Sein schnaubendes Lachen klang so erfreut und so selbstgefällig, daß sie beinahe Saidar ergriffen und ihm offen vor jedermann eine Lektion erteilt hätte. Statt dessen schnaubte sie vernehmlich, laut genug jedenfalls, um ihm zu verstehen zu geben, daß es ihm galt und seinem ›geistvollen‹ Humor. Er warf ihr einen amüsierten Seitenblick zu und schmunzelte erneut, was ihre Laune nicht gerade verbesserte.
Einen Augenblick lang sah sie erstaunt zu Moiraine hinüber. Die Aes Sedai hatte getan, was Rand wollte? Ohne zu protestieren? Das war genauso, als gehorche eine der Weisen Frauen oder als gehe die Sonne um Mitternacht auf. Sie hatte natürlich von dem Angriff gehört. Überall waren heute morgen Gerüchte über riesige Hunde umgegangen, die ihre Fußspuren auf Steinen hinterließen. Sie sah allerdings nicht ein, was das mit dem hier zu tun haben sollte, doch von den Nachrichten über die Shaido abgesehen war das das einzig wirklich Neue, und es reichte doch wohl nicht, um eine solche Reaktion hervorzurufen. Nichts von alledem, was ihr einfiel, würde Moiraine derart verändern. Zweifellos würde sie ihr wieder sagen, es gehe sie nichts an, aber auf die eine oder andere Weise würde sie der Sache schon auf den Grund kommen. Es paßte ihr nicht, Dinge nicht zu verstehen.
Sie entdeckte Aviendha, die auf der obersten Stufe der Treppe zum Dach der Töchter stand, und lenkte daraufhin ihr Pferd zur anderen Seite der Gruppe in Rands Umgebung. Die Aielfrau musterte ihn genauso eindringlich wie die Aes Sedai, doch in ihrem Gesicht stand nicht der geringste erkennbare Ausdruck. Sie drehte ständig an dem elfenbeinernen Armreif um ihr Handgelenk, spielte offensichtlich daran herum, ohne sich dessen bewußt zu sein. Auf irgendeine Weise hatte dieser Armreif mit den Schwierigkeiten zu tun, die Aviendha mit Rand hatte. Egwene verstand das alles nicht. Aviendha weigerte sich, darüber zu sprechen, und jemand anderen konnte sie nicht dazu befragen, nicht, wenn es ihrer Freundin peinlich wäre. Ihr eigenes flammenverziertes Elfenbeinarmband war ein Geschenk von Aviendha, um ihren Bund als Nächstschwestern zu besiegeln. Als Gegengeschenk hatte sie der anderen Frau die silberne Halskette gegeben, die sie jetzt trug. Kadere hatte behauptet, sie sei nach einem Muster aus Kandor gearbeitet, das man als Schneeflocken bezeichnete. Sie hatte Moiraine um Geld dafür bitten müssen, doch es war ihr passend erschienen für eine Frau, die niemals Schnee kennenlernen würde. Oder ihn nicht kennengelernt hätte, würde sie jetzt nicht die Wüste verlassen. Sie würden wohl kaum vor Anbruch des Winters hierher zurückkehren. Was das Armband auch zu bedeuten hatte, Egwene vertraute ihrer Hartnäckigkeit, herauszufinden, was es damit auf sich hatte.
»Geht es dir gut?« fragte sie. Als sie sich aus dem vorn und hinten hochgezogenen Sattel beugte, rutschte ihr Rock hoch, bis ihre Beine sichtbar waren, doch sie war so mit ihrer Freundin beschäftigt, daß sie es kaum bemerkte.
Sie mußte ihre Frage wiederholen, bevor Aviendha zusammenzuckte und zu ihr aufblickte. »Gut? Ja, sicher.«
»Laß mich mit den Weisen Frauen sprechen, Aviendha. Ich bin sicher, ich kann sie überzeugen, daß sie dich nicht einfach...« Sie brachte es nicht fertig, weiterzusprechen, jedenfalls nicht hier draußen, wo jeder aus der Menge ihre Worte aufschnappen könnte.
»Machst du dir darüber immer noch Gedanken?« Aviendha rückte ihren grauen Schal zurecht und schüttelte leicht den Kopf. »Eure Sitten sind mir immer noch unverständlich.« Ihr Blick wanderte zu Rand hinüber wie Eisenfeilspäne, die von einem Magneten angezogen werden.
