»Törichtes Mädchen«, schimpfte Bair. »Wir verlangen ja nicht, daß sie sein Lager teilt. Aber wird er das glauben, wenn sie ihn fragt? Wird er es ihr erlauben? Männer sind im besten Fall schon eigenartige Geschöpfe, und da er nicht bei uns aufgewachsen ist, ist er noch seltsamer.«
»Das würde er ganz bestimmt nicht glauben«, sprudelte Egwene heraus, und dann fuhr sie etwas langsamer fort: »Ich glaube nicht, daß er es falsch verstehen würde. Aber es entspricht nicht den guten Sitten. Es darf einfach nicht sein.«
»Ich bitte darum, daß Ihr das nicht von mir verlangt«, sagte Aviendha, und es klang demütiger, als Egwene jemals von ihr erwartet hätte. Sie spritzte mit fahrigen Bewegungen Wasser auf die Steine und ließ immer dichtere Dampfwolken aufsteigen. »Ich habe in den letzten Tagen eine Menge gelernt, da ich keine Zeit mit ihm verbringen mußte. Seit Ihr gestattet habt, daß Egwene und Moiraine Sedai mir beim Gebrauch der Macht helfen, lerne ich immer schneller. Natürlich sind sie deshalb keine besseren Lehrerinnen als Ihr«, fügte sie dann hastig hinzu. »Aber ich möchte so gern lernen.«
»Ihr werdet gewiß weiterlernen«, sagte Melaine zu ihr. »Ihr müßt nicht jede Stunde mit ihm verbringen. Solange Ihr Euch Mühe gebt, wird Euer Unterricht kaum langsamer vonstatten gehen. Ihr lernt schließlich nicht, während Ihr schlaft.«
»Ich kann nicht«, murmelte Aviendha mit über den Kürbis gesenktem Kopf. Dann sagte sie noch entschlossener: »Ich werde das nicht tun.« Sie hob den Kopf, und in ihren Augen leuchtete blaugrünes Feuer. »Ich werde nicht dabeisein, wenn er wieder diesen Bettwärmer Isendre an sein Lager bestellt!«
Egwene sah sie mit offenem Mund an. »Isendre!« Sie hatte bemerkt — mit Abscheu übrigens —, wie die Töchter diese Frau gezwungen hatten, nackt herumzulaufen. Aber dies! »Ihr könnt doch nicht wirklich glauben, daß er...«
»Schweigt!« Bairs Stimme klang wie ein Peitschenhieb. Der Blick aus ihren blauen Augen hätte Steine in die Flucht geschlagen. »Beide! Ihr seid beide jung, aber selbst die Töchter sollten wissen, daß Männer Narren sein können, besonders, wenn sie keine Frau zur Seite haben, die sie führt.«
»Ich bin froh«, sagte Amys trocken, »zu bemerken, daß Ihr eure Gefühle nicht mehr in dem Maße unterdrückt wie vorher, Aviendha. Die Töchter sind genauso töricht wie Männer, was das betrifft. Ich erinnere mich noch gut daran, und es beschämt mich noch heute. Wenn man sich gehen läßt, trübt das die Urteilsfähigkeit einen Augenblick lang, doch wenn man seine Gefühle unterdrückt, trübt es die Urteilsfähigkeit immerzu. Geht nur sicher, daß Ihr Euch nicht zu oft gehen laßt oder gerade dann, wenn Ihr Euch unter Kontrolle haben solltet.«
Melaine beugte sich auf die Hände gestützt vor, bis beinahe der von ihrem Gesicht tropfende Schweiß in den heißen Kessel fiel. »Ihr kennt Eure Zukunft, Aviendha. Ihr werdet eine Weise Frau von großer Kraft und Autorität sein, und darüber hinaus noch mehr. Ihr besitzt die notwendige Kraft und tragt sie in Euch. Durch sie habt Ihr die erste Prüfung bestanden, und sie wird Euch auch helfen, dies zu bestehen.«
»Meine Ehre...«, sagte Aviendha heiser. Dann schluckte sie und war nicht in der Lage, fortzufahren. Sie hockte lediglich da und umschloß den Wasserbehälter, als enthielte er die Ehre, die sie behüten wollte.
»Das Muster enthält kein Ji'e'toh«, sagte Bair zu ihr. Es schwang etwas wie eine Andeutung von Sympathie in ihrer Stimme mit. »Nur das, was sein muß und sein wird. Männer und Töchter des Speers kämpfen noch gegen das Schicksal an, wenn längst klar ist, daß das Muster trotz all ihrer Bemühungen weiterwebt, doch Ihr seid keine Far Dareis Mai mehr. Ihr müßt lernen, dem Schicksalsfaden zu folgen. Nur, wenn Ihr Euch dem Muster ergebt, werdet Ihr in der Lage sein, zumindest ein wenig Kontrolle über den Verlauf Eures eigenen Lebens auszuüben. Wenn Ihr dagegen ankämpft, wird Euch das Muster doch bezwingen, und Ihr erlebt nur Elend, wo Ihr statt dessen Erfüllung hättet finden können.«
In Egwenes Ohren klang das ganz nach dem, was man sie in der Burg über die Eine Macht gelehrt hatte. Um Saidar zu beherrschen, mußte man sich ihm zuerst ergeben. Wenn man dagegen ankämpfte, würde es unkontrolliert über einen herfallen oder einen überwältigen. Ergab man sich dagegen und lenkte Saidar ganz sanft, dann tat es, was man wünschte. Doch das erklärte nicht, warum sie Aviendha so etwas zumuteten. Deshalb fragte sie noch einmal und fügte gleich hinzu: »Es ist nicht schicklich.«
Statt zu antworten, sagte Amys: »Wird ihr Rand al'Thor die Erlaubnis verweigern? Wir können ihn nicht dazu zwingen.« Bair und Melaine blickten Egwene genauso eindringlich an wie Amys.
