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Es sollte ja angeblich eine ganz tolle Sache sein. Alle Ta'veren, von denen Mat jemals gehört hatte, waren Männer wie Artur Falkenflügel gewesen oder Frauen wie Mabriam en Shereed, von der die Legenden behaupteten, sie habe nach der Zerstörung der Welt den Pakt der Zehn Nationen begründet. Aber keine Legende berichtete, was geschah, wenn sich ein Ta'veren so nahe bei einem anderen und noch dazu so starken wie Rand befand. Man fühlte sich dann wie ein Blatt in einem Mahlstrom.

Melindhra trat an seine Seite und reichte ihm den Speer und einen schweren, grob gewebten Sack, in dem es klapperte. »Ich habe deine Gewinne hineingetan, ja?« Sie war tatsächlich größer als er — eine gute Handbreit. Sie blickte Rand hinterher. »Ich hatte gehört, daß du ein Beinahe-Bruder von Rand al'Thor seist.«

»Wenn man so will«, sagte er trocken.

»Es spielt keine Rolle«, tat sie es ab und konzentrierte sich auf ihn. Die Fäuste hatte sie auf die Hüften gestemmt. »Du hast mein Interesse erregt, Mat Cauthon, noch bevor du mir diese Aufmerksamkeit gabst. Natürlich werde ich deshalb nicht den Speer für dich aufgeben, aber ich habe dich schon seit Tagen im Auge. Du hast ein Lächeln an dir, wie ein Junge, der gleich etwas anstellen wird. Das gefällt mir. Und diese Augen.« Im versagenden Tageslicht schien ihm ihr Lächeln bedächtig und breit — und warm. »Mir gefallen deine Augen wirklich.«

Mat rückte den Hut gerade, obwohl er gar nicht schief gesessen hatte. Vom Verfolger zum Verfolgten, vom Jäger zum Gejagten, und das innerhalb eines Wimpernschlags. Solches konnte einem bei den Aielfrauen passieren. Besonders bei den Töchtern des Speers. »Sagt dir die Bezeichnung ›Tochter der Neun Monde‹ irgend etwas?« Die Frage hatte er schon ein paarmal Frauen gestellt. Die falsche Antwort würde ihn noch heute Abend aus Rhuidean vertreiben, und wenn er zu Fuß durch die ganze Wüste marschieren müßte.

»Nein, nichts«, sagte sie. »Aber es gibt Sachen, die ich gern bei Mondschein unternehme.«

Sie legte ihm einen Arm um die Schultern, nahm seinen Hut ab und begann, ihm etwas ins Ohr zu flüstern. Nach kurzer Zeit grinste er sehr viel breiter als sie zuvor.

4

Zwielicht

Mit seiner Eskorte von Far Dareis Mai näherte sich Rand dem Dach der Töchter des Speers in Rhuidean. Weiße Treppen über die ganze Breite des großen Gebäudes, jede Stufe einen Schritt tief, führten hinauf zu mächtigen, zwanzig Schritt hohen Säulen, die im Dämmerlicht schwarz wirkten, aber bei Tag ein strahlendes Blau zeigten, und deren Mantel in Spiralen gearbeitet war. Die Außenwände des Gebäudes bestanden aus einem Mosaik glasierter Fliesen, weiß und blau, deren Spiralmuster dem Augen endlos erschien. Ein riesiges Fenster gleich über den Säulen wies ein farbiges Glasmosaik auf. Es zeigte eine fünfzehn Fuß hohe, schwarzhaarige Frau. Sie trug ein faltenreiches, blaues Gewand und hatte die rechte Hand erhoben, entweder um zu segnen oder um Einhalt zu gebieten. Ihr Gesicht wirkte würdevoll und streng zugleich. Wer sie auch gewesen sein mochte, eine Aiel war sie jedenfalls nicht, bei der blassen Haut und diesen dunklen Augen. Vielleicht eine Aes Sedai. Er klopfte die Pfeife am Absatz seines Stiefels aus und steckte sie in die Manteltasche, bevor er die Treppe hinaufging.

Außer den Gai'schain durfte eigentlich kein Mann unter ein Dach der Töchter des Speers treten, kein einziger Mann und in keiner Festung der ganzen Wüste. Selbst ein Häuptling oder der Blutsverwandte einer der Töchter könnte den Tod erleiden, sollte er es versuchen, aber natürlich dachte kein Aielmann auch nur an so etwas. Das galt übrigens für alle Kriegergemeinschaften; nur Mitglieder und die Gai'schain durften hineingehen.

