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Als sie sich bemühte, Juilin den Wasserbehälter zurückzugeben, winkte der ab. Er war ein zäher, harter Mann, schien wie aus dunklem Holz geschnitzt und fühlte sich auf dem Rücken eines Pferdes nicht sehr wohl. In ihren Augen wirkte er sogar lächerlich, nicht, weil er so unsicher im Sattel saß, sondern wegen dieses dümmlichen roten Taraboner Huts, den er auf seinem glatten, schwarzen Haar trug, ohne Krempe, kegelförmig, hoch und mit abgeflachter Spitze. Er paßte überhaupt nicht zu seinem dunklen Halbmantel aus Tear, der an der Hüfte eng war und darunter ausgestellt. Sie war nicht der Meinung, daß er überhaupt zu etwas passe. Für sie sah es aus, als trage er einen Kuchen auf dem Kopf.

Unbeholfen krabbelte sie weiter nach vorn, in der einen Hand den Lederbehälter und mit flatterndem Hut, und fluchte dabei leise vor sich hin, auf den tairenischen Diebfänger — kein Diebfänger — der doch nicht! —, auf Thom Merrilin — aufgeblasener Gaukler! — und auf Elayne aus dem Hause Trakand, die Tochter-Erbin von Andor, die man auch mal am Genick packen sollte!

Sie hatte sich auf den hölzernen Kutschbock zwischen Thom und Elayne hinabgleiten lassen wollen, aber das Mädchen mit dem goldenen Haar hatte sich eng an Thom gedrückt. Ihr eigener Strohhut hing ihr auf dem Rücken. Sie klammerte sich an den Arm des alten Narren mit dem weißen Schnurrbart, als fürchte sie, herunterzufallen. Mit verzogenem Mund mußte sich Nynaeve mit Elaynes anderer Seite begnügen. Sie war froh, das Haar wieder zu einem richtigen Zopf geflochten tragen zu können, der ihr armdick bis zur Hüfte hinabhing. So konnte sie daran ziehen, anstatt Elayne eins aufs Ohr zu geben. Das Mädchen hatte sich ja anfangs recht vernünftig angestellt, aber in Tanchico schien ihr irgend etwas den Verstand geraubt zu haben.

»Sie verfolgen uns nicht mehr«, verkündete Nynaeve und zog sich den Hut wieder zurecht. »Ihr könnt dieses Ding nun langsamer fahren lassen, Thom.« Das hätte sie ihnen auch von hinten aus zurufen können, ohne über die Fässer zu klettern, aber hinten herumgebeutelt zu werden und ihnen zuzurufen, sie sollten langsamer fahren, wäre ihr auch nicht recht gewesen, denn dann hätte sie den anderen gegenüber ein Zeichen von Schwäche gezeigt. Und das war ihr zuwider. »Setz deinen Hut auf«, sagte sie zu Elayne. »Deiner blassen Haut tut dieser Sonnenschein nicht lange gut.«

Wie sie schon beinahe erwartet hatte, ignorierte das Mädchen ihren freundlichen Ratschlag. »Ihr fahrt so wunderbar«, säuselte sie, als Thom die Zügel raffte und das Vierergespann im Schritt gehen ließ. »Ihr habt keine Minute lang die Kontrolle verloren.«

Der hochgewachsene, drahtige Mann blickte auf sie hinunter. Seine buschigen weißen Augenbrauen zuckten leicht, doch er sagte lediglich: »Vor uns wartet weitere Gesellschaft, Kind.« Nun, vielleicht war er doch kein solch arger Narr.

Nynaeve hielt Ausschau und sah die in Schneeweiß gekleidete Kolonne über die nächste niedrige Erhebung auf sie zukommen. Es waren vielleicht fünfzig Mann in auf Hochglanz polierten Rüstungen und glänzenden, kegelförmigen Helmen, die etwa genauso viele schwerbeladene Wagen begleiteten. Kinder des Lichts. Sie war sich mit einemmal der Lederschnur um ihren Hals sehr bewußt, an der unter ihrem Kleid zwischen den Brüsten zwei Ringe baumelten. Lans schwerem goldenen Siegelring, dem Ring der Könige aus dem längst verlorenen Malkier, würden die Weißmäntel keine Bedeutung beimessen, aber falls sie den Ring mit der Großen Schlange sahen...

Törichte Frau! Den bekommen sie wohl kaum zu sehen, es sei denn, du entschließt dich, dich vor ihnen auszuziehen!

