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Statt erneut nach dem Schwert zu greifen, lenkte er die Macht auf eine Weise, an die er sich von vor längerer Zeit her erinnerte. Einmal schon hatte er sie so benützt. Heulend sprangen die riesigen Hunde hoch, und ein dicker Balken weißen Lichts schoß aus seinen Händen, wie geschmolzener Stahl, wie flüssiges Feuer. Er schwenkte den Strahl über die springenden Geschöpfe, und einen Augenblick lang wurden sie zu seltsam verzerrten Schatten ihrer selbst, alle Farben ins Gegenteil verkehrt, und dann bestanden sie nur noch aus glitzernden Lichtflecken, die auseinanderdrifteten, kleiner und kleiner wurden und ganz verschwanden, bevor sie den Boden erreichten.

Er ließ das, was er da erzeugt hatte, wieder fahren, und während er grimmig lächelte, zog sich noch ein rotglühender Lichtbalken als flimmerndes Nachbild durch sein Gesichtsfeld.

Auf der anderen Seite des großen Raums krachte ein Teil einer der Säulen auf die Fußbodenfliesen herab. Wo dieser Lichtstrahl aufgetroffen war — oder was es halt gewesen war; kein richtiges Licht natürlich —, hatte er glatte Stücke sauber aus den Säulen herausgeschnitten. Die halbe Wandbreite hinter den Säulen wies einen klaffenden Schnitt auf.

»Hat Euch einer von ihnen gebissen, oder wurdet Ihr nur von ihren Blutspritzern getroffen?«

Er fuhr herum, als Moiraines Stimme erklang. Er war so auf das konzentriert gewesen, was er getan hatte, daß er nicht gehört hatte, wie sie die Treppe heraufkam. Sie stand da, ihre Hände in den Rock verkrampft, das Gesicht im Schatten fast verborgen, und musterte ihn. Sie hatte bestimmt die Wesen genau wie er gespürt, aber um so schnell hierher zu kommen, mußte sie sich mächtig beeilt haben. »Haben Euch die Töchter durchgelassen? Seid Ihr jetzt auch eine Far Dareis Mai geworden, Moiraine?«

»Sie gewähren mir einige der Privilegien einer Weisen Frau«, sagte sie hastig. Die blanke Ungeduld schwang in ihrer sonst so melodiösen Stimme mit. »Ich habe den Wächterinnen gesagt, daß ich dringend mit Euch zu sprechen hätte. Antwortet mir aber jetzt! Haben die Schattenhunde Euch gebissen oder ihr Blut auf Euch verspritzt? Hat ihr Speichel Euch berührt?«

»Nein«, antwortete er bedächtig. Schattenhunde. Das wenige, was er über sie wußte, stammte aus alten Märchen, wie man sie in den Südländern benutzte, um Kinder damit zu erschrecken. Manche Erwachsenen glaubten auch daran. »Warum macht Ihr euch über einen Biß Gedanken? Ihr könntet ihn doch mit Hilfe der Macht heilen. Soll das vielleicht bedeuten, der Dunkle König sei frei?« So im Nichts eingebettet, war selbst die Angst nur ein ferner Schatten dieses Gefühls.

In den Geschichten, die man sich so erzählte, rannten die Schattenhunde nachts in der Wilden Jagd mit. Der Jäger war der Dunkle König selbst. Auch auf dem weichsten Untergrund hinterließen sie keine Fußspuren, aber dafür auf Stein, und sie gaben ihre Jagd nicht auf, bevor man sich ihnen nicht gestellt und sie besiegt hatte oder über fließendes Wasser entkommen war. Kreuzwege waren angeblich ein besonders gefährlicher Ort für ein Zusammentreffen mit ihnen, und dazu die Zeit gerade nach Sonnenuntergang oder kurz vor Sonnenaufgang. Er hatte mittlerweile schon so viele Legenden Wirklichkeit werden sehen, daß er geneigt war, diese Geschichten zu glauben.

»Nein, das nicht, Rand.« Sie schien wieder ihre Selbstbeherrschung erlangt zu haben, denn nun klang ihre Stimme wieder glockenklar, ruhig und kühl. »Sie sind nur eine andere Art von Schattenwesen, eine, die niemals hätte gezeugt werden dürfen. Doch ihr Biß ist der sichere Tod, wie ein Dolch im Herzen, und ich glaube nicht, daß ich eine solche Wunde heilen könnte, bevor Ihr daran sterbt. Ihr Blut und sogar ihr Speichel ist pures Gift. Ein Tropfen auf der Haut kann schon töten, langsam, und am Ende unter großen Schmerzen. Ihr hattet Glück, daß es nur drei waren. Oder habt Ihr noch mehr getötet, bevor ich eintrat? Ihre Meuten sind für gewöhnlich größer, oftmals zehn oder zwölf, wie die wenigen Berichte aus dem Schattenkrieg besagen.«

Größere Meuten. Er war nicht das einzige Ziel in Rhuidean für einen der Verlorenen...

