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Birgitte legte jeder von ihnen eine Hand auf den Arm, beugte sich ein wenig vor und strahlte, als habe die ganze Glückseligkeit der Welt sie im Griff. »Wenn ihr beiden nicht damit aufhört, werde ich euch in den Fluß werfen, um euch etwas abzukühlen. Ihr beide seht aus wie die Bardamen aus Shago, wenn sie den ganzen Winter nichts anderes gehabt haben als immer nur die gleichen Männer!«

Mit verschwitzten, zu freundlichen Masken erstarrten Gesichtern stolzierten daraufhin die drei Frauen in verschiedene Richtungen davon, so weit voneinander entfernt, wie es das Schiff zuließ. Gegen Sonnenuntergang hörte Nynaeve, wie Ragan bemerkte, sie und die anderen seien anscheinend sehr erleichtert, von Samara weggekommen zu sein, so, wie sie sich anlachten, und die anderen Männer schienen das ebenfalls zu glauben. Nur die anderen an Bord befindlichen Frauen beobachteten sie mit viel zu steinernen Mienen. Sie erkannten die Gefahr, wenn sie sie vor sich sahen.

Doch langsam, ganz langsam bröckelte die feindselig versteinerte Stimmung ab. Nynaeve wußte nicht einmal genau zu sagen, wie es geschah. Vielleicht sickerte doch etwas von der heiteren Stimmung auf Elaynes und Birgittes Mienen in sie hinein. Vielleicht wurde ihnen auch mehr und mehr bewußt, wie lächerlich es war, zu versuchen, mit einem Lächeln auf den Lippen Gemeinheiten auszutauschen. Was auch immer dies bewirkte, sie konnten sich jedenfalls nicht über das Ergebnis beklagen. Langsam, Tag für Tag, stimmten die Worte und der Tonfall mit den aufgesetzten Mienen immer besser überein. Hier und da blickte die eine oder andere sogar etwas verlegen drein, weil sie sich offenbar schämte, sich so dumm benommen zu haben. Natürlich sagte niemand auch nur ein Wort der Entschuldigung, wofür Nynaeve durchaus Verständnis hatte. Hätte sie sich so idiotisch und gemein verhalten wie die anderen, dann würde sie sie auch nicht mit der Nase daraufstoßen wollen.

Die Kinder spielten ebenfalls eine Rolle, Elayne und Birgitte wieder ins Gleichgewicht zu bringen, aber es begann in Wirklichkeit damit, daß sich Nynaeve an diesem ersten Morgen auf dem Fluß um die Verletzungen der Männer kümmerte. Sie nahm ihre Tasche mit den Kräutern mit hinaus, machte Breiumschläge und Tinkturen und verband Schnittwunden. Diese Wunden regten sie so auf, daß sie fähig war, sie mit Hilfe der Macht zu heilen, so wie Krankheit und Verletzungen sie immer erregten, und so heilte sie, wenn auch mit äußerster Vorsicht, einige der schlimmsten. Sicher, plötzlich verschwundene Verletzungen machten die Menschen mißtrauisch und ließen sie tratschen, und das Licht mochte wissen, was Neres tun würde, wenn er glaubte, eine Aes Sedai an Bord zu haben. Höchstwahrscheinlich würde er nachts heimlich einen Mann an der Küste Amadicias absetzen und versuchen, sie von dort aus gefangensetzen zu lassen. Was das betraf, könnte eine solche Neuigkeit sogar einige der Flüchtlinge dazu bringen, heimlich über Bord zu gehen.

Bei Uno beispielsweise begann sie damit, seine stark angeschwollene Schulter mit ein wenig scharfem Mardwurzelöl einzureiben, tupfte ein bißchen AllheilTinktur auf den frischen Schnitt an seiner Wange — nur wenig, weil sie nichts verschwenden wollte — und umwickelte seinen Kopf so fest mit einer Binde, daß er kaum noch den Unterkiefer bewegen konnte, und dann benützte sie die Macht. Als er keuchte und um sich schlagen wollte, sagte sie knapp: »Benehmt Euch nicht wie ein Kleinkind. Man sollte glauben, ein bißchen Schmerz wie dieser könne einen starken Mann nicht umhauen. Ihr werdet die Bandage ganz und gar in Ruhe lassen. Wenn Ihr sie innerhalb der nächsten drei Tage auch nur berührt, werde ich Euch mit etwas ruhigstellen, das Ihr nicht so schnell vergeßt.«

Er nickte vorsichtig und sah sie so unsicher an, daß ihr klar war: er hatte keine Ahnung, was sie mit ihm gemacht hatte. Und falls es ihm klar wurde, wenn er die Bandage endlich wieder abnahm, würde sich mit etwas Glück niemand mehr genau daran erinnern, wie schlimm der Schnitt gewesen war, nun, und er sollte Verstand genug haben, um den Mund zu halten.

