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Die männliche Figur konnte ihn an die eigene riesenhafte Nachbildung anschließen, den mächtigsten jemals geschaffenen Sa'Angreal, selbst wenn er sich auf der anderen Seite des Aryth-Meeres befand. Er war erst fertiggestellt worden, nachdem man das Gefängnis des Dunklen Königs wieder versiegelt hatte — Woher weiß ich das? —, und dann verborgen worden, bevor einer der männlichen Aes Sedai ihn von seinem Wahn umnachtet finden konnte. Die weibliche Figur tat dasselbe für eine Frau und schloß sie an das weibliche Äquivalent der großen Statue an, von der er hoffte, daß sie immer noch in Cairhien fast ganz unter der Erde verborgen sei. Mit soviel Macht... Moiraine hatte behauptet, vom Tod könne man niemanden heilen.

Ungebeten und unerwünscht tauchte wieder die Erinnerung an das vorletzte Mal in ihm auf, als er gewagt hatte, Callandor zu benützen. Die Bilder schwebten jenseits des Nichts.

Der Körper des dunkelhaarigen Mädchens, wenig mehr als ein Kind, lag ausgestreckt und mit weit aufgerissenen, starren, zur Decke gerichteten Augen vor ihm. Über der Brust war ihr Kleid schwarz von Blut, wo sie der Trolloc durchbohrt hatte. Die Macht erfüllte ihn. Callandor gleißte und er war die Macht. Er lenkte sie, ließ Stränge in den Körper des Kindes gleiten, suchte, probierte, unbeholfen... Sie zuckte hoch, kam auf die Beine. Arme und Beine waren unnatürlich steif und bewegten sich nur ruckartig.

»Rand, das könnt Ihr nicht tun!« schrie Moiraine. »Nicht!«

Atmen. Sie mußte atmen. Die Brust des Mädchens hob und senkte sich. Herz. Mußte schlagen. Blut, bereits zähflüssig und dunkel, quoll aus der Wunde in ihrer Brust. Lebe, verdammt noch mal! heulte sein Verstand auf. Ich wollte nicht zu spät kommen! Ihre Augen starrten ihn an, glasig, die in ihm tobende Macht mißachtend. Leblos. Tränen rannen ihm unbeachtet über die Wangen.

Er schob die Erinnerungen grob beiseite. Selbst in das Nichts eingehüllt schmerzten sie. Mit soviel Macht... Mit soviel Macht konnte man ihm nicht mehr trauen. »Ihr seid nicht der Schöpfer«, hatte ihm Moiraine gesagt, als er sich über dieses Kind beugte. Doch mit Hilfe dieser männlichen Figur, mit lediglich der Hälfte deren Macht, hatte er einmal sogar die Berge bewegt. Mit viel weniger, nur mit Callandor allein, war er sicher gewesen, das Rad zurückdrehen zu können und ein totes Kind wieder zum Leben zu erwecken. Nicht nur die Eine Macht selbst war verführerisch, nein, auch die bloße Energie darin verführte schon. Er sollte eigentlich beide Figuren vernichten. Statt dessen verwob er die Stränge wieder und aktivierte die Fallen erneut.

»Was machst du da?« fragte eine Frauenstimme, als die Wand offensichtlich wieder vollständig war.

Er band die Stränge hastig ab und auch den Knoten, der seine eigenen tödlichen Überraschungen barg, sog die Macht in sich auf und drehte sich um.

Neben Lanfear in Silber und Weiß würden selbst Elayne, Min oder Aviendha eher unauffällig wirken. Ihre dunklen Augen allein könnten einen Mann dazu bringen, seine Seele dafür zu geben. Bei ihrem Anblick verkrampfte sich sein Magen, als müsse er sich übergeben.

»Was wünscht Ihr?« wollte er wissen. Einmal hatte er sowohl Egwene wie auch Elayne gleichzeitig von der Wahren Quelle abgeschirmt, aber er erinnerte sich nicht mehr daran, wie er das fertiggebracht hatte. Solange Lanfear die Quelle berühren konnte, hatte er nicht mehr Chancen, sie gefangenzunehmen, als den Wind mit den Händen einzufangen. Ein Strahl Baalsfeuer, und... Er brachte es nicht fertig. Sie war eine der Verlorenen, aber die Erinnerung an den Kopf einer Frau, der über den Boden rollte, lähmte ihn.

