»Ich habe nichts getan, seit Sheriam...« Faolains Mund klappte zu, und sie lief hochrot an. Min verbarg ihren Mund hinter einer vorgehaltenen Hand, und Faolain riß den Kopf herum. Sie musterte die anderen Frauen, von Birgitte bis Marigan. Dann bedeutete sie mit herrischer Geste Nicola und Areina, mitzukommen. »Ihr zwei werdet genügen, denke ich. Kommt mit mir. Sofort. Keine Trödelei.« Sie erhoben sich langsam. Areina blickte sie mißtrauisch an, und Nicola nestelte an ihrem Kleid herum.
Elayne trat zwischen sie und Faolain und kam damit Nynaeve zuvor. Ihr Kinn hielt sie hoch und ihr wahrhaft majestätischer Blick wirkte wie blaues Eis. »Was wollt Ihr von ihnen?«
»Ich gehorche Sheriam Sedais Befehl«, antwortete Faolain. »Ich bin ja der Meinung, sie sind zu alt für eine Überprüfung, aber ich folge meinem Befehl. Auch die Werber Lord Brynes werden von einer Schwester begleitet, die sogar noch Frauen im Alter Nynaeves auf das Talent überprüft.« Ihr plötzliches Lächeln hätte das einer Viper sein können. »Soll ich Sheriam Sedai davon unterrichten, daß Ihr das mißbilligt, Elayne? Soll ich ihr sagen, daß Ihr eure Gefolgsleute nicht überprüfen laßt?« Während sie sprach, senkte sich Elaynes Kinn ein wenig, aber sie konnte jetzt natürlich keinen Rückzieher machen. Sie benötigte eine Ablenkung.
Nynaeve berührte Faolain an der Schulter. »Haben sie viele gefunden?«
Unwillkürlich drehte die Frau den Kopf ein wenig, und als sie sich zurückwandte, beruhigte Elayne gerade Areina und Nicola und erklärte ihnen, man werde ihnen nichts tun und sie zu nichts zwingen. Soweit wäre Nynaeve gar nicht gegangen. Wenn die Aes Sedai eine Frau fanden, die wie Elayne oder Egwene mit diesem Funken geboren worden war und die irgendwann einmal, absichtlich oder nicht, die Macht benützen würde, dann packten sie sie und steckten sie in die Ausbildung, ob sie selbst das wollte oder nicht. Etwas nachlässiger schienen sie mit Frauen umzugehen, die man wohl ausbilden konnte, die aber ohne eine gründliche Schulung von selbst Saidar niemals erreichen konnten; und ebenso mit Wilden, die jene Eins-zu-vier-Chance überlebt und sich selbst das meiste beigebracht hatten, gewöhnlich ohne daß ihnen überhaupt bewußt war, was sie taten, und die oftmals auf irgendeine Weise blockiert waren, so wie Nynaeve. Angeblich konnten diese wählen, ob sie kommen oder bleiben wollten. Nynaeve hatte sich für die Burg entschieden, aber sie vermutete, man hätte sie sonst auch gegen ihren Willen hingebracht, und wenn man sie an Händen und Füßen hätte fesseln müssen. Die Aes Sedai ließen Frauen, die eine auch noch so geringe Möglichkeit zeigten, eine von ihnen zu werden, nicht mehr Chancen als einem Lamm an einem Festtag.
»Drei«, sagte Faolain nach kurzem Nachdenken. »All diese Mühe, und sie haben nur drei gefunden. Eine davon war eine Wilde.« Sie konnte Wilde wirklich nicht leiden. »Ich weiß nicht, warum sie sich so anstrengen, neue Novizinnen zu bekommen. Die Novizinnen hier bei uns können ja ohnehin nicht erhoben werden, bis wir die Burg zurückgewinnen. Das ist alles Siuan Sanches Schuld, ihre und die Leanes.« Ein Muskel in ihrer Wange zuckte, als ihr bewußt wurde, daß diese Bemerkung als feindselig der früheren Amyrlin und der ehemaligen Behüterin gegenüber aufgefaßt werden konnte, und so packte sie schnell Areina und Nicola an den Armen. »Kommt mit. Ich folge den Befehlen, und wenn Ihr überprüft werden sollt, dann werdet ihr es eben, ob man damit Zeit verschwendet oder nicht.«
»Eine böse Frau«, murmelte Min und schielte hinter Faolain her, als sie die beiden durch den Schankraum zerrte. »Man sollte denken, falls es noch Gerechtigkeit gibt, hätte sie eine äußerst ungemütliche Zukunft vor sich.«
Nynaeve hätte Min gern gefragt, welche Vision sie bei dieser Aufgenommenen mit dem Lockenkopf gehabt hatte — sie wollte ihr am liebsten hundert Fragen stellen —, aber nun pflanzten sich Thom und die anderen beiden Männer entschlossen vor ihr und Elayne auf, Juilin und Uno auf einer Seite, Thom auf der anderen, damit sie nach allen Richtungen blicken konnten. Birgitte führte inzwischen Jaril und Seve zu ihrer Mutter und hielt diese so von ihrer Gruppe fern. Min wußte offensichtlich auch, was die Männer vorhatten, so bedauernd schaute sie sie an. Sie schien etwas sagen zu wollen, aber am Ende zuckte sie lediglich die Achseln und schloß sich Birgitte an.
