Um sie herum huschten die Gai'schain und luden das gesamte Lager der Weisen Frauen auf die Mulis. In kurzer Zeit würde nur noch ein Aiel oder jemand, der genauso geschickt im Spurenlesen war, überhaupt feststellen können, daß auf diesem Fleck sonnenverbrannten Lehmbodens Zelte gestanden hatten. Auch auf den sie umgebenden Abhängen spielte sich das gleiche ab, und das Durcheinander hatte selbst die Stadt erfaßt. Nicht jeder würde mitgehen, aber immerhin Tausende. Aiel drängten sich auf den Straßen, und Meister Kaderes Wagenzug stand in langer Reihe auf dem großen Platz, mit Moiraines ausgewählten Stücken beladen. Den Schluß des Zugs bildeten die drei weißgestrichenen Wasserwagen. Wie riesige Fässer auf Rädern standen sie hinter Maultiergespannen mit jeweils zwanzig Zugtieren. Kaderes eigener Wohnwagen an der Spitze der Karawane war ein kleines weißes Haus auf Rädern mit Stufen an der Rückseite und einem metallenen Schornsteinrohr, das aus dem flachen Dach aufragte. Der dicke Händler mit der Adlernase, heute in elfenbeinfarbene Seide gekleidet, nahm mit großer Geste seinen unglaublich zerbeulten Hut ab, als sie vorbeiritt. Seine dunklen, schräggestellten Augen teilten das breite Lächeln nicht, das er ihr zuwarf.
Sie ignorierte ihn kalt. Seine Träume waren entschieden zu düster und unangenehm, wenn nicht auch noch lüstern. Man sollte seinen Kopf in ein ganzes Faß mit Blaurippentee tauchen, dachte sie grimmig.
Sie näherte sich dem Dach der Töchter und suchte sich ihren Weg zwischen den geschäftig umhereilenden Gai'schain und den geduldig dastehenden Mulis. Zu ihrer Überraschung trug eine der Gestalten, die das Gepäck der Töchter des Speers aufluden, ein schwarzes Gewand anstatt eines weißen. Der Größe nach mußte es eine Frau sein. Sie wankte unter dem Gewicht eines gut verschnürten Bündels auf ihrem Rücken. Sie bückte sich im Vorbeireiten, um einen Blick unter die Kapuze der Frau werfen zu können, und erblickte Isendres verhärmtes Gesicht. Schweiß rann der Frau bereits jetzt über die Wangen. Sie war froh, daß die Töchter ihr erspart hatten, mehr oder weniger nackt nach draußen zu gehen, aber es erschien ihr auch unnötig grausam, sie in Schwarz zu kleiden. Wenn sie jetzt schon derart schwitzte, würde sie beinahe umkommen, wenn die Hitze des Tages erst richtig zuschlug.
Trotzdem, die Angelegenheiten der Far Dareis Mai gingen sie nichts an. Das hatte ihr Aviendha sanft, aber entschieden beigebracht. Adelin und Enaila wären fast grob geworden deshalb, und eine drahtige, weißhaarige Tochter des Speers namens Sulin hatte ihr tatsächlich gedroht, sie an den Ohren zu den Weisen Frauen zurückzuschleifen. Trotz ihrer Anstrengungen, Aviendha davon abzuhalten, sie ständig als Aes Sedai anzureden, hatte es sie aufgeregt, daß sich nach einer Weile der Unsicherheit ihr gegenüber der Rest der Töchter entschlossen hatte, sie lediglich als eine weitere Schülerin der Weisen Frauen zu behandeln. Sie ließen sie noch nicht einmal ihr Dach betreten, wenn sie nicht behauptete, einen Auftrag erledigen zu müssen.
Die Schnelligkeit, mit der sie ihr Pferd weiter durch die Menge lenkte, hatte nichts damit zu tun, daß sie den Urteilsspruch der Far Dareis Mai akzeptierte oder mit dem kribbelnden Bewußtsein, von den Töchtern beobachtet zu werden, zweifellos bereit, ihr einen Vortrag zu halten, falls sie sich hätte einmischen wollen. Es hatte nicht einmal sehr viel mit ihrer Abneigung Isendre gegenüber zu tun. Sie wollte gar nicht erst an den kurzen Eindruck von den Träumen dieser Frau denken, den sie empfand, bevor Cowinde kam, um sie zu wecken. Das waren Alpträume gewesen von Folter, von Dingen, die man dieser Frau antat und vor denen Egwene entsetzt floh, mit etwas Dunklem und Bösem im Hintergrund, das sich amüsierte, als sie davor weglief. Kein Wunder, daß Isendre abgehärmt wirkte. Egwene war so schnell aus dem Schlaf hochgeschreckt, daß Cowinde, die ihr eine Hand auf die Schulter legen wollte, erschrocken zurückgesprungen war.
