Выбрать главу

Nynaeve erwiderte das Zeichen, und nach einem Augenblick tat es ihnen auch Elayne nach. »Ich heiße Nynaeve, und das ist Elayne. Wir haben Euer Signal gesehen.«

Die Frau bebte wie ein Vogel, der wegfliegen möchte. »Das Signal? Ach ja. Natürlich.«

»Also«, sagte Nynaeve. »Wie lautet Eure dringende Botschaft.«

»Wir sollten hier draußen nicht darüber sprechen... äh...

Frau Nynaeve. Es könnte jemand hereinkommen.« Das bezweifelte Nynaeve. »Ich werde es Euch bei einer schönen Tasse Tee berichten. Mein bester Tee, hatte ich das erwähnt?«

Nynaeve tauschte einen Blick mit Elayne. Wenn Frau Macura so zögerte, ihre Botschaft loszuwerden, mußte sie wohl wirklich schlimm sein.

»Wenn wir einfach nach hinten gehen«, sagte Elayne, »wird uns niemand hören.« Ihr vornehmes Auftreten ließ die Näherin vor Ehrfurcht erstarren. Einen Augenblick lang hoffte Nynaeve, es werde ihre Nervosität lindern, doch im nächsten Moment plapperte die törichte Frau wieder los.

»Der Tee wird sofort fertig sein. Das Wasser ist bereits heiß. Wir haben sonst immer Tee aus Tarabon hier hereinbekommen. Deshalb bin ich ja wohl auch hier. Natürlich nicht wegen des Tees. All der Handel vorher und all die Neuigkeiten, die man von beiden Seiten her durch die Händler und ihre Angestellten erfuhr. Sie... Ihr werdet vor allem an Ausbrüchen von Epidemien oder an neuen Krankheiten interessiert sein, und das interessiert mich auch. Ich beschäftige mich ein wenig mit...« Sie hustete, und es sprudelte weiter aus ihr heraus. Hätte sie dabei ihr Kleid noch ein wenig fester geglättet, dann wäre es vermutlich bald verschlissen. »Es gibt natürlich auch einiges von den Kindern des Lichts, aber sie... Ihr... seid daran wohl kaum sehr interessiert.«

»Die Küche, Frau Macura!« mahnte Nynaeve, als die Frau einmal Luft holte. Wenn die Nachricht dieser Frau sie derartig verschüchtert hatte, dann würde Nynaeve kein Zögern mehr dulden. Sie mußte wissen, worum es ging.

Die Hintertür öffnete sich, und Lucis ängstliches Gesicht erschien. »Alles ist fertig, Frau Macura«, verkündete sie atemlos.

»Hier entlang, Frau Nynaeve«, sagte die Näherin, die immer noch über die Vorderseite ihres Rocks strich. »Frau Elayne.«

Ein kurzer Flur führte an einer engen Treppe vorbei in eine gemütliche Küche mit dicken Deckenbalken. Auf dem Herd stand ein dampfender Wasserkessel. Überall an den Wänden befanden sich hohe Schränke. Zwischen dem Hintereingang und einem Fenster, aus dem man in einen kleinen, von einem hohen Holzzaun umgebenen Hof sah, hingen kupferne Kochtöpfe. Auf dem kleinen Tisch in der Mitte des Raums standen eine leuchtend gelbe Teekanne, ein grüner Honigtopf, drei nicht zusammenpassende Tassen in genauso vielen Farben und eine viereckige, blaue Keramikdose, deren Deckel daneben lag. Frau Macura schnappte sich die Dose, legte den Deckel auf und stellte sie hastig in einen Schrank, in dem weitere Dosen in zwei Dutzend verschiedenen Farben und Schattierungen standen.

»Setzt Euch bitte«, sagte sie und goß ihnen Tee ein. »Bitte sehr.«

Nynaeve setzte sich auf einen Stuhl mit Sprossenrücklehne neben Elayne, und die Näherin stellte die Tassen vor sie hin und eilte zu einem der Schränke, um Zinnlöffel hervorzuholen.

»Die Botschaft?« forderte Nynaeve, als sich die Frau ihnen gegenüber hinsetzte. Frau Macura war zu nervös, um die eigene Tasse zu berühren, also rührte Nynaeve ein wenig Honig in ihre und nippte daran. Er war heiß, schmeckte aber irgendwie kühl und erfrischend wie Pfefferminz. Heißer Tee würde vielleicht die Nerven der Frau beruhigen, falls man sie zum Trinken brachte.

»Ein angenehmer Geschmack«, murmelte Elayne über den Rand ihrer Tasse hinweg. »Welche Sorte Tee ist das denn?«

Gutes Mädchen, dachte Nynaeve.