Die beiden Töchter, die an der hohen Bronzetür Wache hielten, unterhielten sich und sahen nur kurz zu ihm herüber, als er zwischen den Säulen hindurchschritt. Dann tauschten sie ein leichtes Grinsen. Er wünschte, er wüßte, was sie gesagt hatten. Selbst in einem so trockenen Land wie der Wüste lief Bronze mit der Zeit an und wurde blind, doch Gai'schain hatten diese Türflügel poliert, bis sie wie neu glänzten. Sie standen nun weit offen, und die beiden Wächterinnen machten keine Anstalten, ihn am Hineingehen zu hindern, mit Adelin und den anderen auf den Fersen.

Die breiten, weißgefliesten Korridore und die großflächigen Zimmer waren voll von Töchtern des Speers. Sie saßen auf bunten Kissen, tratschten, pflegten ihre Waffen, spielten Fingerspiele oder Brettspiele oder ›Tausend Blumen‹, ein Aielspiel, bei dem man mit flachen Spielsteinen, die anscheinend hundert verschiedene Symbole zeigten, Muster legen mußte. Natürlich glitten unzählige Gai'schain mit eleganten Schritten durch das Gebäude, gingen ihren Aufgaben nach, putzten, bedienten, reparierten, füllten die Öllampen auf, von denen man eine große Bandbreite sah: von einfachen, glasierten Tonlampen bis zu vergoldeten Beutestücken von irgendwoher, und den hohen Stehlampen, die man in der Stadt vorgefunden hatte. In den meisten Zimmern bedeckten bunte Teppiche und leuchtende Wandbehänge Böden und Wände. Man sah beinahe so viele Muster und Stilformen, wie Teppiche und Gobelins vorhanden waren. Darüber hinaus zeigten die Wände und Decken detaillierte Mosaikarbeiten in Form von Wäldern und Flüssen und Himmeln, wie man sie in der Wüste niemals sah.

Ob jung oder alt: die Töchter lächelten ihn an, wenn sie seiner gewahr wurden, und einige nickten ihm vertraut zu oder klopften ihm sogar auf die Schulter. Andere sprachen ihn an, fragten nach seinem Befinden, ob er schon gegessen habe, ob er wolle, daß ihm die Gai'schain Wein oder Wasser brächten. Er erwiderte das meiste mit einem Lächeln. Es gehe ihm gut, und er habe weder Hunger noch Durst. Er ging weiter und verlangsamte seinen Schritt nicht, wenn er ihnen antwortete. Wenn er langsamer ging, würde das unweigerlich dazu führen, daß er bei ihnen stehenblieb, und das war ihm heute abend zuviel.

Die Far Dareis Mai hatten ihn auf gewisse Weise adoptiert. Einige behandelten ihn wie ihren Sohn, andere wie einen Bruder. Das Alter schien dabei keine Rolle zu spielen. Frauen mit weißen Strähnen im Haar tranken Tee mit ihm und sprachen mit ihm wie mit einem Bruder, während Töchter, die kaum ein Jahr älter waren als er, ihn bemutterten, indem sie ihm sagten, was er bei dieser Hitze an Kleidung zu tragen habe. Dieses Bemuttern ließ sich nicht vermeiden. Sie verhielten sich einfach so, und er wußte auch nicht, wie er es verhindern konnte, ohne die Eine Macht gegen sie alle auf einmal einzusetzen.

Er hatte daran gedacht, vielleicht eine andere Kriegergemeinschaft zu seinem eigenen Schutz einzusetzen, die Shae'en M'taal zum Beispiel, die Steinhunde, oder die Aethan Dor, die Roten Schilde — Rhuarc hatte zu den Roten Schilden gehört, bevor er Häuptling wurde —, nur, welche Begründung konnte er ihnen dafür liefern? Sicherlich nicht die Wahrheit. Wenn er nur daran dachte, Rhuarc und den anderen das zu erklären, wurde er nervös. Bei dem eigenartigen Humor der Aiel würde ihm vielleicht sogar der griesgrämige alte Han vor Lachen die Rippen brechen. Außerdem würde wahrscheinlich jeder mögliche Grund die Ehre jeder einzelnen Tochter des Speers verletzen. Wenigstens bemutterten sie ihn selten außerhalb, nur unter ihrem Dach, wenn niemand anders zusehen konnte als höchstens die Gai'schain, und die wußten es besser, als irgendwo herumzuerzählen, was hier geschehen war. »Die Töchter«, hatte er selbst einmal gesagt, »tragen meine Ehre.« Daran erinnerte sich wohl jeder, und die Töchter waren genauso stolz darauf, als habe er sie auf einen Thron gesetzt. Doch wie es schien, trugen sie seine Ehre auf eine Art und Weise, die sie selbst bestimmten.