Offensichtlich sollte Egwene lauschen, um im Lauf der Unterhaltung mitzubekommen, worum es ging.
»Es mag ja sein«, sagte Amys mit beherrschter Stimme, »daß die Aiel einst wieder den Aes Sedai dienen werden, doch diese Zeit ist noch nicht gekommen, Moiraine Sedai.« Sie hielt in ihrem Schaben kaum inne, während sie gelassen die Aes Sedai anblickte.
Egwene wußte, daß einiges nun, da Moiraine sich über die Eigenschaften einiger Weiser Frauen in bezug auf das Lenken der Macht im klaren war, unvermeidlich kommen mußte. Aes Sedai würden sich in die Wüste begeben, um Mädchen zu finden, die man ausbilden konnte, und sie würden mit großer Sicherheit versuchen, auch jede Weise Frau mit dem Talent zur Burg zurückzubringen. Einst hatte sie befürchtet, daß man die Weisen Frauen vielleicht geistig niedergeknüppelt und geknechtet wegschaffen würde, ob sie wollten oder nicht, denn die Aes Sedai ließen keine Frau lange frei herumlaufen, die mit der Macht umgehen konnte. Jetzt sorgte sie sich nicht mehr, obwohl sich die Weisen Frauen selbst ihre Gedanken zu machen schienen. Amys und Melaine würden es in einem Wettstreit der Willenskräfte mit jeder Aes Sedai aufnehmen. Das zeigte sich jeden Tag, wenn sie mit Moiraine sprachen. Bair könnte es wahrscheinlich fertigbringen, selbst Siuan Sanche durch einen Reifen springen zu lassen, und dabei konnte Bair noch nicht einmal die Macht gebrauchen.
Und Bair war wohl noch immer nicht die willensstärkste aller Weisen Frauen. Diese Ehre gebührte einer noch älteren Frau, Sorilea aus der Jarra-Septime der Chareen Aiel. Die Weise Frau der Schendefestung konnte noch weniger die Macht benützen als die meisten Novizinnen, aber sie hätte es wohl fertiggebracht, selbst eine andere Weise Frau als Gai'schain auf Botengänge zu schicken. Und sie wären gesprungen! Nein, es gab keinen Grund, sich darüber Sorgen zu machen, daß man die Weisen Frauen einschüchtern könnte.
»Es ist verständlich, daß Ihr euren Ländern diesen Kriegszug ersparen möchtet«, warf Bair ein, »aber Rand al'Thor hat offensichtlich nicht vor, uns in einer Strafaktion dorthin zu führen. Keinem, der sich Ihm, Der Mit Der Morgendämmerung Kommt und den Aiel unterwirft, wird etwas angetan werden.« Also darauf lief es hinaus. Klar.
»Ich will nicht nur Leben bewahren und Länder retten.« Moiraine wischte sich mit einer königlichen Geste mit einem Finger den Schweiß aus dem Gesicht, doch ihre Stimme klang beinahe genauso nervös wie die Melaines. »Wenn Ihr das zulaßt, werden die Folgen katastrophal sein. Jahrelange Planungen sollen nun Früchte tragen, und er will das alles zunichte machen.«
»Das sind die Pläne der Weißen Burg«, sagte Amys so unverbindlich, daß es auch Zustimmung bedeuten konnte. »Diese Pläne haben jedoch nichts mit uns zu tun. Wir und die anderen Weisen Frauen müssen uns danach richten, was für die Aiel das Beste ist. Und wir werden dafür sorgen, daß die Aiel tun, was für die Aiel das Beste ist.«
Egwene fragte sich, was die Clanhäuptlinge dazu sagen würden. Natürlich beklagten sie sich gelegentlich, daß sich die Weisen Frauen in Dinge einmischten, die sie nichts angingen, also würde es sie wohl nicht überraschen. Die Häuptlinge schienen allesamt willensstarke, intelligente Männer zu sein, aber sie glaubte nicht, daß sie mehr Chancen gegen die vereinigten Weisen Frauen hätten als zu Hause der Rat der Gemeinde der Versammlung der Frauen gegenüber.
Diesmal allerdings gab sie Moiraine recht.
»Wenn Rand...«, begann Egwene, aber Bair ließ sie gar nicht erst zu Wort kommen.
