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Kurze Zeit später lenkte Therin Lugay seinen Karren in den Hof hinter dem Laden. Proviant für die lange Reise hatte er bereits unter der gewölbten Zeltplane geladen. Tatsächlich hatte ihn Ronde Macura von einer Fiebererkrankung geheilt, an der im letzten Winter dreiundzwanzig Menschen gestorben waren, doch nicht die Dankbarkeit allein, sondern vor allem ein zänkisches Weib und eine herrschsüchtige Schwiegermutter ließen ihn froh darüber sein, die lange Reise antreten zu können bis dorthin, wo die Hexen wohnten. Ronde hatte allerdings gesagt, es könne geschehen, daß ihn jemand schon unterwegs treffen werde, wenn sie auch nicht wußte, wer das sein könne, aber er hoffte trotzdem, bis nach Tar Valon zu kommen.

Er klopfte sechsmal an die Küchentür, bevor er eintrat, aber er fand niemanden vor, bis er die Treppe hochstieg und oben nachsah. Im hinteren Schlafzimmer lagen Ronde und Luci angekleidet und leicht zerknittert ausgestreckt auf den Betten und schliefen fest, obwohl die Sonne noch am Himmel stand. Keine der Frauen erwachte, als er sie schüttelte. Das verstand er nicht. Genausowenig verstand er, wieso eine der Bettdecken am Boden lag, teilweise zerschnitten und in Streifen verknotet, oder warum in der Kammer zwei leere Teekannen standen, aber nur eine Tasse, oder weshalb auf Rondes Kopfkissen ein Trichter lag. Allerdings hatte er schon immer gewußt, daß es auf der Welt eine ganze Menge gab, was er nicht verstand. So kehrte er zu seinem Karren zurück, dachte über den Proviant nach, den er mit Rondes Geld erstanden hatte, dachte an seine Frau und seine Schwiegermutter und beschloß schließlich, als er das Pferd in Trab setzte, daß er sich doch einmal in Altara umschauen wolle oder vielleicht sogar in Murandy.

Wie auch immer, es dauerte jedenfalls eine ganze Weile, bis eine ziemlich zerzauste Ronde Macura zu Avi Shendars Haus schlurfte und eine Taube losschickte, eine dünne Knochenröhre an ein Bein gebunden. Der Vogel flog pfeilgerade nach Nordosten in Richtung Tar Valon. Nachdem sie eine Weile nachgedacht hatte, fertigte Ronde eine Kopie des schmalen Streifens aus dünnem Pergament an und befestigte sie am Bein eines Vogels aus einem anderen Schlag. Dieser flog nach Westen, denn sie hatte versprochen, Duplikate all ihrer Nachrichten dorthin zu schicken. In diesen schweren Zeiten mußte eine Frau schon sehen, wo sie blieb, und es konnte ja auch nicht schaden, jedenfalls nicht die Art von Bericht, wie sie ihn Narenwin sandte. Sie fragte sich, ob sie den Geschmack des Spaltwurzeltees jemals wieder los würde. Es hätte ihrer Meinung nach aber bestimmt nicht geschadet, wenn der Bericht mit dafür sorgte, daß diejenige, die sich Nynaeve nannte, bestraft würde.

Avi arbeitete wie gewöhnlich in seinem Garten und achtete nicht darauf, was Ronde machte. Und ebenfalls wie gewöhnlich wusch er die Hände, sobald sie weg war, und ging hinein. Sie hatte ein größeres Pergamentblatt als Schreibunterlage verwandt. Als er es gegen den Schein der Nachmittagssonne hielt, konnte er lesen, was sie geschrieben hatte. Bald darauf war eine dritte Taube auf dem Weg, die wiederum in eine ganz andere Richtung flog.

11

›Zum Neunergespann‹

Ein breitrandiger Strohhut warf seinen Schatten auf Siuans Gesicht, als sie sich von Logain unter der brennenden Sonne des Spätnachmittags durch das Scheilientor nach Lugard hineinführen ließ. Die hohe, graue Außenmauer der Stadtbefestigung befand sich in recht schlechtem Zustand. An zwei verschiedenen Stellen, die sie von hier aus einsehen konnte, hatten Einstürze die Mauer auf nicht viel mehr als einen hohen Zaun reduziert. Min und Leane ritten gleich hinter ihr. Beide waren müde von dem strammen Tempo, zu dem sie der Mann in den Wochen seit Korequellen ständig angetrieben hatte. Er wollte die Führung ihrer Gruppe behaupten, und dazu brauchte es nicht viel. Wenn er den Zeitpunkt ihres Aufbruchs am Morgen bestimmte oder Zeitpunkt und Ort ihres Nachtlagers, wenn er ihr Geld verwaltete, und selbst wenn er von ihnen verlangte, daß sie nicht nur das Essen kochten, sondern es ihm auch noch servierten, dann focht sie das keineswegs an. Alles in allem tat er ihr sogar leid. Er hatte keine Ahnung, was sie in bezug auf ihn plante. Ein großer Fisch als Köder für einen noch größeren, dachte sie grimmig.

