Elayne lachte glücklich, auch wenn es sich mehr nach einem Krächzen anhörte.
Grob stieß er das Mädchen in eine Ecke. »Du bleibst hier, oder ich ziehe dir dieses Messer über die Haut!« Mit zwei Schritten war er an Elaynes Seite, strich ihr über das Haar und auf seinem ledrigen Gesicht stand die Sorge. »Was hast du ihnen gegeben, Mädchen? Sag es mir, oder... «
»Sie nicht«, murmelte Nynaeve. »Andere Frau. Ging weg. Hilf mir hoch. Muß gehen.«
Thom verließ ihre Seite zögernd, wie Elayne zu erkennen glaubte. Er zeigte Luci noch einmal drohend das Messer, worauf sie sich ängstlich niederkauerte, als wolle sie sich nie mehr rühren, und ließ es dann in einem Wimpernschlag im Ärmel verschwinden. Er zog Nynaeve auf die Beine und begann, sie auf und ab zu führen, soweit es die kleine Kammer gestattete. Sie lehnte sich erschöpft an ihn und schlurfte mit.
»Ich bin froh, zu erfahren, daß Ihr euch nicht gerade von dieser verängstigten kleinen Katze in eine Falle habt locken lassen«, sagte er. »Wenn sie diejenige gewesen wäre...« Er schüttelte den Kopf. Zweifellos würde er auch nicht mehr von ihnen halten, falls ihm Nynaeve die Wahrheit berichtete. Elayne hatte das aber gewiß nicht vor. »Ich habe sie erwischt, als sie die Treppe hinaufraste, so in Panik, daß sie mich nicht hinter sich hörte. Ich bin aber nicht so glücklich darüber, daß eine zweite entkommen konnte, ohne von Juilin gesehen zu werden. Wird sie möglicherweise noch andere mitbringen?«
Elayne wälzte sich auf die andere Seite. »Ich glaube nicht, Thom«, brachte sie mühsam heraus. »Sie kann nicht... zu viele Leute... wissen lassen, was sie ist.« Noch eine Minute, dann konnte sie sich vielleicht aufsetzen. Sie sah Luci ins Gesicht. Das Mädchen zuckte zusammen und drückte sich an die Wand. »Die Weißmäntel... würden sie... genauso schnell wie uns... gefangennehmen.«
»Juilin?« fragte Nynaeve. Ihr Kopf wackelte, als sie zornig zu dem Gaukler aufblickte. Aber sie hatte keine Schwierigkeiten mit dem Sprechen mehr. »Ich habe Euch beiden gesagt, Ihr solltet beim Wagen bleiben.«
Thom pustete irritiert seinen Schnurrbart vom Mund. »Ihr habt uns gesagt, wir sollten die Lebensmittel wegräumen, aber dazu braucht man keine zwei Männer. Juilin folgte Euch, und als niemand zurückkehrte, habe ich mich nach ihm umgesehen.« Er schnaubte wieder. »Er hatte keine Ahnung, ob hier nicht ein Dutzend Männer warteten, aber er war bereit, Euch allein hinterherzugehen. Jetzt bindet er gerade Schmoller im Hof an. Gut, daß ich mich entschloß, hierher zu reiten. Ich glaube, wir brauchen das Pferd, um Euch beide hier herauszubringen.«
Elayne stellte fest, daß sie gerade so eben sitzen konnte. Sie zog sich Hand um Hand an der Bettdecke hoch, doch ein Versuch, zu stehen, hätte sie beinahe wieder niedergeworfen. Saidar war genauso unerreichbar wie zuvor. Ihr Kopf vermittelte ihr immer noch das Gefühl, ein mit Gänsedaunen gestopftes Kissen zu sein. Nynaeve fing an, sich etwas gerader aufgerichtet zu bewegen und die Füße beim Gehen zu heben, doch sie klammerte sich immer noch an Thom.
Minuten später trat Juilin ein und schob mit Hilfe seines Messers Frau Macura vor sich her. »Sie ist durch ein Tor hinten im Zaun hereingekommen. Glaubte, ich sei ein Dieb. Es schien mir am besten, sie herzubringen.«
Bei ihrem Anblick war die Näherin totenblaß geworden, so daß ihre Augen noch dunkler erschienen und ihr beinahe aus dem Kopf quollen. Sie leckte sich die Lippen und strich unaufhörlich ihren Rock glatt. Dazu warf sie immer wieder schnelle Seitenblicke auf Juilins Messer, als frage sie sich, ob es nicht besser sei, davonzulaufen. In erster Linie aber sah sie Elayne und Nynaeve an. Elayne konnte nicht entscheiden, ob die Frau als nächstes in Tränen ausbrechen oder in Ohnmacht fallen werde.
