Der Rest der Kolonne schloß zu ihnen auf und begann sich in einer Staubwolke an ihnen vorbeizuschieben. Die Wagenfahrer waren grob gekleidete, unauffällige Männer, aber die Soldaten ritten steif aufgerichtet, die langen Lanzen mit den Stahlspitzen alle im präzise gleichen Winkel erhoben. Selbst so verschwitzt und mit Staub bedeckt wirkten sie wie harte Männer. Nur die Fahrer sahen Nynaeve und die anderen neugierig an.
Der Leutnant der Weißmäntel wedelte sich mit einer im Kampfhandschuh steckenden Hand den Staub vor dem Gesicht weg und befahl dann dem Mann, sich von ihrem Wagen zu entfernen. Sein Blick verließ dabei Nynaeve nicht. »Ihr kommt aus Tanchico?«
Nynaeve nickte, ganz ein Bild von Hilfsbereitschaft und Offenheit. »Ja, Hauptmann. Aus Tanchico.«
»Was könnt Ihr mir von der Stadt berichten? Es hat Gerüchte gegeben.«
»Gerüchte, Hauptmann? Als wir abfuhren, war von Gesetz und Ordnung nicht mehr viel übriggeblieben. Die Stadt war voll von Flüchtlingen, und auf dem Land tummeln sich Rebellen und Banditen. Der Handel ist fast zum Erliegen gekommen.« Das war die simple Wahrheit, klar ausgesprochen. »Deshalb werden diese Farbstoffe besonders gute Preise erzielen. Es werden bestimmt lange Zeit keine Textilfarben mehr aus Tarabon angeboten werden, glaube ich.«
»Flüchtlinge, Handel oder Farbstoffe sind mir gleich, Händlerin«, sagte der Offizier mit nichtssagender Stimme. »Saß Andric noch auf dem Thron?«
»Ja, Hauptmann.« Offensichtlich hatte es Gerüchte gegeben, jemand habe Tanchico eingenommen und den König verdrängt. Vielleicht war das mittlerweile tatsächlich geschehen. Aber wer? Einer der aufständischen Lords, die sich untereinander genauso energisch bekämpften wie den König, oder die Drachenverschworenen, die sich dem Wiedergeborenen Drachen angeschlossen hatten, ohne ihn jemals gesehen zu haben? »Andric war immer noch König und Amathera war Panarchin, als wir abfuhren.«
Seine Augen sagten, daß sie vielleicht log. »Man sagt, die Hexen aus Tar Valon seien darin verwickelt. Habt Ihr Aes Sedai dort gesehen oder von ihnen gehört?«
»Nein, Hauptmann«, sagte sie schnell. Der Große Schlangenring brannte ihr auf der Haut. Fünfzig Weißmäntel um sie herum. Diesmal konnte ihnen kein Sandsturm helfen, und außerdem empfand sie, auch wenn sie das vor sich selbst leugnete, mehr Angst als Zorn. »Einfache Kauffrauen wollen mit der Sorte nichts zu tun haben.« Er nickte und sie riskierte selbst eine Frage. Alles, um schnell das Thema zu wechseln. »Wenn Ihr so freundlich sein würdet, Hauptmann: Haben wir bereits Amadicia erreicht?«
»Die Grenze befindet sich fünf Meilen weit im Osten«, betonte er. »Wenigstens für den Augenblick. Das erste Dorf, das Ihr antreffen werdet, ist Mardecin. Haltet Euch an das Gesetz, und es wird Euch nichts geschehen. Dort befindet sich eine Garnison der Kinder.« Es klang, als habe die Garnison nichts anderes zu tun, als darüber zu wachen, daß sie sich an die Gesetze hielten.
»Seid Ihr gekommen, um die Grenze zu verschieben?« fragte Elayne mit einemmal kühl. Nynaeve hätte sie erwürgen können.
Der Blick aus diesen tiefliegenden, mißtrauischen Augen wanderte zu Elayne hinüber, und Nynaeve sagte hastig: »Vergebt Ihr, mein Lordhauptmann. Sie ist die Tochter meiner ältesten Schwester. Sie glaubt, sie hätte als Lady geboren werden sollen, und außerdem kann sie die Finger nicht von den Jungen lassen. Deshalb hat ihre Mutter sie zu mir geschickt.« Elaynes wütendes Nach-Luft-Schnappen paßte perfekt. Es stimmte ja auch alles. Nynaeve hätte vielleicht nicht unbedingt das mit den Jungen anfügen müssen, aber es schien so gut zu passen.
Der Weißmantel starrte sie noch einen Augenblick lang an und sagte dann: »Der kommandierende Lordhauptmann schickt Lebensmittel nach Tarabon. Sonst käme bald dieses Taraboner Ungeziefer über die Grenze geschlichen und würde alles stehlen, was man kauen kann. Wandelt unter dem Licht«, fügte er hinzu, und dann wendete er sein Pferd und galoppierte zurück an die Spitze der Kolonne. Es hatte aber weder wie ein Vorschlag noch wie ein Segenswunsch geklungen.
