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Sie überflogen die Papiere in dem lackierten Kästchen mit den goldenen Falken und auch diejenigen auf dem Tisch der Behüterin im Vorzimmer. Dokumente und Briefe veränderten sich, während sie alles durchsahen, aber sie erfuhren doch einiges an Neuem. Elaida wußte, daß Rand die Drachenmauer in Richtung Cairhien überquert hatte, aber es gab keinen Hinweis darauf, welche Maßnahmen sie daraufhin treffen wollte. Ein zorniger Brief, in dem sie alle Aes Sedai aufforderte, unverzüglich zur Burg zurückzukehren, soweit sie keine anderslautenden Befehle von ihr hätten. Elaida schien überhaupt auf sehr vieles zornig zu sein, etwa darauf, daß so wenige Schwestern nach ihrem Amnestieangebot zurückgekehrt waren, daß die meisten ihrer Augen-und-Ohren in Tarabon nach wie vor schwiegen, daß Pedron Niall noch immer seine Weißmäntel nach Amadicia zurückrief, obwohl sie nicht wußte, aus welchem Grund, und daß Davram Bashere nach wie vor unauffindbar war, obwohl er doch ein ganzes Heer bei sich hatte. Jedes Schriftstück von ihrer Hand war oberhalb des Siegels von Wut erfüllt. Nichts davon schien von besonderem Nutzen oder Interesse, abgesehen vielleicht von der Nachricht in bezug auf die Weißmäntel. Nicht, daß ihnen von dieser Seite her Gefahr drohte, solange sie sich auf der Wasserschlange befanden.

Als sie in ihre Körper auf dem Schiff zurückkehrten, schwieg Elayne, während sie sich von dem Stuhl erhob und die Scheibe in den Kasten zurücklegte. Ohne weiter nachzudenken, stand auch Nynaeve auf und half ihr aus dem Kleid. Birgitte ging nach oben, als sie zusammen ins Bett kletterten. Sie habe vor, gleich oben neben dem Kabinenaufgang zu schlafen, sagte sie.

Elayne benützte die Macht, um die Lampe zu löschen. Nachdem sie eine Weile im Dunklen gelegen hatten, sagte sie; »Der Palast erschien mir so ... leer, Nynaeve. Es war ein solches Gefühl von Leere...«

Nynaeve hatte keine Ahnung, wie etwas in Tel'aran'rhiod anders wirken könne. »Es lag an dem Ter'Angreal, den du benützt hast. Du hast beinahe durchscheinend auf mich gewirkt.«

»Also, ich habe davon nichts bemerkt.« Elaynes Antwort klang allerdings ein wenig schroff, und so legten sie sich endgültig zum Schlafen zurecht.

Nynaeve hatte sich noch sehr lebhaft an die Ellbogen der anderen Frau erinnert, aber sie konnten ihr die gute Laune nicht rauben, genausowenig wie Elaynes gemurmelte Klage, sie habe wirklich kalte Füße. Sie hatte es vollbracht. Vielleicht war es etwas anderes, nur zu vergessen, daß man sich eigentlich fürchtete, anstatt sich wirklich zu fürchten, aber immerhin war sie in die Welt der Träume zurückgegangen. Vielleicht würde sie eines Tages wieder den Mut finden, ihre Angst zu überwinden.

Einmal begonnen, war es leichter, weiterzumachen, als aufzuhören. Jede Nacht nun betraten sie gemeinsam 'Tel'aran'rhiod und besuchten jedesmal die Burg, um zu erfahren, was immer nur möglich war. Es gab nicht viel; höchstens den Befehl, eine Abgesandte nach Salidar zu schicken, um die Aes Sedai dort zur Rückkehr in die Burg aufzufordern. Allerdings war diese Einladung — soweit Nynaeve sie noch lesen konnte, bevor sie sich zu einem Bericht veränderte, wie man künftige Novizinnen auf die richtigen politischen Anschauungen überprüft hatte, was immer das bedeuten mochte —, war also diese Einladung schon mehr eine Aufforderung, diese Aes Sedai sollten sich augenblicklich Elaida unterwerfen und dankbar sein, daß man ihnen das überhaupt gestattete. Trotzdem war das immerhin die Bestätigung, daß sie kein Phantom jagten. Das Schwierige an all den anderen fragmentarischen Papieren war, daß sie einfach nicht genug wußten, um sich den Rest zusammenreimen zu können. Wer war eigentlich dieser Davram Bashere, und warum wollte ihn Elaida unbedingt finden? Warum hatte Elaida das strikte Verbot ausgegeben, den Namen Mazrim Taims, des falschen Drachen, zu erwähnen? Es wurden sogar strenge Strafen dafür angedroht. Warum hatten Königin Tenobia von Saldaea und König Easar von Schienar ihr Briefe geschrieben, in denen sie sich höflich, aber energisch dagegen verwahrten, daß sich die Weiße Burg in ihre Angelegenheiten einmische? Das alles brachte Elayne dazu, wieder einen von Linis Sprüchen zu murmeln: »›Um zwei zu kennen, mußt du erst einmal einen kennen.‹« Nynaeve konnte ihr nur zustimmen.