»Laßt sie dort hinübergehen«, sagte Nynaeve und nickte in Richtung der Ecke, in der Luci immer noch zitternd kauerte, die Arme um die Knie geschlungen, »und helft Elayne. Ich habe noch nie etwas von Spaltwurzeltee gehört, aber Gehen scheint zu helfen, die Wirkung aufzuheben. Man kann sich die meisten Dinge vom Hals laufen.«
Juilin wies mit dem Messer in die Ecke, und Frau Macura hastete hinüber und setzte sich neben Luci, wobei sie sich ständig ängstlich die Lippen befeuchtete. »Ich... hätte nicht getan... was ich getan habe... aber, ich... hatte Befehle. Das müßt Ihr doch verstehen. Ich hatte Befehle erhalten.«
Juilin half Elayne sanft auf die Beine und stützte sie beim Gehen. Sie konnten ja nur wenige Schritte in jeder Richtung zurücklegen und kreuzten dabei ständig den Weg des anderen Paares. Sie wäre lieber an Thoms Seite gegangen. Juilins Arm um ihre Taille war ihr viel zu vertraulich.
»Von wem stammen diese Befehle?« fuhr Nynaeve Frau Macura an. »Wem in der Burg schickt Ihr eure Berichte?«
Die Näherin sah aus, als sei ihr schlecht, doch sie hielt entschlossen den Mund.
»Wenn Ihr nicht redet«, sagte ihr Nynaeve mit finsterer Miene, »überlasse ich Euch Juilin. Er ist ein Diebfänger aus Tear, und er weiß, wie er genauso schnell wie ein Folterknecht der Weißmäntel ein Geständnis aus Euch herausbringt. Oder nicht, Juilin?«
»Ein Stück Seil, um sie zu fesseln«, sagte er mit einem so schurkischen Grinsen, daß Elayne beinahe einen Schritt von ihm weggetreten wäre, »einen Lumpen, um sie solange zu knebeln, bis sie bereit ist, zu reden, ein wenig Olivenöl und Salz...« Sein Lachen ließ Elayne das Blut gefrieren. »Sie wird alles ausplaudern, verlaßt Euch darauf.« Frau Macura lehnte steif an der Wand und starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Luci sah ihn an, als habe er sich soeben in einen Trolloc verwandelt, acht Fuß groß und mit Hörnern bewehrt.
»Sehr gut«, sagte Nynaeve nach einem Augenblick des Wartens. »Ihr solltet alles, was Ihr benötigt, in der Küche finden, Juilin.« Elaynes erstaunter Blick wanderte von ihr zu dem Diebfänger und zurück. Sicher hatten sie doch nicht wirklich vor...? Doch nicht Nynaeve!
»Narenwin Barda«, keuchte die Näherin plötzlich. Nun überschlugen sich die Worte beinahe, so sprudelte sie los: »Ich habe meine Berichte an Narenwin Barda geschickt in eine Schenke in Tar Valon. Sie heißt ›Zum Dammweg‹. Avi Shendar hält für mich am Stadtrand einige Brieftauben. Er weiß nicht, wem ich meine Botschaften schicke oder woher ich sie beziehe, und es ist ihm auch gleich. Seine Frau hatte die Fallsucht, und...« Ihre Worte verklangen, und sie schauderte, als sie Juilin anblickte.
Elayne kannte Narenwin oder hatte sie zumindest in der Burg kennengelernt. Eine schmächtige, kleine Frau, die so ruhig war, daß man ihre Anwesenheit glatt übersehen konnte. Und freundlich dazu. An einem Wochentag ließ sie regelmäßig Kinder ihre Haustiere auf das Gelände der Burg bringen, um sie zu heilen. Kaum die Art von Frau, die man bei den Schwarzen Ajah erwartete. Andererseits war auch eine der Frauen auf der Liste der Schwarzen Marillin Gemalphin, und die liebte Tiere über alles und nahm jede streunende Katze auf, die sie entdeckte.
»Narenwin Barda«, stellte Nynaeve grimmig fest. »Ich will weitere Namen hören, innerhalb und außerhalb der Burg.«
»Ich... ich kenne keine anderen«, sagte Frau Macura eingeschüchtert.
»Das werden wir ja sehen. Wie lange gehört Ihr schon zu den Schattenfreunden? Wie lange dient Ihr den Schwarzen Ajah?«
Luci entschlüpfte ein empörter Aufschrei: »Wir sind keine Schattenfreunde!« Sie blickte Frau Macura an und schob sich ein Stück von ihr weg. »Ich bin jedenfalls keine! Ich wandle unter dem Licht! Ganz bestimmt!«
Die Reaktion der anderen Frau war keine Spur schwächer. Ihr fielen vor Schreck fast die Augen aus dem Kopf. »Die Schwarzen...! Soll das heißen, daß es sie wirklich gibt? Aber die Burg hat das immer abgestritten... Ich habe doch Narenwin danach gefragt, an dem Tag, als sie mich für ihre Augen-und-Ohren auswählte, und ich konnte erst am nächsten Morgen mit Weinen aufhören und wieder aus dem Bett kriechen. Ich gehöre nicht — nicht! —zu den Schattenfreunden! Niemals! Ich diene der Gelben Ajah! Den Gelben!«