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Birgittes Gesicht war vollkommen ausdruckslos, als sie sich abwandte und zum Bug schritt, wo sie sich auf ein zusammengerolltes Seil setzte und auf den Fluß vor sich hinabstarrte. Elayne runzelte die Stirn, blickte ihr nach und ging schließlich zu ihr hin, um sich neben sie zu setzen. Dort saßen sie und unterhielten sich eine Weile leise. Nynaeve hätte sich nicht zu ihnen gesetzt, selbst wenn sie sie darum gebeten hätten! Worüber sie auch gesprochen haben mochten, jedenfalls wirkte Elayne etwas unzufrieden, als habe sie ein anderes Ergebnis erwartet, doch danach gab es kaum noch ein böses Wort zwischen den beiden.

Birgitte nahm später am selben Tag ihren richtigen Namen wieder an, wenn auch in einem letzten Ausbruch schlechter Laune. Da Moghedien in sicherer Entfernung hinter ihnen lag, hatten sie und Elayne sich die Farbe mit Stupfkrautsaft aus dem Haar gewaschen. Als Neres die eine mit rotgoldenen Locken bis auf die Schultern erblickte und die andere mit goldblondem Haar, das zu einem kunstvollen Zopf geflochten war, und die dann auch noch Bogen und Köcher herumtrug, knurrte er beißend etwas von »Birgitte, wie sie aus ihren verdammten Legenden heraustritt«. Es war sein Pech, daß sie seine Worte hörte. Das sei wirklich ihr Name, erklärte sie ihm in scharfem Ton, und wenn er ihm nicht passe, werde sie seine Ohren an jeden von ihm gewünschten Mast nageln. Und zwar mit verbundenen Augen. Er stolzierte mit hochrotem Gesicht davon und schrie seine Leute an, sie sollten ein paar Leinen festzurren, die man wohl kaum noch mehr spannen konnte, ohne sie zu zerreißen.

Zu dieser Zeit war es Nynaeve vollkommen gleich, ob Birgitte ihre Drohung tatsächlich wahr machte. Wohl hatte der Stupfkrautsaft noch einen leicht rötlichen Schimmer in ihrem Haar zurückgelassen, aber es kam ihrer natürlichen Haarfarbe doch so nahe, daß sie am liebsten vor Freude geweint hätte. Und wenn nicht gerade jeder an Bord plötzlich entzündetes Zahnfleisch und Zahnschmerzen bekam, hatte sie noch genügend von diesem Saft, um sich das Haar mehrere Male auszuwaschen. Und genügend roten Fenchel, damit es ihrem Magen nicht zu schlecht erging. Sie konnte nicht anders, als vor Erleichterung zufrieden aufzuseufzen, sobald ihr Haar getrocknet und wieder zu einem ordentlichen Zopf geflochten war. Da Elayne nun gute Winde herangewebt hatte und Neres Tag und Nacht durchfuhr, glitten die Dörfer und Bauernhöfe mit ihren strohgedeckten Dächern rasch zu beiden Seiten an ihnen vorbei. Am Tag winkten ihnen die Menschen an den Ufern so manches Mal zu, und bei Nacht sahen sie die hell erleuchteten Fenster. Von dem Aufruhr weiter flußaufwärts war hier nichts zu spüren. So plump dieses auf den falschesten aller Namen getaufte Schiff auch war, es kam jedenfalls mit der Strömung schnell vorwärts.

Neres schien hin- und hergerissen zwischen seiner Freude an den guten Winden und seinen Sorgen, weil sie auch bei Tageslicht weiterfuhren. Mehr als einmal blickte er sehnsuchtsvoll zu einem toten Flußarm, einer kleinen Bucht oder der durch Bäume vor der Sicht geschützten Mündung eines Baches hinüber, wo er die Wasserschlange gut verborgen hätte festmachen und warten können. Gelegentlich ließ Nynaeve eine Bemerkung fallen, so daß er sie hören konnte — wie froh er doch sein mußte, da er nun bald die Leute aus Samara los sei —, und dazu warf sie noch den einen oder anderen Kommentar darüber ein, wie gut diese oder jene Frau nun aussehe, da sie ein wenig ausgeruht habe, und wie energiegeladen ihre Kinder spielten. Das reichte, um jeden Gedanken an einen Zwischenhalt aus seinem Kopf zu verscheuchen. Es wäre möglicherweise leichter gewesen, ihm mit den Schienarern oder Thom und Juilin zu drohen, aber diese Kerle hatten mittlerweile sowieso schon viel zu geschwollene Köpfe. Und außerdem hatte sie nicht die Absicht, sich mit einem Mann herumzustreiten, der sie weder anblickte noch direkt mit ihr sprach.

