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»Ich hätte sie wegschicken lassen sollen, damit sie versucht, die Drachenmauer zu erreichen«, sagte er, und es klang nebensächlich. »Aber wer weiß, was sie ausgesagt hätte, um sich zu retten? Ich muß sie und Kadere in einem gewissen Maße decken, damit Asmodean sicher ist.«

Die Röte ihrer Wangen verflog, doch als sie gerade den Mund öffnete, um zu antworten, klopfte es an die Tür.

Rand sprang auf. Niemand würde Lanfear erkennen, aber wenn man eine Frau in seinem Gemach entdeckte, noch dazu eine, die keine der Töchter ins Haus hatte hineingehen gesehen, würde man Fragen stellen, auf die er keine Antwort wußte.

Lanfear hatte jedoch bereits ein Tor geöffnet. Dahinter war ein Raum voller weißer Seidenbehänge und Silber sichtbar. »Denk daran, daß ich deine einzige echte Hoffnung aufs Überleben darstelle, mein Liebster.« Ihre Stimme klang allerdings schon ein wenig kühl für eine solche Liebesbezeugung. »An meiner Seite hast du nichts zu befürchten. An meiner Seite kannst du herrschen — über alles, was ist oder was sein wird.« Sie hob ihren schneeweißen Rock an, trat hindurch, und das Tor verschwand augenblicklich.

Das Klopfen erklang erneut, bevor er in der Lage war, Saidin fahren zu lassen und die Tür aufzureißen. Enaila blickte mißtrauisch an ihm vorbei und knurrte: »Ich dachte, daß vielleicht Isendre...« Sie blickte ihn anklagend an. »Die Speerschwestern suchen überall nach Euch. Niemand sah Euch zurückkehren.« Kopfschüttelnd streckte sie sich. Sie bemühte sich immer, so aufrecht wie möglich zu gehen, um größer zu wirken. »Die Häuptlinge sind gekommen, um mit dem Car'a'carn zu sprechen«, sagte sie dann ganz förmlich. »Sie warten unten.«

Sie warteten unter den Arkaden, wie sich herausstellte. Sie waren ja Männer und durften nicht hereinkommen. Der Himmel war noch dunkel, aber der erste Schimmer der Morgendämmerung ließ die Umrisse der Berge im Osten hervortreten. Falls sie ob der beiden Töchter, die zwischen ihnen und dem hohen Tor standen, Ungeduld empfanden, zeigte sich das zumindest nicht auf ihren schattendunklen Gesichtern.

»Die Shaido rücken aus«, platzte Han heraus, kaum daß Rand erschien. »Und die Reyn, die Miagoma, die Shiande... Jeder Clan!«

»Schließen sie sich Couladin an oder mir?« wollte Rand wissen.

»Die Shaido marschieren zum Jangai-Paß«, sagte Rhuarc. »Bei den anderen ist es noch zu früh, um etwas Sicheres sagen zu können. Aber sie marschieren mit jedem Speer, den sie nicht brauchen, um die Festungen und die Herden zu verteidigen.«

Rand nickte nur. All seine Entschlossenheit, sich von niemandem etwas aufzwingen zu lassen, und nun dies. Was auch die anderen Clans im Schilde führten — bei Couladin war klar, daß er den Übergang nach Cairhien plante. Da gingen nun seine hochfliegenden Pläne den Bach hinunter, den Ländern den Frieden aufzuzwingen, falls die Shaido Cairhien noch weiter verwüsteten, während er in Rhuidean saß und auf die übrigen Clans wartete.

»Dann rücken wir auch zum Jangai aus«, sagte er schließlich.

»Wir können ihn nicht einholen, falls er ihn überqueren will«, warf Erim ein, und Han fügte mürrisch hinzu: »Wenn sich welche von den anderen ihm anschließen, werden wir zerquetscht wie eine Kette Blindwürmer unter einem Stiefel.«

»Ich werde nicht hier herumsitzen, bis ich das sicher weiß«, sagte Rand. »Wenn ich Couladin schon nicht einholen kann, will ich doch wenigstens gleich hinter ihm nach Cairhien kommen. Weckt die Speere. Wir brechen so kurz nach Tagesanbruch auf, wie Ihr es ermöglichen könnt.«

Die Häuptlinge verbeugten sich auf diese eigenartige Weise, wie das die Aiel bei offiziellen Anlässen zu tun pflegten, der eine Fuß voraus und eine Hand ausgestreckt, und gingen dann. Nur Han sagte noch etwas: »Zum Shayol Ghul selbst.«

