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»Und ich kann auch noch ›Blauer Morgenhimmel‹.«

Die Frau wurde richtiggehend durchgeschüttelt, und sie mußte sich die Tränen aus den Augen wischen, so sehr lachte sie. »Tatsächlich? Oh, ich bin sicher, das wird den Burschen gefallen. Jetzt laß mich deine Beine sehen. Deine Beine, Mädchen, sonst kannst du gleich wieder gehen!«

Siuan zögerte, aber Frau Tharne blickte sie lediglich erwartungsvoll an. Genau wie ein ständig wachsende Zahl von Männern. Das mußte einfach die richtige Frau sein. Langsam zog sie ihren Rock bis an die Knie hoch. Die große Frau gestikulierte ungeduldig. So schloß Siuan die Augen und raffte ihrem Rock weiter und weiter. Sie spürte, wie ihr Gesicht immer dunkler anlief.

»Auch noch verschämt«, gluckste Frau Tharne amüsiert. »Aber falls diese Lieder alles sind, was du singen kannst, mußt du eben viel Bein zeigen, um die Männer zum Toben zu bringen. Na ja, wenn diese Wollstrümpfe weg sind, kann man vielleicht mehr sagen, eh, Pel? Also komm mal mit nach hinten. Vielleicht hast du ja eine gute Stimme, aber hier drinnen kann ich sie bei diesem Lärm nichts hören. Los, Mädchen. Beweg deinen Arsch!«

Siuan riß die Augen auf und wollte sie zornig anfunkeln, doch die große Frau schritt bereits zur Hintertür des Schankraums. Siuan ließ den Rock fallen und folgte ihr, steif wie eine Eisenstange, wobei sie die grinsenden Männer zu ignorieren versuchte, deren lüsterne Bemerkungen ihr bis hinaus folgten. Ihre Miene war steinern, doch innerlich war sie aufgewühlt und schwankte zwischen Sorge und Zorn.

Bevor sie zur Amyrlin erhoben worden war, hatte sie bei den Blauen das Agentennetz der Augen-und-Ohren geleitet und einige von ihnen, wie auch später noch, als ihre ganz persönlichen Spitzel eingesetzt. Sie mochte zwar nicht mehr die Amyrlin sein und nicht einmal mehr eine Aes Sedai, doch diese Agenten kannte sie alle noch recht gut.

Duranda Tharne hatte bereits für die Blauen gearbeitet, als sie damals das Netz übernahm, und sie hatte immer pünktlich und präzise berichtet. Augen-und-Ohren konnte man nicht überall finden, und ihre Zuverlässigkeit schwankte oft. Es hatte eigentlich zwischen Tar Valon und Lugard nur eine einzige wirklich zuverlässige Agentin gegeben — in Vier Könige im Lande Andor —, aber die war verschwunden. Gerade hier in Lugard konnte man durch die Wagenzüge der Kaufleute eine Unmenge an Informationen erhalten, seien es nun wahre Berichte oder auch nur Gerüchte. Bestimmt waren auch die Augen-und-Ohren anderer Ajahs hier am Werk, das sollte sie sich immer wieder ins Gedächtnis zurückrufen. Vorsicht bringt das Boot sicher zum Hafen, dachte sie unwillkürlich.

Die Frau entsprach genau der Beschreibung von Duranda Tharne, und sicherlich trug keine andere Schenke einen so abscheulichen Namen. Doch warum hatte sie so reagiert, als sich Siuan ihr gegenüber als Agentin der Blauen identifiziert hatte? Sie mußte das Risiko eingehen. Min und Leane wurden langsam genauso ungeduldig wie Logain. Vorsicht brachte wohl das Boot sicher zum Hafen, aber manchmal brachte einem ein wenig Kühnheit eine volle Ladung ein. Im schlimmsten Fall mußte sie eben der Frau irgend etwas über den Schädel schlagen und durch die Hintertür fliehen. Zweifelnd beäugte sie die Größe und Körperfülle der Frau und auch die kräftigen Arme. Hoffentlich war sie dazu imstande.

Eine einfache Holztür im Korridor zur Küche führte in ein spärlich eingerichtetes Zimmer. Ein Schreibtisch und ein einzelner Stuhl standen auf einem blauen Läufer, an einer Wand hing ein großer Spiegel und überraschenderweise an einer anderen ein Bücherbrett mit einigen Büchern. Sobald sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte und der Lärm aus dem Schankraum nur noch gedämpft zu ihnen drang, fuhr die mächtige Frau mit auf die breiten Hüften gestützten Fäusten Siuan heftig an: »Also, was ist? Was wollt Ihr von mir? Nennt mir ja keinen Namen; ich will ihn nicht wissen, ob es nun Euer richtiger ist oder nicht!«

