Die Verderbnis würde ihn eines Tages in den Wahnsinn treiben, falls ihn die Macht nicht schon vorher ausbrannte. Es war wie ein Wettrennen zwischen beiden. Der Wahnsinn war jedem Mann zum Verhängnis geworden, der seit dem Beginn der Zerstörung der Welt die Macht benützt hatte, seit dem Tag, an dem Lews Therin Telamon, der Drache, und seine Hundert Gefährten das Gefängnis des Dunklen Königs im Shayol Ghul versiegelt hatten. Der letzte Rückstoß der Macht bei dieser Versiegelung hatte die männliche Hälfte der Wahren Quelle vergiftet, und Männer, die mit der Macht umgehen konnten, Wahnsinnige, die die Macht lenkten, hatten die Welt entzweigefetzt.
Er füllte sich mit der Macht... Und er wußte trotzdem nicht, welche der beiden Frauen das getan hatte. Beide blickten ihn voller Unschuld an, jede mit beinahe gleichermaßen fragend hochgezogener Augenbraue, unschuldig, doch leicht amüsiert. Eine von ihnen oder sogar beide füllten sich vielleicht in diesem Augenblick mit der Macht aus der weiblichen Hälfte der Wahren Quelle, aber er konnte das nicht feststellen.
Sicher, ein Stockschlag über die Schultern war nicht Moiraines Stil. Sie fand gewöhnlich andere Wege, um zu bestrafen, subtilere, die am Ende dann um so schmerzhafter waren. So war er sich einigermaßen sicher, daß es Egwene gewesen war, aber er unternahm nichts. Beweise. Der Gedanke glitt an der Außenwand des Nichts entlang, während er drinnen schwebte, in der Leere, in der alle Gedanken und Gefühle, selbst sein Zorn, weit weg waren. Ich werde nichts ohne Beweise unternehmen. Diesmal lasse ich mich nicht zu einer Reaktion verführen. Sie war ja auch nicht mehr die alte Egwene, mit der er aufgewachsen war. Seit Moiraine sie hingesandt hatte, war sie ein Teil der Burg geworden. Wieder Moiraine. Immer Moiraine. Manchmal wünschte er, er könne Moiraine loswerden. Nur manchmal?
Er konzentrierte sich auf sie. »Was wollt Ihr von mir?« Seine Stimme klang gepreßt und kalt in den eigenen Ohren. Die Macht raste in ihm. Egwene hatte ihm erzählt, daß die Berührung Saidars, der weiblichen Hälfte der Wahren Quelle, wie eine Umarmung sei. Bei einem Mann dagegen war es immer ein gnadenloser Kampf. »Und erwähnt die Wagen nicht mehr, kleine Schwester. Gewöhnlich erfahre ich erst, was Ihr vorhabt, lange nachdem Ihr es getan habt.«
Die Aes Sedai runzelte die Stirn, und das war ja auch kein Wunder. Sie war bestimmt nicht daran gewöhnt, so genannt zu werden, von keinem Mann, auch nicht dem Wiedergeborenen Drachen. Er hatte selbst keine Ahnung, wie er auf dieses ›kleine Schwester‹ gekommen war. In letzter Zeit tauchten immer wieder ungewollt Worte in seinem Verstand auf. Vielleicht war das ein Anflug des Wahnsinns. Er lag oftmals nachts stundenlang im Bett und konnte nicht schlafen, weil er darüber nachgrübelte. Innerhalb des Nichts schien es, als müsse sich ein ganz anderer darüber Gedanken machen.
»Wir sollten allein miteinander sprechen.« Sie warf dem Harfner einen kühlen Blick zu.
Jasin Natael, wie er sich hier nannte, lag halb ausgestreckt auf Kissen an einer der fensterlosen Wände und spielte leise auf der Harfe, die er auf ein Knie gestützt hatte. Der obere Arm des Instruments war so geschnitzt und vergoldet, daß er den Geschöpfen auf Rands Unterarmen glich. Drachen, wie die Aiel sie nannten. Rand konnte nur vermuten, woher Natael das Ding hatte. Er war ein dunkelhaariger Mann, der außerhalb der Aiel-Wüste sicher als hochgewachsen gegolten hätte, und von mittleren Jahren. Wams und Hose bestanden aus dunkelblauer Seide, die gut an einen Königshof gepaßt hätte bei dieser Qualität, und waren mit kunstvollen Goldstickereien an Kragen und Manschetten verziert. Er hatte seine Kleidung trotz der Hitze bis obenhin zugeknöpft und —gebunden. Die feinen Kleider paßten nicht zu seinem Gauklerumhang, der neben ihm ausgebreitet lag. Es war ein durchaus fester Umhang, aber mit Hunderten von Flicken in beinahe ebenso vielen Farben geschmückt, die so aufgenäht waren, daß sie beim kleinsten Luftzug flatterten. Dieser Umhang bedeutete, daß man es mit einem fahrenden Gaukler zu tun hatte, einem Jongleur und Akrobaten, Musiker und Geschichtenerzähler, der von Dorf zu Dorf wanderte. Und das war ja wohl kein Mann, der Seide tragen würde. Der Mann war offensichtlich eitel. Er schien im Moment ganz in seiner Musik aufzugehen.
