Rand schnitt ihm das Wort ab: »Ihr unterrichtet mich nicht sehr gut.«
»So gut, wie man es unter diesen Bedingungen erwarten kann. Mittlerweile könnt Ihr jedesmal Saidin erreichen, wenn Ihr es versucht, und auch einen Strang vom anderen unterscheiden und sie auseinanderhalten. Ihr könnt Euch abschirmen, und die Macht tut, was Ihr wollt.« Er hörte mit dem Harfespielen auf und runzelte die Stirn, sah aber Rand nicht an. »Glaubt Ihr, Lanfear wollte, daß ich Euch wirklich alles beibringe? Wenn sie das beabsichtigt hätte, wäre sie hiergeblieben damit sie uns verknüpfen hätte können. Sie will, daß Ihr überlebt, Lews Therin, aber diesmal will sie die stärkere von Euch beiden sein.«
»Nennt mich nicht so!« fuhr ihn Rand an, aber Asmodean schien nicht hinzuhören.
»Falls Ihr das gemeinsam geplant habt — mir eine Falle zu stellen...« Rand spürte, wie etwas in Asmodean anschwoll, als überprüfe der Verlorene die Abschirmung, die Lanfear um ihn gewoben hatte. Frauen, die die Macht lenken konnten, sahen einen Lichtschein um eine andere Frau, die gerade Verbindung mit Saidar hatte, und fühlten auch ganz deutlich, wie sie wob, doch er sah niemals Asmodean etwas an und spürte nur wenig. »Falls Ihr das zusammen geplant habt, dann habt Ihr euch von ihr auf mehr als nur einer Ebene überlisten lassen. Ich habe Euch doch gesagt, daß ich kein sehr guter Lehrer bin, besonders ohne eine Verknüpfung. Ihr habt das doch gemeinsam geplant, oder?« Jetzt blickte er Rand an, wohl von der Seite her, aber doch sehr eindringlich. »An wieviel erinnert Ihr euch? An Euer Leben als Lews Therin, meine ich. Sie behauptete, Ihr erinnert Euch an gar nichts, aber sie könnte auch den Gr... den Dunklen König selbst belügen.«
»Diesmal hat sie die Wahrheit gesagt.« Er setzte sich auf dem Kissen zurecht und ließ mit Hilfe der Macht einen von den Häuptlingen unberührten Silberbecher heranschweben. Selbst eine so kurze Berührung Saidins war ein erhebendes Gefühl — und schmutzig. Und es war schwer, wieder loszulassen. Er wollte nicht von Lews Therin sprechen. Er hatte genug davon, daß Menschen glaubten, er sei Lews Therin. Bei der Pafferei war der Kopf seiner Pfeife ganz heiß geworden, also hielt er sie am Stiel und gestikulierte damit. »Wenn das Verknüpfen Euch dabei hilft, mich zu unterweisen, warum tun wir's dann nicht?«
Asmodean sah ihn an, als habe er ihn gefragt, warum er keine Steine äße, und schüttelte dann den Kopf. »Ich vergesse immer, wie wenig Ihr tatsächlich wißt. Ihr und ich, wir können uns nicht verknüpfen. Nicht ohne eine Frau als Bindeglied. Ihr könntet vielleicht Moiraine darum bitten, schätze ich, oder das Mädchen Egwene. Eine von ihnen findet vielleicht die richtige Methode heraus. Falls Ihr nichts dagegen habt, daß sie herausfinden, wer ich bin.«
»Lügt mich nicht an, Natael«, grollte Rand. Lange bevor er Natael kennenlernte, hatte er erfahren, daß sich das Weben der Macht bei Männern und Frauen so unterschied, wie eben Männer und Frauen unterschiedlich waren, aber er stellte alles, was der Mann sagte, lieber erst einmal in Frage. »Ich habe gehört, wie Egwene und andere darüber sprachen, daß Aes Sedai ihre Kräfte miteinander verknüpfen. Wenn sie das können, warum dann nicht Ihr und ich?«
»Weil wir das eben nicht können.« Asmodeans Tonfall sprach von Frustration. »Fragt einen Philosophen, wenn Ihr wissen wollt, warum das so ist. Warum können Hunde nicht fliegen? Vielleicht gleicht das Muster auf diese Art aus, daß Männer im allgemeinen stärker sind als Frauen? Wir können uns ohne ihre Hilfe nicht verknüpfen, aber sie können es ohne uns. Jedenfalls bis zu dreizehn von ihnen. Ein kleiner Trost, denn darüber hinaus benötigen sie doch wieder Männer, um den Kreis zu erweitern.«
Rand war diesmal sicher, ihn bei einer Lüge ertappt zu haben. Moiraine hatte gesagt, daß im Zeitalter der Legenden Männer und Frauen gleich stark im Gebrauch der Macht gewesen seien, und sie konnte nicht lügen. Das sagte er ihm und fügte noch hinzu: »Die Fünf Mächte sind gleichwertig.«
»Erde, Feuer, Luft, Wasser und Geist.« Natael ließ für jede einen Akkord erklingen. »Sie sind gleichwertig, das stimmt, und es ist auch wahr, daß alles, was ein Mann mit einer davon erreichen kann, auch von einer Frau erreicht werden kann. Jedenfalls Entsprechendes. Aber das hat nichts damit zu tun, daß Männer stärker sind. Was Moiraine für wahr hält, das berichtet sie als Tatsache, ob es nun eine ist oder nicht. Das ist eine von tausend Schwächen an diesen närrischen Eiden.« Er spielte etwas, das wirklich ziemlich närrisch klang. »Einige Frauen haben stärkere Arme als einige Männer, aber im allgemeinen verhält es sich andersherum. Dasselbe gilt für die Stärke im Umgang mit der Macht, und zwar etwa im gleichen Verhältnis.«
Rand nickte bedächtig. Es ergab schon einen Sinn — auf gewisse Weise. Elayne und Egwene hielt man für zwei der stärksten Frauen, die in den letzten tausend Jahren oder mehr in der Burg ausgebildet wurden. Er hatte einmal seine Kräfte an ihnen ausprobiert, und Elayne hatte ihm später gestanden, sie habe sich gefühlt wie ein Kätzchen, das von einem Kampfhund gepackt wird.
