Er brauchte wirklich nur einen Moment, um zu tun, was er sich vorgenommen hatte. Er verwob Stränge von Geist und Feuer um den gesamten Raum herum und nabelte sie ab, damit das Gewebe von allein hielt. Jeder konnte den Raum betreten oder verlassen — außer einem Mann, der die Macht benützen konnte. Wenn er selbst oder Asmodean einträten, wäre das, als durchschritten sie eine massive Flammenmauer. Er hatte dieses Gewebe durch Zufall entdeckt, und auch, daß Asmodean, so abgeschirmt wie er jetzt war, zu schwach war, um sich mit Hilfe der Macht daraus zu befreien. Wahrscheinlich würde niemand die Aktivitäten eines Gauklers in Frage stellen, aber falls doch, dann hatte Jasin Natael es eben vorgezogen, so weit wie in Rhuidean möglich von den Aiel entfernt zu schlafen. Das war etwas, das ihm zumindest Hadnan Kaderes Fahrer und Wächter nachfühlen konnten. Und auf diese Weise wußte Rand genau, wo sich der Mann bei Nacht aufhielt. Die Töchter stellten ihm keine Fragen.
Er wandte sich ab. Die Töchter folgten ihm, bildeten einen schützenden Fächer um ihn, als erwarteten sie jeden Moment einen Angriff, und das sogar hier. Asmodean spielte immer noch seine Totenklage.
Mat Cauthon hatte die Arme nach beiden Seiten ausgestreckt und schritt damit über die breite weiße Umrandung des trockenen Brunnens, wobei er den Männern vorsang, die ihm im schwächer werdenden Tageslicht zusahen.
Wir trinken den Wein, bis der Becher geleert,
und küssen das Mädchen, bis es sich nicht mehr wehrt.
Wir würfeln um alles, was des Würfelns wert, und dann tanzen wir mit dem Schwarzen Mann.
Nach der Hitze des Tages schien die Luft richtig kalt, und er dachte kurz daran, seinen feinen grünseidenen Mantel mit den goldenen Stickereien zuzuknöpfen, doch dieses von den Aiel Oosquai genannte Getränk ließ seinen Kopf schwimmen, und so verflog der Gedanke wieder. Auf einem kleinen Sockel im staubigen Brunnenbecken standen weiße Steinfiguren in Form von drei Frauen, zwanzig Fuß hoch und unbekleidet. Jede hatte eine Hand erhoben, während die andere einen mächtigen Steinkrug auf der Schulter festhielt. Die Krüge waren geneigt, um ihr Wasser in das Becken zu gießen. Bei einer fehlten der Kopf und die erhobene Hand, und bei einer anderen war der Krug zersprungen.
Wir tanzen und unsre Füße sind bloß. Dann springen die Mädchen uns auf den Schoß. Am Morgen erst lassen wir sie wieder los, und dann tanzen wir mit dem Schwarzen Mann.
»Ein schönes Lied, und dann auch noch über den Tod!« rief einer der Wagenfahrer im Lugarder Dialekt. Kaderes Männer hielten sich eng zusammengedrängt an einer Seite des Brunnens auf, so weit wie möglich von den Aielmännern entfernt. Es waren wohl alles kampferprobte Männer mit harten Gesichtern, aber jedem von ihnen war klar, daß jeder einzelne der Aiel ihnen bei einem falschen Blick die Kehle aufschlitzen könne. Und ganz unrecht hatten sie damit nicht. »Ich habe meine alte Großmutter vom Schwarzen Mann erzählen hören«, fuhr der Lugarder mit den abstehenden Ohren fort. »Ich find's nicht richtig, so über den Tod zu singen.«
Mat überlegte mit trunkenem Hirn, wie er auf dieses Lied gekommen war. Er verzog das Gesicht. Keiner hatte ›Tanz mit dem Schwarzen Mann‹ mehr gehört, seit Aldeschar erobert wurde. In seinem Kopf erklang immer noch das trotzige Lied, das die Goldenen Löwen bei ihrem letzten vergeblichen Angriff auf das Heer Artur Falkenflügels gesungen hatten, als sie bereits eingeschlossen waren. Na, wenigstens hatte er nicht wieder in der Alten Sprache geplappert. Er war auch nicht halb so betrunken, wie er nun wirken mochte, aber natürlich hatte er schon ein paar Becher Oosquai zuviel getrunken. Das Zeug sah aus und schmeckte auch wie braunes Wasser, aber man bekam davon einen Schlag, als ob einen ein Maultier vor den Kopf trat. Moiraine wird mich doch noch in die Burg verfrachten, wenn ich nicht vorsichtig bin. Na, das würde mich zumindest von Rand und der Wüste wegbringen. Vielleicht war er doch trunkener, als er selbst glaubte, wenn er das schon für einen guten Tausch hielt. So nahm er sich ein anderes Lied vor, den ›Kesselflicker in der Küche‹.