»Du hast zwei davon«, sagte sie schließlich. »Ich glaubte, sie gesehen zu haben... Die eine ist eine Frau, nicht wahr?« Ihr Lächeln konnte einem Mann das Herz stillstehen lassen, und er wäre dabei noch glücklich gewesen. »Du fängst an, dich mit meinem Plan anzufreunden, ja? Mit diesen beiden zusammen werden die anderen Auserwählten zu unseren Füßen knien. Wir können selbst den Großen Herrn damit herausfordern, vielleicht sogar den Schöpfer. Wir...«

»Du warst immer schon ehrgeizig, Mierin.« Seine Stimme klang häßlich in den eigenen Ohren. »Warum glaubst du, habe ich dich verlassen? Es war nicht Ilyenas Schuld, was du auch glauben willst. Du warst nicht mehr in meinem Herzen, lange bevor ich sie kennenlernte. Du bestehst nur aus Ehrgeiz. Macht ist alles, was du willst. Du ekelst mich an!«

Sie starrte ihn an, beide Hände mit aller Kraft auf die Magengegend gepreßt, und ihre dunklen Augen waren noch größer als sonst schon. »Graendal sagte...«, begann sie mit schwacher Stimme. Sie schluckte und fing noch einmal an: »Lews Therin? Ich liebe dich, Lews Therin. Ich habe dich immer geliebt und ich werde dich immer lieben. Das weißt du. Du mußt es wissen!«

Rands Gesicht war wie ein Steinblock; er hoffte, die steinerne Miene werde sein Erschrecken verbergen. Er hatte keine Ahnung, woher diese Worte gekommen waren, aber ihm schien, er könne sich von früher an sie erinnern. Eine blasse Erinnerung von früher her. Ich bin nicht Lews Therin Telamon! »Ich bin Rand al'Thor!« sagte er mit rauher Stimme.

»Natürlich bist du das.« Sie musterte ihn und nickte bedächtig in sich hinein. Ihre kühle Beherrschtheit kehrte zurück. »Natürlich. Asmodean hat dir Sachen erzählt über den Krieg um die Macht und über mich. Er lügt. Du hast mich geliebt. Bis diese blondhaarige Schlampe Ilyena dich mir gestohlen hat.« Einen Augenblick lang verzerrte die Wut ihr Gesicht. Er glaubte nicht, daß sie sich überhaupt darüber im klaren sei. »Hast du gewußt, daß Asmodean seine eigene Mutter von der Macht abgeschnitten hat? Was man jetzt als Dämpfung bezeichnet. Hat sie ausgebrannt und dann schreiend von Myrddraal wegschleifen lassen. Kannst du einem solchen Mann trauen?«

Rand lachte laut los. »Nachdem ich ihn gefangen hatte, habt Ihr mir geholfen, ihn zu fesseln, damit er mich unterrichtet. Und jetzt sagt Ihr, ich könne ihm nicht trauen?«

»Was das Unterrichten angeht, schon.« Sie schnaubte verächtlich. »Er spielt mit, weil er weiß, daß er endgültig auf dich angewiesen ist. Selbst wenn er die anderen davon überzeugen kann, daß er lediglich ein Gefangener war, würden sie ihn immer noch zerreißen, und das ist ihm klar. Das ist nun mal das Schicksal des schwächsten Hundes in der Meute. Außerdem überwache ich manchmal seine Träume. Er träumt davon, daß du den Großen Herrn besiegst und ihn auf einen hohen Rang neben dich erhebst. Manchmal träumt er auch von mir.« Ihr Lächeln sagte, daß diese Träume angenehm für sie gewesen waren, aber nicht unbedingt für Asmodean. »Aber er wird versuchen, dich gegen mich aufzuhetzen.«

»Warum seid Ihr hier?« fragte er. Gegen sie aufhetzen? Zweifellos war sie im Moment übervoll mit der Macht gefüllt und bereit, ihn sofort abzublocken, falls sie den Verdacht hatte, er wolle ihr etwas tun. Das hatte sie zuvor schon mit ernüchternder Leichtigkeit fertiggebracht.