Schnell musterte sie ihre Begleiter. Elayne konnte man nicht davon abhalten, schön auszusehen, und nun, da sie Thoms Arm losgelassen hatte und den grünen Schal wieder umband, der ihren Hut festhielt, wirkten ihre Gesten wieder so edel, daß sie eher in einen Thronsaal paßten, als auf einen Händlerkarren. Doch ihr Kleid unterschied sich nur in der Farbe — es war blau — von dem Nynaeves. Sie trug keinen Schmuck. Amatheras Geschenke hatte sie als ›protzig‹ abgetan. Es würde schon gehen, so, wie es seit Tanchico schon fünfzigmal glattgegangen war. Knapp jedenfalls. Nur war dies ihr erstes Zusammentreffen mit Weißmänteln. Thom in seiner groben braunen Wollkleidung konnte einer von tausend knorrigen, weißhaarigen Männern sein, die auf den Handelsstraßen arbeiteten. Und Juilin war eben Juilin. Er wußte genau, wie er sich verhalten mußte, obwohl er aussah, als befände er sich viel lieber auf dem sicheren Boden als auf einem Pferd. Er trug seinen üblichen Stab und am Gürtel einen geschlitzten Schwertbrecher.

Thom lenkte das Gespann an die eine Straßenseite und hielt an, als mehrere Weißmäntel sich aus der Spitze der Kolonne lösten und herangaloppierten. Nynaeve setzte ein einladendes Lächeln auf. Sie hoffte, die Weißmäntel hätten nicht gerade eben festgestellt, daß sie noch einen weiteren Wagen benötigten.

»Das Licht sei mit Euch, Hauptmann«, sagte sie zu dem Mann mit dem schmalen Gesicht, der anscheinend ihr Anführer war, der einzige, der keine Lanze mit Stahlspitze trug. Sie hatte keine Ahnung, welcher Rang mit den beiden goldenen Knoten auf der Vorderseite seines Umhangs verbunden war, direkt unter der strahlenden Sonne, die bei allen aufgestickt war, aber ihrer Erfahrung nach waren alle Männer Schmeicheleien zugänglich. »Wir sind sehr froh, Euch hier anzutreffen. Ein paar Meilen zurück haben uns Banditen überfallen wollen, doch zum Glück kam wie ein Wunder ein Staubsturm auf. Wir sind gerade noch ent...«

»Ihr seid Kaufleute? Seit einiger Zeit kommen nur noch wenige Kaufleute aus Tarabon.« Die Stimme des Mannes klang so hart, wie sein Gesicht aussah, und das wirkte, als habe man alle Lebensfreude herausgekocht, bevor er noch die Wiege verließ. Mißtrauen stand in seinen dunklen, tiefliegenden Augen. Nynaeve bezweifelte nicht, daß auch dieser Ausdruck von Dauer war. »Wohin wollt Ihr und welche Fracht führt Ihr?«

»Ich befördere Textilfarben, Hauptmann.« Sie hatte Mühe, unter diesem stetigen, starren Blick ihr Lächeln zu wahren. Es war eine Erleichterung, als dieser Blick kurz die anderen überflog. Thom brachte es ausgezeichnet fertig, gelangweilt zu wirken wie ein Fahrer, der ohnehin bezahlt wurde, ob er nun anhielt oder weiterfuhr, und Juilin hatte wohl diesen lächerlichen Hut nicht abgenommen, wie er das früher getan hätte, aber zumindest schien auch er nur flüchtig interessiert — ein angeworbener Mann, der nichts zu verbergen hatte. Als der Blick des Weißmantels auf Elayne fiel, spürte Nynaeve, wie die sich versteifte, und so fuhr sie hastig fort: »Textilfarben aus Tarabon. Die besten auf der Welt. Ich kann für sie in Andor einen guten Preis erzielen.«

Auf ein Zeichen des Hauptmanns hin — oder was er sonst sein mochte — trieb ein anderer Weißmantel sein Pferd an und ritt zum Heck des Wagens. Mit seinem Dolch durchschnitt er eines der Halteseile und zog ein Ende der Zeltplane weg. Darunter wurden drei oder vier Fässer sichtbar. »Sie zeigen das Brandzeichen von Tanchico, Leutnant. Auf diesem hier steht ›Karminrot‹. Wollt Ihr, daß ich ein paar davon öffne?«

Nynaeve hoffte, daß der Weißmantel-Offizier die Sorge auf ihrer Miene richtig deutete, also so, wie sie es wollte. Ohne sie anblicken zu müssen, konnte sie fast körperlich spüren, wie Elayne drauf und dran war, den Soldaten seiner Manieren wegen zu schelten, aber was sie betraf, würde sich jede richtige Kauffrau Sorgen machen, wenn ihre Farbstoffe offen dem Wetter ausgesetzt wurden. »Wenn Ihr mir zeigen wolltet, welche Ihr geöffnet haben wollt, Hauptmann, dann wäre ich nur zu froh, sie selbst für Euch zu öffnen.« Der Mann zeigte überhaupt keine Reaktion, weder auf Schmeicheleien, noch auf die Bereitschaft zur Zusammenarbeit. »Seht Ihr, die Fässer wurden versiegelt, damit kein Staub und kein Wasser hineinkommt. Wenn der Deckel eines Fasses aufgebrochen wird, bin ich nicht mehr in der Lage, ihn wieder ganz mit Wachs zu verschließen.«