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Also kramte er in seinen Gewinnen und zog eine Halskette mit vielen Goldspiralen heraus, in deren Zentrum jeweils ein tiefblauer Saphir befestigt war. Der größte hatte immerhin die Größe seines Daumennagels. Er erinnerte sich noch an eine Zeit — diesmal in seiner eigenen Erinnerung —, als ihn der kleinste dieser Steine noch zum Schwitzen gebracht hätte.

»Die passen wunderschön zu Euren Augen«, sagte er und legte das schwere Kollier in ihre Hände. Er hatte wohl noch nie gesehen, daß eine der Töchter Halsschmuck trug, doch seiner Erfahrung nach hatte jede Frau Schmuck gern. Und seltsamerweise gefielen ihnen allen auch Blumen fast genauso wie Schmuck. Er verstand das wohl nicht, aber er gab sowieso zu, daß er Frauen noch weniger verstand als sein Glück oder das, was auf der anderen Seite des verdrehten Türrahmens geschehen war.

»Sehr schöne Arbeit«, sagte sie, als sie es hochgehalten und gemustert hatte. »Ich nehme Euer Angebot an.« Die Halskette verschwand in ihrer Gürteltasche und sie beugte sich herüber, um ihm den Hut aus dem Gesicht zu schieben. »Du hast hübsche Augen. Wie dunkle, hochglänzende Tigeraugen, falls du die Steine kennst.« Sie drehte sich ein wenig um und zog die Beine auf den Brunnenrand empor. Dann schlang sie die Arme um die Beine, saß einfach so da und musterte ihn eindringlich. »Meine Speerschwestern haben mir von dir erzählt.«

Mat rückte seinen Hut wieder zurecht und beobachtete sie mißtrauisch unter der Krempe hervor. Was hatten sie ihr erzählt? Und welches ›Angebot‹? Es war doch nur eine Halskette. Die Einladung war aus ihrem Blick verschwunden. Nun wirkte sie wie eine Katze, die eine Maus betrachtet. Das war eben das Problem bei diesen Töchtern des Speers. Manchmal konnte man kaum unterscheiden, ob sie mit dir tanzen, dich küssen oder dich töten wollten.

Die Straße leerte sich, die Schatten wurden tiefer, aber er erkannte Rand trotzdem, der ein Stückchen weiter unten schräg über die Straße ging, die Pfeife zwischen den Zähnen. Er war der einzige Mann in Rhuidean, der immer mit einem Schwarm von Far Dareis Mai herumlief. Sie sind immer bei ihm, dachte Mat. Sie behüten ihn wie ein Rudel Wölfinnen und springen, sobald er ein Wort sagt. Einige Männer würden ihn deshalb vielleicht beneiden. Nicht so Mat. Wenn es allerdings ein Rudel Mädchen vom Typ Isendres wäre...

»Entschuldige mich einen Moment«, sagte er schnell zu Melindhra. Er lehnte seinen Speer an die niedrige Brüstung vor dem Brunnen, sprang auf und rannte los. In seinem Kopf summte es immer noch, wenn auch nicht mehr so stark, und er wankte nicht. Er machte sich keine Sorgen um seine Gewinne. Die Aiel hatten ganz klare Ansichten in bezug auf das, was erlaubt war und was nicht. Während eines Kriegszugs Beute zu machen war absolut legitim, Diebstahl aber nicht. Kaderes Männer hatten schnell gelernt, die Hände in den Taschen stecken zu lassen, nachdem einer von ihnen beim Stehlen erwischt worden war. Man hatte ihn verprügelt, daß er von den Schultern bis zu den Fersen von Striemen bedeckt war, und dann hatte man ihn weggeschickt. Der einzige Wasserschlauch, den sie ihm mitgegeben hatten, dürfte wohl bei weitem nicht gereicht haben, um die Drachenmauer zu erreichen, selbst in bekleidetem Zustand, doch sie hatten ihn ja nackt davongejagt. Jetzt hoben Kaderes Männer noch nicht einmal eine Münze auf, wenn sie herrenlos auf der Straße lag.

»Rand?« Der andere Mann schritt von seiner weiblichen Eskorte umgeben weiter. »Rand?« Rand war noch nicht einmal zehn Schritt entfernt, doch er zeigte kein Anzeichen des Erkennens. Nur ein paar der Töchter des Speers blickten sich um, nicht aber Rand. Mat fror plötzlich, und das hatte nichts mit dem Einbruch der Nacht zu tun. Er leckte sich die Lippen und sprach noch einmal, aber nicht sehr laut: »Lews Therin.« Und Rand drehte sich um. Mat wünschte fast, er hätte sich auch jetzt nicht umgewandt.

Eine Weile lang blickten sie sich im Zwielicht des Abends schweigend an. Mat zögerte, näher heranzutreten. Er versuchte, sich einzureden, das sei wegen der Töchter des Speers. Adelin war eine von denen gewesen, die ihn ein sogenanntes Spiel gelehrt hatten, das man den ›Kuß der Jungfrau‹ nannte. Das würde er niemals mehr vergessen und auch niemals mehr spielen, soweit es in seiner Macht lag. Und Enailas Blick fuhr ihm wie ein Bohrer in den Schädel. Wer erwartete denn auch, daß eine Frau gleich hochging wie ein Feuerwerkskörper, weil man ihr sagt, sie sei die hübscheste kleine Blume, die man je gesehen hat?

