Rand schauderte, und das hatte nichts mit der Kälte zu tun, die durch seinen Mantel drang. »Ich kann Euch nicht versprechen, daß ich es nicht mehr benütze, Moiraine. Ihr habt selbst gesagt, es gebe Zeiten, da es notwendig sei, das Verbotene zu tun.«
»Ich habe auch nicht geglaubt, daß Ihr das versprechen würdet«, sagte sie kühl. Ihre Erregung verflog, und ihr seelisches Gleichgewicht war wiederhergestellt. »Aber Ihr müßt extrem vorsichtig sein.« Nun war sie wieder bei diesem ›müßt‹ angelangt. »Mit Hilfe eines Sa'Angreal wie Callandor könntet Ihr eine ganze Stadt mit Baalsfeuer auslöschen. Das Muster könnte auf Jahre hinaus gestört sein. Wer weiß schon, ob sich dann das Muster immer noch um Euch herum bilden würde, Ta'veren oder nicht, bis es sich wieder beruhigte? Doch gerade die Eigenschaft, ein Ta'veren zu sein und ein so starker noch dazu, könnte selbst in der Letzten Schlacht zum entscheidenden Vorteil werden.«
»Vielleicht wird es das«, sagte er düster. In ungezählten Heldenepen behauptete der Held, er wolle entweder den Sieg oder den Tod, aber nichts anderes. Wie es schien, war das Beste, das er sich erhoffen konnte, der Sieg und sein Tod. »Ich muß nach jemandem sehen«, fuhr er ruhig fort. »Wir treffen uns am Morgen wieder.« So sammelte er die Macht in sich, Leben und Tod in wirbelnden Schichten, öffnete ein Loch in der Luft, größer als er selbst war, einen Durchstieg in eine Dunkelheit, die den Mondschein wie helles Tageslicht erscheinen ließ. Ein Tor, wie Asmodean es einfach nannte.
»Was ist das?« Moiraine schnappte nach Luft.
»Sobald ich etwas einmal vollbracht habe, erinnere ich mich später daran, wie ich es anstellen muß. Meistens jedenfalls.« Das war keine Antwort, aber es wurde Zeit, Moiraines Schwüre auf die Probe zu stellen. Sie konnte wohl nicht lügen, aber eine Aes Sedai konnte selbst in einem Stein noch Schlupflöcher finden. »Ihr werdet Mat heute nacht in Ruhe lassen. Und Ihr werdet nicht versuchen, ihm das Medaillon abzunehmen.«
»Es gehört in die Burg, um dort untersucht zu werden, Rand. Es muß ein Ter'Angreal sein, aber man hat noch nie einen gefunden, der... «
»Was es auch sein mag«, sagte er energisch, »es gehört jedenfalls ihm. Ihr werdet es ihm lassen.«
Einen Augenblick lang schien sie mit sich zu ringen. Ihr Rücken versteifte sich, und sie hob den Kopf, um ihn trotzig anzublicken. Sie war es bestimmt nicht gewohnt, von jemand anderem außer Siuan Sanche Befehle entgegenzunehmen, und Rand hätte wetten können, daß sie auch der Amyrlin nicht ohne Widerstand gehorcht hatte. Schließlich nickte sie und machte sogar die Andeutung eines Knickses. »Wie Ihr wünscht, Rand. Es gehört ihm. Seid bitte vorsichtig, Rand. Wenn man ganz allein etwas wie Baalsfeuer anzuwenden lernen will, kann das Selbstmord sein, und vom Tod kann man Euch nicht heilen.« Diesmal schwang kein Spott darin. »Bis zum Morgen.« Lan folgte ihr, als sie ging. Der Behüter warf Rand einen undurchschaubaren Blick zu. Ihm paßte diese Wende im Verhalten Moiraines sicher nicht.
Rand trat durch das Tor, und es verschwand.
Er stand auf einer Scheibe, einer Kopie jenes uralten Symbols der Aes Sedai mit einem Durchmesser von sechs Fuß. Selbst die schwarze Hälfte schien allerdings heller zu sein als die endlose Dunkelheit, die ihn umgab, oben wie unten. Er war sich sicher: Fiele er, dann würde er für alle Ewigkeit fallen. Asmodean behauptete, es gäbe eine schnellere Methode, einfach Reisen genannt, sich mit Hilfe der Tore fortzubewegen, aber er war nicht in der Lage gewesen, ihn darin zu unterweisen, teils, weil er durch Lanfears Abschirmung einfach nicht die Kraft dazu aufbringen konnte, ein Tor zu öffnen. Auf jeden Fall war es beim Reisen dieser Art wichtig, seinen Ausgangspunkt ganz genau zu kennen. Ihm erschien es eigentlich logischer, daß man sein Ziel besonders gut kennen mußte, aber Asmodean schien zu glauben, das sei, als ob man frage, warum die Luft nicht aus Wasser sei. Es gab eine ganze Menge, was Asmodean einfach für gegeben hinnahm. Jedenfalls war auch das Scheibenreiten schnell genug.