Asmodean war noch nicht fertig. »Wenn sich zwei Frauen verknüpfen, verdoppeln sie ihre Kraft, obwohl das Verknüpfen nicht so einfach ist, da man nicht bloß die Kräfte der einzelnen zusammenwerfen kann. Doch wenn sie stark genug sind, können sie es mit einem Mann aufnehmen. Und wenn sie gar einen Kreis von dreizehn bilden, müßt Ihr euch in acht nehmen. Dreizehn Frauen könnten es verknüpft wohl auch mit dem stärksten Mann aufnehmen, selbst wenn sie noch kaum die Macht beherrschen. Die dreizehn schwächsten Frauen in der Burg könnten Euch oder jeden anderen Mann überwältigen und kämen dabei nicht einmal außer Atem. Ich habe in Arad Doman einmal ein Sprichwort gehört: Je mehr Frauen in der Nähe sind, desto unauffälliger verhält sich der weise Mann. Es wäre vielleicht gut, Euch später daran zu erinnern.«
Rand schauderte und dachte zurück an die Zeit, als er sich unter weit mehr als dreizehn Aes Sedai aufgehalten hatte. Sicher, die meisten von ihnen hatten nicht gewußt, wer er war. Falls sie das geahnt hätten... Wenn Egwene und Moiraine sich verknüpften... Er wollte nicht glauben, daß sich Egwene so weit der Burg genähert und sich von ihrer Freundschaft entfernt hatte. Was sie auch tut, unternimmt sie von ganzem Herzen, und sie will eine Aes Sedai werden. Genau wie Elayne.
Er trank lange, doch auch der halbe Becher Wein konnte den Gedanken nicht wegspülen. »Was könnt Ihr mir noch von den Verlorenen berichten?« Er war sicher, diese Frage schon hundertmal gestellt zu haben, aber er hoffte immer, es ergäbe sich noch irgendeine Kleinigkeit, die auszugraben sich lohnte. Besser, als daran zu denken, daß sich Egwene und Moiraine verknüpften, um...
»Ich habe Euch alles gesagt, was ich weiß.« Asmodean seufzte schwer. »Wir waren selbst im besten Fall kaum so etwas wie Freunde. Glaubt Ihr, ich verberge Euch etwas? Ich weiß nicht, wo sich die anderen aufhalten, falls es das ist, was Ihr hören wollt. Außer bei Sammael, und Ihr wußtet bereits, daß er sich in Illian auf den Königsthron gesetzt hat, bevor ich es Euch sagte. Graendal befand sich eine Zeitlang in Arad Doman, aber ich denke, sie wird wohl mittlerweile weg sein. Ihr ist ein bequemes Leben lieber. Ich glaube, daß sich Moghedien ebenfalls irgendwo im Westen aufhält oder zumindest eine Zeitlang dort war, aber niemand kann die Spinne aufspüren, wenn sie sich nicht finden lassen will. Rahvin hat eine Königin unter seinen kleinen Geliebten, aber ich weiß genausowenig wie Ihr, welches Land sie für ihn regiert. Und das ist alles, was ich weiß, um Euch zu helfen, sie ausfindig zu machen.«
Rand hatte das alles schon gehört. Ihm schien, Asmodean habe alles, was er über die Verlorenen wußte, bestimmt schon fünfzigmal wiederholt. So oft, daß es ihm manchmal schien, er habe schon immer gewußt, was ihm der Mann berichtete. Manches davon hätte er lieber gar nicht erfahren, wie beispielsweise die Dinge, die Semirhage amüsant fand, und einiges ergab auch keinen Sinn. Demandred sollte zum Schatten übergelaufen sein, weil er Lews Therin Telamon beneidete? Rand konnte sich nicht vorstellen, daß man jemanden derart beneidete, um etwas dagegen zu unternehmen, und wenn, dann ganz bestimmt nicht ausgerechnet das! Asmodean behauptete, ihn habe der Gedanke an Unsterblichkeit, an endlose Zeitalter voller Musik, dazu verführt. Er sei auch vorher schon ein bekannter Komponist gewesen. Sinnlos. Und doch konnte in dieser Fülle von oftmals grauenhaften Informationen der Schlüssel zu finden sein, wie er Tarmon Gai'don überlebte. Was er auch Moiraine erzählte: Er wußte, er würde sich ihnen spätestens dann, vielleicht aber früher, zum Kampf stellen müssen. So leerte er seinen Becher und stellte ihn auf den Boden. Mit dem Wein konnte er die Wirklichkeit nicht wegspülen.