Sobald sie einmal damit begonnen hatte, war es nur natürlich, daß sie sich auch um den Rest der Passagiere kümmerte. Nur wenige Flüchtlinge wiesen keine Schwellungen und Schrammen auf, und einige der Kinder zeigten deutliche Anzeichen fieberhafter Erkrankungen oder hatten offensichtlich Würmer. Die Kinder konnte sie mit Hilfe der Macht heilen, ohne sich Sorgen machen zu müssen. Kinder stellten sich immer ziemlich an, wenn sie eine Medizin schlucken mußten, die nicht gerade nach Honig schmeckte, und wenn sie ihren Müttern berichteten, sie hätten so ein eigenartiges Gefühl dabei gehabt, war das nun wirklich nichts Außergewöhnliches. Kinder bildeten sich immer die seltsamsten Sachen ein.

Sie hatte sich allerdings in der Gegenwart von Kindern nie richtig wohl gefühlt. Sicher wollte sie Kinder von Lan haben. Ein Teil von ihr jedenfalls. Aber Kinder brachten auch alles grundlos durcheinander. Sie schienen die Angewohnheit zu haben, immer genau das Gegenteil von dem zu tun, was man ihnen gesagt hatte, sobald man ihnen den Rücken zuwandte, nur um zu sehen, wie man darauf reagierte. Und doch ertappte sie sich dabei, wie sie einem Jungen, der ihr kaum bis zur Hüfte reichte, über das dunkle Haar strich, weil er sie wie eine kleine Eule von unten her mit seinen strahlend blauen Augen anblickte. Sie sahen Lans Augen so ähnlich.

Elayne und Birgitte kamen, um ihr zu helfen, wenn auch anfangs nur, um die Ordnung zu wahren. Doch auf irgendeine Art kamen auch sie und die Kinder sich gegenseitig immer näher. Es war schon eigenartig, aber Birgitte wirkte keineswegs lächerlich, als sie auf jedem Knie einen Jungen von drei oder vier Jahren schaukelte und von einem Ring weiterer Kinder umgeben war, denen sie ein lustiges und völlig unsinniges Lied von tanzenden Tieren vorsang. Und Elayne ließ eines nach dem anderen in einen kleinen Sack mit süßen, roten Bonbons greifen. Das Licht mochte wissen, woher und warum sie die hatte. Sie blickte nicht einmal schuldbewußt drein, als Nynaeve sie dabei ertappte, wie sie heimlich eines in den eigenen Mund wandern ließ. Sie grinste nur, zog einem kleinen Mädchen sanft dessen Daumen aus dem Mund und ersetzte ihn durch ein Bonbon. Die Kinder lachten, als erinnerten sie sich erst jetzt wieder daran, wie man das machte. Sie drückten sich an Nynaeve oder Elayne oder Birgitte, wie sie es vorher bei den eigenen Müttern getan hatten. Es war äußerst schwierig, unter diesen Umständen zornig zu bleiben oder schlechte Laune zu zeigen. Sie konnte sich deshalb auch zu nicht mehr als einem schwachen Schnauben aufraffen, als Elayne in der Abgeschlossenheit ihrer Kabine am zweiten Tag damit begann, den A'dam wieder zu untersuchen. Sie schien mehr denn je zuvor überzeugt, daß Armreif, Halsband und Leine eine seltsame Form der geistigen Verknüpfung zustande brachten. Nynaeve setzte sich sogar ein- oder zweimal mit ihr zusammen und half schon der Anblick dieses abscheulichen Dinges reichte, um sie zornig genug zu machen, daß sie Saidar ergreifen und der anderen folgen konnte.

Natürlich kamen die einzelnen Geschichten der Flüchtlinge zur Sprache. Auseinandergerissene Familien, die anderen verirrt oder tot. Bauernhöfe und Läden und Werkstätten zerstört, als sich die Wellen der Zerstörung ausbreiteten und den Handel unterbanden. Die Menschen konnten nichts kaufen, wenn sie nichts verkaufen konnten. Der Prophet war schließlich nur der letzte Ziegelstein auf dem Karren gewesen, der die Achse endgültig brechen ließ. Nynaeve sagte kein Wort, als sie beobachtete, wie Elayne einem alten Burschen mit dünnem, grauem Haar eine Goldmark in die Hand drückte, woraufhin der die Faust an die faltige Stirn legte und versuchte, ihre Hand zu küssen. Sie würde erfahren, wie schnell sich Gold verflüchtigte. Außerdem hatte Nynaeve selbst ein paar Münzen verschenkt. Nun, vielleicht sogar mehr als nur ein paar.