»Salidar!« grollte er und stierte über Nynaeves Kopf hinweg. »Salidar wurde schon nach dem Weißmantelkrieg aufgegeben. Eine Frau muß schon reichlich närrisch sein, wenn sie in Salidar an Land gehen will.«
Obwohl sie nach außen hin lächelte, war Nynaeve zornig genug, um die Wahre Quelle berühren zu können. Neres brüllte und klatschte sich gleichzeitig mit der flachen Hand auf Nacken und Hüfte. »Die Bremsen stechen wirklich schlimm zu dieser Jahreszeit«, sagte sie mitleidig. Birgitte lachte schallend los, während sie über Deck dahingingen.
Nynaeve stand am Bug und saugte die Luft tief in sich ein, während Elayne mit Hilfe eines dünnen Strangs der Macht den Wind wieder auffrischen ließ. Die Wasserschlange schob sich schwankend in die starke Strömung hinein, die der Boern mit sich brachte. Sie aß fast nur noch roten Fenchel bei den Mahlzeiten, aber es war ihr mittlerweile gleich, ob er ihr noch vor Salidar ausging oder nicht. Ihre Reise war fast beendet. Und alles, was sie durchgemacht hatte, war den Preis wert gewesen, wenn sie damit ihr Ziel erreichte. Natürlich hatte sie nicht immer so gedacht, und dafür waren Elaynes und Birgittes scharfe Zungen nicht der einzige Grund gewesen.
In der ersten Nacht hatte Nynaeve den verdrehten Steinring benützt. Sie hatte in ihrem dünnen Hemd auf dem Bett des Kapitäns gelegen, die ständig gähnende Elayne hatte sich auf den Stuhl gesetzt, und Birgitte lehnte an der Tür, wobei ihr Kopf die Deckenbalken berührte. Eine einzelne, verrostete, auf einigen Metallringen ruhende Lampe warf ein trübes Licht, gab aber überraschenderweise einen würzigen Duft von sich, während das Öl langsam verbrannte. Vielleicht hatte Neres der muffige Modergeruch auch nicht gepaßt. Sie machte wohl ein wenig viel Aufhebens, als sie den Ring zwischen ihre Brüste hinabgleiten ließ und ganz sicher gehen wollte, daß die anderen auch sahen, wie er ihre Haut berührte, aber sie war eben noch immer mißtrauisch, nachdem sich die anderen bis zu diesem Zeitpunkt bestenfalls ein paar Stunden lang einigermaßen vernünftig benommen hatten.
Das Herz des Steins war genauso wie immer. Von überall und nirgends kam ein diffuser, bleicher Lichtschein, das glitzernde Kristallschwert Callandor steckte im Fußboden unter der großen Kuppel, und Reihen riesiger, glänzender roter Steinsäulen zogen sich bis weit in die Schatten hinein. Und dazu das Gefühl, beobachtet zu werden, wie es so typisch für Tel'aran'rhiod war. Nynaeve mußte sich mit Mühe daran hindern, zu fliehen oder verzweifelt hinter den Säulen nach einem Beobachter zu suchen. So zwang sie sich, an einem Fleck neben Callandor stehenzubleiben und langsam bis tausend zu zählen. Bei jedem vollen Hunderter legte sie eine Pause ein und rief Egwenes Namen.
Das war auch schon alles, was ihr übrigblieb. Die Beherrschung, auf die sie so stolz gewesen war, schwand zusehends. Ihre Kleidung verschwamm ob ihrer Angst. Angst um sich selbst, um Egwene, Rand und Lan, und Moghediens wegen. Von einer Minute zur nächsten wurde aus dem festen Zwei-FlüsseWollkleid ein dicker Umhang mit einer tiefen Kapuze, aus diesem wieder ein Kettenhemd der Weißmäntel und daraus das rote Seidenkleid, aber diesmal durchsichtig!, dann wieder ein noch dichterer Umhang und... Sie glaubte zu spüren, daß sich auch ihr Gesicht veränderte. Einmal blickte sie auf ihre Hände hinab, und deren Haut war dunkler als die Juilins. Wenn Moghedien sie vielleicht doch nicht erkannte...
»Egwene!« Der letzte heisere Ruf verhallte zwischen den Säulen, und Nynaeve zwang sich, ein letztes Mal schaudernd auf hundert zu zählen. Der große Saal blieb bis auf sie selbst leer. Sie wünschte beinahe, etwas mehr Bedauern zu empfinden und nicht nur erleichterte Eile, aber sie trat aus dem Traum heraus ... und lag da, den Steinring an seiner Lederschnur in den Fingern, starrte die dicken Balken über dem Bett an und lauschte dem tausendfachen Knirschen und Quietschen und Knarren, all den Geräuschen des Schiffs, das durch die Dunkelheit flußabwärts schaukelte.