Von den Ausflügen in Elaidas Arbeitszimmer abgesehen, arbeiteten sie vor allem daran, sich selbst und ihre Umgebung in der Welt der Träume besser beherrschen zu lernen. Nynaeve wollte sich nicht noch einmal so erwischen lassen wie von Egwene und den Weisen Frauen. Sie bemühte sich, nicht an Moghedien zu denken. Viel besser, sich auf die Weisen Frauen zu konzentrieren.

Sie waren nicht in der Lage, herauszufinden, was Egwene in Samara unternommen hatte, um in ihren Träumen zu erscheinen. Sie zu rufen führte zu nichts, außer dem zunehmenden Gefühl, beobachtet zu werden, und Egwene tauchte auch nicht wieder auf diese Weise auf. Es war auch unglaublich frustrierend, wenn man versuchte, jemanden in Tel'aran'rhiod festzuhalten, selbst dann, als Elayne auf die Lösung gestoßen war, nämlich den anderen einfach als Teil des Traums zu betrachten. Elayne schaffte das schließlich auch, wozu ihr Nynaeve süßsäuerlich gratulierte, aber Nynaeve brauchte noch tagelang dazu. Elayne hätte genausogut wirklich aus diesem feinen Dunst bestehen können, wie Nynaeve sie sah; so konnte sie sich lächelnd verflüchtigen, wann immer sie wollte. Als Nynaeve es endlich schaffte, Elayne dort festzuhalten, strengte sie das an, als müsse sie einen Felsklotz aufheben.

Phantastische Blumen oder andere Formen zu erschaffen, indem man sie sich einfach vorstellte, machte viel mehr Spaß. Die dazu notwendige Anstrengung schien davon abhängig zu sein, wie groß das Ding war und ob es wirklich hätte existieren können. Bäume, die nur so von eigenartig geformten Blüten in Rot und Gold und Purpur strotzten, waren schwerer zu erschaffen als beispielsweise ein Standspiegel, in dem man betrachten konnte, was man mit der eigenen Kleidung angefangen oder was die andere daran verändert hatte. Ein schimmernder Kristallpalast, der sich plötzlich aus dem Boden erhob, war noch schwieriger, und wenn er sich auch fest anfühlte, so veränderte er sich trotzdem jedesmal, wenn das Bild schwankte, das man von ihm im Kopf hatte, und er verschwand, wenn sich die Vorstellung im Geist verflüchtigte. Sie einigten sich bedrückt darauf, die Finger von Tieren zu lassen, nachdem ein seltsames Wesen, beinahe wie ein Pferd mit einem Horn auf der Nase, sie beide einen Hügel hinauftrieb, bevor sie es verschwinden lassen konnten. Das hätte beinahe einen neuen Krach zwischen ihnen ausgelöst, da jede behauptete, die andere habe das Wesen erschaffen; doch dann hatte sich Elayne so weit erholt, daß sie zu kichern anfing, weil sie sich vorstellte, wie dumm sie beide vermutlich ausgesehen hatten, wie sie da mit gerafften Röcken den Hang hinaufgerannt waren und dem Ding hinter ihnen zugeschrien hatten, es solle endlich verschwinden. Nicht einmal Elaynes sture Weigerung, zuzugeben, daß sie die Schuldige gewesen war, vermochte Nynaeves Gekicher zu beenden.

Elayne wechselte zwischen der Eisenscheibe und der offensichtlich aus Bernstein bestehenden Fibel mit dem Bildnis der schlafenden Frau darin, aber eigentlich benützte sie die beiden Ter'Angreal nur ungern. So hart sie auch mit ihnen arbeitete, fühlte sie sich doch nie so ganz in Tel'aran'rhiod wie mit dem Ring. Und man mußte mit beiden wirklich arbeiten, denn es war nicht möglich, den Strang aus dem Element Geist abzubinden; man wäre vielmehr augenblicklich wieder aus der Welt der Träume hinausgeworfen worden. Es schien fast unmöglich, gleichzeitig auch noch andere Stränge zu weben, aber Elayne wußte nicht, warum dies so war. Ohnehin schien sie mehr daran interessiert, wie man die beiden hergestellt hatte, und sie war alles andere als froh darüber, daß sie ihre Geheimnisse nicht so leicht preisgaben wie der A'dam. Nicht zu wissen, warum etwas so war, ließ ihr noch immer keine Ruhe.