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Die Töchter nahmen ihr Scherzen wieder auf, als sie ihn mit Moiraine und Lan allein ließen. Endlich steckte der Behüter sein Schwert weg und wirkte wieder so entspannt, wie das bei ihm nur der Fall sein konnte. Das hieß, so reglos und ruhig wie sein Gesicht, das im Mondschein wie aus Stein gemeißelt erschien, doch mit einer Haltung, als könne er jeden Moment explodieren. Sogar die Aiel wirkten zahm dagegen. Eine geflochtene Lederschnur hielt Lans an den Schläfen ergrautes Haar zurück. Sein Blick hätte einem blauäugigen Falken gut gestanden.

»Ich muß mit Euch über...«, begann Moiraine.

»Wir können uns morgen unterhalten«, schnitt ihr Rand das Wort ab. Lans Gesichtsausdruck verhärtete sich noch mehr, falls das überhaupt möglich war. Behüter waren allzeit darauf eingestellt, ihre Aes Sedai — sowohl deren Rang wie auch deren Person — noch aufmerksamer zu beschützen als sich selbst. Rand beachtete Lan aber nicht. Er hätte sich am liebsten noch immer der Schmerzen an seiner Seite wegen zusammengekrümmt, doch es gelang ihm, sich aufrecht zu halten. Er wollte ihr gegenüber keine Schwäche zeigen. »Falls Ihr glaubt, ich werde Euch helfen, Mat diesen Fuchskopf abzuluchsen, habt Ihr euch getäuscht.« Irgendwie hatte das Medaillon ihr Machtgewebe abgeblockt. Oder zumindest hatte es verhindert, daß ihr Gebrauch der Macht Mat beeinflußte, während es ihn berührte. »Er hat einen bitteren Preis dafür bezahlt, Moiraine, und es gehört ihm.« Er mußte daran denken, wie sie ihm mit Hilfe der Macht einen Schlag auf die Schulter versetzt hatte, und so fügte er trocken hinzu: »Vielleicht frage ich ihn, ob er es mir borgen kann.« Er wandte sich von ihr ab. Er mußte sich noch um jemand anderen kümmern, obwohl es jetzt so oder so nicht mehr dringlich war, denn mittlerweile durften die Schattenhunde wohl ihre Aufgabe erfüllt haben.

»Bitte, Rand«, sagte Moiraine, und das offene Flehen in ihrem Tonfall ließ ihn auf der Stelle stehenbleiben. So etwas hatte er noch niemals von ihr vernommen.

Der Tonfall schien Lan aufzuregen. »Ich dachte, aus Euch sei ein Mann geworden«, sagte der Behüter grob. »Benimmt sich ein Mann so? Ihr verhaltet Euch wie ein arroganter Lümmel.« Lan übte ständig mit ihm den Schwertkampf — und er mochte ihn, wie Rand glaubte —, doch wenn Moiraine es befahl, würde der Behüter sein Bestes geben, ihn zu töten.

»Ich werde schließlich nicht immer bei Euch bleiben«, sagte Moiraine eindringlich. Ihre Hände hatte sie derart in den Rock verkrampft, daß sie zitterten. »Ich könnte doch schon beim nächsten Angriff sterben. Ich könnte vom Pferd stürzen und mir den Hals brechen oder den Pfeil eines Schattenfreunds ins Herz bekommen, und vom Tod kann mich niemand heilen. Ich habe mein ganzes Leben der Suche nach Euch gewidmet, Euch zu finden und zu helfen. Ihr kennt Eure eigene Stärke immer noch nicht und Ihr wißt in der Hälfte aller Fälle nicht, was Ihr tut. Ich... bitte Euch... inständigst um Verzeihung für alles, was ich Euch angetan habe.« Diese Worte — Worte, die er nie von ihr zu hören erwartet hatte — brachte sie schleppend und zögernd heraus, doch sie sprach sie aus, und sie konnte nicht lügen. »Laßt mich Euch helfen, so gut ich kann, solange ich noch die Möglichkeit dazu habe. Bitte.«

»Es fällt schwer, Euch zu vertrauen, Moiraine.« Er achtete nicht auf Lan, der sich im Mondschein leicht bewegte, und all seine Aufmerksamkeit galt ihr. »Ihr habt mich wie eine Marionette geführt, mich tanzen lassen, wie es Euch gefiel, vom Tage an, als wir uns kennenlernten. Die einzigen Gelegenheiten, bei denen ich frei von Euch war, ergaben sich entweder, wenn Ihr fern von mir wart oder wenn ich Euch einfach ignorierte. Und selbst das macht Ihr mir sehr schwer.«

Ihr Lachen klang so silbern wie der Mond am Himmel, doch es war von Bitterkeit getrübt. »Es war eher wie ein Ringkampf mit einem Bären, als die Fäden an einer Marionette zu ziehen. Wollt Ihr meinen Eid, daß ich Euch nicht zu manipulieren versuche? Ich leiste ihn für Euch.« Ihre Stimme verhärtete sich zu Kristall. »Ich schwöre sogar, Euch zu gehorchen wie eine der Töchter — wie eine der Gai'schain, wenn Ihr das verlangt — aber Ihr müßt...« Sie unterbrach sich, atmete tief durch und begann erneut, diesmal leiser: »Ich bitte Euch inständig, mir zu gestatten, Euch zu helfen.«

