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»Bitte, Nynaeve«, sagte Elayne. »Ich...«

Die andere ließ sie gar nicht weiter zu Wort kommen. »Ist es meiner Lady unbequem? Ich weiß, daß Ladies an Bequemlichkeit gewöhnt sind. Eine arme Zofe kennt so etwas eben nicht. Aber sicher möchte meine Lady doch vor Anbruch der Dunkelheit den nächsten Ort erreichen? Damit die Zofe meiner Lady ihr das Abendessen servieren und ihr Bett bereiten kann?« Ihre Kiefer schlugen aufeinander, als sie hochgeworfen wurde und wieder auf das harte Polster zurückprallte. Daraufhin funkelte sie Elayne wütend an, als sei es ihre Schuld gewesen.

Elayne seufzte tief auf. Damals in Mardecin hatte Nynaeve alles eingesehen. Eine Lady reiste nie ohne ihre Zofe, und zwei Ladies würden normalerweise auch zwei Zofen dabeihaben. Dann müßten sie aber Thom oder Juilin — jedenfalls einen von beiden — in ein Frauenkleid stecken. Nynaeve hatte auch eingesehen, daß Elayne mehr davon verstand, wie sich eine Lady benahm. Sie hatte es sehr zartfühlend ausgedrückt, und Nynaeve wußte gewöhnlich recht genau, was der vernünftigste Weg war. Gewöhnlich. Aber das war in Frau Macuras Laden gewesen, nachdem sie den beiden Frauen ihr eigenes schreckliches Gebräu eingeflößt hatten.

Sie hatten Mardecin verlassen und waren bis Mitternacht durchgefahren, um schließlich ein kleines Dorf mit einer Schenke zu finden. Deren Wirt hatten sie aus dem Bett geworfen, damit er ihnen zwei enge Zimmer mit schmalen Betten herrichtete. Noch vor Sonnenaufgang waren sie aufgestanden, um weiterzufahren. Sie hatten ein paar Meilen entfernt Amador umgangen. Man würde keine von ihnen auf den ersten Blick für etwas anderes halten, als sie vorgeben wollten, doch sie fühlten sich alles andere als wohl bei dem Gedanken, eine Stadt voll von Weißmänteln durchfahren zu müssen. In Amador befand sich die Festung des Lichts. Elayne hatte wohl gehört, der König regiere Amadicia, doch in Wirklichkeit regierte Pedron Niall.

Die Schwierigkeiten hatten am letzten Abend begonnen, und zwar in einem Ort namens Bellon an einem schlammigen Flüßchen, das den stolzen Namen Gaeanfluß trug, etwa zwanzig Meilen abseits der Hauptstadt. Die ›Furtschenke‹ in Bellon war größer als ihre erste Bleibe, und Frau Alfara, die Wirtin, bot Lady Morelin sogar ein eigenes Speisezimmer an. Das konnte Elayne wohl kaum abschlagen. Frau Alfara war der Überzeugung gewesen, daß nur die Zofe Lady Morelins, Nana, sie auch korrekt bedienen könne, denn Ladies wollten alles so haben, wie sie es gewohnt waren, und das sei ja auch ihr gutes Recht. Ihre eigenen Mädchen seien nicht daran gewöhnt, mit Ladies umzugehen, meinte die Frau. Nana wußte auch ganz genau, wie sie Lady Morelins Bett herrichten solle und würde ihr auch ein erfrischendes Bad bereiten, nachdem sie einen so heißen Reisetag hinter sich hatten. Die Liste der Dinge, die nur Nana ihrer Herrin recht machen könne, schien endlos.

Elayne war nicht sicher, ob der Adel Amadicias soviel erwartete, oder ob Frau Alfara lediglich statt der eigenen die Dienstbotin einer Ausländerin ausnützen wollte. Sie hatte sich bemüht, Nynaeve das meiste zu ersparen, doch die Frau hatte genauso wie die Wirtin immer ein »Wie Ihr wünscht, meine Lady« und »Meine Lady ist sehr eigenwillig« auf Lager gehabt. Sie hätte töricht dagestanden, oder zumindest hätte es eigenartig gewirkt, wenn sie Nynaeve alles abgenommen hätte. Und sie wollten ja keine unnötige Aufmerksamkeit erregen.

Solange sie sich in Bellon aufgehalten hatte, war Nynaeve in der Öffentlichkeit als die vollkommene Zofe aufgetreten. Wenn sie allein miteinander waren, war das allerdings etwas anderes. Elayne wäre es so viel lieber gewesen, hätte sich die Frau dann einfach wie normal benommen, statt sie wie etwas Abstoßendes aus der Großen Fäule ständig niederzuknüppeln. Auf Entschuldigungen bekam sie ein »Meine Lady ist zu gütig« zu hören, oder sie wurden einfach ignoriert. Ich werde mich nicht noch einmal entschuldigen, dachte sie zum fünfzigsten Mal. Nicht für etwas, das letzten Endes nicht meine Schuld ist.