Rand stand auf der Straße vor dem Dach der Töchter. Er trug bereits die Schufa als Sonnenschutz und einen blauseidenen Kurzmantel mit genug Goldstickerei, um in jeden Palast zu passen. Allerdings hatte er ihn vorn halb offen gelassen. Sein Gürtel wies eine neue Schnalle auf, ein kunstvoll geschmiedetes Ding in Form eines Drachen. Er fing wirklich an, sich etwas auf sich selbst einzubilden, das war offensichtlich. Er stand neben Jeade'en, seinem Apfelschimmelhengst, und unterhielt sich mit den Clanhäuptlingen und ein paar der Aielhändler, die in Rhuidean verbleiben würden.
Jasin Natael, der beinahe auf Rands Fersen trat, die Harfe auf dem Rücken und die Zügel des gesattelten Maultiers, das er von Meister Kadere gekauft hatte, in der Hand, war sogar noch prachtvoller gekleidet. Silberstickereien bedeckten sein schwarzes Wams fast vollständig, und an Kragen und Manschetten quollen jeweils weiße Spitzen hervor. Selbst die Stiefel waren silberbeschlagen, wo sie am Knie heruntergeschlagen waren. Der Gauklerumhang mit seinen Flicken verdarb den Eindruck ein wenig, aber Gaukler waren eben ein seltsames Volk.
Die Männer unter den Händlern trugen die Cadin'sor, und obwohl die Messer an ihren Gürteln kürzer waren als bei den Kriegern, wußte Egwene, daß sie alle gut mit dem Speer umzugehen wußten, wenn es notwendig war. Sie hatten etwas an sich von der tödlichen Eleganz ihrer Brüder, die den Speer trugen. Die Frauen unter ihnen waren leichter von ihren kämpfenden Schwestern zu unterscheiden, weil sie lose hängende, weiße Blusen aus Algode und lange Wollröcke trugen, dazu Kopftücher und Schals. Abgesehen von den Töchtern und den Gai'schain —und Aviendha — sah man bei allen Aielfrauen unzählige Armreifen und Halsgehänge aus Gold und Elfenbein, Silber und Edelsteinen, manches davon aus der eigenen Herstellung, manches gekauft und viele als Beutestücke mitgebracht. Diejenigen unter den Aielhändlern allerdings trugen noch mindestens doppelt soviel Schmuck wie die anderen Frauen.
Sie schnappte einen Teil dessen auf, was Rand den Händlern zu sagen hatte.
»... laßt den Steinmetzen der Ogier freie Hand, zumindest für einen Teil dessen, was sie erbauen. Soviel wie möglich solltet Ihr selbst neu erschaffen. Es hat keinen Zweck, lediglich die Vergangenheit zu erhalten.«
Also ließ er sie Boten zum Stedding schicken, um Ogier für den Wiederaufbau Rhuideans zu gewinnen. Das war gut so. Vieles in Tar Valon war das Werk von Ogiern, und wo man es ihrem eigenen Urteil überließ, entstanden atemberaubende Bauwerke.
Mat saß schon auf seinem Wallach Pips, hatte den breitrandigen Hut heruntergezogen und den Schaft seines eigenartigen Speers auf einen Steigbügel gestützt. Wie üblich wirkte sein hochgeschlossener grüner Mantel, als habe er darin geschlafen. Sie hatte seine Träume gemieden. Eine der Töchter, eine sehr große Frau mit goldenem Haar, grinste Mat so spitzbübisch an, daß es ihm offensichtlich peinlich war. Und das sollte es wohl auch sein; sie war viel zu alt für ihn. Egwene schnaubte. Ich weiß sehr wohl, wovon er träumte, danke schön! Sie ließ nur deshalb ihr Pferd neben seinem stehenbleiben, weil sie sich nach Aviendha umsah.
»Er hat ihr gesagt, sie solle ruhig sein, und sie hat ihm tatsächlich gehorcht«, sagte er, als ihre Stute stehenblieb. Er nickte in Richtung Moiraine und Lan. Sie war in hellblaue Seide gekleidet und hielt die Zügel ihrer weißen Stute fest in der Hand, und Lan stand in seinen Behüterumhang gehüllt neben seinem großen, schwarzen Schlachtroß. Lan beobachtete Moiraine eindringlich, wie immer mit ausdrucksloser Miene, während sie aussah, als wolle sie vor Ungeduld platzen, und dabei Rand anfunkelte. »Sie hat angefangen, ihm zu erklären, daß dies alles völlig falsch sei. In meinen Ohren klang das, als habe sie es ihm schon hundertmal gesagt. Und er sagte einfach: ›Ich habe die Entscheidung getroffen, Moiraine. Bleibt dort drüben und schweigt, bis ich Zeit für Euch habe.‹ Als erwarte er von ihr, daß sie gehorche. Und tatsächlich hat sie gehorcht! Ist das Dampf, was ihr aus den Ohren kommt?«