Выбрать главу

Anschließend trat sie nahe an Min heran und sprach genauso leise mit ihr: »In dem Moment, wenn Dalyn mit dem Stallmeister fertig ist, sagt Ihr ihm, Ihr ginget mit zu mir hinein, und eilt los. Haltet Euch von ihm und Amaena fern, bis ich zurück bin.« Dem aus der Schenke dringenden Lärm nach war die Menge drinnen groß genug für eine ganze Armee. Ganz sicher also groß genug, um die Abwesenheit einer einzelnen Frau zu verbergen. Mins Miene nahm wieder einmal einen störrischen Ausdruck an, und sie öffnete den Mund, höchstwahrscheinlich, um nach dem Grund zu fragen, doch Siuan kam ihr zuvor: »Tut nur einfach, was ich Euch sage, Serenla. Oder ich werde Euch nicht nur sein Essen servieren lassen, sondern auch noch seine Stiefel putzen.« Der störrische Blick blieb, aber Min nickte mürrisch.

Siuan drückte Belas Zügel der anderen in die Hand, eilte aus dem Hof und ging die Straße hinunter. Sie hoffte, sie habe die richtige Richtung eingeschlagen. Sie wollte ja nicht die gesamte Stadt absuchen, jedenfalls nicht bei dieser Hitze und dem ewigen Staub.

Schwere Wagen mit Sechser-, Achter- oder sogar Zehnergespannen nahmen fast die ganze Straßenbreite ein. Die Fahrer ließen ihre langen Peitschen knallen und fluchten zu gleichen Teilen über die Pferde und über die Leute, die zwischen den Wagen hindurchhasteten. Grobgekleidete Männer mit den typischen langen Mänteln der Wagenlenker drängten sich mit durch die Menge und machten manchmal vorbeigehenden Frauen lachend zweideutige Angebote. Die Frauen mit ihren bunten Schürzen und leuchtenden Kopftüchern blickten stur geradeaus, als hörten sie nichts. Andere Frauen, die keine Schürzen trugen und deren Haar ihnen offen auf die Schultern hing —ihre Röcke so skandalös kurz, daß sie manchmal einen Fuß oder mehr über dem Boden endeten —, schrien gelegentlich noch ordinärere Bemerkungen zurück.

Siuan fuhr zusammen, als ihr bewußt wurde, daß einige Bemerkungen dieser Männer an ihre Adresse gerichtet waren. Sie wurde nicht wütend deshalb, denn irgendwie schien es ihr nicht, daß sie dadurch getroffen werden könne, nur überrascht war sie. Sie hatte sich noch immer nicht auf die Änderungen in bezug auf die eigene Person eingestellt. Daß Männer sich zu ihr hingezogen fühlten... ? Ihr Spiegelbild in dem schmutzigen Fenster einer Schneiderei fiel ihr auf: das etwas verschwommene Abbild eines Mädchens mit blasser Haut und einem Strohhut auf dem Kopf. Sie war jung. Soweit sie feststellen konnte, erschien sie nicht nur äußerlich jung, nein, sie war es. Nicht viel älter als Min. Wie es ihr von der Warte all jener Jahre aus erschien, die sie bereits erlebt hatte, konnte man sie wirklich als Mädchen bezeichnen.

Wenigstens ein Gutes hatte diese Dämpfung also, sagte sie sich. Sie hatte Frauen kennengelernt, die jeden Preis dafür gezahlt hätten, um wieder fünfzehn oder zwanzig Jahre jünger zu sein. Denen wäre selbst der Preis recht gewesen, den sie hatte zahlen müssen. Sie ertappte sich öfter dabei, wie sie solche Vorteile im Geist auflistete und sich selbst davon zu überzeugen versuchte, daß es sich gelohnt hatte. Sie war nun nicht mehr an die Drei Eide gebunden und konnte lügen, wann es ihr paßte. Und ihr eigener Vater hätte sie nun nicht mehr erkannt. Sie sah nicht so aus wie einst als junge Frau. Die Veränderungen, die mit wachsender Reife gekommen waren, waren immer noch zu sehen, aber durch die sanften Züge der Jugend abgemildert. Wenn sie kalt und objektiv urteilte, dann war sie jetzt etwas hübscher als zu ihrer Mädchenzeit, und das größte Kompliment, das sie damals gehört hatte, war, sie sei hübsch. Häufiger allerdings hatte man sie lediglich als apart bezeichnet. Irgendwie konnte sie keine echte Verbindung von diesem Gesicht zu ihr, zu Siuan Sanche, herstellen. Tief im Innern war sie dieselbe und in ihrem Verstand ruhte nach wie vor alles Wissen. Nur dort, in ihrem Kopf, war alles gleich geblieben.

