Nynaeve wußte doch alles, was Kräuter betraf. Zumindest behauptete sie das. Warum hatte sie nicht erkannt, welcher Tee das war? Hör auf zu winseln! Die kleine, feste Stimme in ihrem Hinterkopf hörte sich erstaunlich genau wie die Linis an. Ein Ferkel, das unter einen Zaun geraten ist und quiekt, lockt damit nur den Fuchs an, statt sich zu befreien und wegzurennen. Verzweifelt machte sie sich daran, Saidar auf irgendeine Weise wieder zu erreichen. Es war doch so einfach gewesen, aber jetzt schien es genauso unmöglich, wie Saidin zu ergreifen. Trotzdem gab sie nicht auf. Es war das einzige, was sie unternehmen konnte.
Frau Macura jedenfalls schien keine Sorge mehr zu haben. Sobald sie Elayne auf das schmale Bett in einer kleinen Kammer mit nur einem Fenster hatten fallenlassen, eilte sie ohne Blick zurück mit Luci wieder hinaus. Elaynes Kopf lag so, daß sie ein weiteres enges Bett und eine hohe Kommode mit stark angelaufenen Messingknöpfen an den Schubladen erkennen konnte. Die Augen konnte sie bewegen, doch der Kopf blieb wie gelähmt.
Nach wenigen Minuten kehrten die beiden Frauen schwer atmend zurück, schleppten Nynaeve herein und wuchteten sie auf das andere Bett. Ihr Gesicht war schlaff und glänzte feucht vor Tränen, doch ihre dunklen Augen... Zorn erfüllte diese und auch ein wenig Angst. Elayne hoffte, der Zorn werde den Sieg davontragen. Nynaeve war stärker als sie, wenn sie gerade fähig war, die Macht zu benützen. Vielleicht schaffte Nynaeve, woran sie ein ums andere Mal erbärmlich scheiterte. Das mußten Tränen der Wut sein.
Frau Macura befahl dem Mädchen dazubleiben, während sie erneut hinauseilte. Diesmal kam sie mit einem Tablett zurück, das sie auf die Kommode stellte. Darauf standen die gelbe Teekanne, eine Tasse, ein Trichter und eine große Sanduhr. »Also, Luci, denke daran, daß du jedesmal, wenn die Sanduhr abgelaufen ist, jeder von beiden zwei Unzen eintrichterst. Sobald sie abgelaufen ist, nicht vergessen!«
»Warum geben wir es ihnen nicht schon jetzt, Frau Macura?« jammerte das Mädchen händeringend. »Ich möchte, daß sie wieder einschlafen. Ich mag es nicht, wenn sie mich ansehen.«
»Dann würden sie wie die Toten schlafen, Mädchen, während wir sie so hochbekommen können, um selbst zu gehen, wenn es notwendig ist. Ich werde sie schon stärker betäuben, wenn die Zeit gekommen ist, sie von hier wegzuschaffen. Sie werden Kopfschmerzen bekommen und auch Magenkrämpfe, aber wahrscheinlich verdienen sie es nicht besser.«
»Aber wenn sie doch die Macht gebrauchen können, Frau Macura? Was ist, wenn es doch geht? Sie schauen mich so an!«
»Hör auf mit dem Gejammere, Mädchen«, sagte die ältere Frau in scharfem Ton. »Wenn sie könnten, glaubst du dann etwa, sie hätten es nicht schon längst getan? Sie sind hilflos wie die Kätzchen im Sack. Und das wird so bleiben, solange du ihnen immer wieder eine Dosis verabreichst. Jetzt tu, was ich dir sage, verstanden? Ich muß weg und dem alten Avi sagen, er soll eine seiner Tauben losschicken. Dann werde ich ein paar Vorbereitungen treffen und zurückkommen, sobald ich kann. Du solltest vielleicht noch eine weitere Kanne Spaltwurzeltee vorbereiten; sicher ist sicher. Ich gehe hinten raus. Schließe den Laden. Sonst kommt vielleicht doch jemand herein, und das können wir jetzt nicht gebrauchen.«
Nachdem Frau Macura weg war, stand Luci eine Weile da und betrachtete sie. Sie rang immer noch die Hände. Schließlich eilte auch sie hinaus. Ihr Schniefen verklang, als sie die Treppe hinunterstieg.
Elayne konnte erkennen, wie Schweiß auf Nynaeves Stirn trat. Sie hoffte, das rühre von der Anstrengung her und nicht von der Hitze. Streng dich an, Nynaeve! Auch sie versuchte wieder, nach der Wahren Quelle zu greifen. Sie schob sich ungeschickt durch die Schichten von Wolle, die in ihren Kopf gepackt worden waren, griff daneben, versuchte es wieder, griff wieder ins Leere... Oh, Licht, streng dich an, Nynaeve! Versuch es!
