Выбрать главу

»Jetzt!« rief Corman, und Mats Arm bog sich zurück und schnellte dann nach vorn.

In der Stille klang der wuchtige Aufschlag von Stahl in Holz genauso laut wie das Klappern des Ziels auf das Pflaster.

Keiner sprach ein Wort, als er sich das Tuch wieder um den Hals schlang. Auf der offenen Fläche lag ein Stück von einer Stuhllehne, nicht größer als seine Hand. Sein Messer steckte tief und genau in der Mitte. Corman hatte, wie es schien, auch noch ein viel kleineres Ziel geworfen als üblich. Nun, er hatte ja kein bestimmtes Ziel mit ihm abgesprochen. Mit einem Mal wurde ihm klar, daß er nicht einmal gewettet hatte.

Schließlich stieß einer von Kaderes Männern hervor: »Das Glück des Dunklen Königs war das!«

»Das Glück ist wie jedes andere Pferd. Man kann darauf reiten«, sagte Mat leise, mehr zu sich selbst. Gleich, wo es herrührte. Er hatte ja auch keine Ahnung, wieso er solches Glück hatte, doch ausnützen wollte er es, so gut es überhaupt möglich war.

So leise er auch gesprochen hatte: Jenric sah ihn mit gerunzelter Stirn an. »Was habt Ihr da gesagt, Matrim Cauthon?«

Mat öffnete den Mund, um seine Worte zu wiederholen, doch dann schloß er ihn wieder, als er die Worte klar vor sich sah: Sene sovya caba'donde ain dovienya. Die Alte Sprache. »Ach, nichts«, murmelte er. »Ich führe nur Selbstgespräche.« Die Zuschauer zerstreuten sich nun langsam. »Ich denke, nun ist es wirklich langsam zu dunkel, um weiterzumachen.«

Corman stellte einen Fuß auf das Holzstück, um Mats Messer herauszuziehen, und brachte es ihm zurück. »Irgendwann einmal wieder, Matrim Cauthon.

Irgendwann.« So drückten sich die Aiel aus, wenn sie ›nie‹ meinten, es aber nicht aussprechen wollten.

Mat nickte, als er die Klinge in eine der Scheiden in seinem Ärmel zurücksteckte. Es war das gleiche wie damals, als er dreiundzwanzigmal hintereinander sechs Sechser gewürfelt hatte. Er konnte es ihnen kaum übelnehmen. Aber Glück zu haben war doch noch keineswegs alles. Mit etwas Neid stellte er fest, daß keiner der Aiel auch nur im geringsten schwankte, als er sich der sich zerstreuenden Menge anschloß.

Mat fuhr sich mit der Hand durchs Haar und setzte sich schwerfällig auf den Brunnenrand. Die fremden Erinnerungen, die einst wie die Rosinen im Kuchen in seinem Verstand eingebettet gelegen hatten, verschwammen nun mit seinen eigenen. Mit einem Teil seines Verstands wußte er, daß er vor zwanzig Jahren im Gebiet der Zwei Flüsse geboren worden war, aber andererseits erinnerte er sich auch deutlich daran, wie er den Flügelangriff geleitet hatte, der die Trollocs bei Maighande zurückgeschlagen hatte, oder daran, wie er am Hof von Tarmandewin getanzt hatte, und an hundert, ja tausend andere Dinge. Zumeist an Schlachten. Er erinnerte sich daran, öfter gestorben zu sein, als ihm lieb war. Es gab keine deutlichen Nahtstellen mehr zwischen den Leben. Er konnte nur noch mit äußerster Konzentration die eigenen Erinnerungen von den fremden unterscheiden.

Er faßte nach hinten und setzte sich den breitkrempigen Hut auf. Dann holte er den eigenartigen Speer nach vorn und legte ihn sich über die Knie. Statt einer normalen Speerspitze wies er etwas auf, das wie eine zwei Fuß lange Schwertklinge aussah, mit einem Paar eingravierter Raben darauf. Lan sagte, diese Klinge sei während des Kriegs um die Macht, des Schattenkriegs, mit Hilfe der Einen Macht geschmiedet worden. Der Behüter behauptete, sie müsse niemals geschärft werden und würde nie brechen. Mat hatte nicht vor, darauf zu vertrauen, außer er war dazu gezwungen. Sie hatte ja dreitausend Jahre überdauert, doch er traute der Einen Macht recht wenig. Am schwarzen Schaft zog sich eine kursiv geschriebene Textzeile entlang, die an beiden Seiten jeweils in einem Raben endete. Das Ganze war in einem Metall eingelegt, das noch dunkler als das Holz selbst war. In der Alten Sprache, aber die konnte er natürlich jetzt lesen.

