Falls Lan tatsächlich zu scherzen versucht hatte, wenn auch nur ansatzweise und am Ziel vorbei, dann änderte er sich offensichtlich. Beinahe zwanzig Jahre lang war er ihr gefolgt und hatte ihr Leben öfter gerettet, als sie noch zählen konnte, und das oft unter Einsatz seines eigenen Lebens. Immer hatte er sein eigenes Leben nur gering geachtet und nur deshalb für wertvoll, weil sie ihn brauchte. Manche behaupteten, er umwerbe den Tod wie ein Bräutigam die Braut. Sie hatte nie sein Herz besessen und war auch nie auf die Frauen eifersüchtig gewesen, die sich ihm zu Füßen zu werfen schienen. Oft hatte er von sich gesagt, er habe kein Herz. Aber im vergangenen Jahr hatte er herausgefunden, daß er doch eines besaß, als eine Frau es an eine Schnur band und sich um den Hals hängte.
Er leugnete das natürlich ab. Nicht seine Liebe zu Nynaeve al'Vere, der ehemaligen Seherin aus dem Gebiet der Zwei Flüsse und jetzigen Aufgenommenen in der Weißen Burg, wohl aber, daß er sie jemals besitzen könne. Er besaß zwei Dinge, sagte er: ein Schwert, das nicht zerbrach, und einen Krieg, der nicht enden konnte. Niemals würde er diese Dinge einer Braut anbieten. Moiraine hatte da allerdings einiges bereinigt, doch er würde das nicht erfahren, bis alles vorbei war. Wenn er es erführe, würde er sehr wahrscheinlich versuchen, die Dinge zu ändern, weil er eben ein so sturer Narr von Mann war.
»Dieses ausgetrocknete Land scheint dafür gesorgt zu haben, daß die Demut in Euch verdorrt, al'Lan Mandragoran. Ich muß Wasser auftreiben, damit sie wieder blüht.«
»Meine Demut hat eine rasiermesserscharfe Kante«, gab er trocken zurück. »Ihr habt sie nie stumpf werden lassen.« Er befeuchtete einen weißen Schal aus seiner ledernen Wasserflasche und reichte ihr das nasse Tuch. Sie band es kommentarlos um ihre Stirn. Die Sonne stieg bereits über die Berge hinter ihnen, ein sengender Ball aus geschmolzenem Gold.
Die breite Kolonne wand sich die unfruchtbaren Hänge des Chaendaer empor. Das Ende der Kolonne befand sich noch in Rhuidean, als die Spitze bereits den Kamm überquerte und sich hinunter in eine zerklüftete, hügelige Ebene bewegte, auf der hier und da Felsnadeln und abgeflachte Spitzkegel standen. Die vorherrschenden Farben waren Rot und Ockergelb, dazu Grau und Braun. Die Luft war so klar, daß Moiraine viele Meilen weit sehen konnte, auch dann noch, als sie die Hänge des Chaendaer längst verlassen hatten. Große, von der Natur geformte Felstore ragten vor ihnen auf, und in jeder Himmelsrichtung griffen gezackte Berge mit wilden Fingern nach dem Himmel. Ausgetrocknete Wasserläufe und Senken spalteten ein Land, auf dem nur gelegentlich niedrige Dornbüsche und blattlose, dürre Gewächse auftauchten. Die seltenen Bäume waren wie verkrüppelt, duckten sich am Boden und wiesen zumeist ebenfalls Dornen auf. Die Sonne verwandelte alles in einen Backofen. Ein hartes Land, das ein hartes Volk hervorgebracht hatte. Aber Lan war nicht der einzige, der sich änderte oder der verändert wurde. Sie wünschte, sie könne vorhersehen, was Rand am Ende aus den Aiel machen würde. Sie alle hatten noch eine lange Reise vor sich.
8
Uber die Grenze
Nynaeve hielt sich krampfhaft mit einer Hand auf ihrem Platz im hinteren Teil des heftig schaukelnden Wagens fest, und mit der anderen sicherte sie ihren Strohhut, während sie zurückblickte, wo der tobende Staubsturm sich in der Ferne verlor. Die breite Krempe warf Schatten auf ihr Gesicht und schützte sie gegen die morgendliche Hitze, doch der Fahrtwind, den der eilig dahinrumpelnde Karren erzeugte, hätte ausgereicht, ihr den Hut vom Kopf zu wehen, und das trotz des dunkelroten Schals, den sie darübergezogen und unter ihrem Kinn verknotet hatte. Niedrige, grasbewachsene Hügel, auf denen hier und da etwas Gestrüpp dem Auge Halt bot, zogen an ihr vorüber. Das Gras lag dürr und spärlich unter der Hitze des Spätsommers. Der von den Wagenrädern aufgewirbelte Staub nahm ihr gelegentlich etwas die Sicht und reizte sie zum Husten. Die weißen Wolken am Himmel trogen. Es hatte schon seit der Zeit vor ihrer Abreise aus Tanchico nicht mehr geregnet, und das lag Wochen zurück. Es mußte auch einige Zeit hersein, seit zuletzt Wagen über die breite, früher einmal vom Verkehr fest ausgefahrene Straße gerumpelt waren.