Thoms Gesichtsausdruck nach hätte er über das Wetter sprechen können oder fragen, was es zum Abendessen gebe. Völlig nebensächliche Dinge. »Dieser Ort steckt voll von gefährlichen Narren und Träumern. Sie glauben, Elaida absetzen zu können. Deshalb befindet sich Gareth Bryne hier. Er soll ein Heer für sie aufstellen.«
Juilins Grinsen war unwahrscheinlich breit. »Keine Narren. Verrückte — Frauen wie Männer. Es ist mir völlig gleich, selbst wenn Elaida schon geherrscht hätte, als Logain geboren wurde. Sie spinnen, wenn sie glauben, von hier aus eine Amyrlin vorn Thron stürzen zu können, die sicher in der Weißen Burg sitzt. Wir könnten vielleicht in einem Monat in Cairhien sein.«
»Ragan und die anderen haben sich bereits Pferde ausgesucht, die sie ... borgen ... könnten.« Auch Uno grinste, was ganz im Widerspruch zu dem böse blickenden roten Auge auf seiner Augenklappe stand. »Die Wachen wurden so aufgestellt, daß sie nach Leuten Ausschau halten, die herkommen, aber nicht nach solchen, die weggehen. Wir könnten sie im Wald abhängen. Es wird bald dunkel. Sie finden uns nie.« Als die Frauen noch nach Verlassen des Schiffes am Flußufer ihre Großen Schlangenringe übergestreift hatten, hatte das eine bemerkenswerte Auswirkung auf seine Ausdrucksweise gehabt. Allerdings schien er das ›wiedergutmachen‹ zu wollen, wenn er glaubte, sich außerhalb ihrer Hörweite zu befinden.
Nynaeve sah Elayne an, die den Kopf leicht schüttelte. Elayne würde alles dafür geben, Aes Sedai zu werden. Und sie selbst? Die Chance, die Aes Sedai dazu zu bringen, Rand zu unterstützen, war wohl sehr gering, falls sie sich wirklich endgültig entschlossen hatten, ihn unter ihre Kontrolle zu bringen. Überhaupt keine Chance, wenn sie es realistisch beurteilte. Und doch... Und doch gab es da die Kunst, mit Hilfe der Macht zu heilen. In Cairhien konnte sie das nicht erlernen, aber hier... Keine zehn Schritt von ihr entfernt hakte Therva Maresis, eine schlanke Gelbe mit langer Nase, methodisch mit ihrer Feder Punkte auf einer Liste ab, die auf Pergament geschrieben war. Ein kahlköpfiger Behüter mit schwarzem Vollbart unterhielt sich im Stehen in der Nähe der Tür mit Nisao Dachen. Er überragte sie um mehr als Haupteslänge, obwohl er keineswegs größer als der Durchschnitt war. Dagdara Finchey, so stämmig wie der kräftigste Mann im Raum und größer als die meisten, sprach vor einem der feuerlosen Kamine zu einer Gruppe Novizinnen. Mit knappen Befehlen schickte sie eine nach der anderen mit Aufträgen los. Nisao und Dagdara gehörten auch zu den Gelben Ajah. Man erzählte sich, Dagdara, deren angegrautes Haar sie zu einer der ältesten Aes Sedai machte, verstünde mehr vom Heilen als zwei andere zusammengenommen. Wenn Nynaeve sich zu Rand begab, konnte sie nicht erwarten, viel Nützliches tun zu können. Sie würde ihn wahrscheinlich bestenfalls dabei beobachten können, wie er dem Wahnsinn verfiel. Wenn sie dagegen weitere Fortschritte im Heilen machte, könnte sie vielleicht ein Mittel finden, ihm diesen Weg zu ersparen. Es gab für ihren Geschmack viel zu viel, was die Aes Sedai einfach als hoffnungslos und unheilbar bezeichneten und deshalb auch gar nicht zu heilen versuchten.