»Selbstverständlich, meine Lady«, sagte die mollige Wirtin. »Ich habe gerade das Richtige für Euch. Aber Eure Männer werden sich mit einem Schlafplatz im Stall bescheiden müssen — auf dem Heuboden. Wie Ihr seht, ist mein Haus ziemlich voll. Eine Vagabundentruppe hat gestern ein paar schreckliche große Tiere ins Dorf mitgebracht und eines davon hätte fast ›Des Königs Pikeur‹ zerstört. Der arme Sim hat die Hälfte oder mehr von seinen Gästen nach dem Schreck verloren, und die sind alle hierher gekommen.« Frau Jharens Lächeln drückte eher Befriedigung aus denn Mitgefühl. »Ich habe aber noch ein Zimmer übrig.«
»Ich bin sicher, das wird unseren Ansprüchen genügen. Wenn Ihr uns eine kleine Erfrischung und etwas Wasser zum Waschen bringen würdet? Ich denke, ich werde mich heute sehr früh zurückziehen.« Durch die Fenster drang noch Sonnenschein, aber sie hielt graziös eine Hand vor den Mund, als unterdrücke sie ein Gähnen.
»Selbstverständlich, meine Lady. Wir Ihr wünscht. Hier entlang, bitte.«
Frau Jharen schien zu glauben, sie müsse Elayne andauernd unterhalten, während sie die beiden in den zweiten Stock führte. Die ganze Zeit über plapperte sie, wie überfüllt die Schenke sei und was für ein Wunder es sei, daß sie noch ein Zimmer übrig habe, über die Vagabunden mit ihren Tieren und wie man sie aus dem Ort gejagt habe und daß es dem Pack recht geschehe, über all die Adligen, die sich im Laufe der Jahre in ihrem Etablissement aufgehalten hatten und daß einmal sogar der kommandierende Lordhauptmann der Kinder des Lichts hier übernachtet habe. Obendrein sei erst gestern ein Jäger des Horns durchgekommen. Er sei auf dem Weg nach Tear, denn man behauptete, irgendein falscher Drache habe den Stein von Tear erobert. War das nicht schrecklich, daß Männer solche schlimmen Dinge anrichteten? »Ich hoffe, sie finden es niemals.« Die grauen Locken der Wirtin flogen, als sie den Kopf schüttelte.
»Das Horn von Valere?« fragte Elayne. »Warum sollen sie es nicht finden?«
»Aber, Lady, wenn sie es finden, bedeutet es doch, daß die Letzte Schlacht nahe ist. Und der Dunkle König bricht aus.« Frau Jharen schauderte. »Das Licht gebe, daß man das Horn niemals findet. Auf die Weise kann es doch auch nicht zur Letzten Schlacht kommen, oder?« Auf diese Art von Logik gab es wohl kaum eine schlüssige Antwort.
Das Zimmer war recht gemütlich, wenn auch ein bißchen eng. Zwei schmale Betten mit gestreiften Bettdecken standen zu beiden Seiten eines Fensters, aus dem man auf die Straße hinausblickte. Zwischen den Betten und bis zu den weißgetünchten Wänden blieben allerdings nur wenige Schritte. Unter dem Fenster stand ein kleiner Tisch mit einer Lampe und einer Zunderschachtel, auf dem Boden lag ein winziger, geblümter Läufer, und den Rest des Mobiliars stellte ein Waschtisch mit einem kleinen Spiegel darüber dar. Alles war jedoch sauber und in bestem Zustand.
Die Wirtin schüttelte die Kissen auf und strich die Bettdecke glatt. Sie sagte, die Matratzen seien mit den besten Gänsedaunen gefüllt und die Bediensteten der Lady würden ihre Koffer die Hintertreppe heraufbringen und alles werde sehr gemütlich, und wenn die Lady das Fenster öffnete und die Tür einen Spaltbreit offenließ, würde es angenehm kühl durchziehen bei Nacht. Als werde sie bei geöffneter Tür schlafen, wenn sich draußen ein jedem zugänglicher Flur befand! Zwei Mädchen mit Schürzen schleppten einen großen, blauen Krug mit dampfendheißem Wasser und ein großes, lackiertes und mit einem weißen Tuch abgedecktes Tablett herein, bevor Elayne es endlich schaffte, Frau Jharen loszuwerden. Unter dem Tuch zeichneten sich auf der einen Seite die Umrisse eines Weinkrugs und zweier Becher ab.
»Ich denke, sie glaubte, wir könnten doch eventuell in ›Der Königin Pikeur‹ ausweichen, trotz des Lochs in der Wand dort«, sagte Elayne, sobald sich die Tür ganz geschlossen hatte. Sie sah sich im Zimmer um und verzog das Gesicht. Es gab kaum genug Platz für sie und ihr Gepäck. »Vielleicht sollten wir es sogar versuchen.«
»Ich schnarche nicht«, sagte Nynaeve mit leiser Stimme.