Kesselflicker in der Küche, schaff nur, schaff geschwind.
Die Hausfrau zieht sich oben aus, denn fort sind Mann und Kind.
Sie tanzt die Trepp herab und löst dabei den Zopf. »Kesselflickerjunge, ach, flickst du mir noch einen Topf?«
Einige von Kaderes Männern grölten mit, während er zu dem Fleck zurücktanzte, an dem er begonnen hatte. Die Aiel sangen nicht mit, denn bei ihnen sangen Männer ausschließlich Schlachtengesänge oder Totenklagen für die Gefallenen, und die Töchter des Speers sangen auch nur, wenn sie allein beieinander waren.
Zwei Aielmänner saßen auf dem Brunnenrand und zeigten keinerlei Anzeichen der Wirkung des Oosquai, den sie konsumiert hatten. Höchstens wirkten ihre Augen ein ganz klein wenig glasig. Er wäre so gern wieder in Gegenden gelangt, wo diese hellen Augen eine Seltenheit waren. Wo er aufgewachsen war, hatte er — von Rand abgesehen — nur braune oder schwarze Augen gesehen.
Ein paar Holzstücke, meist wurmstichige Beine oder Armlehnen von Stühlen, lagen auf den breiten Pflastersteinen herum. Dort standen keine Zuschauer. Ein leeres rotes Tongefäß lag neben dem Brunnenrand, und dazu eines, das noch etwas Oosquai enthielt. Auch ein silberner Becher lag dabei. Diese Dinge dienten einem Spiel. Man mußte in einem Zug trinken und dann mit dem Messer ein in die Luft geworfenes Ziel treffen. Keiner von Kaderes Männern und nur wenige Aiel wollten noch mit ihm würfeln, da er so oft gewann, und Karten spielten sie nicht. Messerwerfen galt dagegen als etwas ganz anderes, besonders, wenn auch noch der Oosquai im Spiel war. Er hatte nicht so oft gewonnen wie beim Würfeln, aber im Becken unter seinem Platz am Brunnenrand lagen ein halbes Dutzend gehämmerter Goldbecher, ein paar Armreifen und Halsketten mit Rubinen, Mondsteinen oder Saphiren, und auch noch ein kleiner Stapel Münzen. Neben seinen Gewinnen lagen noch sein flacher Hut und ein eigenartiger Speer mit einem schwarzen Schaft. Einige der Gegenstände waren sogar von Aiel selbst hergestellt worden, wie man sah. Normalerweise zahlten sie lieber mit Beutestücken als mit Münzen, wenn sie verloren hatten.
Corman, einer der beiden Aiel auf der Umrandung, blickte zu ihm auf, als er mit Singen innehielt. Schräg über seine Nase verlief eine weiße Narbe. »Ihr seid beinahe genauso gut mit dem Messer wie beim Würfeln, Matrim Cauthon. Sollen wir Schluß machen? Die Sonne geht unter.«
»Es ist doch noch hell genug.« Mat blinzelte zum Himmel empor. Bleiche Schatten bedeckten alles hier im Tal von Rhuidean, doch gegen den Himmel konnte man immer noch sehen, wie sich die Gebäude abzeichneten. »Bei dem Licht konnte auch meine Großmutter noch ihr Ziel treffen. Ich könnte es mit verbundenen Augen schaffen.«
Jenric, der andere der beiden Aiel, sah sich nach den Zuschauern um. »Sind hier auch Frauen zugegen?« Er war wie ein Bär gebaut und hielt sich für geistreich. »So redet ein Mann doch nur, wenn er Frauen beeindrucken will.« Die unter den Zuschauern verstreuten Töchter des Speers lachten genauso wie die anderen Männer, wenn nicht noch schallender.
»Glaubt Ihr etwa, ich kann das nicht?« knurrte Mat und zog sich das dunkle Halstuch ab, mit dem er immer die Narbe verbarg, wo man ihn aufgehängt hatte. »Schrei einfach ›Jetzt‹, wenn du es hochwirfst, Corman.« Schnell band er sich das Halstuch über die Augen und zog eines seiner Messer aus dem Ärmel. Das lauteste Geräusch, das er hören konnte, war das schwere Atmen der Zuschauer. Nicht betrunken? Ich muß doch stockbesoffen sein! Und doch fühlte er plötzlich sein Glück aufsteigen, diesen eigenartigen Schwall, wie sonst, wenn er wußte, wie viele Augen die Würfel zeigen würden, sobald sie still lagen. Sein Kopf schien dadurch sogar ein wenig klarer zu werden. »Werf schon«, murmelte er gelassen.