Sie würden ihr den Grund nicht nennen. Es war leichter, einen Stein zum Reden zu bringen, als aus einer Weisen Frau etwas gegen ihren Willen herauszuquetschen. Aviendha musterte mürrischresignierend ihre Zehen. Sie wußte: Die Weisen Frauen würden bekommen, was sie wollten, ganz gleich wie.
»Ich weiß es nicht«, sagte Egwene nachdenklich. »Ich kenne ihn nicht mehr so gut wie früher.« Sie bedauerte das, doch es war so vieles geschehen. Davon abgesehen war ihr mittlerweile klargeworden, daß sie ihn lediglich wie einen Bruder liebte, aber nicht mehr. Ihre Ausbildung, sowohl in der Burg wie auch hier, hatte vieles geändert, genauso wie die Tatsache, daß er der Wiedergeborene Drache war. »Wenn Ihr ihm einen stichhaltigen Grund liefert, macht er es vielleicht. Ich glaube, er mag Aviendha.« Die junge Aielfrau stieß einen schweren Seufzer aus, ohne dabei aufzublicken.
»Einen guten Grund«, schnaubte Bair. »Als ich ein Mädchen war, wäre jeder Mann überglücklich gewesen, wenn eine junge Frau solches Interesse an ihm zeigt. Er wäre losgelaufen und hätte persönlich die Blumen für ihren Brautkranz gepflückt.« Aviendha zuckte zusammen und funkelte die Weisen Frauen mit einem Teil ihres früheren Temperaments an. »Nun, wir werden schon einen Grund finden, den sogar jemand akzeptieren kann, der als Feuchtländer aufgewachsen ist.«
»Es sind noch mehrere Nächte bis zu Eurem vereinbarten Zusammentreffen in Tel'aran'rhiod«, sagte Amys. »Diesmal mit Nynaeve.«
»Die könnte eine Menge lernen«, warf Bair ein, »wenn sie nicht so halsstarrig wäre.«
»Eure Nächte bis dahin sind frei von Aufgaben«, sagte Melaine. »Das heißt, wenn Ihr nicht ohne uns und heimlich Tel'aran'rhiod besucht.«
Egwene dachte sich, was nun kommen würde. »Natürlich nicht«, erwiderte sie. Sie war nur ein ganz klein wenig hineingegangen. Ein bißchen mehr, und sie würden es ganz sicher merken.
»Habt Ihr es geschafft, Nynaeves oder Elaynes Träume aufzuspüren?« fragte Amys ganz nebenhin, als sei es nur eine Kleinigkeit.
»Nein, Amys.«
Die Träume eines bestimmten Menschen zu finden war viel schwieriger, als Tel'aran'rhiod zu betreten, die Welt der Träume, besonders, wenn sich dieser Mensch auch noch in großer Entfernung befand. Es wurde mit geringerer Entfernung leichter, und auch dann, wenn man diesen Menschen besonders gut kannte. Die Weisen Frauen verlangten immer noch von ihr, daß sie Tel'aran'rhiod jedesmal in Begleitung wenigstens einer von ihnen betrat, aber die Träume einer anderen Person zu betreten beschwor ganz eigene Gefahren herauf. In Tel'aran'rhiod beherrschte sie sich selbst und alles in ihrer Umgebung in hohem Maße, es sei denn, eine der Weisen Frauen beschloß, selbst die Führung zu übernehmen. Sie lernte immer besser, mit der Welt der Träume umzugehen, doch konnte sie es noch nicht mit ihnen aufnehmen — bei ihrer Erfahrung. Im Traum eines anderen Menschen aber war sie ein Teil des Traums. Dann mußte man alle Kraft aufbringen, um sich nicht so zu verhalten, wie es das Unterbewußtsein des Träumers verlangte. Durch das Betreten des Traums wurde man verändert, und manchmal konnte man sich nicht dagegen wehren. Die Weisen Frauen hatten es bei der Beobachtung von Rands Träumen sorgsam vermieden, ganz in sie hineingezogen zu werden. Trotzdem bestanden sie darauf, daß Egwene es ebenfalls erlernte. Wenn sie ihr schon das Traumwandeln beibrachten, dann sollte sie ihr ganzes Wissen erhalten und nicht nur einen Teil.