Als der dritte Tag grau heraufdämmerte, mußten die Besatzungsmitglieder wieder an die Ruder gehen und, das Schiff schleppte sich schwerfällig an einen der Kais von Boannda. Das war eine beachtlich große Stadt, größer als Samara auf jeden Fall, und sie lag auf einer Landspitze, wo der Boern mit schneller Strömung von Jehannah herunterkam und in den viel trägeren Eldar mündete. Innerhalb der hohen, grauen Stadtmauer standen sogar drei Türme und ein blendend weißes Gebäude mit einem roten Ziegeldach, das man durchaus als Palast bezeichnen konnte, wenn auch nur als einen kleinen. Als die Wasserschlange an dem schweren Pfahlwerk am Ende des Kais vertäut wurde, der sich eher durch eingetrockneten Schlamm als durch das Wasser zog, fragte sich Nynaeve laut, warum Neres den ganzen Weg nach Samara hinaufgefahren war, wenn er seine Fracht genausogut auch hier hätte löschen und verkaufen können.

Elayne nickte in Richtung eines stämmigen Mannes auf dem Kai, der auf der Brust eine Kette mit irgendeinem Siegel daran trug. Es standen noch ein paar andere von dieser Sorte dort, alle mit blauem Rock und dieser Kette, die genau beobachteten, wie zwei weitere plumpe Schiffe an anderen Kais ihre Ladung löschten. »Ich würde sagen, das sind die Zollbeamten Königin Alliandres.« Neres trommelte mit den Fingern nervös auf die Reling und vermied es genauso eindringlich, diese Männer anzublicken, wie sie die anderen Schiffe musterten. »Vielleicht hatte er sich mit denen in Samara irgendwie arrangiert. Ich glaube nicht, daß er mit denen hier sprechen möchte.«

Die Männer und Frauen aus Samara schritten zögernd über die Planke, die als Steg diente. Von den Zollbeamten wurden sie ignoriert. Es wurde kein Zoll auf Menschen erhoben. Für diese Flüchtlinge begann nun wieder die Zeit völliger Ungewißheit. Ein vollständiger Neubeginn für ihre Leben lag nun vor ihnen, und sie hatten nichts außer dem, was sie am Leib trugen und was Elayne und Nynaeve ihnen zugesteckt hatten. Bevor sie auch nur den Kai zur Hälfte hinter sich hatten, wobei sie sich ängstlich aneinanderdrückten, begannen einige der Frauen bereits, genauso entmutigt dreinzublicken wie die Männer. Andere begannen sogar zu weinen. Auf Elaynes Gesicht stand ein innerer Konflikt geschrieben. Sie wollte am liebsten immer für jeden sorgen. Nynaeve hoffte, Elayne möge nicht bemerken, daß sie einigen Frauen in letzter Sekunde ein paar weitere Silbermünzen zugesteckt hatte.

Nicht alle verließen das Schiff. Areina blieb, und Nicola und Marigan, die ihre Söhne fest in den Armen hielt. Die beiden blickten ängstlich und schweigend den anderen Kindern nach, die in Richtung der Stadt verschwanden. Nynaeve hatte von den beiden Burschen seit Samara kein einziges Wort gehört.

»Ich will mit Euch kommen«, sagte Nicola zu Nynaeve und rang dabei unbewußt die Hände. »Ich fühle mich in Eurer Nähe sicher.«

Marigan nickte energisch. Areina sagte nichts, aber sie trat näher zu den beiden anderen Frauen heran und machte sich zum Teil ihrer Gruppe, wobei sie Nynaeve trotzig anblickte, als wolle sie sie herausfordern, sie wegzuschicken.

Thom schüttelte leicht den Kopf, und Juilin verzog das Gesicht, doch Nynaeve sah zu Elayne und Birgitte hinüber. Elayne zögerte keinen Augenblick. Sie nickte, und die andere tat es ihr kaum eine Sekunde später nach. Nynaeve raffte ihren Rock und marschierte geradewegs auf Neres zu, der am Heck stand.

»Ich denke, jetzt bekomme ich mein Schiff wieder zurück«, sagte er ins Leere, irgendwo zwischen dem Schiff und der Kaimauer. »Es wurde auch höchste Zeit. Das war die schlimmste Fahrt, die ich jemals unternommen habe.«

Nynaeve lächelte breit. Ausnahmsweise einmal sah er sie an, bevor er fertig mit ihr war. Nun, er sah sie wenigstens beinahe an.

Neres hatte natürlich keine andere Wahl. Er konnte sich wohl schwerlich an die Behörden in Boannda wenden. Und wenn ihm auch der von ihr gebotene Fahrpreis nicht gerade paßte, so mußte er schließlich doch flußabwärts fahren. Also machte die Wasserschlange die Leinen los und fuhr ab nach Ebou Dar, wobei er unterwegs noch einmal anlegen sollte, doch den Ort würde er erst erfahren, wenn Boannda hinter ihnen lag.