»Morelin«, sagte sie. »Lady Morelin aus dem Hause Samared.« Mit ihrem gefärbten Haar konnte sie nun durchaus aus Cairhien stammen. Sie hatte keine Zeit, seine Vorstellung anzusehen, auch wenn sie sich zu einer anderen Zeit sehr darüber freuen würde, sagte sie ihm, und sie fügte hinzu: »Doch ich will Euch ein wenig helfen, wenn Ihr kein Geld habt. Gib ihm etwas, Nana, um ihm auf seinem Weg nach Ghealdan weiterzuhelfen.« Das letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte, war, daß er ›ihren Namen als Gönnerin überall nannte‹, aber den Armen und Bedürftigen zu helfen, wenn sie die Mittel dazu hatte, war eine Pflicht, die sie äußerst ernst nahm, auch in einem fremden Land.
Mürrisch holte Nynaeve eine Geldbörse aus ihrer Gürteltasche und kramte darin. Dann beugte sie sich aus der Kutsche, legte etwas in Lucas Hand und drückte diese um ihre Gabe zu. Er blickte überrascht drein, als sie sagte: »Wenn Ihr eine anständige Arbeit annehmt, braucht Ihr nicht zu betteln. Fahrt weiter, Thom!«
Thoms Peitsche knallte und Elayne wurde auf ihren Sitz zurückgeworfen. »Du hättest nicht so unhöflich sein müssen«, sagte sie. »Und so plötzlich abfahren. Was hast du ihm gegeben?«
»Einen Silberpfennig«, antwortete Nynaeve gelassen, wobei sie die Börse in ihre Tasche zurücksteckte. »Mehr, als er verdient.«
»Nynaeve«, stöhnte Elayne. »Der Mann glaubt wahrscheinlich, wir wollten uns über ihn lustig machen.«
Nynaeve schnaubte: »Bei diesen Schultern würde ihn ein Tag richtig harter Arbeit bestimmt nicht umbringen.«
Elayne hielt den Mund, obwohl sie anderer Meinung war. Jedenfalls nicht ganz der gleichen. Sicher würde dem Mann eine richtige Arbeit nicht schaden, aber sie glaubte nicht, daß es viele solcher Arbeitsplätze gab. Vor allem glaube ich nicht, daß Meister Luca eine Arbeit annehmen würde, bei der er diesen Umhang nicht tragen kann. Wenn sie aber weiter auf dieser Sache herumritt, würde Nynaeve wahrscheinlich widersprechen. Selbst wenn sie ganz zart Dinge andeutete, von denen Nynaeve nichts verstand, beschuldigte diese sie möglicherweise der Arroganz oder daß sie sich als Lehrerin aufspiele. Valan Luca war wohl kaum eine neue Auseinandersetzung wert, nachdem sie gerade erst die letzte begraben hatten.
Die Schatten wurden länger, als sie schließlich Sienda erreichten, ein großes Dorf mit strohgedeckten Steingebäuden und zwei Schenken. Die erste, ›Des Königs Pikeur‹, wies ein klaffendes Loch auf, wo sich die Eingangstür befunden hatte, und eine ganze Anzahl von Zuschauern beobachtete die Handwerker, die mit der Reparatur beschäftigt waren. Vielleicht hatte Meister Lucas ›Keilerpferd‹ das Schild nicht gefallen, das nun neben dem Loch an der Wand lehnte und das einen angreifenden Soldaten mit gesenkter Lanze zeigte. Es schien irgendwie heruntergerissen worden zu sein.
Überraschenderweise waren auf den belebten Lehmstraßen hier mehr Weißmäntel zu sehen als in Mardecin, viel mehr, und außerdem noch andere Soldaten, gerüstet und mit kegelförmigen Helmen auf den Köpfen. Ihre blauen Umhänge trugen Stern und Distel, das Wappen Amadicias. Es mußten wohl Lager in der Nähe sein. Die Männer des Königs und die Weißmäntel schienen nicht viel füreinander übrig zu haben. Entweder liefen sie aneinander vorbei, als existierten die anderen überhaupt nicht, oder sie blickten sich herausfordernd an, als fehle nicht viel, und sie würden die Schwerter ziehen. Einige der in Weiß gehüllten Männer trugen hinter der strahlenden Sonnenscheibe einen roten Hirtenstab auf ihren Umhängen.
Die Hand des Lichts nannte sich ihre Organisation, die Hand, die nach der Wahrheit sucht, aber jeder andere nannte sie nur die ›Zweifler‹ oder bezeichnete sie hinter der hohlen Hand als Folterknechte. Selbst die anderen Weißmäntel hielten sich von ihnen fern.
