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»Nynaeve, hast du darüber nachgedacht, wie ... wir wohl dort empfangen werden?«

Nynaeve sah Elayne erstaunt an. Sie hatten fast die halbe Welt durchquert, und zweimal die Schwarzen Ajah besiegt. Sicher, in Tear hatten sie Hilfe bekommen, aber Tanchico war allein ihr Werk gewesen. Sie brachten Neuigkeiten von Elaida und der Burg mit, bei denen sie jede Wette angenommen hätte, daß niemand in Salidar sie kannte. Und das Wichtigste war, daß sie diesen Schwestern helfen konnten, mit Rand Verbindung aufzunehmen. »Elayne, ich behaupte ja nicht, daß sie uns wie Helden empfangen werden, aber ich wäre nicht überrascht, wenn sie uns mit Küssen überhäuften, bevor noch die Sonne sinkt.« Rand allein wäre das schon wert.

Zwei der barfüßigen Matrosen sprangen aus dem Boot und hielten es gegen die Strömung fest. Juilin und die Schienarer platschten ans Ufer, während die Matrosen wieder hineinkletterten. Auf der Wasserschlange holte man bereits den Anker ein.

»Bahnt uns einen Weg, Uno«, sagte Nynaeve. »Ich will schließlich vor Einbruch der Dunkelheit dort sein.« So, wie der Wald aussah mit all diesen Ranken und dem dichten Unterholz, mochte es durchaus so lange dauern. Falls Neres sie nicht doch hereingelegt hatte. Das bereitete ihr mehr Sorgen als alles andere.

50

Lehren und lernen

Etwa vier Stunden später rührte der Schweiß, der Nynaeve über das Gesicht rann, keineswegs mehr von der zu dieser Jahreszeit außergewöhnlichen Hitze her, und sie fragte sich, ob es nicht doch besser gewesen wäre, wenn Neres sie hereingelegt oder sich geweigert hätte, sie weiter als bis Boannda zu befördern. Der Sonnenschein dieses Spätnachmittags fiel schräg durch Fenster herein, die zumeist Sprünge aufwiesen. Nervös, verärgert und unruhig hielt sie die Hände in ihren Rock verkrampft und bemühte sich, jeden Blick hinüber zu den sechs Aes Sedai an einem der stabilen Tische in der Nähe der Wand zu vermeiden. Ihre Münder bewegten sich lautlos, als sie hinter einer Abschirmung aus Saidar miteinander diskutierten. Elayne hielt das Kinn hoch, hatte die Hände gelassen gefaltet, doch die würdevolle Erscheinung wurde durch die offensichtliche Anspannung um Augen und Mundpartie herum gemindert. Nynaeve war nicht sicher, ob sie überhaupt wissen wollte, was diese Aes Sedai besprachen; ein Tiefschlag nach dem anderen hatte ihre hochgeschraubten Erwartungen zerstört. Sie war wie betäubt. Noch ein weiterer Schock, und sie würde vermutlich losschreien, ob nun aus Wut oder purer Hysterie.

Beinahe alles außer ihrer Kleidung war auf dem Tisch ausgelegt, von Birgittes silbernem Pfeil, der vor der stämmigen Morvrin lag, über die drei Ter'Angreal vor Sheriam bis zu den vergoldeten Kästchen, die gleich unter Myrelles dunklen Augen ruhten. Keine einzige dieser Frauen wirkte erfreut. Carlinyas Gesicht schien wie aus Eis gehauen, selbst die mütterliche Anaiya hatte eine ernste Maske aufgesetzt, und in Beonins immer erstaunt wirkendem Blick aus den weit geöffneten Augen lag entschieden ein Hauch von Arger. Ärger und noch etwas mehr. Manchmal streckte Beonin die Hand nach dem weißen Tuch aus, das sie über das Cuendillar-Siegel gebreitet hatten, doch sie hielt jedesmal inne und zog die Hand wieder zurück.

Nynaeve riß sich von dem Tuch los. Sie wußte genau, an welchem Punkt alles angefangen hatte, schiefzugehen. Die Behüter, die sie im Wald umstellt hatten, waren höflich, wenn auch kühl gewesen, jedenfalls, nachdem sie Uno und die Schienarer dazu gebracht hatte, ihre Schwerter wegzustecken. Und Mins herzliche Begrüßung unter Lachen und Umarmungen hatte ihnen das Herz erwärmt. Doch die Aes Sedai und andere auf den Straßen waren so in ihre eigenen Aufgaben versunken gewesen, daß sie der von den Behütern hereinbegleiteten Gruppe keine Aufmerksamkeit schenkten. Salidar war ziemlich überfüllt und an beinahe jedem freien Fleck übten Bewaffnete sich im Kampf. Die erste Person außer den Behütern und Min, die ihnen überhaupt etwas Aufmerksamkeit gewidmet hatte, war die hagere Braune Schwester gewesen, zu der man sie führte, hier in dem einstigen Schankraum eines Gasthauses. Sie und Elayne hatten die von ihnen vereinbarte Geschichte also Phaedrine Sedai erzählt, oder zumindest versucht, sie ihr zu erzählen. Nach fünf Minuten ließ die Braune sie einfach stehen, nachdem sie ihnen noch befohlen hatte, sich nicht zu rühren und auf keinen Fall ein Wort zu sprechen, auch nicht zueinander. Zehn weitere Minuten lang blickten sie einander verwirrt an, während um sie herum zwischen den Tischen, an denen Aes Sedai über Papieren brüteten und kurz angebunden Aufträge ausgaben, reger Betrieb von Aufgenommenen und weißgekleideten Novizinnen, Behütern, Dienern und Soldaten herrschte, und dann hatte man sie so überstürzt vor Sheriam und die anderen gezerrt, daß es Nynaeve vorkam, als hätten ihre Füße kaum mehr als zweimal den Boden berührt. Und danach hatte das Verhör begonnen. So ging man wohl eher mit Sträflingen um als mit heimkehrenden Heldinnen. Nynaeve tupfte ihr Gesicht ab, doch sobald sie das Taschentuch in ihren Ärmel zurückgesteckt hatte, verkrampften sich ihre Hände wieder in den Rock.

