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Siuan knirschte mit den Zähnen. Sie versuchte mit aller Gewalt, sich einzureden, daß diese Frau den Blauen Ajah gegenüber loyal sei, wenn das auch nicht ihr selbst galt, aber es half nicht. Alter Geier? Sie ist alt genug, um meine Mutter zu sein. Aber wenn sie das wäre, würde ich ins Wasser gehen. Mit Mühe brachte sie es fertig, demütig zu klingen: »Meine Botschaft ist wichtig. Ich muß mich so schnell wie möglich auf den Weg machen. Könnt Ihr mir helfen?«

»Wichtig, ja? Also, das möchte ich ja bezweifeln. Das Dumme ist bloß, daß ich Euch wohl etwas sagen kann, aber die Bedeutung müßt Ihr selber herausfinden. Wollt Ihr es hören?« Die Frau wollte ihr die Sache nicht einfacher machen.

»Ja, bitte!«

»Sallie Daera. Ich weiß nicht, wer sie ist oder war, aber man befahl mir, jeder Blauen, die herkam und verloren wirkte, wenn man so sagen will, diesen Namen zu nennen. Ihr seid vielleicht keine der Schwestern, aber Ihr tragt die Nase hoch genug dafür, also sollt Ihr es wissen. Sallie Daera. Macht daraus, was Ihr wollt.«

Siuan unterdrückte einen Schauer der Erregung und bemühte sich, enttäuscht zu wirken. »Ich habe auch noch nie von ihr gehört. Ich muß wohl einfach weitersuchen.«

»Wenn Ihr sie findet, sagt Aeldene Sedai, daß ich weiterhin loyal bleibe, gleich, was geschieht. Ich habe so lange schon für die Blauen gearbeitet, daß ich gar nicht wüßte, was ich sonst anfangen sollte.«

»Das richte ich ihr aus«, sagte Siuan. Sie hatte nicht gewußt, daß Aeldene sie ersetzt hatte und nun die Augen-und-Ohren der Blauen leitete. Die Amyrlin gehörte ja unabhängig von ihrer ursprünglichen Ajah keiner der Parteien mehr an. »Ich schätze, Ihr braucht einen Grund, warum Ihr mich nicht einstellt. Ich kann wirklich nicht singen. Das sollte doch reichen.«

»Als ob das für diese Kerle draußen eine Rolle spielte.« Die große Frau zog eine Augenbraue hoch und grinste auf eine Weise, die Siuan gar nicht gefiel. »Ich werde mir etwas einfallen lassen, mein Frauenzimmerchen. Und ich werde Euch einen Rat geben: Wenn Ihr nicht ein wenig von Eurem hohen Roß herunterkommt, wird Euch irgendwann eine Aes Sedai zurechtstutzen. Es überrascht mich, daß das noch nicht geschehen ist. Jetzt geht aber.

Raus hier.«

Fürchterliche Frau, grollte Siuan innerlich. Wenn es nur eine Möglichkeit gäbe, würde ich sie zum Strafdienst verdonnern, bis sie nicht mehr kann! Die Frau glaubte, daß man ihr mehr Respekt entgegenbringen müsse, ja? »Danke für Eure Hilfe«, sagte sie kühl und vollführte einen Knicks, der jeder Hofdame Ehre gemacht hätte. »Ihr wart zu gnädig.«

Sie befand sich drei Schritte weit im Schankraum, als Frau Tharne hinter ihr erschien und laut lachend durch den Lärm schrie: »Eine schüchterne Maid, die da! Beine, die weiß und schlank genug sind, um Euch alle zum Lechzen zu bringen, und sie jammerte wie eine Jungfrau, als ich ihr sagte, sie müsse sie Euch auch zeigen! Setzte sich einfach auf den Fußboden und heulte! Und das bei den runden Hüften und...!«

Siuan stolperte, als eine Welle des Gelächters über sie hereinbrach, was aber die Stimme der Frau keineswegs zum Schweigen brachte. Mit puterrotem Gesicht brachte sie noch drei Schritte fertig, aber dann rannte sie fluchtartig aus dem Raum.

Auf der Straße blieb sie erst einmal stehen, um wieder zu Atem zu kommen. Ihr Herzschlag beruhigte sich langsam. Diese schreckliche alte Vettel! Ich sollte...! Es spielte keine Rolle, was sie tun sollte; diese widerliche Frau hatte ihr alles gesagt, was sie benötigte. Nicht Sallie Daera allerdings, denn das war überhaupt keine Frau. Nur eine Blaue konnte das wissen oder auch nur vermuten. Salidar. Der Geburtsort von Deane Aryman, der Blauen Schwester, die als Nachfolgerin von Bonwhin Amyrlin geworden war und die Burg vor dem Ruin gerettet hatte, auf den Bonwhin sie zugesteuert hatte. Salidar. Einer der letzten Orte, an denen man nach einer Aes Sedai suchen würde, außer vielleicht in Amadicia.