Somit ist unser Vertrag festgelegt und die Vereinbarung geschlossen. Der Gedanke ist der Pfeil der Zeit;

die Erinnerung verblaßt niemals. Was verlangt worden war, wurde gegeben. Der Preis ist bezahlt.

Etwa eine halbe Meile entfernt die breite Straße hinunter befand sich ein Platz, den man in jeder anderen Stadt als groß bezeichnet hätte. Die Aielhändler waren zur Nacht verschwunden, aber ihre Buden standen noch da. Sie bestanden aus einer Art graubrauner Wolle, wie sie die Aiel für ihre Zelte verwendeten. Hunderte von Händlern aus allen Teilen der Wüste waren nach Rhuidean gekommen. So war der größte Markt entstanden, den die Aiel jemals erlebt hatten, und es kamen jeden Tag noch immer mehr an. Die Händler hatten zu den ersten gehört, die sich tatsächlich in der Stadt fest niedergelassen hatten und nun hier wohnten.

In die andere Richtung wollte Mat gar nicht schauen. Dort befand sich der große Platz. Er konnte dort die Umrisse von Kaderes Wagen ausmachen, die morgen weiter beladen würden. Heute nachmittag hatte man in einen davon etwas eingeladen, was wie ein verdrehter Sandstein-Türrahmen wirkte. Moiraine hatte sich besondere Mühe gegeben, ihn so festzurren zu lassen, wie sie es für richtig hielt.

Ihm war nicht klar, was sie darüber wußte, und er würde sie ganz bestimmt nicht danach fragen. Es war besser, sie vergaß, daß es ihn überhaupt noch gab, obwohl er diesbezüglich nicht viel Hoffnung hatte. Was sie auch über den Türrahmen wissen mochte, er wußte jedenfalls mehr darüber. Er war hindurchgetreten — ein Narr, der nach Antworten suchte. Was er statt dessen bekommen hatte, war ein Kopf voll Erinnerungen anderer Männer. Toter Männer. Er zog das Tuch enger um seinen Hals zusammen. Und noch zwei andere Dinge. Ein silbernes Medaillon in Form eines Fuchskopfes, das er unter dem Hemd trug, und die Waffe auf seinen Knien. Eine dürftige Entschädigung. Er fuhr mit den Fingern sanft die Schriftzeichen nach. Die Erinnerung verblaßt niemals. Sie hatten einen Sinn für Humor, der zu den Aiel paßte, die Leute auf der anderen Seite der Tür.

»Schafft Ihr das eigentlich jedesmal?«

Er riß den Kopf herum und erblickte eine Tochter des Speers, die sich gerade neben ihn gesetzt hatte. Sie war selbst für eine Aielfrau groß, möglicherweise größer als er, ihr Haar war wie gesponnenes Gold und die Augen von der Farbe des klaren Morgenhimmels. Sie war älter als er, vielleicht um zehn Jahre, aber das hatte ihn noch nie abgeschreckt. Allerdings war sie eben eine Far Dareis Mai.

»Ich heiße Melindhra«, fuhr sie fort, »und gehöre zur Jumai-Septime. Schafft Ihr das wirklich jedesmal?«

Nun erst wurde ihm bewußt, daß sie vom Messerwerfen sprach. Sie nannte ihre Septime, aber keinen Clan. Das taten die Aiel fast nie. Aber... Sie mußte eine der Shaido-Töchter sein, die gekommen waren, um sich Rand anzuschließen. Er verstand all das Zeug mit den Kriegergemeinschaften nicht so ganz, aber was die Shaido betraf, erinnerte er sich nur zu gut daran, wie sie ihn mit Speeren hatten spicken wollen. Couladin konnte niemanden leiden, der mit Rand irgendwie verbunden war, und was Couladin haßte, haßten auch die Shaido. Andererseits war Melindhra hierher nach Rhuidean gekommen. Eine Tochter des Speers. Und nun lächelte sie ihn leicht an. In ihrem Blick funkelte etwas Einladendes.

»Meistens, ja«, antwortete er wahrheitsgemäß. Auch wenn er es nicht direkt spürte, hatte er noch Glück, und wenn er es aufwallen fühlte, konnte überhaupt nichts schiefgehen. Sie schmunzelte. Ihr Lächeln wurde breiter, als halte sie ihn für einen Angeber. Frauen schienen sich immer schon entschieden zu haben, ob man log oder nicht, bevor sie auch nur einen Beweis gesehen hatten. Auf der anderen Seite war es so: Wenn sie einen mochten, dann war es ihnen entweder egal oder sie fielen ins andere Extrem und hielten dann auch seine dickste Lüge für wahr.

Töchter des Speers konnten unabhängig von ihrem Clan gefährlich werden, doch das traf, wie er aus eigener Erfahrung wußte, auf alle Frauen zu. Jedenfalls hatte Melindhra nicht nur Augen für ihn allein.