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Dann erinnerte sie sich an den kalten Luftzug und zögerte. Der eiskalte Windstoß hatte dazu geführt, daß sich zwei große weiße Blüten in einer flachen Schale mit Wasser zum Teil geschlossen hatten. Sie stammten von einer Pflanze, die hier Segade genannt wurde, einem fleischigen, blattlosen, ledrigen Ding, das vor Dornen starrte. Sie hatte heute morgen Aviendha getroffen, die auf diese Blüten in ihren Händen herabgeblickt hatte. Die Aielfrau war zusammengezuckt, als sie ihrer gewahr wurde, und dann hatte sie Egwene die Blüten in die Hand gedrückt und behauptet, sie habe sie für sie gepflückt. Ihrer Ansicht nach war Aviendha immer noch zu sehr eine Tochter des Speers, um zuzugeben, daß sie Blumen mochte. Obwohl — ja, sie hatte eigentlich schon bemerkt, daß eine Tochter durchaus eine Blüte im Haar oder am Mantel trug.

Du versuchst nur, deinen Abgang hinauszuzögern, Egwene al'Vere. Hör jetzt auf, dich wie ein närrischer

Wollkopf zu benehmen. Du bist genauso töricht wie Cowinde. »Geht voraus«, sagte sie und hatte gerade noch genug Zeit, den wollenen Umhang um ihre Nacktheit zu hüllen, bevor die Frau die Zeltklappe für sie aufriß und sie in die kälteklirrende Nacht entließ.

Über ihr standen die Sterne als klar umrissene Lichtpunkte in der Dunkelheit, und der dreiviertelvolle Mond schien hell. Das Lager der Weisen Frauen bestand aus einer Gruppe von zwei Dutzend niedrigen Erhebungen, keine hundert Schritt entfernt vom Ende einer der gepflasterten Straßen Rhuideans. Sie endete dort in hartem, gesprungenem Lehm, mit Steinen durchsetzt. Die vor dem Mondschein flüchtenden Schatten machten aus der Stadt ein Gebirge dräuender Klippen und tiefdunkler Schluchten. Bei jedem Zelt waren die Klappen geschlossen, und die Luft war erfüllt vom Duft der Feuer und siedenden Speisen.

Die anderen Weisen Frauen kamen fast täglich zu Beratungen her, doch sie verbrachten die Nächte bei ihren eigenen Septimen. Ein paar schliefen aber tatsächlich mittlerweile in Rhuidean. Bair allerdings nicht. Sie befanden sich jetzt so nah an Rhuidean, wie Bair überhaupt der Stadt kommen wollte. Wenn Rand nicht hiergewesen wäre, hätte sie zweifellos darauf bestanden, ihr Lager in den Bergen aufzuschlagen.

Egwene hielt ihren Umhang mit beiden Händen geschlossen und ging, so schnell sie nur konnte. Eisige Windfinger krochen unter dem Saum des Umhangs hindurch, jedesmal, wenn ihre nackten Beine einen Spalt darin öffneten. Cowinde mußte ihr weißes Gewand beim Gehen um die Knie raffen, um vor ihr zu bleiben. Egwene benötigte die Führung der Gai'schain keineswegs, aber da die Frau ausgesandt worden war, um sie hinzubringen, wäre sie beschämt und wahrscheinlich auch beleidigt, wenn sie ihr das nicht gestattete. So biß sie die Zähne zusammen, um sie am Klappern zu hindern, und wünschte, die Frau würde laufen.

Das Dampfzelt sah aus wie jedes andere, niedrig und breit, die Klappen auf allen Seiten heruntergelassen, aber den Rauchabzug hatte man abgedeckt. Gleich daneben war ein Feuer bereits bis auf die letzte Glut heruntergebrannt, die über ein paar männerkopfgroße Steine verteilt war. Der Lichtschein reichte nicht aus, um die kleinere dunkle Erhebung neben dem Zelteingang genau erkennen zu können, aber sie wußte, daß sie aus sauber zusammengelegter Frauenkleidung bestand.

Sie atmete noch einmal tief die eiskalte Luft ein, trat sich die Schuhe von den Füßen, ließ den Umhang fallen und hechtete beinahe in das Zelt hinein. Ein Augenblick der beißenden Kälte, dann fiel die Klappe hinter ihr zu und die dampfende Hitze umschloß sie. Innerhalb eines Moments trieb ihr die Hitze den Schweiß aus den Poren, obwohl sie noch nach Luft schnappte und zitterte.