Alles in allem reichte es, um Elayne Magenschmerzen zu verursachen. Aber glücklicherweise würde die Sonne in etwa einer Stunde untergehen, den langen Sommerabend eingerechnet. Und wenn sie die halbe Nacht weiterführen, hätten sie doch keine Garantie, daß sie auf eine weitere Schenke stoßen würden, aber Aufsehen würde eine solche Nachtfahrt bestimmt erregen. Dazu gab es noch einen Grund, frühzeitig haltzumachen.
Sie tauschte einen Blick mit Nynaeve, und nach einem Augenblick des Überlegens nickte die andere und sagte: »Wir müssen Halt machen.«
Als die Kutsche vor der Schenke ›Zum Licht der Wahrheit‹ anhielt, sprang Juilin schnell vom Bock und riß die Tür auf. Nynaeve wartete mit nichtssagendem Blick, bis er Elayne herausgeholfen hatte. Allerdings lächelte sie Elayne kurz zu, als Zeichen, daß sie nicht wieder vorhabe zu schmollen. Die Ledertasche, die sie über die Schulter gehängt hatte, wirkte ein wenig auffällig, aber Elayne hoffte, daß es sich in Grenzen halten werde. Nachdem Nynaeve nun wieder über einen Vorrat von Kräutern und Tinkturen verfügte, ließ sie diese einfach nicht mehr aus den Augen.
Sie hatte einen ersten Blick auf das Schild über dem Eingang dieser Schenke geworfen und gewünscht, das ›Keilerpferd‹ hätte lieber dieses Haus verwüstet und nicht das andere, denn das Schild zeigte eine strahlende, goldene Sonnenscheibe, wie sie die Weißmäntel auf den Umhängen trugen. Wenigstens stand dahinter kein Hirtenstab. Die Hälfte der Männer, die den Schankraum füllten, war in schneeweiße Umhänge gehüllt. Die Helme hatten sie vor sich auf die Tische gelegt. Sie atmete tief durch und mußte sich gewaltig beherrschen, um nicht auf dem Fuße kehrtzumachen und hinauszulaufen.
Von den Soldaten abgesehen war es eine angenehme Schenke mit hohen Deckenbalken und dunkler, glänzend polierter Täfelung. Die kalten Feuerstellen der beiden großen Kamine waren mit frisch geschnittenen grünen Ästen dekoriert, und aus der Küche drangen Düfte der verschiedensten Speisen. Die Dienerinnen in ihren weißen Schürzen schienen alle gut gelaunt, als sie mit ihren Tabletts mit Weinkrügen und Bier und Essen zwischen den Tischen umhereilten.
Die Ankunft einer Lady erregte so nahe der Hauptstadt nicht viel Aufsehen. Oder vielleicht auch dieses Herrenhauses wegen. Ein paar der Männer sahen sie an, und andere musterten interessiert ihre ›Zofe‹, doch als Nynaeve bemerkte, daß sie angestarrt wurde, blickte sie so streng drein, daß sich die Männer lieber wieder schnell ihrem Wein zuwandten. Nynaeve schien die Blicke der Männer für ein Verbrechen zu halten, obwohl sie nichts gesagt und noch nicht einmal frech hergeschaut hatten. Elayne fragte sich, warum Nynaeve nicht einfach unauffälligere Kleidung trug, wenn sie so etwas vermeiden wollte. Statt dessen hatte sie hart arbeiten müssen, um das einfach geschnittene graue Kleid ganz genau auf Nynaeves Figur umzuarbeiten. Nynaeve selbst war ein hoffnungsloser Fall, wenn es an feinere Handarbeiten ging.
Die Wirtin, Frau Jharen, war eine mollige Frau mit langen grauen Locken, einem warmen Lächeln und durchdringenden dunklen Augen. Elayne hatte den Verdacht, sie könne einen ausgefransten Saum oder eine leere Börse auf zehn Schritt Entfernung entdecken. Sie bestanden offensichtlich die Musterung, denn sie knickste tief, wobei sie ihren grauen Rock weit ausbreitete, und hieß sie ausführlich willkommen. Sie wollte wissen, ob die Lady auf dem Weg nach Amador sei oder von dort komme.
»Von dort«, antwortete Elayne voll träger Arroganz. »Die Bälle in der Stadt waren wohl sehr, sehr schön und König Ailron sieht wirklich so gut aus, wie man es ihm nachsagt, was nicht gerade bei jedem König der Fall ist, doch ich muß auf meine Güter zurückkehren. Ich brauche ein Zimmer für mich und Nana und etwas für meinen Lakaien und den Kutscher.« Dabei fielen ihr Nynaeve und das primitive Klappbett wieder ein, und so fügte sie hinzu: »Und es sollten zwei richtige Betten im Zimmer stehen. Ich brauche Nana bei mir, aber wenn sie nur ein kleines Notbett hat, hält sie mich mit ihrem Schnarchen vom Schlafen ab.« Nynaeves respektvolle Miene verflog, wenn auch nur einen Augenblick lang, aber es stimmte durchaus. Sie hatte furchtbar geschnarcht.