»Das läßt sich nicht ändern. Das Ganze wäre nicht geschehen, wenn wir nicht durch ganz Tarabon getrödelt wären. Wir hätten ein Schiff nehmen sollen.« Elayne riß Augen und Mund auf, weil Nynaeve so anklagend geklungen hatte, und Nynaeve besaß soviel Anstand, wenigstens rot zu werden. »Na ja, was vorbei ist, ist vorbei. Moiraine kennt Siuan Sanche. Vielleicht kann Egwene sie darum bitten... «
Plötzlich schlingerte die Kutsche und kam abrupt zum Stehen. Elayne wurde nach vorn geschleudert und fiel auf Nynaeve. Sie hörte die Pferde wiehern und spürte, wie die Tiere sich aufbäumten und ausschlugen, während sie sich von Nynaeve zu lösen versuchte, wobei diese kräftig schiebend nachhalf.
Sie griff nach Saidar und steckte den Kopf aus dem Fenster. Dann ließ sie die Macht jedoch erleichtert wieder ihrem Griff entgleiten. Das war etwas, was sie bereits mehr als einmal durch Caemlyn ziehen gesehen hatte. Ein kleiner Reisezoo — eine Menagerie — lagerte im Schatten der Bäume am Rand einer großen Lichtung nahe der Straße. Ein großer Löwe mit schwarzer Mähne lag dösend in einem Käfig, der die gesamte Rückseite eines der Wagen in Anspruch nahm, während seine beiden Weibchen in einem anderen auf und ab schritten. Ein dritter Käfig stand offen. Davor übte eine Frau mit zwei großen Schwarzbären mit weißen Gesichtern, wie sie auf großen roten Kugeln balancieren mußten, um nicht herunterzufallen. In einem weiteren Käfig lag etwas, das wie ein mächtiger, haariger Keiler wirkte, aber dafür war seine Schnauze etwas zu spitz und an den Zehen saßen kräftige Klauen. Sie wußte, daß dieses Tier aus der Aiel-Wüste stammte und dort Capar genannt wurde. Andere Käfige enthielten weitere Tiere und leuchtend bunte Vögel, doch im Gegensatz zu jeder anderen solchen Menagerie, die sie je gesehen hatte, arbeiteten hier auch Menschen an Vorführungen. Beispielsweise jonglierten zwei Männer gerade mit Bändern umwickelte Reifen, die zwischen ihnen hin und her flogen. Vier Akrobaten übten an einer Pyramide, und eine Frau fütterte zur Belohnung ein Dutzend Hunde, die auf den Hinterbeinen liefen und auf ihr Kommando Überschläge rückwärts vollführten. Im Hintergrund errichteten einige weitere Männer zwei hohe Masten. Sie hatte keine Ahnung, wofür die bestimmt waren.
Allerdings war es nichts von alledem gewesen, was die Pferde zum Scheuen und fast zum Ausbrechen gebracht hatte, und das trotz Thoms Können als Gespannführer. Die Löwen konnte sogar sie riechen, aber die Pferde starrten mit wild rollenden Augäpfeln drei riesige, runzlige, graue Tiere an. Zwei waren genauso hoch wie die Kutsche, hatten große Ohren und mächtige gekrümmte Hauer, und die Nase, die dazwischen hing, war so lang, daß sie bis auf den Boden reichte. Das dritte war etwas kleiner als die Pferde, wirkte allerdings genauso schwer wie diese und hatte keine Hauer. Sie hielt es für ein Junges. Eine Frau mit hellblondem Haar kratzte dieses ›Kleintier‹ mit einem schweren Stachelstock, der am Ende einen Haken aufwies, hinter dem Ohr. Elayne hatte bereits Geschöpfe wie diese gesehen, aber niemals erwartet, sie nun hier wiederzusehen.
Ein großer, dunkelhaariger Mann kam ihnen aus dem Lager entgegen. Er trug ausgerechnet bei dieser Hitze einen roten Seidenumhang, den er bei seiner eleganten Verbeugung mit großer Geste spreizte. Er sah gut aus, bewegte sich geschmeidig und war sich dessen nur zu bewußt. »Vergebt mir, gute Lady, wenn die riesigen Keilerpferde Eure Tiere erschreckt haben.« Als er sich aufrichtete, winkte er zwei seiner Männer heran, um beim Beruhigen der Pferde zu helfen, wandte sich dann wieder Elayne zu und musterte sie eingehend. Dann murmelte er: »Schweig still, mein Herz.« Es war gerade laut genug, daß Elayne es hörte, und das war ja wohl beabsichtigt gewesen. »Ich heiße Valan Luca, Lady, Künstler der außergewöhnlichen Unterhaltung. Eure Anwesenheit überwältigt mich.« Er verbeugte sich erneut und womöglich noch kunstvoller als beim ersten Mal.
