Errötend knickste Nynaeve. »Vergebt mir, Aes Sedai. Ich wollte meinen Rang nicht überschreiten.« Sie hoffte, sie würden glauben, es sei die Scham, die ihre Wangen glühen ließ. Sie war ja tatsächlich auch lange Zeit weg gewesen. Vor nur einem Tag hatte sie die Befehle erteilt, und die Leute sprangen, wenn sie es ihnen sagte. Jetzt war sie es, von der man das erwartete. Das tat weh.
»Ihr habt uns eine interessante ... Geschichte erzählt.« Carlinya glaubte offensichtlich nur sehr wenig davon. Die Weiße Schwester drehte Birgittes silbernen Pfeil in den Händen. »Und Ihr habt einige eigenartige Besitztümer an Euch gebracht.«
»Die Panarchin Amathera hat uns viele Geschenke mitgegeben, Aes Sedai«, sagte Elayne. »Sie hat anscheinend geglaubt, wir hätten ihr den Thron gerettet.« Obwohl sie mit völlig ruhiger Stimme sprach, bewegte sie sich auf äußerst dünnem Eis. Nynaeve war nicht die einzige, die sich über ihre — mehr oder weniger — Gefangenschaft ärgerte. Carlinyas glatte Gesichtszüge spannten sich.
»Ihr bringt beunruhigende Nachrichten«, sagte Sheriam. »Und einige beunruhigende ... Gegenstände.« Ihre leicht schräg stehenden Augen blickten zum Tisch hinüber, zu dem silbrigen A'dam, und dann wanderte ihr Blick zu Elayne und Nynaeve zurück. Seit sie erfahren hatten, was das war und wozu es benützt wurde, behandelten die Aes Sedai das Ding wie eine lebende Giftschlange. Jedenfalls die meisten.
»Falls das Ding vollbringt, was diese Kinder davon behaupten«, sagte Morvrin geistesabwesend, »müssen wir es untersuchen. Und wenn Elavne wirklich der Meinung ist, sie könne einen Ter'Angreal herstellen... « Die Braune Schwester schüttelte den Kopf. Der größte Teil ihrer Aufmerksamkeit galt dem flachen Steinring mit Flecken und Streifen in Rot und Blau und Braun, den sie in einer Hand hielt. Die anderen beiden Ter'Angreal lagen auf ihrem breiten Schoß. »Ihr sagt Verin Sedai habe Euch das gegeben? Wieso wurde uns das nicht früher gesagt?« Die Frage galt nicht Nynaeve oder Elayne, sondern Siuan.
Siuan runzelte die Stirn, wirkte aber keineswegs so bissig, wie Nynaeve sie in Erinnerung hatte. Es lag sogar eine Andeutung von Unterwürfigkeit in ihrer Haltung, als sei ihr bewußt, daß sie mit Höhergestellten sprach, und das ging auch aus ihrem Tonfall hervor. Das war nun eine weitere Veränderung, die Nynaeve kaum glauben mochte. »Verin hat mir das nie gesagt. Ich würde ihr sehr gern ein paar Fragen stellen.«
»Und ich habe ein paar Fragen diesbezüglich.« Myrelles olivfarbenes Gesicht lief dunkel an, als sie ein wohlbekanntes Dokument entfaltete — warum hatten sie das nur aufgehoben? — und laut vorlas: »Was die Trägerin tut, geschieht auf meinen Befehl und kraft meiner Autorität. Gehorcht und schweigt auf meinen Befehl. Siuan Sanche, Behüterin der Siegel, Flamme von Tar Valon, der Amyrlin-Sitz.« Sie zerknüllte das Dokument mitsamt dem Siegel in einer Hand. »Wohl kaum etwas, das man Aufgenommenen in die Hand drückt.«
»Zu jener Zeit wußte ich nicht, wem ich überhaupt vertrauen könne«, sagte Siuan verbindlich. Die sechs Aes Sedai blickten sie an. »Es lag damals durchaus in meiner Machtbefugnis.« Die sechs Aes Sedai zuckten mit keiner Wimper. Ihre Stimme klang niedergeschlagen und verständnisheischend: »Ihr könnt mich nicht für das zur Verantwortung ziehen, was ich zu einer Zeit tun mußte, als ich das Recht dazu hatte. Wenn das Boot sinkt, verstopft man das Leck mit allem, was man zur Hand hat.«
»Und warum habt Ihr uns nichts davon gesagt?« fragte Sheriam ruhig, doch mit einer Andeutung von Stahl in der Stimme. Als Herrin über die Novizinnen hatte sie auch niemals die Stimme erhoben, aber manchmal wünschte man sich, sie würde schreien. »Drei Aufgenommene — Aufgenommene! — aus der Burg schicken, um dreizehn voll ausgebildete Schwarze Schwestern zu suchen! Benützt Ihr Kleinkinder, um das Leck in Eurem Boot zu stopfen, Siuan?«
»Wir sind ja wohl kaum Kleinkinder«, warf Nynaeve hitzig ein. »Mehrere dieser dreizehn sind tot, und wir haben zweimal ihre Pläne zunichte gemacht. In Tear haben wir... «
Carlinya schnitt ihr das Wort wie mit einem eisigen Messer ab: »Ihr habt uns bereits alles über Tear berichtet, Kind. Und über Tanchico. Und wie ihr Moghedien besiegt habt.« Sie verzog den Mund hämisch. Sie hatte Nynaeve bereits gesagt sie sei eine Närrin, sich auch nur auf eine Meile einer der Verlorenen zu nähern, und sie habe Glück gehabt, mit dem Leben davonzukommen. Carlinya wußte gar nicht, wie recht sie hatte, denn schließlich hatten sie ihnen nicht alles berichtet, und deshalb zog sich Nynaeves Magen doch etwas zusammen. »Ihr seid Kinder und habt Glück, wenn wir uns entschließen, Euch nicht übers Knie zu legen. Jetzt gebt Ruhe, bis man Euch zu reden gestattet.« Nynaeve lief tiefrot an, hoffte, sie sähen es als bloße Verlegenheit an, und schwieg.