»War sie da?« wollte Elayne wissen. »Du warst nicht lange weg, aber...«
»Ich bin es leid, immer Angst zu haben«, sagte Nynaeve, ohne den Blick von den Balken zu wenden. »Ich bis es s-so leid, ein F-feigling zu sein!« Bei diesen Worten brach sie in Tränen aus, die sie weder aufhalten noch verbergen konnte, gleich, wie sehr sie auch ihre Augen rieb.
Elayne war augenblicklich bei ihr, hielt sie in den Armen und streichelte ihr über das Haar. Einen Moment später preßte ihr Birgitte ein in kühlem Wasser getränktes Tuch in den Nacken. Sie weinte sich bei ihnen aus, während sie ihr versicherten, sie sei kein Feigling.
»Wenn ich glaubte, Moghedien sei hinter mir her«, sagte Birgitte schließlich, »würde ich davonlaufen. Und wenn es keinen anderen Ort gäbe, mich zu verbergen, als einen Dachsbau, dann würde ich mich eben da hineinzwängen und zusammenrollen und schwitzen, bis sie wieder weg wäre. Ich würde mich ja auch nicht vor einen von Cerandins S'redit stellen, wenn er angreift. Und beides hat nichts mit Feigheit zu tun. Du mußt selbst den Zeitpunkt und den Ort des Kampfes bestimmen und sie dann auf eine Weise angreifen, die sie am wenigsten erwartet. Ich werde mich an ihr rächen, wenn mir dazu eine Möglichkeit gegeben wird, aber nur dann. Alles andere wäre idiotisch.«
Das war eigentlich nicht das, was Nynaeve gern hören wollte, aber ihre Tränen und der Trost der beiden rissen eine weitere Lücke in die Dornenhecke, die zwischen ihnen emporgewachsen war.
»Ich werde dir beweisen, daß du kein Feigling bist.« Elayne griff nach dem dunklen Holzkasten auf dem Regal, auf das sie ihn gestellt hatte, und nahm die Eisenscheibe mit der spiralförmigen Gravur heraus. »Wir gehen noch einmal zusammen hin.«
Das hatte Nynaeve noch weniger hören wollen. Doch es gab keine Möglichkeit, dem zu entgehen, nachdem sie ihr eingeredet hatten, sie sei kein Feigling. Also gingen sie zurück.
Erst zum Stein von Tear, wo sie Callandor anblickten. Das war immer noch besser, als sich ständig nach hinten umzusehen und zu fragen, ob Moghedien dort auftauchte. Dann weiter zum Königlichen Palast in Caemlyn, wo Elayne die Führung übernahm, und schließlich nach Emondsfeld, diesmal unter Anleitung Nynaeves. Nynaeve hatte durchaus schon Schlösser und Paläste gesehen — mit ihren riesigen Sälen und weitgeschwungenen, bemalten Stuckdecken, den Marmorböden, dem Goldzierrat und den feingewebten Teppichen und kunstvollen Wandbehängen, aber in diesem hier war immerhin Elayne aufgewachsen. Dieses Wissen im Kopf und die Bilder vor Augen halfen ihr, Elayne ein wenig besser zu verstehen. Sicher erwartete die Frau, daß die Welt vor ihr in den Staub sank, denn man hatte ihr das so beigebracht und das eben an einem Ort, der dies verständlich erscheinen ließ und wo nun wirklich jeder vor ihr kuschte.
Elayne, oder genauer gesagt, das des Ter'Angreals wegen blasse Abbild Elaynes, war eigenartig still, während sie sich dort aufhielten. Andererseits war auch Nynaeve still, als sie sich in Emondsfeld befanden. Zum einen war das Dorf größer als in ihrer Erinnerung. Es standen schon mehr strohgedeckte Häuser dort als früher, und weitere hölzerne Baugerüste ließen auf rege Geschäftigkeit schließen. Irgend jemand baute gleich außerhalb des Dorfes ein sehr großes Haus mit drei weitgeschwungenen Stockwerken, und auf dem Anger hatte man einen fünf Schritt hohen Steinsockel aufgestellt, in den rundherum Namen eingehauen waren. Eine Menge davon kannte sie. Die meisten stammten von den Zwei Flüssen. Auf jeder Seite dieses — Gedenksteins? — stand ein Flaggenmast. An einem hing eine Flagge mit einem roten Wolfskopf, am anderen eine mit einem roten Adler. Alles wirkte wohlhabend und glücklich, soweit sie das in Abwesenheit der Menschen beurteilen konnte, aber es ergab keinen Sinn. Was beim Licht hatten diese Flaggen zu bedeuten? Und wer würde denn hier ein solches Haus erbauen?
Sie huschten hinüber zur Weißen Burg und in Elaidas Büro. Nichts hatte sich dort geändert, abgesehen davon, daß jetzt nur noch ein halbes Dutzend Hocker im Halbkreis vor Elaidas Schreibtisch standen. Und das Triptychon mit Gemälden um Bonwhin war verschwunden. Das Bild von Rand war immer noch da. Ein Riß im Leinen, genau auf Rands Gesicht, als habe jemand etwas danach geworfen, war nur flüchtig ausgebessert worden.