Einige der Schenken und Tavernen in Lugard trugen Namen wie ›Zum Schmiedehammer‹, oder ›Zum Tanzbär‹, oder ›Zum silbernen Schwein‹. Manchmal waren die Schilder dazu genauso schreiend auffällig wie die Namen selbst. Andere führten sogar Namen, die man nicht hätte genehmigen dürfen. Der ›anständigste‹ unter jenen war noch ›Der Kuß des Domanimädchens‹. Dazu gehörte die Abbildung einer Frau mit kupferfarbener Haut und Schmollmund, die bis zur Hüfte nackt war! Siuan fragte sich, wie Leane das aufnehmen würde, aber so, wie sich die Frau jetzt benahm, fühlte sie sich vielleicht noch davon angeregt.

Schließlich durchschritt sie von einer Seitenstraße aus, die genauso breit war wie die Hauptstraße, eine Öffnung in einer der halb eingestürzten Innenmauern und fand dort die Schenke, nach der sie gesucht hatte. Drei aus grobem Naturstein erbaute Stockwerke trugen ein Dach mit lila Ziegeln. Auf dem Schild über dem Eingang war eine unwahrscheinlich üppige Frau abgebildet, die nur ihr langes Haar trug und mehr oder weniger alles zeigte. Sie ritt ohne Sattel auf einem Pferd. Den Namen überging sie schnell, kaum daß sie ihn gelesen und wiedererkannt hatte.

Der Schankraum drinnen war blau vom Tabaksqualm und voll von ausgelassenen Männern, die tranken und wild lachten und versuchten, die Bedienungen ins Hinterteil zu kneifen. Die wichen aus, so gut es ging, und antworteten mit müdegeduldigem Lächeln. Über dem Lärm war die Musik kaum hörbar. Eine Zither und eine Flöte begleiteten den Gesang einer jungen Frau, die auf einem Tisch ganz am Ende des langen Raums tanzte. Gelegentlich ließ sie dabei den Rock so hoch wirbeln, daß die ganze Länge ihrer nackten Beine sichtbar wurde. Was Siuan vom Text ihres Liedes verstehen konnte, ließ sie wünschen, dem Mädchen den Mund mit Seife auszuwaschen. Warum sollte eine Frau unbekleidet herumlaufen? Warum sollte eine Frau einem Haufen betrunkener Kerle darüber noch vorsingen? Sie hatte sich noch nie in einer solchen Umgebung befunden. So beschloß sie, den Besuch hier so kurz wie möglich zu gestalten.

Die Eigentümerin der Schenke war unschwer zu erkennen: eine große, schwere Frau in einem roten Seidenkleid, das teilweise zu glühen schien, dazu kunstvoll gedrehte und gefärbte Locken — die Natur hatte diesen Rotton niemals hervorgebracht und bestimmt auch nicht in Verbindung mit solch dunklen Augen —, doch ihr Kinn stand hervor, und die Mundpartie war ausgesprochen hart. Sie rief den Bedienungen immer wieder Anweisungen zu, und dazwischen blieb sie an diesem oder jenem Tisch stehen, sprach hier ein paar Worte oder klatschte einem Gast auf die Schultern oder lachte mit ihnen.

Siuan bewegte sich dagegen steif und bemühte sich, die abschätzenden Blicke der Männer zu ignorieren, während sie sich der Frau mit den hochroten Haaren näherte. »Frau Tharne?« Sie mußte den Namen dreimal wiederholen, und jedesmal lauter, bis die Wirtin sie endlich anblickte. »Frau Tharne, ich brauche eine Anstellung als Sängerin. Ich kann... «

»Tatsächlich, könnt Ihr das?« Die massige Frau lachte. »Tja, ich habe wohl eine Sängerin, aber ich kann durchaus noch eine gebrauchen, um ihr eine Pause zu gönnen. Laßt mich mal Eure Beine sehen.«

»Ich kann das ›Lied der Drei Fische‹ singen«, sagte Siuan laut. Das mußte doch wohl die richtige Frau sein, oder? Sicher hatten keine zwei Frauen in der gleichen Stadt Haare wie diese und trugen den richtigen Namen in der richtigen Schenke?

Frau Tharne lachte noch schallender und klatschte einem der Männer am nächsten Tisch so auf die Schulter, daß es ihn beinahe von der Sitzbank warf. »Das wird hier ziemlich selten gewünscht, eh, Pel?« Pel, der große Zahnlücken aufwies und eine Kutscherpeitsche um die Schulter gewickelt hatte, gackerte mit ihr um die Wette.