Sie und Elayne waren nicht die einzigen, die auf dem bunten Seidenteppich standen. Siuan, in einem einfachen blauen Wollkleid, hätte sich ihrer Haltung nach freiwillig hier befinden können, hätte Nynaeve es nicht besser gewußt. So kühl und absolut beherrscht stand sie da. Sie schien gedankenverloren und sorglos in die Welt zu blicken. Leane dagegen beobachtete wenigstens die Aes Sedai, erschien aber genauso selbstbewußt. Sie wirkte sogar um einiges selbstbewußter, als Nynaeve sie in Erinnerung hatte. Und auch biegsamer, eleganter sah diese Frau mit der kupferfarbenen Haut aus, auf irgendeine Art lebendiger. Vielleicht lag es an ihrem schamlosen Kleid. Dieses blaßgrüne Seidenkleid war genauso hochgeschlossen wie das blaue Siuans, aber nicht nur, daß es sich jeder Kurve ihres Körpers anschmiegte, nein, der Stoff konnte nur noch mit äußerstem Wohlwollen überhaupt als ›durchscheinend‹ bezeichnet werden. Doch es waren ihre Gesichter, die Nynaeve am meisten verblüfften. Sie hatte ja überhaupt nicht erwartet, eine von ihnen lebendig vorzufinden, und ganz gewiß noch weniger, daß sie so jung aussehen würden — nicht mehr als höchstens ein paar Jahre älter als sie selbst. Sie warfen sich gegenseitig noch nicht einmal einen Blick zu. Tatsächlich glaubte sie sogar, eine gewisse Kälte zwischen den beiden wahrzunehmen.

Und es gab noch etwas, das sich an ihnen verändert hatte, obwohl Nynaeve das eben erst wahrzunehmen begann. Wenn auch alle, Min eingeschlossen, dieses Thema so gut wie möglich umgangen hatten, machte doch auch niemand ein echtes Geheimnis daraus, daß die beiden der Dämpfung unterzogen worden waren. Nynaeve spürte etwas von dieser Leere. Vielleicht lag es daran, daß sie sich in einem Raum befand, in dem alle anderen Frauen fähig waren, die Macht zu lenken, oder es lag an ihrem Wissen um die vollzogene Dämpfung, doch zum erstenmal war sie sich wirklich im Innersten dieser Fähigkeiten bei Elayne und den anderen bewußt. Und der Abwesenheit dieser Fähigkeiten bei Siuan und Leane. Man hatte ihnen etwas abgenommen, abgeschnitten. Es war wie eine Wunde. Vielleicht die schlimmste Wunde, die eine Frau empfangen konnte.

Die Neugier überkam sie. Welche Art von Wunde mochte das sein? Was genau hatte man ihnen abgeschnitten? Sie könnte die Warterei etwas verkürzen und gleichzeitig den Ärger ein wenig abbauen, der ihre Nervosität zu überlagern begann... So griff sie nach Saidar.

»Hat Euch irgend jemand die Erlaubnis erteilt, hier die Macht zu gebrauchen, Aufgenommene?« fragte Sheriam, und Nynaeve fuhr zusammen und ließ schleunigst die Wahre Quelle wieder los.

Die Aes Sedai mit den grünen Augen führte die anderen zurück zu ihrem buntgemischten Sortiment an Stühlen, die so ausgerichtet auf dem Teppich standen, daß sich die vier stehenden Frauen im Mittelpunkt eines Halbkreises befanden. Ein paar nahmen Gegenstände vom Tisch mit. Sie setzten sich hin und blickten Nynaeve an. Ihre kurz aufgeflammten Gefühle waren wieder der typischen Gelassenheit der Aes Sedai gewichen. Von keinem dieser alterslosen Gesichter war auch nur eine Spur der herrschenden Hitze abzulesen; kein einziger Schweißtropfen, nicht einmal Feuchtigkeit war darauf zu sehen. Schließlich sagte Anaiya mit sanft tadelndem Unterton; »Ihr wart sehr lange schon von uns entfernt, Kind. Was Ihr in der Zwischenzeit auch gelernt habt — Ihr habt wohl auch einiges dabei vergessen.«