Sie wollte eigentlich auch nicht zögern, aber die wenigen Male, als sie mit ihnen und einmal auch mit Rhuarc üben durfte, hatten sie ernüchtert. Die Weisen Frauen beherrschten ihre eigenen Träume in hohem Maße, und das, was sich dort abgespielt hatte — um ihr die Gefahren deutlich zu machen, wie sie sagten —, war alles ihr Werk gewesen. Doch sie war erschrocken, als ihr klar wurde, daß Rhuarc in ihr wenig mehr als ein Kind sah, wie eine seiner jüngsten Töchter. Da war ihre Selbstbeherrschung ins Wanken geraten, wenn auch nur für einen einzigen fatalen Moment. Danach war sie wenig mehr als ein Kind gewesen. Sie konnte den Mann nicht mehr ansehen, ohne daran denken zu müssen, wie er ihr eine Puppe geschenkt hatte, weil sie so fleißig im Lernen war. Und sie hatte sich genauso über das Geschenk wie über sein Lob gefreut. Amys war gekommen und hatte sie vom fröhlichen Spielen mit der Puppe weggerissen. Daß Amys Bescheid wußte, war schlimm genug, aber sie vermutete stark, daß sich auch Rhuarc an einiges davon erinnerte.
»Ihr müßt es immer wieder versuchen«, sagte Amys. »Ihr habt die Kraft, sie zu erreichen, sogar über diese Entfernung hinweg. Und es wird Euch nicht schaden, zu erfahren, wie sie Euch sehen.«
Da war sie sich nicht so sicher. Elayne war eine Freundin, aber Nynaeve war die meiste Zeit ihrer Jugend über die Seherin von Emondsfeld gewesen. Sie fürchtete, Nynaeves Träume könnten für sie schlimmer werden als die Rhuarcs. »Heute nacht werde ich ein Stück entfernt von den Zelten schlafen«, fuhr Amys fort. »Nicht weit. Ihr solltet leicht in der Lage sein, mich zu finden, wenn Ihr Euch Mühe gebt. Falls ich nicht von Euch träume, haben wir morgen etwas zu besprechen.«
Egwene unterdrückte ein Stöhnen. Amys hatte sie in Rhuarcs Träume geführt und war selbst nur einen Augenblick lang dort geblieben, kaum lange genug, um festzustellen, daß Rhuarc sie unverändert als die junge Frau sah, die er geheiratet hatte, und die Weisen Frauen hatten sich bisher wenigstens immer im gleichen Zelt mit ihr befunden, wenn sie einen Versuch unternahm.
»Also«, sagte Bair und rieb sich die Hände, »wir haben alles gehört, was sein mußte. Ihr anderen könnt ja hierbleiben, wenn ihr wollt, aber ich fühle mich sauber genug für mein Lager. Ich bin nun mal nicht mehr so jung wie ihr.« Jung oder nicht, wahrscheinlich konnte sie jede von ihnen in Grund und Boden rennen und sie dann den Rest des Weges tragen.
Als Bair aufstand, sprach Melaine sie an, und — ganz ungewöhnlich bei ihr — sie klang zögernd und unsicher. »Ich brauche... Ich muß Euch um Hilfe bitten, Bair. Und auch Euch, Amys.« Die ältere Frau setzte sich wieder hin, und beide blickten Melaine erwartungsvoll an. »Ich... ich möchte Euch bitten, für mich mit Dorindha zu sprechen.« Die letzten Worte sprudelten plötzlich heraus. Amys lächelte breit, und Bair gackerte laut los. Auch Aviendha schien zu verstehen und zeigte Überraschung. Nur Egwene saß verständnislos da.
Dann lachte Bair. »Ihr habt immer gesagt, Ihr braucht keinen Ehemann und wollt auch keinen haben. Ich habe schon drei begraben und hätte nichts gegen einen weiteren einzuwenden. Sie sind sehr nützlich, wenn die Nächte kalt sind.«
»Eine Frau kann doch ihre Meinung ändern.« Melaines Stimme klang wohl fest genug, doch das tiefe Erröten ihrer Wangen strafte diese Standhaftigkeit Lügen. »Ich kann mich nicht von Bael fernhalten, und ich kann ihn nicht töten. Falls Dorindha mich als Schwesterfrau akzeptiert, werde ich meinen Brautkranz flechten und Bael zu Füßen legen.«
»Und was ist, wenn er darauf tritt, anstatt ihn zu nehmen?« wollte Bair wissen. Amys ließ sich nach hinten sacken, lachte schallend und klatschte sich auf die Schenkel.