»Du mußt keine Angst vor ihm haben.«
»Ich fürchte überhaupt keinen Mann«, fauchte die Freundin, und in ihren Augen blitzte grünes Feuer. »Ich will keinen Streit mit dir, Egwene, aber du solltest so etwas nicht sagen.«
Egwene seufzte. Freundin oder nicht, Aviendha war durchaus fähig, ihr eins hinter die Ohren zu geben, wenn sie beleidigt genug war. Jedenfalls mochte es schon sein, daß auch sie so etwas nicht zugegeben hätte. Aviendhas Traum war zu schmerzhaft gewesen, um lange darin zu verweilen. Nackt bis auf diesen elfenbeinernen Armreif, der an ihr zog, als wöge er hundert Pfund, war Aviendha gerannt, so schnell sie ihre Beine über die rissige, festgebackene Lehmebene trugen. Und hinter ihr war Rand her, ein Gigant, zweimal so groß wie ein Ogier, auf einem riesigen Jeade'en sitzend, und er holte langsam aber unaufhaltsam auf.
Doch man konnte einer Freundin nicht einfach sagen, daß sie lüge. Egwenes Gesicht rötete sich leicht. Besonders dann nicht, wenn man ihr sagen müßte, woher man das wußte. Dann würde sie mir mit Sicherheit eins aufs Ohr geben. Ich mache es auch nicht wieder. In den Träumen anderer Menschen herumstöbern. Jedenfalls nicht in Aviendhas Träumen. Es war nicht recht, die Träume einer Freundin auszuspionieren. Nun, es war eigentlich kein Spionieren, aber trotzdem...
Die Gruppe um Rand begann, sich aufzulösen. Er schwang sich leichtfüßig in den Sattel, und Natael machte es ihm prompt nach. Eine der Händlerinnen, eine Frau mit breitem Gesicht und Feuerhaaren, die ein kleines Vermögen an Goldschmiedearbeiten, Edelsteinen und Elfenbeinschnitzereien mit sich herumtrug, verharrte allerdings. »Car'a'carn, wollt Ihr das Dreifache Land für immer verlassen? Ihr habt gesprochen, als würdet Ihr niemals zurückkehren.«
Die anderen blieben bei diesen Worten stehen und wandten sich um. Stille breitete sich auf einer Welle des Gemurmels aus, weil jeder dem anderen schnell die Worte wiederholte. Auch Rand schwieg einen Moment lang und blickte sich unter den ihm zugewandten Gesichtern um. Schließlich sagte er: »Ich hoffe, zurückzukehren, aber wer weiß schon, was geschehen wird? Das Rad webt, wie es dem Rad gefällt.« Er zögerte. Aller Augen waren auf ihn gerichtet. »Aber ich werde Euch etwas zurücklassen, das Euch an mich erinnern wird«, versprach er und steckte eine Hand in seine Manteltasche.
Mit einem Mal erwachte ein Brunnen nahe dem Dach der Töchter zum Leben. Wasser rauschte aus den Mäulern von auf ihren Schwänzen stehenden Delphinen. Jenseits dieses Brunnens stand eine Statue von einem jungen Mann mit einem zum Himmel erhobenen Horn, und aus diesem schoß plötzlich eine Wasserfontäne. Dann sprudelte Wasser aus den Händen von zwei steinernen Frauen ein Stück dahinter. In verblüfftem Schweigen sahen die Aiel zu, wie aus allen Brunnen Rhuideans wieder Wasser strömte.
»Das hätte ich schon lange tun sollen.« Rands Murmeln war sicher nur für ihn selbst bestimmt gewesen, aber in dieser Stille konnte Egwene es ganz deutlich hören. Das einzige andere Geräusch war das Sprudeln Hunderter von Brunnen. Natael zuckte die Achseln, als habe er nicht weniger erwartet.
Doch Egwene sah Rand an und nicht die Brunnen. Ein Mann, der die Macht benützen konnte. Rand. Trotz allem ist er immer noch der alte Rand. Doch jedesmal, wenn sie ihn beim Gebrauch der Macht sah, war es, als werde ihr zum erstenmal klar, was er vollbringen konnte. Als sie aufwuchs, hatte man ihr beigebracht, daß man nur den Dunklen König selbst mehr fürchten müsse als einen Mann, der mit der Macht umgehen konnte. Vielleicht hat Aviendha recht, wenn sie sich vor ihm fürchtet.
Aber als sie auf Aviendha niederblickte, strahlten offenes Staunen und Freude aus ihren Zügen. Soviel Wasser entzückte eine Aielfrau genauso, wie das feinste Seidenkleid Egwene entzückt hätte, oder ein Garten, voll der wunderbarsten Blumen.
»Es ist Zeit zum Abmarsch«, verkündete Rand, und er lenkte seinen Apfelschimmel westwärts. »Jeder, der noch nicht fertig ist, wird uns später einholen müssen.« Natael folgte dicht hinter ihm auf seinem Muli. Warum erlaubte es Rand einem solchen Kriecher, in seiner Nähe zu verweilen?