Einen Augenblick später war plötzlich auch Egwene da, stand auf der anderen Seite des breiten Tisches, der Blick eisig und die Hände in die Hüften gestemmt, als sei sie die rechtmäßige Bewohnerin dieses Zimmers.
Bevor Nynaeve den Mund aufbekam, sagte Egwene: »Seid ihr zwei hirnlosen Klatschweiber nun ganz verrückt geworden? Wenn ich euch bitte, etwas für euch zu behalten, erzählt ihr es dann immer sofort der ersten Person, die ihr trefft? Ist euch noch niemals die Idee gekommen, daß ihr nicht gleich jedem alles erzählen müßt? Ich glaubte einmal, ihr beide könntet Geheimnisse auch für euch behalten!« Nynaeves Wangen wurden heiß, aber so tiefrot wie die Elaynes konnten sie bestimmt nicht sein. Egwene war aber noch nicht fertig. »Wie ich das angestellt habe, kann ich euch nicht beibringen. Dazu müßtet ihr Traumgängerinnen sein. Ich weiß dafür nicht, wie ihr mit Hilfe des Rings die Träume einer Person berühren könnt. Und ich bezweifle, daß ihr es mit Hilfe dieses anderen Dings erreicht. Versucht, euch auf das zu konzentrieren, was ihr zu tun habt. Salidar ist möglicherweise ganz anders, als ihr erwartet. So, ich habe heute nacht auch noch einiges zu tun. Versucht wenigstens, euren Verstand zu gebrauchen!« Und dann war sie so plötzlich verschwunden, daß die letzten Worte schon aus der leeren Luft zu kommen schienen.
Die pure Scham und Verlegenheit nagten an Nynaeves Zorn. Sie hatte ja wirklich beinahe alles ausgeplaudert, obwohl Egwene sie gebeten hatte, nichts zu sagen. Und was Birgitte betraf: Wie konnte man ein Geheimnis wahren, wenn die andere Bescheid wußte? Die Verlegenheit gewann die Oberhand, und Saidar rann ihr davon wie Sand zwischen den Fingern.
Nynaeve erwachte ruckartig. Den braungoldenen Ter'Angreal hielt sie fest in der Hand. Die Lampe auf ihren Metallringen warf ein stark gedämpftes Licht in die Kajüte. Elayne lag an sie gedrückt da und schlief noch immer. Der Ring war an seiner Kordel in die Mulde unter ihrem Adamsapfel gerutscht.
Vor sich hin murmelnd, kletterte Nynaeve über sie hinweg, um die Fibel zu verstauen, und goß anschließend ein wenig Wasser in die Waschschüssel, damit sie sich Gesicht und Hals waschen konnte. Das Wasser war wohl lauwarm, kam ihr aber trotzdem herrlich kühl vor. In der trüben Beleuchtung schielte sie zum Spiegel hoch und glaubte, noch immer Spuren der Röte auf ihren Wangen zu erkennen. Nichts war's gewesen mit der Wiederherstellung des Gleichgewichts der Kräfte. Wenn sie sich doch nur irgendwo anders getroffen hätten. Wenn sie nur nicht gequatscht hätte wie ein hirnloser Backfisch. Es wäre besser verlaufen, hätte sie den Steinring benutzt, statt den anderen Frauen wie ein Schemen gegenüberzustehen. Das war alles nur Thoms und Juilins Schuld. Und Unos. Hätten sie nicht ihren Zorn hervorgerufen... Nein, Neres war schuld. Er... Sie nahm die Kanne in beide Hände und spülte sich den Mund aus. Natürlich nur, um den typischen Schlafgeschmack loszuwerden und nicht etwa einen Geschmack nach gekochtem Katzenfarn und zerstoßenem Mavinsblatt.
Als sie sich vom Waschtisch abwandte, setzte sich Elayne gerade auf und streifte die Kordel mit dem Steinring über den Kopf. »Ich sah, wie dir Saidar entglitt also ging ich schnell noch in Elaidas Büro, aber ich hielt es für besser, nicht lange zu verweilen, falls du dir Sorgen machtest. Ich habe auch nichts weiter in Erfahrung gebracht, außer, daß Shemerin festgenommen und zur Aufgenommenen degradiert werden soll.« Sie stand auf und legte den Ring in das Kästchen.
»Das können sie tun? Eine Aes Sedai degradieren?«
»Ich weiß nicht. Ich glaube, Elaida macht einfach, was sie will. Egwene sollte diese Aielkleidung nicht tragen. Das steht ihr überhaupt nicht.«
Nynaeve stieß die Luft aus, die sie angehalten hatte. Offensichtlich wollte Elayne alles meiden, was Egwene angesprochen hatte. Nynaeve beließ es nur zu gern dabei. »Nein, sie stehen ihr auf keinen Fall.« Sie kletterte auf das Bett und legte sich auf die Seite zur Wand hin.