Die Sanduhr faszinierte sie; sie konnte nichts anderes anblicken. Der Sand glitt hinunter, jedes Körnchen ein weiteres Versagen ihrerseits. Das letzte Körnchen fiel. Und Luci kam nicht. Elayne strengte sich noch mehr an, um sich zu bewegen, um die Quelle zu erreichen. Nach kurzer Zeit zuckten die Finger ihrer linken Hand. Ja! Noch ein paar Minuten, und sie konnte die Hand heben. Nur ein paar lumpige Fingerbreit, doch sie hatte sich gehoben. Mit großer Mühe drehte sie den Kopf.
»Kämpf dagegen an«, murmelte Nynaeve mit belegter Stimme, zäh und kaum verständlich. Ihre Hände hatten die Bettdecke unter ihr fest gepackt. Sie schien sich aufrichten zu wollen. Doch noch nicht einmal ihr Kopf hob sich. Immerhin bemühte sie sich.
»Tu ich doch«, versuchte Elayne zu antworten, aber in ihren eigenen Ohren klang es mehr wie ein Murmeln.
Langsam, ganz langsam brachte sie es fertig, die Hand zu heben, so daß sie sie sehen konnte, und sie auch dort zu halten. Triumph stieg in ihr auf. Du darfst dich weiter vor uns fürchten, Luci. Bleib noch ein Weilchen unten in der Küche und...
Die Tür schlug auf, und sie wurde von enttäuschtem Schluchzen durchgeschüttelt, als Luci hereinschoß. Sie war so nahe dran gewesen. Das Mädchen warf einen Blick auf sie und eilte mit einem erschreckten Quieken zur Kommode hinüber.
Elayne versuchte, sie aufzuhalten, doch so mager sie auch war, schlug Luci doch mühelos ihre zittrigen Hände weg und zwang den Trichter genauso leicht zwischen ihre Zähne. Das Mädchen schnaufte, als renne sie. Kalter, bitterer Tee füllte Elaynes Mund. Sie blickte in Panik zu dem Mädchen auf, aber die gleiche Panik zeigte sich auf deren Gesicht. Dann schloß Lucis Hand Elaynes Mund, und sie streichelte ihre Kehle in grimmiger, wenn auch angsterfüllter Entschlossenheit, bis sie endlich schluckte.
Dunkelheit überwältigte Elayne. Sie hörte aber noch Nynaeves Protest und glucksende Laute.
Als sich ihre Augen wieder öffneten, war Luci weg, und der Sand lief wieder durch das Stundenglas. Nynaeves dunkle Augen quollen heraus, ob vor Furcht oder Zorn, das konnte Elayne nicht entscheiden. Nein, Nynaeve würde nicht nachgeben. Das war eines der Dinge, die sie an der anderen Frau bewunderte. Selbst wenn ihr Kopf schon auf dem Richtblock läge, würde Nynaeve nicht aufgeben. Unsere Köpfe liegen ja auch schon auf dem Richtblock!
Sie schämte sich, soviel schwächer als Nynaeve zu sein. Eines Tages sollte sie schließlich Königin von Andor werden, und dabei hätte sie jetzt am liebsten vor Angst geweint. Doch das tat sie nicht, noch nicht einmal im Geist, und statt dessen versuchte sie wieder, mit aller Macht ihre Gliedmaßen zu bewegen und Saidar zu berühren. Wie konnte sie jemals Königin sein, wenn sie so schwach war? Wieder griff sie nach der Quelle. Wieder. Noch einmal. Ein Wettlauf gegen die Sandkörner. Wieder.
Noch einmal rann der letzte Sand durchs Stundenglas, ohne daß Luci erschien. Ganz, ganz langsam erreichte sie das Stadium, in dem sie ihre Hand wieder heben konnte. Und dann den Kopf, auch wenn er sofort zurücksackte. Sie hörte Nynaeve etwas in sich hineinknurren und verstand sogar die meisten Wörter.
Wieder schlug die Tür auf. Elayne hob den Kopf, um verzweifelt hinzusehen, und dann riß sie Augen und Mund auf. Thom Merrilin stand da wie der Held einer seiner eigenen Erzählungen. Mit der einen Hand hatte er Lucis Hals gepackt, und in der anderen hielt er ein Messer wurfbereit. Das Mädchen schien der Ohnmacht nahe.