Egwene hielt diese Gefahr für äußerst gering, jedenfalls ihren Kenntnissen der Aielsitten gemäß. Wenn Dorindha beschloß, Melaine als Schwesterfrau zu akzeptieren, würde Bael in dieser Sache nicht viel zu sagen haben. Es schockierte sie jedenfalls nicht mehr, daß ein Mann zwei Frauen haben konnte. Na ja, nicht sehr jedenfalls. Andere Länder — andere Sitten, redete sie sich entschlossen ein. Sie hatte es noch nicht fertiggebracht, danach zu fragen, aber ihrer Ansicht nach war es nicht unwahrscheinlich, daß es auch Aielfrauen mit zwei Ehemännern gab. Das war schon ein seltsames Volk.
»Ich bitte Euch, in diesem Fall als meine Erstschwestern zu handeln. Ich glaube, daß mich Dorindha gut genug leiden kann.«
Sobald Melaine ausgeredet hatte, änderte sich die Heiterkeit der anderen Frauen. Sie lachten wohl immer noch, aber sie umarmten sie und sagten ihr, wie glücklich sie für sie seien und wie gut sie es mit Bael haben werde. Amys und Bair zumindest nahmen Dorindhas Zustimmung für gegeben hin. Die drei duckten sich fast Arm-in-Arm aus dem Zelt und lachten oder kicherten immer noch wie kleine Mädchen. Zuvor befahlen sie Egwene und Aviendha allerdings noch, das Zelt aufzuräumen.
»Egwene, könnte eine Frau aus deinem Land eine Schwesterfrau akzeptieren?« fragte Aviendha und benützte einen Stock, um den Deckel vom Rauchabzug zu stoßen.
Egwene wünschte, sie hätte sich das bis zum Schluß aufgehoben, denn die Wärme begann sofort zu verfliegen. »Ich weiß nicht«, sagte sie und räumte schnell die Tassen und den Honigtopf auf das Tablett, zusammen mit den Staera. »Ich glaube eigentlich nicht. Vielleicht, wenn es eine enge Freundin ist«, fügte sie eiligst hinzu, denn sie wollte ja die Aielsitten nun nicht gerade herabwürdigen.
Aviendha knurrte nur und begann, die Seitenwände des Zelts hochzuziehen.
Egwenes Zähne klapperten ebenso laut wie die Teetassen und die Bronzeklingen auf dem Tablett. So hastete sie nach draußen. Die Weisen Frauen kleideten sich ohne Eile an, als sei dies eine laue Nacht und sie befänden sich in den Schlafgemächern irgendeiner Festung. Eine in Weiß gehüllte Gestalt, die im Mondschein blaß schimmerte, nahm ihr das Tablett ab, und sie machte sich schnell auf die Suche nach ihrem Umhang und den Schuhen. Sie befanden sich aber nirgends unter den übriggebliebenen Kleidungsstücken am Boden.
»Ich habe Eure Sachen zu Eurem Zelt bringen lassen«, sagte Bair, die gerade die Bändel ihrer Bluse zuschnürte. »Ihr werdet sie noch nicht benötigen.«
Egwene sank das Herz. Sie hüpfte auf dem Fleck auf und ab und schlug die Arme um sich in der vergeblichen Hoffnung auf ein wenig Wärme. Wenigstens befahlen sie ihr nicht, aufzuhören. Mit einemmal wurde ihr bewußt, daß die schneeweiß gekleidete Gestalt, die das Tablett wegtrug, viel zu groß selbst für eine Aielfrau war. Sie knirschte mit den Zähnen und funkelte die Weisen Frauen an, denen es völlig egal zu sein schien, ob sie auf und ab hüpfend den Kältetod starb. Den Aielfrauen mochte es gleichgültig sein, ob ein Mann sie unbekleidet gesehen hatte, zumindest, wenn er Gai'schain war, doch ihr war es ganz und gar nicht gleich!
Nach einem Augenblick schloß sich Aviendha ihr an, allerdings ohne wildes Herumhüpfen. Sie gab sich gar nicht erst Mühe, ihre Kleider zu suchen. Die Kälte schien sie genausowenig zu beeindrucken, wie das bei den Weisen Frauen der Fall war.
»Also«, sagte Bair und legte sich ihren Schal um die Schultern. »Ihr, Aviendha, seid nicht nur so halsstarrig wie ein Mann, nein, Ihr erinnert Euch noch nicht einmal an eine einfache Aufgabe, die Ihr bereits viele Male erledigt habt. Ihr, Egwene, seid genauso stur wie sie, und Ihr glaubt immer noch, Ihr könntet in Eurem Zelt herumtrödeln, obwohl ihr herbeigerufen wurdet. Laßt uns hoffen, daß fünfzig Runden um das Lager Eure Sturheit etwas dämpfen, Euren Verstand klären und Euch daran erinnern, wie Ihr auf einen Befehl oder eine Arbeit zu reagieren habt. Lauft schon los!«