Doch die Hand der Näherin zitterte lediglich neben der Tasse. »Ein Tee aus Tarabon. Aus der Nähe der Schattenküste.«

Seufzend nahm Nynaeve einen weiteren Schluck, um ihren eigenen Magen zu beruhigen. »Eure Botschaft«, sagte sie eindringlich. »Ihr habt dieses Signal ja nicht hinausgehängt, um uns zum Tee einzuladen. Was sind denn nun Eure dringenden Neuigkeiten?«

»Ach ja.« Frau Macura fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, musterte sie beide, und dann sagte sie bedächtig: »Das ist vor beinahe einem Monat durchgekommen und damit auch der Auftrag, es jeder Schwester unter allen Umständen mitzuteilen, die hier im Ort auftaucht.« Sie befeuchtete erneut ihre Lippen. »Alle Schwestern werden gebeten, zur Weißen Burg zurückzukehren. Die Burg muß vollständig besetzt und stark sein.«

Nynaeve wartete auf den Rest, aber die andere Frau schwieg. Und das sollte die dringende Nachricht sein? Sie blickte zu Elayne hinüber, doch das Mädchen schien unter der Hitze zu leiden. Sie saß zusammengesackt auf ihrem Stuhl und betrachtete ihre auf dem Tisch liegenden Hände. »Ist das alles?« wollte Nynaeve wissen und war überrascht, als sie sich beim Gähnen ertappte. Die Hitze machte wohl jetzt auch ihr zu schaffen.

Die Näherin beobachtete sie nur eindringlich.

»Ich sagte«, begann Nynaeve, doch plötzlich war ihr Kopf einfach zu schwer für ihren Hals. Elaynes Kopf war auf die Tischplatte gesunken, wie ihr noch bewußt wurde. Das Mädchen hatte die Augen geschlossen und ihre Arme hingen schlaff herab. Nynaeve blickte in plötzlichem Erschrecken die Tasse in ihren Händen an. »Was habt Ihr uns gegeben?« fragte sie mit schwerer Zunge. Der Pfefferminzgeschmack war immer noch zu spüren, doch ihre Zunge schien angeschwollen zu sein. »Sagt es mir!« Sie ließ die Tasse fallen und stützte sich auf den Tisch. Ihre Knie bebten. »Das Licht soll Euch versengen. Was war es?«

Frau Macura schob ihren Stuhl zurück und trat aus ihrer Reichweite. Aus der früheren Nervosität war jetzt ein Blick voll gelassener Zufriedenheit geworden.

Schwärze rollte über Nynaeve hinweg. Das letzte, was sie hörte, war die Stimme der Näherin: »Fang sie auf, Luci!«

10

Feigen und Mäuse

Elayne wurde schwach bewußt, daß man sie an Schultern und Fußgelenken die Treppe hinauftrug. Sie öffnete die Augen und konnte auch sehen, doch der Rest ihres Körpers hätte genauso zu jemand anderem gehören können, so wenig Kontrolle besaß sie über ihn. Selbst ihr Wimpernschlag war langsam und mühevoll. Ihr Gehirn schien wie mit Federn gefüllt.

»Sie ist wach, Herrin!« kreischte Luci und ließ fast ihre Beine fallen. »Sie schaut mich an!«

»Ich habe dir doch gesagt, du brauchst dir keine Sorgen machen.« Frau Macuras Stimme ertönte von irgendwo über ihr. »Sie kann die Macht nicht gebrauchen und noch nicht einmal mit einem Muskel zucken. Nicht mit Spaltwurzeltee im Magen. Ich habe das nur durch einen Zufall bemerkt, aber es hat sich gewiß als nützlich erwiesen.«

Es stimmte. Elayne hing schlaff wie eine Puppe, der man die halbe Füllung herausgerissen hat, zwischen ihnen. Ihr Hinterteil stieß immer wieder gegen die Stufen, und sie konnte weder laufen noch die Macht gebrauchen. Sie spürte wohl die Wahre Quelle, aber der Versuch, sie zu ergreifen, war etwa so vergeblich, wie mit kältestarrenden Fingern eine Nadel von einem Spiegel aufheben zu wollen. Panik wallte in ihr auf, und eine Träne rollte über ihre Wange.

Vielleicht wollten diese Frauen sie den Weißmänteln zur Exekution übergeben, aber andererseits konnte sie kaum glauben, daß die Weißmäntel Frauen benützten, um eine solche Falle zu stellen, in der Hoffnung, eine Aes Sedai könne hineintappen. Das ließ auf die Schattenfreunde schließen und darauf, daß sie neben den Gelben auch den Schwarzen Ajah dienten. Man würde sie bestimmt den Schwarzen Ajah ausliefern, falls Nynaeve nicht doch entkommen war. Doch wollte sie selbst entkommen, konnte sie auf niemand anderen zählen. Und sie konnte sich weder bewegen noch die Macht benützen. Mit einemmal wurde ihr bewußt, daß sie zu schreien versuchte, aber heraus kam nur ein dünnes, gurgelndes Winseln. Das zu unterbinden kostete sie den Rest ihrer Kraft.