Die drei Weisen Frauen, die sie im Traumwandeln unterwiesen, saßen unbeteiligt schwitzend drinnen. Ihre hüftlangen Haare hingen glatt und feucht herunter. Bair unterhielt sich mit Melaine, deren grünäugige Schönheit mit dem dazugehörigen rotgoldenen Haar einen harten Kontrast zum ledrigen Gesicht und den langen weißen Strähnen der älteren Frauen bildete. Auch Amys hatte weiße Haare — oder so hellblond, daß sie weiß erschienen —, doch sie wirkte nicht alt. Sie und Melaine konnten mit der Macht umgehen, und das war nicht bei sehr vielen Weisen Frauen der Fall. Beide hatten etwas wie die typische Alterslosigkeit der Aes Sedai an sich. Moiraine, die neben den anderen schmächtig und klein wirkte, saß ebenfalls völlig unberührt da, obwohl der Schweiß über ihre blasse Nacktheit rann und ihr Haar naß an der Kopfhaut klebte. Ihre würdevolle Haltung machte vergessen, daß sie unbekleidet war. Die Weisen Frauen benützten schmale, gekrümmte Bronzeschaber, Staera genannt, um sich den Schweiß und den Schmutz des Tages abzustreichen.

Aviendha hockte verschwitzt neben dem großen, schwarzen Kessel mit heißen, verrußten Steinbrocken in der Mitte des Zelts und holte vorsichtig mit einer Art Zange einen letzten Stein aus einem kleineren Kessel, um ihn in den großen zu legen. Anschließend spritzte sie Wasser aus einem ausgehöhlten Kürbis auf die Steine, so daß zischend neuer Dampf aufstieg. Wenn sie zu wenig Dampf erzeugte, würde man sie in scharfem Ton zurechtweisen oder vielleicht sogar bestrafen. Beim nächsten Zusammentreffen der Weisen Frauen im Dampfzelt war wieder Egwene an der Reihe, sich um die Steine zu kümmern.

Egwene setzte sich vorsichtig neben Bair. Statt der üblichen Schichten von Läufern saß sie hier nur auf dem blanken Felsboden — unangenehm heiß, hart und unregelmäßig und darüber hinaus natürlich feucht. Erschrocken wurde ihr klar, daß Aviendha verprügelt worden sein mußte, und zwar erst kürzlich. Als sich die Aielfrau schließlich neben sie setzte, war ihr Gesicht so steinern wie der Felsboden, doch das kurze Zusammenzucken konnte sie nicht ganz verbergen.

Das war etwas, was Egwene nicht erwartet hatte. Die Weisen Frauen führten wohl ein strenges Regiment, strenger sogar als die Weiße Burg, und das sollte etwas heißen, doch Aviendha arbeitete wirklich hart und mit grimmiger Entschlossenheit daran, den Gebrauch der Macht zu erlernen. Sie konnte nicht Traumwandeln, aber sie gab sich die gleiche Mühe, jedes bißchen Können aufzuschnappen, das ihr die Weisen Frauen vermittelten, wie zuvor, um als Tochter des Speers den Gebrauch der Waffen zu erlernen. Sicher, als sie gestanden hatte, daß sie Rand erzählt hatte, wie die Weisen Frauen ihn im Traum überwachten, hatten diese sie drei Tage lang schultertiefe Löcher graben und sie dann wieder auffüllen lassen, doch das war eine der ganz wenigen Gelegenheiten gewesen, bei denen Aviendha offensichtlich ins Fettnäpfchen getreten war. Amys und die anderen beiden hatten sie so oft Egwene als Musterbeispiel für blinden Gehorsam und gebührende innere Stärke vorgehalten, daß sie manchmal am liebsten geschrien hätte, obwohl Aviendha ihre Freundin war.

»Ihr habt Euch viel Zeit gelassen, hierher zu kommen«, kommentierte Bair mürrisch, während Egwene noch auf der Suche nach einer bequemeren Sitzposition umherrutschte. Ihre Stimme war dünn und schrill, aber eisenhart. Sie schabte sich weiter die Arme mit einer Staera ab.

»Es tut mir leid«, sagte Egwene. Also, das war ja wohl demütig genug.

Bair schnaubte. »Jenseits der Drachenmauer seid Ihr eine Aes Sedai, aber hier seid Ihr lediglich eine Schülerin, und Schülerinnen haben nicht zu trödeln. Wenn ich nach Aviendha rufe oder sie irgendwohin schicke, dann rennt sie, auch wenn ich nur eine Nadel brauche. Ihr würdet besser daran tun, Euch an ihr ein Beispiel zu nehmen.«

Errötend bemühte sich Egwene um einen unterwürfigen Tonfall. »Ich werde mir Mühe geben, Bair.« Das war das erste Mal, daß eine Weise Frau vor all den anderen diesen Vergleich gebraucht hatte. Sie warf Aviendha einen schnellen Seitenblick zu und war überrascht, sie so nachdenklich zu sehen. Manchmal wünschte sie, ihre ›Nächstschwester‹ wäre nicht immer so vorbildlich.

»Das Mädchen wird es lernen oder auch nicht, Bair«, warf Melaine ungeduldig ein. »Unterrichte sie später in bezug auf Pünktlichkeit, wenn es dann noch nötig ist.« Sie war kaum zehn oder zwölf Jahre älter als Aviendha und machte immer den Eindruck, eine Hummel unter dem Rock zu haben. Vielleicht saß sie ja auf einem scharfkantigen Stein. »Ich sage es Euch noch einmal, Moiraine Sedai: Die Aiel folgen Ihm, Der Mit Der Morgendämmerung Kommt, und nicht der Weißen Burg.«