»Ich habe nachgedacht, Nynaeve.« Sie packte einen herunterhängenden Halteriemen und fühlte sich dennoch wie ein Ball in einem Kinderspiel namens Hopf, das in Andor sehr beliebt war. Man mußte dabei einen bunten Holzball mit einem Schläger immer wieder hochprellen lassen und abfangen. Aber sie verlangte nicht, daß die Kutsche langsamer fahren solle. Sie konnte es genauso lang aushalten wie Nynaeve. Diese Frau war so etwas von stur! »Ich will ja nach Tar Valon und herausfinden, was dort eigentlich los ist, aber...«

»Meine Lady haben nachgedacht? Meine Lady muß ja Kopfschmerzen haben von dieser Anstrengung! Ich werde meiner Lady einen feinen Tee aus Schafszungenwurzel und roten Gänseblümchen bereiten, sobald... «

»Halt den Mund, Nana!« sagte Elayne ruhig, aber mit Entschlossenheit in der Stimme. Sie imitierte ihre Mutter, so gut sie nur konnte. Nynaeve blieb der Mund offenstehen. »Wenn du wieder an deinem Zopf reißt, kannst du beim Gepäck auf dem Dach mitfahren.« Nynaeve gab einen erstickten Laut von sich. Sie versuchte, etwas zu sagen, aber sie brachte nichts heraus. Sehr zufriedenstellend. »Manchmal scheinst du zu glauben, ich sei immer noch ein Kind, dabei benimmst du dich wie ein Kind. Ich habe dich nicht darum gebeten, mir den Rücken zu waschen, aber ich hätte dir einen Ringkampf liefern müssen, um dich davon abzuhalten. Erinnere dich bitte daran, daß ich dir angeboten habe, dasselbe für dich zu tun. Und ich habe dir angeboten, auf dem Klappbett zu schlafen. Statt dessen bist du aufgestiegen und warst nicht mehr herunterzubekommen. Hör mit der Schmollerei auf! Wenn du willst, spiele ich in der nächsten Schenke deine Zofe.« Das wäre möglicherweise eine komplette Katastrophe. Nynaeve würde vermutlich in der Öffentlichkeit Thom anschreien oder jemanden ohrfeigen. Doch was tat man nicht für ein wenig Ruhe und Frieden. »Wir können gleich anhalten und im Wald die Kleider tauschen.«

»Wir haben Kleider ausgesucht, die dir am besten passen«, murmelte die andere einen Augenblick später. Dann öffnete sie die Klappe wieder und rief: »Langsamer! Wollt Ihr uns umbringen? Törichte Männer!«

Oben herrschte Totenstille, als sich die Geschwindigkeit der Kutsche auf ein vernünftiges Maß verringerte, aber Elayne hätte wetten können, daß sich die beiden Männer nun empört unterhielten. Sie richtete ihr Haar her, so gut sie es ohne einen Spiegel vermochte. Es überraschte sie immer noch, diese schimmernden schwarzen Locken zu sehen, wenn sie sich erblickte. Die grüne Seide mußte auch wieder einmal gründlich ausgebürstet werden.

»Worüber hast du nachgedacht, Elayne?« fragte Nynaeve. Auf ihren Wangen standen hochrote Flecke. Zumindest war ihr klar, daß Elayne recht hatte, aber nachzugeben war das Höchste an Entschuldigung, was sie je herausbrachte.

»Wir reisen so schnell wir können nach Tar Valon zurück, aber wissen wir überhaupt, was uns in der Burg erwartet? Falls die Amyrlin wirklich diese Befehle ausgegeben hat... Ich glaube es eigentlich nicht und kann es auch nicht verstehen, aber ich habe nicht vor, die Burg zu betreten, bis ich wirklich Bescheid weiß. ›Nur eine Närrin steckt ihre Hand in einen hohlen Baum, ohne zu wissen, was drinnen ist.‹«

»Eine weise Frau, diese Lini«, sagte Nynaeve. »Vielleicht finden wir mehr heraus, wenn ich wieder ein Bündel gelber Blumen mit den Köpfen nach unten irgendwo hängen sehe, aber bis dahin sollten wir uns meiner Meinung nach verhalten, als beherrschten die Schwarzen Ajah die Burg.«

»Frau Macura hat bestimmt mittlerweile eine weitere Taube zu Narenwin geschickt: mit einer Beschreibung dieser Kutsche und der Kleider, die wir mitnahmen, und höchstwahrscheinlich auch einer Beschreibung Juilins und Thoms.«