»Ich hatte noch nicht einmal eine Möglichkeit, Rand eine Botschaft zukommen zu lassen.« Elayne stieg auch auf das Bett, und die Lampe ging augenblicklich aus. Die kleinen Fenster ließen nur dünne Strahlen des Mondscheins ein. »Und eine für Aviendha. Wenn sie schon für mich auf ihn achtgibt sollte sie sich wirklich ein wenig besser um ihn kümmern.«
»Er ist doch kein Pferd, Elayne. Du bist nicht seine Besitzerin.«
»Das habe ich auch nie behauptet. Wie wirst du dich fühlen, wenn Lan sich mit irgendeiner Frau aus Cairhien einläßt?«
»Sei nicht so dumm. Schlaf lieber.« Nynaeve vergrub ihr Gesicht energisch in das kleine Kopfkissen. Vielleicht hätte sie Lan eine Nachricht schicken sollen. All diese adligen Damen, ob aus Tear oder aus Cairhien. Sie schmierten einem Mann Honig ums Maul, statt ihm die Wahrheit zu sagen. Er sollte ja nicht vergessen, zu wem er gehörte!
Unterhalb von Boannda zogen sich zu beiden Seiten dichte Wälder bis ans Flußufer, ein unberührtes Gewirr von Bäumen, Ranken und Gestrüpp. Dörfer und Gehöfte verschwanden ganz. Der Eldar hätte genausogut durch unberührte Wildnis tausend Meilen fern aller menschlichen Besiedelung fließen können. Fünf Tagesreisen von Samara entfernt ankerte die Wasserschlange am frühen Nachmittag mitten in einer Biegung des Flusses, während das einzige vorhandene Beiboot die letzten verbliebenen Passagiere auf rissigem, eingetrocknetem Lehm vor niedrigen, bewaldeten Hügeln absetzte. Selbst an den wenigen hohen Weiden und tief verwurzelten Eichen zeigten sich einige braun verbrannte Blätter.
»Es war ganz und gar nicht notwendig, dem Mann die Halskette zu geben«, sagte Nynaeve am Ufer, während sie zuschaute, wie sich das Ruderboot wieder näherte. Es war fast schon überfüllt mit vier Ruderern, Juilin und den letzten fünf Schienarern. Sie hoffte, nicht zu leichtgläubig gewesen zu sein. Neres hatte ihr seine Karte von diesem Teil des Flusses gezeigt und auf die Markierung für Salidar etwa zwei Meilen vom Fluß entfernt gezeigt. Sonst deutete aber nichts darauf hin, daß sich jemals in der Nähe ein Dorf befunden hatte. Die düstere Wand des Waldes wies keinerlei Lücke auf. »Was ich ihm zahlte, war durchaus genug.«
»Aber nicht um seine Fracht zu bezahlen«, erwiderte Elayne. »Nur, weil er ein Schmuggler ist, haben wir nicht das Recht, sie ihm abzunehmen.« Nynaeve fragte sich, ob die andere mit Juilin gesprochen habe. Wahrscheinlich aber nicht. Es lag wohl wieder an diesem Gesetz. »Außerdem sehen gelbe Opale besonders in einer solchen Fassung zu protzig aus. Und es war es wert, einfach nur, um sein Gesicht zu sehen.« Elayne kicherte mit einemmal. »Diesmal hat er mich tatsächlich angesehen!« Nynaeve bemühte sich, ernst zu bleiben, konnte aber ein Kichern ebenfalls nicht ganz unterdrücken.
Thom war oben in der Nähe der Bäume und versuchte, die beiden Jungen Marigans zum Lachen zu bringen, indem er mit bunten Bällen jonglierte, die er aus seinen Ärmeln hervorgeholt hatte. Jaril und Seve sahen ihm schweigend zu, zuckten kaum mit einer Wimper und hielten sich aneinander fest. Nynaeve war nicht sehr überrascht gewesen, als Marigan und Nicola sie gebeten hatten, sie begleiten zu dürfen. Nicola sah jetzt wohl Thom ebenfalls zu und lachte entzückt, doch sie hätte jeden Moment an Nynaeves Seite verbracht, hätte die diesem Wunsch stattgegeben. Allerdings war sie überrascht gewesen, daß auch Areina mitkommen wollte. Sie saß allein ein Stück entfernt auf einem umgestürzten Baumstamm und beobachtete Birgitte, die ihren Bogen bespannte. Allen drei Frauen stand ein gehöriger Schreck bevor, wenn sie merkten, was in Salidar los war. Wenigstens würde Nicola dort ein Zuhause finden, und vielleicht bekam Marigan eine Möglichkeit, ihre Kräuter loszuwerden, falls nicht zu viele Gelbe da waren.