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Natürlich war es keineswegs dasselbe. Sie biß die Zähne aufeinander und machte, was man von ihr wollte, weil es die einzige Möglichkeit für sie darstellte, das Traumwandeln zu erlernen, und sie wollte es lernen, sie wollte alles darüber lernen, mehr als über alles andere, was sie sich auf der Welt vorstellen konnte. Überhaupt nur daran zu denken, sie könne nach den Regeln dieses törichten Ji'e'toh leben, war einfach dumm. Sie tat, was sein mußte, und nur wenn es sein mußte, und weil sie halt dazu gezwungen war.

Sie näherten sich wieder dem Ausgangspunkt ihrer Laufstrecke. Als sie über den gleichen Fleck lief, an dem sie begonnen hatten, sagte Egwene: »Das wäre die erste Runde«, und rannte weiter durch die Dunkelheit, obwohl niemand außer Aviendha sie beobachten konnte und niemand außer Aviendha hätte petzen können, wenn sie jetzt zu ihrem Zelt zurückgegangen wäre. Aviendha hätte bestimmt nichts gesagt, aber Egwene kam überhaupt nicht auf den Gedanken, vor dem Ende der fünfzigsten Runde aufzuhören.

6

Tore

Rand erwachte in völliger Finsternis, lag unter seinen Decken und grübelte darüber nach, was ihn wohl geweckt habe. Irgend etwas mußte da gewesen sein. Nicht der Traum; da hatte er Aviendha das Schwimmen beigebracht in einem Teich im Wasserwald zu Hause im Gebiet der Zwei Flüsse. Etwas anderes. Da kam es wieder — wie ein schwacher Hauch einer fauligen Ausdünstung, der unter der Tür hindurchgedrungen war. Nicht einmal ein wirklicher Geruch, sondern eher wie ein Gefühl der Andersartigkeit. Ja, so hatte er es empfunden. Ranzig, wie etwas Totes, das schon eine Woche lang im stillen Wasser eines Tümpels ruhte. Es verflog wieder, doch diesmal nicht vollständig.

So schlug er die Decken zur Seite, stand auf und hüllte sich in Saidin. Innerhalb des Nichts und von der Macht erfüllt spürte er wohl noch, wie sein Körper zitterte, doch die Kälte schien sich an einem anderen Ort zu befinden und nicht dort, wo er sich aufhielt. Vorsichtig öffnete er die Tür und trat hinaus. Mondschein drang durch die Fensterbögen zu beiden Enden des Korridors. Nach der Pechschwärze in seinem Zimmer kam ihm das beinahe wie Tageslicht vor. Nicht rührte sich, doch er spürte... etwas... das sich näherte. Etwas Böses. Beinahe wie die Verderbnis von Saidin, die ihn mit der Macht durchströmte.

Er steckte eine Hand in die Tasche seines Mantels und erfaßte die kleine geschnitzte Figur eines rundlichen kleinen Mannes, der ein Schwert über seinen Knien trug. Ein Angreal; damit konnte er mehr Macht an sich binden und benützen, als selbst er sonst ohne Hilfe schaffte. Sehr wahrscheinlich würde er ihn gar nicht benötigen. Wer auch immer für diesen Angriff auf ihn verantwortlich war, wußte nicht, mit wem er oder sie es jetzt zu tun hatte. Sie hätten ihn niemals aufwachen lassen dürfen.

Einen Augenblick lang zögerte er. Er konnte durchaus den Kampf mit dem, was gegen ihn ausgesandt worden war, von sich aus aufnehmen, aber er hatte das Gefühl, es befinde sich noch ein Stück unter ihm; dort, wo dem Schweigen nach zu schließen die Töchter noch friedlich schliefen. Wenn sie Glück hatten, würden sie nicht behelligt, es sei denn, er eilte hinunter, um mitten unter ihnen zu kämpfen. Das würde sie auf jeden Fall aufwecken, und sie würden auch nicht gerade danebenstehen und zuschauen. Lan sagte immer, er solle sich das richtige Gelände zum Kämpfen möglichst selbst auswählen und den Feind zwingen, zu ihm zu kommen. Lächelnd rannte er mit trommelnden Stiefelsohlen die nächste Wendeltreppe nach oben und immer weiter, bis er sich im obersten Geschoß befand. Dieses Stockwerk bestand aus einem einzigen großen Raum mit leicht gewölbter Decke und verstreut stehenden schlanken, spiralförmig gearbeiteten Säulen. Der durch die glaslosen Bogenfenster einfallende Mondschein erhellte jede Ecke. Im Staub und Schmutz und Sand auf dem Fußboden waren noch immer die Abdrücke seiner eigenen Stiefel undeutlich zu sehen. Die waren bei der einzigen Gelegenheit entstanden, zu der er sich hier oben aufgehalten hatte. Sonst war offensichtlich niemand dagewesen. Es war der perfekte Ort.