Siuan verlor ein wenig von ihrer Anspannung. Der Zorn jedoch blieb. »Ihr hattet kein Recht, mich dort draußen so zu behandeln! Was habt Ihr euch dabei gedacht, mich zu zwingen... «

»Ich hatte jedes Recht dazu«, fauchte Frau Tharne, »und es war notwendig! Wenn Ihr bei Öffnung oder zu der Zeit gekommen wärt, wenn ich schließe, wie es normal wäre, hätte ich Euch schnell hereingeholt, ohne daß es jemand aufgefallen wäre. Ist Euch nicht klar, daß einige der Männer dort draußen Fragen gestellt hätten, wenn ich Euch wie eine lange verschollene Freundin nach hinten geführt hätte? Ich kann es mir nicht leisten, auf irgendeine Weise aufzufallen. Ihr habt Glück gehabt, daß ich Euch nicht wirklich an Susus Stelle für ein oder zwei Lieder auf den Tisch geholt habe! Und achtet gefälligst auf Eure Manieren, wenn Ihr mit mir sprecht!« Sie hob drohend eine breite, schwielige Hand. »Ich habe verheiratete Töchter, die älter sind als Ihr, und wenn ich sie besuche, benehmen sie sich anständig und korrekt. Wenn Ihr bei mir die Frau Schnippisch spielen wollt, dann werdet Ihr einiges lernen müssen. Niemand dort draußen wird Euch hören, wenn Ihr jault, und wenn, dann würden sie trotzdem nicht eingreifen.« Mit einem scharfen Nicken, als sei damit alles Notwendige gesagt, stemmte sie wieder die Fäuste in die Hüften. »Also, was wollt Ihr?«

Mehrmals hatte Siuan in die Gardinenpredigt eingreifen wollen, doch die Frau überrollte sie einfach wie eine Flutwelle. An so etwas war sie nicht gewöhnt. Als Frau Tharne ausgesprochen hatte, bebte sie vor Zorn. Beide Hände hatte sie so in ihren Rock verkrampft, daß die Knöchel vor Anstrengung weiß waren. Sie bemühte sich, so sehr sie nur konnte, an sich zu halten und nicht selbst loszulegen. Sie nimmt ja von mir an, ich sei lediglich eine andere Agentin, sagte sie sich entschlossen. Nicht mehr die Amyrlin, sondern nur eine andere Agentin. Außerdem hegte sie den Verdacht, die Frau könne wirklich ihre Drohung wahrmachen. Auch das war ihr eine vollkommen neue Erfahrung, daß sie sich vor jemandem in acht nehmen mußte, weil die größer und stärker war.

»Man gab mir eine Nachricht für eine Versammlung derjenigen mit, denen wir dienen.« Sie hoffte, Frau Tharne werde die sichtliche Anspannung in ihrem Tonfall als Ängstlichkeit oder Demut deuten, nachdem sie so von ihr heruntergeputzt worden war. Die Frau war ihr vielleicht eher behilflich, wenn sie glaubte, Siuan ordentlich eingeschüchtert zu haben. »Sie befanden sich aber nicht dort, wo ich sie antreffen sollte. Ich kann nur hoffen, daß Ihr etwas wißt, was mir hilft, sie zu finden.«

Frau Tharne verschränkte die Arme unter einem mächtigen Busen und musterte sie. »Ihr wißt also doch, Euch zu beherrschen, wenn es besser ist, eh? Gut. Was ist in der Burg eigentlich geschehen? Und versucht gar nicht erst, zu verleugnen, daß Ihr von dort kommt, mein feines, stolzes Frauenzimmer. Euch steht das Wort Kurier aufs Gesicht geschrieben, und dieses hochnäsige Getue habt Ihr nicht in einem Dorf gelernt.«

Siuan holte tief Luft, bevor sie antwortete: »Man hat Siuan Sanche einer Dämpfung unterzogen.« Sie war stolz darauf, daß ihre Stimme nicht bebte, als sie das sagte. »Elaida a'Roihan ist die neue Amyrlin.« Das klang nun allerdings doch ein wenig beißend.

Auf Frau Tharnes Gesicht zeigte sich keine Reaktion. »Nun ja, das erklärt einige der Befehle, die ich erhalten habe. Ein paar jedenfalls. Eine Dämpfung also, ja? Ich hatte geglaubt, sie werde für immer und ewig Amyrlin bleiben. Ich habe sie einmal vor Jahren in Caemlyn gesehen. Aus der Entfernung. Sie wirkte, als verspeiste sie Lederriemen zum Frühstück.« Diese unmöglich roten Locken schwangen hin und her, als sie den Kopf schüttelte. »Na ja, das ist nun vorbei. Die Ajah bekämpfen sich jetzt also gegenseitig, oder? Nur so läßt sich das alles erklären —meine Befehle und die Dämpfung dieses alten Geiers. Die Burg ist gespalten, und die Blauen laufen davon.«