7

Ein Aufbruch

Egwene gähnte in den grauenden Morgen hinein und zog sich müde auf ihre nebelfarbene Stute hinauf. Sofort hatte sie Mühe, ihr nervös tänzelndes Reittier zu beruhigen. Das Tier war wochenlang nicht mehr geritten worden. Die Aiel bevorzugten nicht nur die eigenen Beine, sondern vermieden es fast immer, reiten zu müssen, obwohl sie Packpferde und Maultiere als Lastenträger benützten. Hätten sie auch genug Holz besessen, um Wagen damit zu bauen, wäre trotzdem das Gelände in der Wüste nicht gerade für Wagenräder geeignet. Das hatte schon mehr als ein Händler mit seinem Wagenzug zum eigenen Leidwesen erfahren müssen.

Sie freute sich nicht gerade auf den langen Ritt nach Westen. Die Berge hielten jetzt noch die Sonnenstrahlen zurück, aber die Hitze würde stündlich steigen, wenn die Sonne erst einmal über dem Horizont stand, und diesmal würde es kein schützendes Zelt geben, in das sie nach Sonnenuntergang schlüpfen konnte. Sie war auch nicht sicher, ob die Aielkleidung für einen langen Ritt geeignet war. Der Schal, den sie um den Kopf gewickelt trug, hielt die drückende Sonnenhitze überraschend gut ab, aber wenn sie nicht vorsichtig war, würde dieser bauschige Rock beim Reiten ständig bis an ihre Schenkel hochrutschen. Dabei beunruhigte sie der Gedanke an die unvermeidlichen Brandblasen und den Sonnenbrand mindestens ebenso sehr wie die Tatsache, daß ihre Beine unanständig entblößt würden. Auf der einen Seite die Sonne, und... Ein Monat nicht mehr im Sattel hätte nicht dazu führen dürfen, daß sie derart verweichlichte. Hoffentlich war dem nicht so, denn sonst würde dies eine äußerst lange Reise.

Sobald sie ihre Stute beruhigt hatte und sich umsah, bemerkte sie, daß Amys zu ihr herüberblickte. Sie tauschte ein kurzes Lächeln mit der Weisen Frau. Der Grund für ihre Müdigkeit lag nicht in der Rennerei der vergangenen Nacht. Das hatte ihr höchstens zu einem besseren Schlaf verholfen. Nein, sie hatte tatsächlich die Träume dieser Frau letzte Nacht gefunden, und um das zu feiern, hatten sie im Traum in der Kaltfelsenfestung Tee miteinander getrunken, an einem frühen Abend, als die Kinder auf den Gartenterrassen spielten und eine angenehme Brise unter der sinkenden Sonne durch das Tal wehte.

Natürlich hätte auch das nicht ausgereicht, um ihr den Rest der Nachtruhe zu rauben, aber als sie Amys' Traum verließ, war sie in einer solchen Hochstimmung gewesen, daß sie nicht aufhören wollte, nicht aufhören konnte, gleich, was Amys dazu gesagt hätte. Überall war sie von Träumen umgeben gewesen, obwohl sie bei den meisten nicht wissen konnte, wer sie eigentlich träumte. Bei den meisten, aber nicht bei allen. Melaine hatte davon geträumt, ein Kind an der Brust zu stillen, und Bair von einem ihrer verstorbenen Ehemänner, die beide einst jung und blond gewesen waren. Sie hatte sich allerdings besondere Mühe gegeben, nicht in diese Träume einzudringen, denn die Weisen Frauen hätten sofort einen Eindringling erkannt, und sie schauderte, dachte sie daran, was sie mit ihr gemacht hätten, bevor sie sie wieder zurückgeschickt hätten.

Rands Träume hatten natürlich eine Herausforderung dargestellt, und der konnte sie nicht widerstehen. Nach dem sie jetzt schon von Traum zu Traum flattern konnte, warum nicht versuchen, was die Weisen Frauen nicht geschafft hatten? Nur, der Versuch, seine Träume zu betreten, war so ausgegangen, als renne sie mit voller Wucht, den Kopf voraus, gegen eine unsichtbare Mauer. Sie wußte, daß auf der anderen Seite seine Träume lagen, und sie war sicher, einen Weg hindurch finden zu können, aber sie hatte keinen Anhaltspunkt gefunden, nichts, was ihr eine Lücke geöffnet hätte. Eine Mauer aus Nichts. Das war ein Problem, in das sie sich verbiß. Sie wollte es schaffen und würde bis dahin nicht aufgeben. Wenn sie sich einmal etwas vorgenommen hatte, war sie so hartnäckig wie ein Dachs beim Höhlenbau.