»Wir werden uns später anhören, was Ihr zu sagen habt, Mädchen. Euer Wissen über Rand al'Thor ist wertvoll, aber Ihr werdet jetzt Ruhe geben und lauschen, bis Ihr nach Eurer Meinung gefragt werdet. Und hört auf, so zu schmollen, oder ich werde Euch mit Blaurippentee eindecken.«
Egwene verzog angewidert das Gesicht. Respekt, den man den Aes Sedai als Gleichgestellten entgegenbrachte, bezog sich leider nicht auf eine Schülerin, obwohl sie ja von ihr annahmen, sie sei wirklich auch eine Aes Sedai. Sie zog es vor, zu schweigen. Bair war imstande, sie loszuschicken, um ihre Kräuterbeutel zu holen und sie zu beauftragen, diesen unglaublich bitteren Tee zu brauen und dann selbst zu trinken. Er erfüllte eigentlich keinen Zweck als eben den, jemand vom Schmollen oder von mürrischem Gehabe zu heilen, oder was auch immer eine Weise Frau sonst noch auszusetzen hatte. Der Geschmack allein war dafür Heilmittel genug. Aviendha tätschelte ihr beruhigend den Arm.
»Glaubt Ihr, daß es für die Aiel keine katastrophalen Folgen haben wird?« Es mußte schwierig sein, so kühl wie ein Gebirgsbach im Winter zu sprechen, wenn man von Kopf bis Fuß vor Dampf und vor Schweiß glänzte, doch Moiraine bereitete das offensichtlich keine Schwierigkeiten. »Es wird eine Wiederholung des Aielkriegs geben. Ihr werdet töten und niederbrennen und Städte plündern wie damals, bis Ihr jeden Mann und jede Frau gegen Euch aufgebracht habt.«
»Der fünfte Teil steht uns zu, Aes Sedai«, sagte Melaine und warf ihr langes Haar über die Schulter nach hinten, damit sie sich mit einer Staera den Schweiß von der zarten Haut ihrer Schulter schaben konnte. Obwohl es schwer und feucht herunterhing, glänzte ihr Haar wie Seide. »Wir haben selbst den Baummördern nicht mehr abgenommen.« Der Blick, den sie Moiraine dabei zuwarf, war zu nichtssagend, als daß er keine Bedeutung gehabt hätte. Sie wußten, daß Moiraine aus Cairhien stammte. »Eure Könige und Königinnen nehmen Euch genausoviel als Steuern ab.«
»Und wenn sich die Länder gegen Euch wenden?« Moiraine gab nicht nach. »Im Aielkrieg warfen Euch die vereinigten Länder schließlich zurück. Das kann und wird wieder geschehen, und auf beiden Seiten werden die Verluste groß sein.«
»Niemand hier fürchtet sich vor dem Tod, Aes Sedai«, sagte Amys zu ihr und lächelte dabei so sanft, als erkläre sie das einem Kind. »Das Leben ist ein Traum, aus dem wir alle erwachen müssen, bevor wir wieder träumen können. Außerdem überquerten unter Janduin nur vier Clans die Drachenmauer. Nun sind bereits sechs hier, und Ihr sagtet ja selbst, daß Rand al'Thor vorhat, alle unsere Clans hinzuführen.«
»Die Prophezeiung von Rhuidean sagt, daß er uns zerbrechen wird.« Das Funkeln in Melaines grünen Augen konnte Moiraine gelten, oder aber sagte es aus, daß sie keineswegs so resigniert hatte, wie ihre Worte klangen. »Was spielt es schon für eine Rolle, ob das hier geschieht oder jenseits der Drachenmauer?«
»Ihr werdet ihn so der Unterstützung jeder Nation westlich der Drachenmauer berauben«, sagte Moiraine. Sie sah so ruhig aus wie immer, doch eine gewisse Härte in ihrer Stimme zeigte, daß sie bereit war, auch Steine zu kauen. »Er braucht aber ihre Unterstützung!«
»Er hat die Unterstützung der Aiel-Nation«, sagte Bair mit dieser zerbrechlichen, unnachgiebigen Stimme zu ihr. Sie unterstrich ihre Aussage durch eine kurze Bewegung mit der schmalen Metallklinge. »Die Clans sind noch nie eine Nation gewesen, aber jetzt schweißt er uns zu einer zusammen.«
»Wir werden Euch nicht dabei behilflich sein, ihn in dieser Sache umzustimmen, Moiraine Sedai«, fügte Amys genauso entschlossen hinzu.
»Ihr könnt uns jetzt verlassen, Aes Sedai, wenn es Euch recht ist«, sagte Bair. »Wir haben das Thema, über das Ihr zu sprechen wünschtet, so lange diskutiert, wie wir heute abend konnten.« Das war wohl höflich ausgedrückt, aber trotzdem eine Art von Hinauswurf.
»Ich werde Euch jetzt verlassen«, erwiderte Moiraine, wieder ganz getragene Ruhe. Es klang, als stammten der Vorschlag und die Entscheidung von ihr. Mittlerweile hatte sie sich auch daran gewöhnt, daß die Weisen Frauen immer wieder deutlich machten, sie stünden nicht unter dem Befehl der Burg. »Ich muß mich um andere Angelegenheiten kümmern.«