»Wir müssen darüber reden, was Ihr gebraucht habt, um sie zu töten«, begann Moiraine, doch da war er bereits auf und davon, so schnell er nur konnte. Er ignorierte ihre Rufe, wo er denn hinwolle und warum.

Die Treppenfluchten hinunter und durch dunkle Korridore, in denen ihm schlaftrunkene Töchter des Speers, die von seinen hämmernden Stiefelschritten in ihren mondscheindurchfluteten Zimmern geweckt worden waren, verwirrt nachblickten. Durch den Vordereingang, an dem Lan unruhig mit zwei Wächterinnen zusammenstand, den farbverändernden Umhang der Behüter um die Schultern gelegt, so daß Teile seines Körpers in die Nacht überzugehen schienen.

»Wo ist Moiraine?« schrie er, als Rand an ihm vorbeihetzte, doch Rand sprang bereits die breiten Treppen hinunter, nahm immer zwei Stufen auf einmal, und antwortete nicht.

Die halbverheilte Wunde an seiner Seite zog sich zusammen wie eine Faust. Er war sich im Nichts der Schmerzen nur vage bewußt, als er schließlich das gesuchte Gebäude erreichte. Es stand am Stadtrand von Rhuidean, weit von dem großen Platz entfernt, so weit entfernt wie möglich von dem Lager, das sich Moiraine mit den Weisen Frauen teilte, und dennoch in der Stadt. Die oberen Stockwerke waren zu einem Schutthaufen zusammengebrochen, der sich bis hinaus auf den rissigen Erdboden jenseits der gepflasterten Straße erstreckte. Nur die beiden unteren Stockwerke waren intakt geblieben. Er wehrte sich mit aller Macht gegen den aufsteigenden Schmerz und jagte, noch immer in vollem Lauf, hinein.

Einst war der große Vorraum, der von einem Steinbalkon umrahmt wurde, bereits hoch gewesen, doch nun war er noch höher, nach oben offen unter dem Nachthimmel, und der helle Steinboden war mit Schutt übersät. In den Schatten, die der mondbeschienene Balkon warf, standen drei Schattenhunde auf den Hinterbeinen und kratzten und geiferten an einer bronzeverkleideten Tür, die unter ihrem Ansturm bebte. Der Gestank nach brennendem Schwefel hing dick in der Luft. Rand dachte daran, was vorher geschehen war, und lief zur Seite, während er bereits die Macht verwob. So zielte der Strahl flüssigen Feuers, mit dem er die Schattenhunde vernichtete, an der Tür vorbei. Er hatte sich diesmal bemüht, weniger Energie zu verwenden und so die Zerstörung auf die Schattenhunde zu beschränken, doch die dicke Wand am gegenüberliegenden Ende des Saals wies trotzdem ein in Schatten gehülltes Loch auf. Aber sie war offenbar nicht vollständig durchbrochen, auch wenn es schwer war, das beim Mondschein zu erkennen. Er würde einfach seine Beherrschung dieser Waffe verfeinern müssen.

Die Bronzeverkleidung der Tür war zerbeult und rissig, als hätten die Zähne und Krallen der Schattenhunde tatsächlich aus Stahl bestanden. Durch eine Anzahl kleinerer Löcher schimmerte der Lichtschein einer Lampe. Auf den Bodenfliesen waren Abdrücke der Pranken zu sehen, aber doch überraschend wenige. Er ließ Saidin fahren und suchte sich eine Stelle, wo er sich nicht die Hände verschrammen würde, und dort hämmerte er laut gegen die Tür. Mit einemmal war der Schmerz an seiner Seite wieder sehr real und gegenwärtig. Er holte tief Luft und bemühte sich, ihn zu vergessen. »Mat? Ich bin es, Rand! Mach auf, Mat!«

Einen Moment später öffnete sich die Tür einen Spalt breit, und Lampenschein fiel heraus. Mat blinzelte fragend aus dem Spalt, und dann zog er die Tür weiter auf und lehnte sich an den Türrahmen, als habe er zehn Meilen mit einer Ladung Steine auf dem Rücken hinter sich. Bis auf ein silbernes Medaillon in Form eines Fuchskopfes mit einem Auge, das genau wie jenes uralte Symbol der Aes Sedai geformt war, an einer Kette um seinen Hals war er völlig nackt. Bei Mats Empfindungen den Aes Sedai gegenüber wunderte es Rand, daß der Freund das Ding nicht schon lange verkauft hatte. Weiter drinnen im Zimmer wickelte gerade eine hochgewachsene, goldhaarige Frau eine Decke um ihren Körper. Da Speere und Schild zu ihren Füßen lagen, nahm Rand an, es handle sich um eine Tochter des Speers.