Und dann Rand. Er und Rand waren zusammen aufgewachsen. Sie und dazu Perrin, der Gehilfe des Schmieds zu Hause in Emondsfeld, hatten zusammen gejagt, gefischt, waren gemeinsam durch die Sandhügel gewandert bis zum Rand der Verschleierten Berge, hatten unter dem Sternenzelt kampiert. Rand war sein Freund. Nur war er jetzt ein Freund, der einem vielleicht den Kopf einschlagen würde, ohne es zu wollen. Und Perrin war möglicherweise Rands wegen tot.

Er zwang sich dazu, auf Armeslänge an den anderen Mann heranzutreten. Rand war beinahe einen Kopf größer, und im Zwielicht dieses frühen Abends wirkte er sogar noch größer. Kälter, als er gewesen war. »Ich habe nachgedacht, Rand.« Mat wünschte, seine Stimme klänge nicht so heiser. Er hoffte, Rand werde diesmal auf seinen richtigen Namen reagieren. »Ich war lange von zu Hause weg.«

»Wir beide«, sagte Rand leise. »Lange Zeit.« Plötzlich lachte er auf, nicht laut, doch beinahe wie der alte Rand. »Fängst du an, dich danach zu sehnen, daß du die Kühe deines Vaters melken kannst?«

Mat kratzte sich am Ohr und grinste ein wenig. »Das nicht gerade.« Wenn er niemals mehr eine Scheune von innen sah, war ihm das nur zu recht. »Aber ich dachte daran, mitzufahren, wenn Kadere mit seinen Wagen aufbricht.«

Rand schwieg. Als er wieder sprach, war der Anflug von Heiterkeit vorbei. »Den ganzen Weg nach Tar Valon?«

Nun war die Reihe, zu zögern, wieder an Mat. Er würde mich doch nicht an Moiraine verraten? Oder doch? »Vielleicht«, sagte er, als sei es nebensächlich. »Ich weiß noch nicht. Dort würde Moiraine mich ja sowieso am liebsten hinbringen. Vielleicht finde ich auch eine Möglichkeit, zu den Zwei Flüssen zurückzukehren. Mal sehen, ob zu Hause alles in Ordnung ist.« Nachsehen, ob Perrin noch am Leben ist. Und meine Schwestern und Mutter und Pa.

»Wir alle müssen tun, was sein muß, Mat. Nicht das, was wir gern wollen. Jedenfalls nicht oft. Was wir müssen.«

Für Mat klang das wie eine Entschuldigung, als bitte ihn Rand um sein Verständnis. Nur, daß auch er selbst einige Male getan hatte, was er mußte. Ich kann ihn nicht für Perrin verantwortlich machen, nicht ihn selbst. Und niemand hat mich verdammt noch mal gezwungen, Rand wie ein blutiges Schoßhündchen hinterherzulaufen. Aber auch das stimmte nicht. Er war gezwungen gewesen. Nur eben nicht von Rand. »Du wirst... mich nicht aufhalten, wenn ich weg will?«

»Ich versuche gar nicht erst, dir zu sagen, ob du kommen oder gehen sollst, Mat«, sagte Rand müde. »Das Rad webt das Muster, und nicht ich. Und das Rad webt, wie es will.« Ausgerechnet er sprach schon wie eine verdammte Aes Sedai! Rand wandte sich schon halb zum Gehen, fügte aber dann noch hinzu: »Traue Kadere nicht, Mat. Auf gewisse Art ist er einer der gefährlichsten Männer, die du je kennengelernt hast. Vertraue ihm kein bißchen, oder jemand schneidet dir vielleicht die Kehle durch. Du und ich wären nicht die einzigen, die das bedauern würden.« Damit war er weg, die Straße hinunter in die tiefer sinkende Dämmerung hinein. Die Töchter des Speers umgaben ihn wie ein Rudel Wölfe.

Mat sah ihm nach. Dem Händler vertrauen? Ich würde Kadere nicht trauen, und wenn er gefesselt in einem Sack steckte. Also webte nicht Rand das Muster? Aber er kam dem doch ziemlich nahe! Bevor noch jemals einer von ihnen erfahren hatte, daß die Prophezeiungen ausgerechnet mit ihnen zu tun hatten, hatten sie erfahren, daß Rand ein Ta'veren war, einer jener seltenen Menschen, die nicht willkürlich in das Muster hineingewoben wurden, sondern statt dessen das Muster zwangen, sich um sie herum zu gestalten. Mat wußte wohl, was es hieß, ein Ta'veren zu sein, denn er war selbst einer, wenn auch nicht so stark wie Rand. Manchmal konnte Rand das Leben anderer Menschen beeinflussen, seinen Lauf ändern, nur, weil er sich im gleichen Ort aufhielt. Auch Perrin war ein Ta'veren, oder war es vielleicht gewesen. Moiraine hatte es für bedeutsam gehalten, daß sie gleich drei junge Männer aus dem gleichen Dorf aufgespürt hatte, deren Schicksal sie zu Ta'veren werden ließ. Sie hatte auf jeden Fall vor, sie alle in ihre Pläne einzubeziehen, was sie auch sein mochten.