweigen, wenn es um dieses Thema ging. Vorher aber hatte sie auch in der Weißen Burg studiert. Sie war dort eine der Aufgenommenen und auf dem Weg, eine Aes Sedai zu werden. Und zumindest hier und in Tear hatte sie sich bereits als fertige Aes Sedai ausgegeben. Manchmal zog er sie deshalb auf, doch sie vertrug seine Scherze in dieser Beziehung offensichtlich nicht.

»Die Wagen werden bald bereit sein, nach Tar Valon zu fahren«, sagte Moiraine. Ihre Stimme klang kristallklar und melodiös.

»Schickt eine starke Bewachung mit«, sagte Rand, »sonst bringt Kadere sie vielleicht nicht dorthin, wo Ihr sie haben wollt.« Er wandte sich wieder den Fenstern zu, weil er hinausblicken und über Kadere nachdenken wollte. »Ihr habt mich ja auch zuvor nicht gebraucht, um Euer Händchen zu halten oder Euch eine Erlaubnis zu erteilen.«

Plötzlich schien ihn etwas von hinten auf die Schulter zu treffen, wie ein Schlag mit einem dicken Hickorystock. Nur eine leichte Gänsehaut, so unwahrscheinlich das bei dieser Hitze war, sagte ihm, daß eine der Frauen soeben die Macht benützt hatte.

Er drehte sich schnell zu ihnen hin, griff gleichzeitig nach Saidin und füllte sich mit der Einen Macht. Es war ein Gefühl, als wachse das Leben selbst in ihm, als lebte er mit einem Mal zehnfach, hundertfach. Auch die Verderbnis des Dunklen Königs füllte ihn mit Tod und Verwesung, als krabbelten Maden in seinem Mund. Der ganze Strom drohte ihn wegzuschwemmen. Er mußte jeden Augenblick gegen die reißende Flut ankämpfen. Er war inzwischen schon fast daran gewöhnt, und doch würde er sich nie daran gewöhnen können. Er wollte sich für alle Ewigkeit an der Süße Saidins festklammern, und doch hätte er sich fast übergeben. Und die ganze Zeit über bemühte sich diese Sintflut, ihn bis auf die Knochen zu entblößen und auch noch die Knochen selbst zu Asche zu verbrennen.