Lan sah sie mit großen Augen an, und Rand hatte das Gefühl, ihm selbst fielen fast die Augen aus dem Kopf. »Ich werde Eure Hilfe annehmen«, sagte er dann bedächtig. »Und ich bitte Euch um Verzeihung für all meine Grobheit und Unhöflichkeit.« Er hatte immer noch das Gefühl, manipuliert zu werden, denn er hatte gute Gründe für seine Grobheit gehabt, wenn er sich dazu hinreißen ließ, aber sie konnte nicht lügen.

Ihre innere Anspannung ließ spürbar nach. Sie trat näher an ihn heran und blickte zu ihm auf. »Was Ihr benützt habt, um die Schattenhunde zu töten, nennt man Baalsfeuer. Ich kann die Reste immer noch hier drinnen fühlen.« Er auch. Es war wie der langsam verfliegende Duft nach einem Apfelauflauf, der bereits aus dem Zimmer getragen worden war, oder die Erinnerung an etwas, das gerade außer Sicht gekommen war. »Der Gebrauch von Baalsfeuer ist schon seit der Zeit vor der Zerstörung der Welt verboten. Die Weiße Burg verbietet uns sogar, es auch nur zu erlernen. Im Krieg um die Macht haben selbst die Verlorenen und die Schattenverschworenen das Baalsfeuer nur zögernd angewandt.«

»Verboten?« sagte Rand mit einem Stirnrunzeln. »Ich habe aber gesehen, wie Ihr es einmal benützt habt.« Er konnte sich im blassen Mondschein nicht ganz sicher sein, glaubte aber zu sehen, wie sich ihre Wangen flammend rot überzogen. Dieses eine Mal hatte er sie wohl aus dem Gleichgewicht gebracht, ertappt.

»Manchmal ist es notwendig, etwas Verbotenes zu tun.« Falls sie sich ertappt fühlte, zeigte sich das nicht in ihrer Stimme. »Wenn etwas mit Baalsfeuer zerstört wird, hört es bereits vor dem Augenblick der Zerstörung auf zu existieren, wie ein Faden, der von der Stelle verbrennt, an der ihn die Flamme berührt hat. Je stärker das Baalsfeuer, desto weiter rückwärts in der Zeit hört das Ziel zu existieren auf. Das Stärkste, was ich fertigbringe, entfernt nur ein paar Sekunden aus dem Muster. Ihr seid viel stärker. Sehr viel stärker.«

»Aber wenn es nicht existiert, bevor Ihr es vernichtet...« Rand fuhr sich verwirrt mit den Fingern durchs Haar.

»So beginnt Ihr nun, die Probleme und die Gefahren zu sehen? Mat erinnert sich daran, wie einer der Schattenhunde durch die Tür biß, aber es gibt kein Loch mehr. Hätte der so stark auf ihn gegeifert, wie er in seiner Erinnerung glaubt, wäre er tot gewesen, bevor ich ihn erreichte. Denn in dem Moment, als Ihr die Bestie vernichtet habt, existierte nichts mehr von dem, was im gleichen Augenblick geschehen war. Nur die Erinnerungen daran sind noch da bei denen, die es sahen oder am eigenen Leib erlebten. Nur das, was es zuvor angerichtet hatte, ist auch jetzt noch Wirklichkeit. Ein paar Zahnlöcher in der Tür und ein Tropfen Speichel auf Mats Arm.«

»Das klingt doch ganz gut«, sagte er. »Mat lebt aus diesem Grunde noch.«

»Es ist schrecklich, Rand.« Ihre Stimme wurde noch eindringlicher. »Warum, glaubt Ihr, hatten selbst die Verlorenen Angst davor, es zu benützen? Denkt an die Wirkung auf das Muster, wenn man aus nur einem einzigen Faden, dem Leben eines Menschen, Stunden oder Tage entfernt, die bereits gewoben wurden, als ziehe man Teile eines Fadens aus einem Stück Stoff heraus. Bruchstücke von Manuskripten aus dem Krieg um die Macht sagen aus, daß mehrere Städte mit Baalsfeuer vollständig vernichtet wurden, bevor beiden Seiten die Gefahr bewußt wurde. Hunderttausende von Fäden wurden aus dem Muster gerissen, alles ausradiert, was in den letzten Tagen mit ihnen geschehen war. Was diese Menschen getan hatten, war nun plötzlich nicht mehr getan, und keinem nützte mehr, was andere vollbracht hatten. Die Erinnerungen blieben, aber nicht die Handlungen. Die Wellen im Muster waren nicht mehr vorausberechenbar. Das ganze Muster hätte sich beinahe aufgetrennt. Das hätte die Vernichtung alles Bestehenden verursachen können: der Welt, der Zeit, selbst der Schöpfung.«