Thom ließ den Wagen weiterrollen, sobald der Offizier weg war, doch alle saßen schweigend da und hüstelten höchstens einmal, bis sie weit von den letzten Soldaten entfernt und aus der Staubwolke ihrer Wagen herausgefahren waren.
Nynaeve befeuchtete ihre Kehle mit ein wenig Wasser und drückte den Behälter dann Elayne in die Hände. »Was hast du denn eigentlich dort hinten vorgehabt? Was hast du dir dabei gedacht?« fuhr sie sie an. »Wir befinden uns doch nicht im Thronsaal deiner Mutter, und die würde solche Fragen gar nicht zulassen!«
Elayne leerte zuerst den Wasserbehälter bis zur Neige, bevor sie ihr die Gnade einer Antwort gewährte. »Du bist vor ihm gekrochen, Nynaeve.« Sie verstellte ihre Stimme und flötete süßlich und unterwürfig: »Ich will sehr lieb und folgsam sein, Hauptmann. Darf ich Eure Stiefel küssen, Hauptmann?«
»Wir versuchen, Kaufleute zu spielen und keine Königinnen, die inkognito reisen!«
»Kaufleute müssen deshalb noch lange keine Speichellecker sein! Du hattest Glück, daß er nicht glaubte, wir versuchten etwas zu verbergen, so unterwürfig hast du getan!«
»Sie behandeln Weißmäntel in einer Stärke von fünfzig Lanzen auch nicht gerade von oben herab! Oder hast du geglaubt, wir könnten sie alle mit Hilfe der Macht überwältigen, falls es notwendig sei?«
»Warum hast du ihm gesagt, ich könne die Finger nicht von den Jungen lassen? Das war höchst überflüssig, Nynaeve!«
»Ich war bereit, ihm alles mögliche zu sagen, damit er wegritt und uns in Frieden ließ. Und du...!«
»Ihr beide haltet jetzt den Mund!« fauchte Thom plötzlich dazwischen, »sonst kommen sie am Ende noch zurück und sehen nach, welche von Euch die andere umbringt!«
Nynaeve drehte sich tatsächlich auf der harten Holzbank um, bevor ihr klar wurde, daß die Weißmäntel schon viel zu weit entfernt waren, um sie gehört zu haben. Sie hätten sogar schreien können, ohne noch von ihnen gehört zu werden. Vielleicht hatten sie ja auch geschrien. Daß Elayne mit gleicher Münze geantwortet hatte, half auch nicht weiter.
Nynaeve packte ihren Zopf ganz fest und funkelte Thom böse an, während sich Elayne an seinen Arm schmiegte und in beinahe verliebtem Ton säuselte: »Ihr habt recht, Thom. Es tut mir leid, daß ich die Stimme erhoben habe.« Juilin beobachtete sie von der Seite her, obwohl er so tat, als gehe ihn das alles nichts an, doch er war klug genug, sein Pferd nicht näher heranzutreiben, um nicht auch noch hineingezogen zu werden.
Nynaeve ließ ihren Zopf los, bevor sie sich die Haarwurzeln ausriß, rückte ihren Hut zurecht und setzte sich steif hin, so daß sie geradeaus über das Gespann hinwegblickte. Was auch in das Mädchen gefahren war, es war höchste Zeit, ihr das wieder auszutreiben.
Lediglich eine hohe Steinsäule auf jeder Straßenseite markierte die Grenze zwischen Tarabon und Amadicia. Außer ihnen gab es keinerlei Verkehr auf der Straße. Die Hügel wurden langsam etwas höher, ansonsten aber blieb das Land ziemlich unverändert: braunes Gras und Sträucher mit nur wenigen grünen Blättern und dazu gelegentlich ein paar Kiefern oder Lederblattbäume oder andere immergrüne Gewächse. Die Felder waren mit Steinmäuerchen eingegrenzt und hier und da standen Bauernhäuser mit Strohdächern an den Hängen oder in den Senken, doch sie wirkten verlassen. Kein Rauch quoll aus den Schornsteinen, es arbeitete niemand auf den Feldern, und auf den Weiden waren weder Kühe noch Schafe zu sehen. Manchmal sahen sie ein paar Hühner, die auf einem der Höfe in der Nähe der Straße scharrten, doch sie flohen, wenn sich der Wagen näherte. Offensichtlich waren sie verwildert. Weißmantel-Garnison hin oder her, offensichtlich wagte niemand hier in der Nähe der Grenze zu bleiben, wo jederzeit ein Überfall durch die Banditen aus Tarabon erfolgen konnte.