»Wie viele der sieben halten noch?« fragte Myrelle leise, als führe sie ein Selbstgespräch. »Wie lange noch, bis der Dunkle König ausbricht und die Letzte Schlacht beginnt?« Jede Aes Sedai beteiligte sich im Grunde an allen Aufgaben, je nach ihren Talenten und Neigungen, und doch hatte auch jede Ajah ihre ganz eigene Existenzberechtigung. Grüne, die sich selbst als Kampf-Ajah bezeichneten, sahen ihren Lebenszweck darin, sich für die Letzte Schlacht bereitzuhalten und dort den neuen Schattenlords gegenüberzutreten. In Myrelles Stimme lag fast etwas wie Vorfreude.
»Drei«, sagte Anaiya mit brüchiger Stimme. »Drei halten noch. Falls wir alles wissen. Laßt uns beten, daß uns alles bekannt ist. Laßt uns beten, daß drei ausreichen.«
»Laßt uns beten, daß diese drei stärker sind als das hier«, knurrte Morvrin. »Cuendillar kann man doch nicht so einfach zerbrechen. Nicht, wenn es noch Cuendillar ist. Das geht doch nicht.«
»Wir sprechen über alles zu seiner Zeit«, sagte Sheriam. »Nachdem wir einige vorrangige Dinge erledigt haben, die für uns lösbare Aufgaben darstellen.« Sie nahm Beonin das Tuch ab und bedeckte das zerbrochene Siegel wieder. »Siuan, Leane, wir sind zu einer Entscheidung gekommen, was... « Sie hielt inne, als sie sich umdrehte und Elayne und Nynaeve bemerkte. »Hat man Euch nicht gesagt, Ihr solltet gehen?« Trotz aller äußeren Ruhe machte sich der Aufruhr in ihrem Innern bemerkbar. Sie hatte glatt ihre Anwesenheit vergessen.
Nynaeve war nur zu schnell dabei, noch einmal zu knicksen und mit einem hastigen »Mit Eurer Erlaubnis, Aes Sedai« zur Tür zu eilen. Unbeweglich beobachteten die Aes Sedai und Siuan und Leane, wie sie und Elayne hinaustraten. Nynaeve fühlte ihre Blicke, als schöben sie sie hinaus. Elayne war kein bißchen langsamer, obwohl sie dem A'dam schnell noch einen Blick zuwarf.
Sobald Nynaeve die Tür geschlossen hatte und sich erleichtert an deren rohe, ungestrichene Bretter lehnte, den vergoldeten Kasten an die Brust gedrückt, konnte sie zum erstenmal, wie es ihr schien, wieder tief und ungehemmt durchatmen, seit sie den alten Steinbau der Schenke betreten hatten. Sie wollte nicht über das zerbrochene Siegel nachdenken. Noch ein zerbrochenes Siegel. Nein, kein weiterer Gedanke daran! Diese Frauen konnten mit ihren Blicken Schafe scheren. Beinahe freute sie sich auf das erste Zusammentreffen dieser Aes Sedai mit den Weisen Frauen, jedenfalls, wenn sie nicht gerade zwischen beiden Gruppen stand. Es war ihr schon mehr als schwer gefallen, als sie zur Burg kam, sich zu beugen und zu tun, was man ihr befahl. Nach den langen Monaten, während derer sie die Befehle erteilt hatte, nun, meist nach Beratung mit Elayne, wußte sie nicht wie sie es verkraften würde, wieder vor den anderen auf dem Bauch zu kriechen.
Der Schankraum mit seiner schlecht ausgebesserten Gipsdecke und den beinahe zusammenbrechenden kalten Kaminen war der gleiche Bienenstock wie zuvor, als man sie hereingeführt hatte. Jetzt schenkte ihnen niemand mehr besondere Beachtung und sie ihnen ebensowenig. Eine kleine Gruppe erwartete sie und Elayne.
Thom und Juilin, die auf einer grob gezimmerten Bank an einer Wand saßen, von der der Putz abblätterte, hatten die Köpfe mit Uno zusammengesteckt der vor ihnen am Boden hockte. Das lange Heft seines Schwertes ragte über seine Schulter empor. Areina und Nicola, die beide erstaunt ihre Umgebung anstarrten und sich vergebens bemühten, das zu verbergen, saßen mit Marigan zusammen auf einer weiteren Bank. Marigan wiederum beobachtete Birgittes Versuche, Jaril und Seve zu unterhalten. Sie jonglierte ungeschickt mit drei bunten Holzbällen, die sie wohl von Thom bekommen hatte. Min kniete hinter den Jungen und kitzelte sie, flüsterte ihnen auch etwas ins Ohr, aber sie klammerten sich dennoch aneinander und blickten schweigend mit diesen viel zu großen Augen in die Welt.
Nur zwei andere im ganzen Raum eilten nicht geschäftig umher. Zwei von Myrelles drei Behütern lehnten wie zufällig ein paar Schritte hinter den Bänken, aber noch vor dem Hinterausgang zum Küchenflur an der Wand und unterhielten sich: Croi Makin, ein blonder junger Kerl aus Andor mit einem feingeschnittenen Profil, und Avar Hachami mit einer Adlernase und einem kantigen Kinn, dessen angegrauter Schnurrbart aussah wie zwei nach unten gekrümmte Büffelhörner. Niemand konnte behaupten, Hachami sehe irgendwie gut aus, aber der Blick aus seinen dunklen Augen ließ die meisten erst einmal schlucken. Natürlich sahen sie keineswegs Uno oder Thom oder sonst jemanden direkt an. Es war ja nur reiner Zufall, daß sie nichts zu tun und dafür gerade diesen Fleck ausgewählt hatten.