»Sicher nicht. Aber ich mußte doch irgend etwas sagen.«
Nynaeve räusperte sich laut, doch alles, was sie sagte, war: »Ich bin froh, daß ich müde genug bin, um jetzt schon ins Bett zu gehen. Von dieser Spaltwurzel abgesehen, habe ich keinerlei Schlafmittel unter den Dingen entdeckt, die diese Macura gesammelt hat.«
Thom und Juilin mußten dreimal gehen, bis sie die eisenbeschlagenen Koffer oben hatten. Sie brummten die ganze Zeit vor sich hin, wie es bei Männern so üblich ist, weil sie das Gepäck die enge Hintertreppe der Schenke hinaufwuchten mußten. Und sie meckerten auch darüber, daß sie im Stall schlafen mußten, während sie den ersten Koffer zu zweit hereinschleppten. Er hatte blattförmige Scharniere, und in ihm befand sich das meiste ihres Geldes und ihrer sonstigen Wertsachen, den wiedergefundenen Ter'Angreal eingeschlossen. Dann jedoch sahen sie sich im Zimmer um, warfen sich einen Blick zu und schwiegen. In bezug auf ihre Klagen jedenfalls.
»Wir werden runtergehen und sehen, was wir im Schankraum in Erfahrung bringen können«, sagte Thom, sobald die letzte Truhe hereingezwängt war. Sie hatten gerade noch genug Platz, um den Waschtisch zu erreichen.
»Vielleicht sehen wir uns auch im Ort um«, fügte Juilin hinzu. »Wenn etwas sie so erregt hat, wie wir das bei unserer Ankunft sahen, dann reden Männer sehr gern.«
»Das ist ausgezeichnet«, sagte Elayne. Sie legten offensichtlich größten Wert darauf, mehr zu tun, als nur Dinge zu schleppen. Gut, in Tanchico hatten sie wirklich ganz andere Aufgaben gehabt — und in Mardecin natürlich auch —, und das kam bestimmt auch wieder, aber hier war ja wohl nichts los. »Nehmt Euch aber gut in acht, daß Ihr keine Schwierigkeiten mit den Weißmänteln bekommt!« Sie tauschten einen leidenden Blick, als habe sie nicht bemerkt, wie sie von ihren ›Informationsgängen‹ verschrammt und mit blutenden Gesichtern zurückgekehrt waren, doch sie verzieh ihnen und lächelte Thom an. »Ich kann es gar nicht erwarten, zu hören, was Ihr in Erfahrung bringt.«
»Morgen früh«, sagte Nynaeve entschieden. Sie vermied so betont jeden Blick in Richtung Elayne, daß sie sie genausogut hätte anfunkeln können. »Falls Ihr uns vorher stört und nicht wenigstens Trollocs zu vermelden habt, werdet Ihr es bereuen.«
Der Blick, den die beiden Männer tauschten, sprach Bände. Nynaeve zog bereits die Augenbrauen hoch, aber dann entschloß sie sich doch zögernd, ihnen ein paar Münzen in die Hand zu drücken, worauf sie versprachen, die Frauen ungestört schlafen zu lassen.
»Wenn ich noch nicht einmal mit Thom sprechen kann...«, begann Elayne, kaum, daß die Männer draußen waren, doch Nynaeve schnitt ihr das Wort ab.
»Ich werde nicht zulassen, daß sie hereinspazieren, wenn ich im Hemd daliege.« Sie knöpfte sich bereits ungeschickt ihr Kleid am Rücken auf. Elayne wollte ihr helfen, doch sie sagte: »Ich schaffe es schon. Hol du den Ring für mich heraus.«
Elayne schnaubte und hob dann ihren Rock an, damit sie die kleine Tasche erreichen konnte, die sie über dem Saum innen eingenäht hatte. Sollte sich doch Nynaeve gereizt anstellen; sie würde nicht darauf eingehen, selbst wenn sie wieder wütend loslegte. In der Tasche lagen zwei Ringe. Sie ließ den goldenen mit der Großen Schlange, den sie bei ihrer Erhebung zur Aufgenommenen bekommen hatte, wo er war und nahm den Steinring heraus.
Überall Flecken und Streifen in Rot und Blau und Braun, zu groß, um auf einen Finger zu passen, abgeflacht und verdreht: ein eigenartiger Ring. Außerdem hatte er nur eine Kante. Wenn man mit dem Finger an der Kante entlangfuhr, kam man ganz von selbst nach innen und wieder heraus, bis man den Anfangspunkt wieder erreichte. Er war ein Ter'Angreal und gestattete der Trägerin den Zugang nach Tel'aran'rhiod, der Welt der Träume. Das galt sogar für diejenigen, die nicht über das Talent Egwenes und der Aiel-Traumgängerinnen verfügten. Alles, was man tun mußte, war, mit dem Ring auf der Haut einzuschlafen. Im Gegensatz zu den beiden Ter'Angreal, die sie sich von den Schwarzen Ajah zurückgeholt hatten, war es hier nicht notwendig, die Macht zu benützen. Soweit Elayne es überblicken konnte, war es möglich, daß auch ein Mann den Ring zum gleichen Zweck gebrauchen konnte.