Kein Reiter tauchte aus diesem wie fest gemauerten Braun auf, und das konnte ihr nur recht sein. Ihr Zorn auf die Straßenräuber, die sie so kurz vor dem Verlassen des Wahnsinns, der sich in Tarabon abspielte, aufgehalten hatten, war verflogen, und solange sie nicht zornig war, konnte sie die Wahre Quelle nicht erreichen und somit die Macht nicht benützen. Sie war allerdings selbst davon überrascht worden, wie sie bei allem Zorn einen derartigen Sturm hatte erzeugen können. Sobald sie ihn einmal hochgepeitscht und mit ihrem Zorn erfüllt hatte, hatte er wie von selbst weitergewütet. Auch Elayne war von dem Ausmaß des Sturms überrascht worden, aber dankenswerterweise hatte sie das Thom und Juilin gegenüber nicht zugegeben. Doch trotz des ständigen Anwachsens ihrer Kraft, wie es ihre Lehrerinnen in der Burg vorhergesagt hatten, und von denen war keine stark genug, um so wie sie mit einem der Verlorenen fertigzuwerden, trotz dieser Steigerung also war sie noch immer auf ihren Zorn angewiesen und somit eingeschränkt. Wären jetzt weitere Banditen aufgetaucht, hätte Elayne ihnen allein gegenübertreten müssen, und das wollte sie nicht. So war wohl ihr früherer Zorn verflogen, aber sie bemühte sich, die nächste Gefühlsaufwallung vorzubereiten.
Sie kletterte mühsam über die Zeltplane, die über eine ganze Ladung Fässer gespannt war, und langte hinunter nach einem der Wasserfässer, die außen an den Seitenwänden des Wagens zusammen mit den Kisten, in denen sich ihre Habseligkeiten und Vorräte befanden, festgezurrt waren. Sofort verrutschte ihr der Hut wieder, schob sich auf den Hinterkopf, wo er nur noch von dem Schal festgehalten wurde. Ihre Fingerspitzen berührten gerade noch den Deckel des Fasses. Wenn sie das Seil, an dem sie sich mit der anderen Hand festklammerte, losließe, könnte sie das Wasserfaß erreichen, doch bei der Schaukelei würde sie vermutlichen den Halt verlieren und auf die Nase fallen.
Juilin Sandar lenkte den knochigen braunen Wallach, den er ritt — er hatte ihm den unpassenden Namen ›Schmoller‹ verliehen — näher an den Wagen heran und langte hinüber, um ihr einen der ledernen Wasserbehälter zu reichen, die er an seinem Sattel befestigt hatte. Dankbar trank sie, wenn auch nicht gerade manierlich. Sie hing da wie eine Traube an einer vom Wind weggeblasenen Rebe und verschüttete beinahe die Hälfte Wasser auf ihr gutes graues Kleid.
Es war ein passendes Kleid für eine Händlerin, hochgeschlossen, von feiner Webart und feinem Schnitt, aber doch einfach. Die Brosche auf ihrer Brust, ein kleiner goldener Ring mit Granatsteinen besetzt, war vielleicht etwas übertrieben für eine Händlerin, aber es war ein Geschenk der Panarchin von Tarabon gewesen, zusammen mit anderem, viel prachtvollerem Schmuck, der in einem Fach unter dem Fahrersitz weggeschlossen war. Sie trug die Brosche, um immer daran zu denken, daß man selbst Frauen, die auf einem Thron saßen, von Zeit zu Zeit einmal beim Genick packen und durchschütteln mußte. Jetzt, da sie mit Amathera zu tun gehabt hatte, hatte sie auch etwas mehr Verständnis für die Art und Weise, wie die Burg Könige und Königinnen manipulierte.
Sie vermutete, Amatheras Geschenke seien mehr oder weniger als Bestechung gemeint gewesen, damit sie ja Tanchico schnell verließen. Die Frau war sogar gewillt gewesen, ein Schiff zu kaufen, daß sie keine Stunde länger als notwendig bleiben mußten, aber niemand war in der Lage gewesen, eines zu verkaufen. Auf den wenigen Schiffen, die im Hafen von Tanchico verblieben und geeignet waren, nicht nur die Küste entlangzusegeln, drängten sich die Flüchtlinge. Außerdem war ein Schiff zu offensichtlich, da es den schnellsten Weg darstellte, auf dem man Tanchico und Tarabon verlassen konnte. Nach allem, was geschehen war, hielten die Schwarzen Ajah vermutlich nach ihr und Elayne Ausschau. Sie waren ausgesandt worden, um Aes Sedai aufzuspüren, die dem Schatten dienten, und sich nicht umgekehrt von ihnen einfangen zu lassen. Deshalb also der Wagen und die lange Fahrt durch ein von Bürgerkrieg und Anarchie zerrissenes Land. Sie fing allmählich an, zu bereuen, daß sie sich gegen ein Schiff ausgesprochen hatte. Das würde sie allerdings den anderen gegenüber niemals zugeben.