Er schritt zur Mitte des Raums und stellte sich auf das Mosaik, das auf zehn Fuß Durchmesser das uralte Symbol der Aes Sedai darstellte. Hier paßte einfach alles. »Unter diesem Zeichen wird er erobern.« So hatte es die Prophezeiung von Rhuidean von ihm behauptet. Er stand über der trennenden Schlangenlinie, einen Fuß auf der schwarzen Träne, die man nun als den Drachenfang bezeichnete und die für das Böse stand, den anderen auf dem weißen Teil, den man heutzutage die ›Flamme von Tar Valon‹ nannte. Einige Menschen behaupteten, sie stünde für das Licht. Also ein wirklich passender Ort, zwischen Licht und Dunkelheit, um sich dem erwarteten Angriff zu stellen.

Das ekelhafte Gefühl verstärkte sich, und der Gestank brennenden Schwefels füllte die Luft. Plötzlich bewegte sich etwas, löste sich wie Mondschatten von der Treppe und glitt außen um den Raum herum. Langsam traten die Umrisse deutlicher hervor, und Rand erblickte drei schwarze Hunde, dunkler als die Nacht und so groß wie Ponys. Mit silbrig glänzenden Augen umkreisten sie ihn wachsam. Durch die Macht in ihm konnte er ihre Herzen wie tiefe Baßtrommeln schlagen hören. Doch ihren Atem hörte er nicht; vielleicht atmeten sie auch gar nicht.

Er verwebte ein wenig der Macht, und in seinen Händen lag ein Schwert, dessen leicht gekrümmte, mit einem Reiher gekennzeichnete Klinge aus Flammen geschmiedet zu sein schien. Er hatte Myrddraal erwartet oder etwas noch Schlimmeres als die Augenlosen, aber für Hunde, selbst aus dem Schatten geborene Hunde, würde das Schwert ausreichen. Wer immer sie auch ausgesandt hatte, kannte ihn nicht. Lan hatte ihm gesagt, er besitze mittlerweile beinahe das Können eines echten Schwertmeisters, und der Behüter geizte sonst mit Lob, so daß er annehmen konnte, diese Stufe wirklich erreicht zu haben.

Die Hunde knurrten, als zermalmten sie Knochen zwischen ihren mächtigen Kiefern, und jagten von drei Seiten her auf ihn los, schneller als galoppierende Pferde.

Er bewegte sich nicht, bis sie ihn schon fast berührten. Dann glitt er, eins mit dem Schwert, von einer Fechtposition in die andere, als tanze er lediglich. Innerhalb eines Wimpernschlags wurde aus der Figur, die man den ›Wirbelwind auf dem Berg‹ nannte, die nächste — ›Der Wind weht über die Mauer‹ — und die nächste ›Den Fächer öffnen‹. Große, schwarze Köpfe wurden von schwarzen Körpern abgetrennt. Ihre geifernden Fänge, wie polierter Stahl glänzend, waren noch gefletscht, als sie über den Boden rollten. Er trat bereits aus dem Mosaik heraus, als die dunklen Gestalten zu zuckenden, blutigen Massen auf dem Boden zusammenbrachen.

Er lachte in sich hinein und ließ das Schwert verschwinden, hielt aber an Saidin fest, an der tobenden Macht, der Süße und der Verderbnis. Verachtung glitt über die Blase des Nichts. Hunde. Schattenabkömmlinge, sicher, aber trotzdem nur... Das Lachen erstarb.

Langsam schmolzen die toten Hunde und ihre Köpfe, wurden zu Pfützen flüssigen Schattens, die leicht bebten, als lebten sie noch. Ihr Blut, über den Boden verschmiert, zitterte empor. Plötzlich flossen die kleineren Pfützen wie bösartige Rinnsale zusammen und verschmolzen mit den größeren, schwappten von dem Mosaik hinweg und bildeten einen immer höher werdenden Klumpen, bis wieder drei riesige schwarze Hunde dort standen, geiferten und knurrten, während sich ihre mächtigen Beinmuskeln zum Sprung spannten.

Er wußte nicht, wieso er eigentlich überrascht war. Er spürte es nur ganz vage, draußen vor der Leere. Hunde, ja, aber eben Schattenabkömmlinge. Wer sie ausgesandt hatte, war doch nicht so leichtsinnig gewesen, wie er angenommen hatte. Aber sie kannten ihn trotzdem immer noch nicht.