Birgitte ließ einen der Bälle fallen, als sie Nynaeve und Elayne sah. »Was habt ihr ihnen gesagt?« fragte sie leise und sah den silbernen Pfeil in Elaynes Hand kaum an. Der Köcher hing an ihrem Gürtel, doch ihren Bogen hatte sie an die Wand gelehnt.
Nynaeve trat naher zu ihr heran und mied sorgfältig jeden Blick in Richtung Makin und Hachami. Genauso vorsichtig senkte sie die Stimme und vermied jede besondere Betonung. »Wir sagten ihnen alles, wonach sie uns fragten.«
Elayne berührte Birgitte am Arm. »Sie wissen, daß du eine gute Freundin bist, die uns geholfen hat. Du bist hier willkommen und kannst bleiben, genau wie Areina, Nicola und Marigan.«
Erst als etwas von der Anspannung aus Birgitte wich, erkannte Nynaeve, wie nervös die Frau mit den blauen Augen gewesen war. Sie hob schnell den heruntergefallenen gelben Ball auf und warf mit einer geschmeidigen Bewegung alle drei zu Thom zurück, der sie nacheinander mit einer Hand aus der Luft schnappte und sie mit einer einzigen kurzen Bewegung verschwinden ließ. Auf ihrer Miene zeigte sich der Anflug eines erleichterten Grinsens.
»Ich kann euch gar nicht sagen, wie froh ich bin, euch beide hier zu sehen«, sagte Min mindestens zum vierten oder fünften Mal. Ihr Haar war länger als früher, wenn es auch noch wie eine dunkle Kappe um ihren Kopf lag, und auf irgendeine andere Art wirkte sie ebenfalls verändert, ohne daß Nynaeve hätte sagen können, wie. Überraschenderweise waren die Aufschläge ihrer Jacke offensichtlich ganz neu mit Blumen bestickt; früher hatte sie immer nur einfache Kleidung ohne jeden Zierrat getragen. »Hier sind freundliche Gesichter sehr rar.« Ihr Blick huschte einen ganz kurzen Augenblick lang zu den Behütern hinüber. »Wir müssen uns irgendwo hinsetzen und ausführlich miteinander sprechen. Ich kann es nicht erwarten, zu hören, was ihr alles erlebt habt, seit ihr aus Tar Valon abgereist seid.« Und zu berichten, was sie erlebt hatte, wenn sich Nynaeve nicht gewaltig irrte.
»Ich würde auch sehr gern mit dir sprechen«, sagte Elayne in sehr ernstem Tonfall. Min blickte sie forschend an, seufzte dann und nickte, wenn auch nicht so begierig wie noch einen Augenblick zuvor.
Thom, Juilin und Uno traten nun hinter Birgitte und Min. Ihre Mienen waren die von Männern, die Dinge zu sagen hatten, die eine Frau nicht gerne hören würde. Bevor sie allerdings den Mund aufmachen konnten, schob sich eine Frau mit lockigem Haar im Kleid einer Aufgenommenen zwischen Juilin und Uno durch, funkelte sie zornig an und pflanzte sich vor Nynaeve auf.
Faolains Kleid mit den sieben Farbstreifen am Saum für die verschiedenen Ajah war nicht ganz so sauber, wie es sein sollte, und ihr dunkelhäutiges Gesicht trug einen finsteren Ausdruck. »Ich bin überrascht, Euch hier anzutreffen, Wilde. Ich glaubte. Ihr wärt in Euer Dorf zurückgerannt und unsere feine TochterErbin zu ihrer Mutter.«
»Geht Ihr immer noch Eurem Hobby nach, Milch zu säuern, Faolain?« fragte Elayne süßlich.
Nynaeve bemühte sich, ihre freundliche Miene zu bewahren. Es gelang ihr auch beinahe. Zweimal war Faolain damals in der Burg beauftragt worden, ihr Unterricht zu erteilen. Ihrer eigenen Meinung nach, um ihr ihren Platz zuzuweisen. Wenn sowohl Lehrerin wie auch Schülerin Aufgenommene waren, besaß die Lehrerin für die Dauer des Unterrichts oder der Lektion den Status einer Aes Sedai, und das nützte Faolain weidlich aus. Die Frau mit dem Lockenkopf war acht Jahre lang Novizin gewesen und nun bereits seit fünf Jahren Aufgenommene. Es paßte ihr natürlich überhaupt nicht, daß Nynaeve gar nicht erst Novizin werden mußte oder daß Elayne das weiße Kleid der Novizinnen nur weniger als ein Jahr getragen hatte. Zwei Lektionen durch Faolain hatten zweimal den Weg in Sheriams Arbeitszimmer für Nynaeve bedeutet, weil sie widerspenstig gewesen sei, launisch... Die Liste war so lang wie ihr Arm. Sie sprach betont leichthin: »Wie ich hörte, sind Siuan und Leane von irgend jemandem schlecht behandelt worden. Ich denke, Sheriam will in dieser Angelegenheit ein für allemal ein Exempel statuieren.« Sie blickte der anderen fest in die Augen, und die weiteten sich vor Schreck.