Elayne tauschte einen Blick mit Nynaeve und fand auf deren Gesicht ein genauso amüsiertes Lächeln vor, wie sie selbst es zur Schau trug. Ein sehr von sich eingenommener Mann, dieser Valan Luca. Seine Männer schienen aber im Umgang mit Tieren einige Erfahrung zu haben, denn die Pferde hatten sich wirklich weitgehend beruhigt. Sie schnaubten wohl noch und stampften mit den Hufen, doch sie rollten nicht mehr mit den Augen und schienen lediglich etwas nervös. Thom und Juilin starrten die fremdartigen Tiere beinahe genauso erschrocken an, wie die Pferde es getan hatten. »Keilerpferde, Meister Luca?« fragte Elayne. »Wo kommen diese Tiere denn her?«
»Riesige Keilerpferde, Lady«, kam die schnelle Antwort, »aus dem sagenhaften Schara. Ich selbst führte eine Expedition in eine Wildnis voller eigenartiger Zivilisationen und noch fremdartigerer Sehenswürdigkeiten, um sie zu fangen. Ich würde Euch zu gern mehr darüber erzählen. Riesenhafte Menschen, zweimal so groß wie die Ogier.« Er begleitete seine Erzählung mit schwungvollen Gesten. »Kopflose Geschöpfe. Vögel, so groß, daß sie einen ausgewachsenen Stier davontragen können. Schlangen, die in der Lage sind, einen Menschen zu verschlingen. Städte, aus massivem Gold erbaut. Steigt nur herab, Lady, und laßt mich Euch berichten.«
Elayne zweifelte nicht daran, daß Luca nur zu gern seine Geschichten zum besten geben würde, aber sie bezweifelte doch sehr stark, daß diese Tiere aus Schara stammten. Zum einen sahen selbst die Meerleute nicht mehr von Schara als die ummauerten Häfen, auf die sie sich beschränken mußten, denn niemand, der diese Mauern passierte, wurde jemals wieder gesehen. Die Aiel wußten wenig mehr zu berichten. Zum anderen hatten Nynaeve und sie Geschöpfe wie diese in Falme gesehen, während der Invasion durch die Seanchan. Die Seanchan setzten sie als Arbeitstiere und im Krieg ein.
»Ich glaube nicht, Meister Luca«, entgegnete sie ihm.
»Dann laßt uns vor Euch auftreten«, sagte er darauf schnell. »Wie Ihr seht, ist dies keine gewöhnliche wandernde Menagerie, sondern etwas ganz Neuartiges. Eine Privatvorführung für Euch. Akrobaten, Jongleure, dressierte Tiere, der stärkste Mann der Welt... Sogar Feuerwerk haben wir. Einer aus der Gilde der Feuerwerker zieht mit uns durchs Land. Wir sind auf dem Weg nach Ghealdan, und morgen ziehen wir ganz geschwind wieder ab. Es würde Euch nur eine Kleinigkeit ko...«
»Meine Herrin hat doch bereits abgelehnt«, unterbrach Nynaeve seinen Redefluß. »Sie gibt ihr Geld für bessere Dinge aus, als lediglich Tiere anzusehen.« In Wirklichkeit verwaltete sie äußerst geizig ihr gesamtes Vermögen und rückte nur ungern überhaupt etwas heraus. Sie schien zu glauben, daß alles eigentlich nur soviel kosten sollte wie damals daheim bei ihr in den Zwei Flüssen.
»Warum wollt Ihr nach Ghealdan reisen, Meister Luca?« fragte Elayne. Die andere ging grob mit den Leuten um und überließ es ihr, die Wogen wieder zu glätten. »Wie ich hörte, herrschen dort Unruhen. Das Heer war anscheinend nicht in der Lage, einen Mann zu niederzuhalten, der sich als Prophet bezeichnet und vom Wiedergeborenen Drachen predigt. Sicher wollt Ihr doch nicht mitten in bürgerkriegsähnliche Zustände hineinziehen.«
»Das ist alles stark übertrieben, meine Lady. Stark übertrieben. Wo sich große Volksmengen befinden, wollen sie auch unterhalten werden. Und wo die Menschen unterhalten werden wollen, ist meine Truppe immer willkommen.« Luca zögerte und trat dann noch näher an die Kutsche heran. Verlegenheit zeigte sich auf seinem Gesicht, als er zu Elaynes Augen hochblickte. »Lady, in Wirklichkeit würdet Ihr mir einen großen Gefallen tun, wenn Ihr mir gestattet, für Euch eine Vorführung zu veranstalten. Es ist so, daß uns eines der Keilerpferde in der nächstgelegenen Stadt in Schwierigkeiten gebracht hat. Es war nur ein Unfall«, fügte er hastig hinzu, »das versichere ich Euch. Es sind sanfte Geschöpfe. Überhaupt nicht gefährlich. Aber die Einwohner von Sienda waren nicht gewillt, uns unsere Künste vorführen zu lassen oder auch nur eine Vorführung hier draußen zu besuchen... Nun, es hat mich all mein Geld gekostet, Schadenersatz und Buße zu bezahlen.« Er verzog schmerzhaft das Gesicht. »Besonders die Geldbuße war hoch. Wenn Ihr mir erlauben würdet, Euch zu unterhalten — es würde wirklich nicht viel kosten —, würde ich überall auf der Welt, wohin wir auch kommen, Euren Namen als unsere große Gönnerin nennen und den Ruhm Eurer Großmut verbreiten, Lady...?«