»Ihr könnt alles, was Ihr wollt, vor Natael sagen«, gab ihr Rand zur Antwort. »Er ist schließlich der persönliche Gaukler des Wiedergeborenen Drachen.« Falls die Geheimhaltung in diesem Fall wirklich so wichtig war, würde sie darauf bestehen, und er würde Natael wegschicken, obwohl er den Mann nicht gern aus den Augen verlor.
Egwene schnaubte vernehmlich und rückte die Stola auf ihren Schultern zurecht. »Dein Kopf ist geschwollen wie eine überreife Melone, Rand al'Thor.« Sie sagte das emotionslos wie eine klare Feststellung.
Zorn stieg außerhalb des Nichts empor. Nicht, weil sie das gesagt hatte; schon als sie Kinder waren, hatte sie ihn immer wieder zurechtgestutzt, ob er es verdient hatte oder nicht. Aber in letzter Zeit hatte sie sich angewöhnt, Hand in Hand mit Moiraine zu arbeiten, ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen, damit ihn die Aes Sedai dann herumschubsen konnte, wie sie wollte. Als sie jünger waren, bevor sie erfuhren, was er war, hatten Egwene und er immer erwartet, eines Tages zu heiraten. Und nun schlug sie sich gegen ihn auf die Seite Moiraines.
Mit hartem Gesichtsausdruck sprach er grober, als er eigentlich wollte: »Sagt mir, was Ihr wünscht, Moiraine. Sagt es mir hier und jetzt, oder wartet damit, bis ich Zeit für Euch habe. Ich bin sehr beschäftigt.« Das war eine glatte Lüge. Die meiste Zeit über übte er sich mit Lan im Schwertkampf oder mit Rhuarc im Umgang mit dem Speer, oder er lernte von beiden, wie man nur mit Händen und Füßen kämpft. Aber wenn er heute mit Grobheit etwas erreichen konnte, dann nur zu. Natael konnte ruhig alles hören. Fast alles. Solange Rand nur immer wußte, wo er sich gerade aufhielt.
Moiraine und Egwene machten böse Mienen, doch die echte Aes Sedai schien schließlich einzusehen, daß er diesmal nicht nachgeben werde. Sie warf Natael einen Blick zu und verzog leicht den Mund. Der Mann schien nach wie vor in seiner Musik aufzugehen. Dann zog sie ein dickes, in graue Seide gewickeltes Bündel aus ihrer Tasche.
Sie wickelte es auf und legte den Inhalt auf den Tisch: eine Scheibe von der Größe einer Männerhand, zur Hälfte matt schwarz und die andere Hälfte reinstes Weiß. Die beiden Farben trafen sich in einer Schlangenlinie genau in der Mitte und bildeten so zwei aneinandergefügte Tränen. Das war vor der Zerstörung der Welt das Symbol der Aes Sedai gewesen, doch diese Scheibe war mehr als das. Nur sieben davon waren jemals angefertigt worden — als Siegel auf dem Gefängnis des Dunklen Königs. Oder genauer: Jede war ein Brennpunkt für eines der Siegel. Sie zog ihr Messer vom Gürtel. Mit der scharfen Klinge kratzte Moiraine vorsichtig an der Kante der Scheibe. Und ein dünner, tiefschwarzer Splitter sprang ab.
Selbst in der Blase des Nichts geborgen schnappte Rand nach Luft. Die Leere bebte, und einen Augenblick lang hätte ihn fast die Macht überwältigt. »Ist das eine Kopie? Eine Fälschung?«
»Ich habe es unten auf dem Platz gefunden«, sagte Moiraine. »Es ist tatsächlich echt. Das eine, das ich von Tear mitgebracht habe, ist genau gleich.« So wie sie es sagte, hätte sie auch über Erbsensuppe zum Mittagessen sprechen können. Egwene andererseits hatte ihre Stola zusammengezogen, als fröre sie.
Rand spürte, wie sich auch in ihm die Angst breitmachte und über die Oberfläche des Nichts rann. Es kostete Mühe,
Saidin fahren zu lassen, doch er zwang sich dazu. Falls seine Konzentration zu sehr gestört wurde, würde ihn die Macht auf der Stelle ausbrennen, und er brauchte seine ganze Aufmerksamkeit für das vor ihm auf dem Tisch liegende Problem. Trotzdem und obwohl er froh war, die Verderbnis nicht mehr zu spüren, war es für ihn wie ein schwerer Verlust.