Sheriam hatte den Blick nicht von Siuan gewandt. »Also? Warum habt Ihr nichts davon berichtet, daß Ihr drei Kinder auf die Jagd nach Löwen gesandt habt?«
Siuan holte tief Luft, faltete dann aber die Hände und neigte demütig den Kopf. »Es schien mir nicht wesentlich, Aes Sedai, in Anbetracht so vieler wichtiger Dinge. Ich habe nichts für mich behalten, wenn es auch nur den leisesten Grund gab, davon zu berichten. Ich habe jede Einzelheit berichtet, die ich über die Schwarzen Ajah wußte. Ich habe seit einiger Zeit nicht mehr gewußt, wo sich diese beiden aufhielten und was sie vorhatten. Das Wichtige ist doch nur, daß sie jetzt hier sind und diese drei Ter'Angreal dabeihaben. Es muß Euch doch klar sein, was es bedeutet Zutritt zu Elaidas Arbeitszimmer und zu ihren Papieren zu haben, wenn auch vielleicht nur bruchstückhaft. Ihr hättet sonst niemals erfahren, daß sie weiß, wo Ihr euch aufhaltet, bevor es zu spät wäre.«
»Das ist uns klar«, sagte Anaiya und sah Morvrin an, die immer noch mit finsterem Blick den Ring betrachtete. »Lediglich die angewandten Mittel, um dies zu erreichen, überraschen uns doch etwas.«
»Tel'aran'rhiod«, hauchte Myrelle. »Also, das war nur noch eine Angelegenheit, über die man unter Gelehrten in der Burg diskutierte, beinahe schon eine Legende. Und Traumgängerinnen unter den Aiel. Wer hätte sich vorgestellt, daß die Weisen Frauen der Aiel die Macht lenken können, geschweige denn dies?«
Nynaeve wäre es lieber gewesen, sie hätten das geheimhalten können, so, wie sie ja auch Birgittes wahre Identität und ein paar andere Dinge geheimgehalten hatten, aber es war schwierig, nichts entschlüpfen zu lassen, wenn man von Frauen verhört wurde, deren Blicke allein schon Löcher in Steine bohren konnten, wenn sie das wünschten. Nun, sie konnten sich wohl glücklich schätzen, wenigstens einiges für sich behalten zu haben. Sobald sie einmal Tel'aran'rhiod erwähnt hatten und ihre Fähigkeit, es zu betreten, hätte eher eine Maus die Katze auf den Baum treiben können, bevor sie mit Fragen aufhörten.
Leane trat einen halben Schritt vor und blickte betont an Siuan vorbei. »Das Wichtigste ist, daß Ihr mit Hilfe dieser Ter'Angreal mit Egwene sprechen könnt und durch sie mit Moiraine. Mit ihrer Hilfe solltet Ihr nicht nur in der Lage sein, Rand al'Thor im Auge zu behalten, Ihr solltet ihn sogar noch in Cairhien beeinflussen können.«
»Wohin er sich von der Aiel-Wüste aus wandte«, sagte Siuan, »wie ich es vorausgesagt hatte.« Falls ihr Blick und ihre Worte den Aes Sedai galten, war ihr beißender Tonfall ganz eindeutig Leane gewidmet, die nur kurz knurrte: »Das hat ja auch geholfen. Zwei Aes Sedai in die Wüste geschickt, um Enten zu jagen.«