Dem Namen nach war Lugard die Hauptstadt von Murandy und der Sitz König Rödrans, doch die Lords in Murandy leisteten wohl ihren Treueeid, zahlten dann aber einfach keine Steuern und taten auch sonst kaum etwas von dem, was Rödran befahl.

Die einfachen Menschen machten es ihnen natürlich nach. Murandy war nur noch dem Namen nach ein Staat. Das Volk wurde kaum durch die vordergründige Anbindung an König oder Königin zusammengehalten. Der Thron wechselte sowieso häufig den Besitzer. Nur die Angst, von Andor oder Illian geschluckt zu werden, wirkte außerdem noch als verbindendes Element.

Kreuz und quer durch die Stadt verliefen weitere Mauern, meist allerdings in noch schlechterem Zustand als die große Stadtmauer. Lugard war im Laufe der Jahrhunderte ganz unregelmäßig und planlos gewachsen und war mehrfach durch sich befehdende Adelsparteien gespalten worden. Es war eine schmutzige Stadt. Viele der breiten Straßen waren ungepflastert und staubig. Die Männer trugen meist hohe Hüte und die Frauen Schürzen über Röcken, die ihre Knöchel zeigten. Sie mußten sich zwischen schwerfällig dahinrumpelnden Wagenzügen hindurchzwängen. In den tiefen Furchen spielten Kinder. Der Handel ernährte Lugard, Handel von Illian und Ebou Dar herauf, von Ghealdan im Westen und von Andor im Norden. Überall in der Stadt sah man große kahle Flächen, auf denen die Planwagen Rad an Rad abgestellt waren. Bei vielen zeichnete sich unter den heruntergelassenen Segeltuchplanen eine volle Ladung ab, während andere leer waren und auf Ladung warteten. An den Hauptstraßen waren ungezählte Schenken zu finden, daneben Pferdeställe und Koppeln. Ihre Anzahl übertraf beinahe die der grauen Steinhäuser und Läden, die alle mit glasierten Ziegeln in Rot oder Blau oder Violett oder Grün gedeckt waren. Staub und Lärm erfüllten die Luft, das Hämmern aus den Schmieden, das Rumpeln der Wagen, das Fluchen der Fahrer oder das schallende Gelächter aus den Schenken. Die Sonne brannte auf ihrem Weg zum Horizont auf Lugard hernieder, und die Luft vermittelte ein Gefühl, als werde es nie mehr regnen.

Als Logain endlich in einen Stallhof einbog und hinter einer Schenke mit grünem Dach und dem Namen ›Zum Neunergespann‹ abstieg, kletterte Siuan dankbar von Belas Rücken und tätschelte der zerzausten Stute ein wenig ängstlich die Nase, da sie deren Gebiß immer noch fürchtete. Ihrer Meinung nach war es einfach keine Art, Reisen auf dem Rücken eines Tieres zurückzulegen. Ein Boot fuhr in die Richtung, in die man es steuerte, aber ein Pferd könnte ja auf die Idee kommen, seiner eigenen Wege zu gehen. Boote bissen auch nicht. Sicher, Bela hatte das bislang auch nicht getan, aber sie war fähig dazu. Wenigstens waren diese furchtbaren Tage vorüber, an denen ihr Kreuz derart schmerzte, daß sie abends im Lager nur noch steif umherhumpeln und auch noch sicher sein konnte, daß Min und Leane hinter ihrem Rücken über sie grinsten. Nach einem vollen Tag im Sattel fühlte sie sich immer noch, als habe man sie gründlich verprügelt, aber jetzt schaffte sie es, ihre Gefühle wenigstens zu verbergen.

Sobald Logain anfing, mit dem Stallmeister zu verhandeln, einem schlacksigen, alten Burschen mit unzähligen Sommersprossen, einer Lederweste und ansonsten nacktem Oberkörper, schob sich Siuan dicht an Leane heran. »Wenn Ihr eure Verführungskünste üben wollt«, sagte sie leise, »dann übt die nächste Stunde über mit Dalyn.« Leane warf ihr einen zweifelnden Blick zu. Sie hatte in einigen Dörfern seit Korequellen ihr Lächeln und verheißungsvolle Blicke an Dorfbewohnern ausprobiert, doch Logain hatte von ihr kaum einmal einen direkten Blick abbekommen. Dann seufzte sie und nickte. Sie atmete tief durch und glitt in anmutigem, herausforderndem Gang vorwärts, ihren stolzen Grauen am Zügel, wobei sie Logain bereits anlächelte. Siuan war nicht klar, wie sie das anstellte. Es war, als seien ihre Knochen plötzlich nicht mehr so steif wie vorher.