Sobald seine Stiefel festen Halt hatten, bewegte sich die Scheibe vielleicht einen Fuß weit vor und hielt an. Ein neues Tor öffnete sich vor ihm. Schnell genug also, besonders bei einer solch geringen Entfernung. Rand trat in den Flur außerhalb des Raums, in dem sich Asmodean aufhielt.
Der Mondschein, der durch die Fenster an beiden Endes des Flurs drang, war die einzige Beleuchtung. Asmodeans Lampe brannte nicht mehr. Die Stränge, die er um das Zimmer verwoben hatte, waren noch da und fest verknüpft.
Nichts rührte sich, aber der schwache Gestank nach brennendem Schwefel lag noch in der Luft. Er trat nahe an den Perlenvorhang heran und spähte durch den offenen Eingang. Mondschatten füllten den Raum, aber einer davon war Asmodean, der sich in seinen Decken herumwälzte. Ins Nichts gehüllt fühlte Rand den Herzschlag des Verlorenen und roch den Schweiß beunruhigter Träume. Er bückte sich und betrachtete die hellblauen Bodenfliesen und die Fußabdrücke darin.
Er hatte als Junge das Spurensuchen gelernt, und hier bereitete es ohnehin keine Schwierigkeiten. Drei oder vier Schattenhunde waren hiergewesen. Sie hatten sich einer nach dem anderen dem Eingang genähert. Wie es schien, war jeder beinahe in die Fußstapfen des anderen getreten. Hatte sie dann das um den Raum gewebte Netz zurückgehalten? Oder waren sie lediglich ausgesandt worden, um zu beobachten und zu berichten? Es war beunruhigend, sich vorzustellen, daß sogar bloße Schattenwesen wie diese eine solche Intelligenz besitzen sollten. Aber andererseits benutzten Myrddraal Raben und Ratten als Spione, und auch andere Tiere, die irgendwie mit dem Tod zu tun hatten. Schattenaugen nannten die Aiel solche Tiere.
Er webte dünne Stränge aus dem Element Erde, glättete die Bodenfliesen und verwischte die Spuren. So gelangte er schließlich wieder hinaus auf die leere, nachtverhüllte Straße, und erst etwa hundert Schritt von dem hohen Gebäude entfernt hörte er auf. Am Morgen würde jeder die Spuren hier enden sehen, und niemand würde vermuten, daß sich die Schattenhunde Asmodean auch nur genähert hatten. Schattenhunde konnten ja wohl kein Interesse an Jasin Natael, dem Gaukler, haben.
Wahrscheinlich war mittlerweile jede Tochter des Speers in der Stadt aufgewacht. Unter dem Dach der Töchter schlief jedenfalls mit Sicherheit niemand mehr. Er schuf ein neues Tor gleich über der Straße, tiefere Dunkelheit als selbst in dieser Nacht, und ließ sich von der Scheibe zum eigenen Zimmer zurücktragen. Er fragte sich, wieso er sich gerade für das uralte Symbol entschieden hatte. Natürlich war es, wenn auch unbewußt, seine Entscheidung gewesen. Bei anderen Gelegenheiten war es eine Treppenstufe gewesen oder ein Stück des Fußbodens. Die Schattenhunde waren vor diesem Zeichen zerflossen, bevor sie sich neu bildeten. Unter diesem Zeichen wird er erobern.
Er stand in seinem pechschwarzen Schlafgemach und benützte die Macht, um die Lampen zu entzünden. Saidin ließ er nicht fahren. Statt dessen benützte er die Macht weiter, wenn auch vorsichtig, um keine der eigenen Fallen auszulösen, und ein Teil der einen Wand verschwand. Dahinter befand sich eine Nische, die er selbst dort geschaffen hatte.
In der kleinen Nische standen zwei jeweils einen Fuß hohe Figuren, ein Mann und eine Frau, jede mit fließenden Gewändern angetan und mit ernstem Gesichtsausdruck, und jede hielt eine Kristallkugel mit einer Hand empor. Er hatte Asmodean in bezug auf die beiden angelogen.
Es waren Angreal wie der rundliche kleine Mann in Rands Manteltasche, und Sa'Angreal wie Callandor, die die Energiemenge erheblich vergrößern konnten, wenn er das brauchte. Mit einem davon beherrschte man soviel mehr der Macht einem Angreal gegenüber, wie mit diesem einem Menschen gegenüber, der allein die Macht lenken mußte. Beides war sehr selten zu finden und äußerst begehrt bei den Aes Sedai, obwohl sie nur diejenigen identifizieren konnten, die mit Frauen und damit Saidar verbunden waren. Diese beiden kleinen Standbilder waren allerdings etwas anderes, nicht ganz so selten, aber genauso wertvoll. Man hatte Ter'Angreal angefertigt, um mit ihrer Hilfe die Macht zu benützen und nicht zu verstärken, und zwar auf ganz bestimmte Weise zu benützen. Die Aes Sedai kannten die richtige Anwendung der meisten in der weißen Burg gesammelten Ter'Angreal nicht. Ein paar benützten sie, aber sie wußten dabei noch nicht einmal, ob der Zweck, den sie damit verfolgten, auf irgendeine Weise dem ursprünglich vorgesehenen glich. Rand jedenfalls kannte die Funktion dieser beiden.