Zwei Männer in schneeweißen Umhängen und auf Hochglanz polierten Rüstungen ritten die Straße entlang auf sie zu. Nur zögernd ließen sie ihre Pferde zur Seite treten, um die Planwagen durchzulassen. Kinder des Lichts. Heutzutage tauchten sie überall auf. Sie neigte den Kopf und beobachtete die Weißmäntel mißtrauisch unter dem Rand ihres Hutes hervor. Erschreckt drückte sie sich an die blaugrüne Vorderfront der Schenke. Sie blickten sie kurz im Vorbeireiten an — harte Gesichter unter glänzenden, kegelförmigen Helmen — und verloren sich in der Menge.

Siuan biß sich auf die Unterlippe. Sie hatte wahrscheinlich ihre Aufmerksamkeit auf sich gelenkt, weil sie vor ihnen zurückgeschreckt war. Und wenn sie ihr Gesicht gesehen hatten...? Aber das machte ja überhaupt nichts. Die Weißmäntel würden vielleicht eine Aes Sedai töten, wenn sie sie allein und hilflos antrafen, doch ihr Gesicht wies ja nicht mehr die typischen Züge einer Aes Sedai auf. Andererseits hatten sie gesehen, wie sie sich vor ihnen zu verstecken suchte. Hätte Duranda Tharne sie nicht so durcheinandergebracht, dann hätte sie auch nicht einen so törichten Fehler begangen. Sie erinnerte sich an Zeiten, wo eine solche Kleinigkeit wie Frau Tharnes Bemerkungen sie bestimmt nicht aus dem Tritt gebracht hätte. Damals hätte dieses übergroße, bunt schillernde Fischerweib nicht gewagt, auch nur ein Wort zu sagen. Wenn diesem Hausdrachen meine Manieren nicht passen, dann werde ich... Was sie nun aber tat, war, einfach mit dem weiterzumachen, was sie vorgehabt hatte, und Erleichterung darüber zu empfinden, von Frau Tharne nicht so verprügelt worden zu sein, daß sie in keinen Sattel mehr paßte. Manchmal war es schwierig, sich daran zu erinnern, daß die Tage vorüber waren, an denen sie sogar Könige und Königinnen herbeizitieren konnte.

Als sie die Straße entlangschritt, machte sie ein so böses Gesicht, daß sich einige der Wagenfahrer ihre Kommentare verbissen, die sie einer allein daherkommenden jungen Frau ansonsten zugeworfen hätten. Nur ein paar von ihnen konnten es nicht lassen.

Min saß auf einer Bank an der Wand des vollen Schankraums im Neunergespann und beobachtete einen Tisch, um den Männer herumstanden, manche mit eingerollten Peitschen, andere mit Schwertern an den Hüften, die unschwer erkennen ließen, daß es sich um die Leibwächter und Begleiter der Wagenzüge handelte. Sechs weitere Personen hockten Schulter an Schulter um den Tisch. Sie konnte gerade noch Logain und Leane erkennen, die an der gegenüberliegenden Seite saßen. Er machte eine mürrische Miene, während die anderen Männer verzückt jedem Wort der lächelnden Leane lauschten.

Die Luft war von Pfeifenrauch erfüllt und einem Geschnatter, in dem die Musik einer Flöte, eines Tambourins und der Gesang eines Mädchens unterging, das auf einem Tisch in der Mitte zwischen den beiden großen Kaminen tanzte. Ihr Lied handelte von einer Frau, die sechs Männer davon überzeugte, daß jeder von ihnen der einzige Mann in ihrem Leben sei. Min fand es interessant, auch wenn sie beim Zuhören einige Male rot wurde. Die Sängerin warf von Zeit zu Zeit eifersüchtige Blicke zu dem umlagerten Tisch hinüber. Oder genauer —sie warf sie Leane zu.

Die hochgewachsene Domanifrau hatte Logain bereits am Gängelband geführt, als sie den Schankraum betraten, und sie hatte weitere Männer wie Honig die Fliegen angelockt mit ihrem Hüftschwung und den verheißungsvoll glühenden Augen. Es hatte sogar schon fast eine Auseinandersetzung zwischen Logain und den Leibwächtern gegeben. Hände hatten nach den Schwertern gegriffen, und Messer waren gezogen worden. Der kräftige Wirt und zwei muskulöse Burschen mit Knüppeln waren herbeigestürzt. Doch Leane hatte das Feuer ebenso schnell gelöscht, wie sie es entfacht hatte: ein Lächeln hier, ein paar nette Worte dort, ein Tätscheln auf eine Wange... Selbst der Wirt war noch eine Weile bei ihnen stehengeblieben und hatte ständig wie ein Narr gegrinst, bis ihn seine Kundschaft weglockte. Und Leane glaubte, sie benötige Übung! Es war einfach nicht fair.