Der eigentliche Grund, nämlich eine weggelaufene Aufgenommene zur Burg zurückzubringen, durfte hier natürlich nicht erwähnt werden; nicht vor einer Weisen Frau. Sie hielten Elayne und sie ja für vollwertige Aes Sedai. Aber sie mußte Egwene wissen lassen, worum es eigentlich ging. »Es könnte irgendwie mit einer Intrige gegen Andor zu tun haben, aber Elayne und du und ich haben einiges miteinander gemein, Egwene, so daß ich glaube, wir sollten uns genauso in acht nehmen wie Elayne.« Das Mädchen nickte bedächtig. Sie wirkte wohl höchst überrascht, was verständlich war, aber sie schien verstanden zu haben. »Gut, daß mich der Geschmack des Tees mißtrauisch gemacht hat. Stellt Euch vor: Jemandem Spaltwurzel andrehen zu wollen, der sich so gut mit Kräutern auskennt wie ich!«
»Komplotte über Komplotte«, murmelte Melaine. »Der Große Schlangenring ist ein passendes Abzeichen für die Aes Sedai, glaube ich. Eines Tages verschlingt Ihr euch durch Zufall noch selbst.«
»Wir haben auch Neuigkeiten«, sagte Egwene.
Nynaeve sah den Grund für die Hast des Mädchens nicht ein. Ich werde mich ganz bestimmt nicht von der Frau dazu provozieren lassen, die Nerven zu verlieren. Und ich ärgere mich überhaupt nicht, wenn sie die Burg beleidigt. Sie nahm die Hand von ihrem Zopf. Was Egwene zu berichten hatte, ließ ihren aufsteigenden Zorn sofort verfliegen.
Daß Couladin über das Rückgrat der Welt zog, war allerdings eine ernste Sache, genau wie die Tatsache, daß Rand ihm folgte. Er trieb seine Truppen zum Jangai-Paß, ließ sie vom ersten Tageslicht an bis nach Einbruch der Dunkelheit marschieren, und Melaine sagte, sie kämen bald dort an. Die Lebensbedingungen in Cairhien waren schon hart genug. Dort konnte man nicht auch noch einen Krieg unter den Aiel gebrauchen, der auf dem Territorium Cairhiens ausgefochten wurde. Und ganz sicher drohte ohnehin ein neuer Aielkrieg, falls er seinen wahnsinnigen Plan in die Tat umsetzen wollte. Verrückt. Nun, noch nicht ganz. Irgendwie mußte er seine geistige Gesundheit noch wahren.
Wie lange ist es her, als ich mir noch Gedanken darum machte, ihn zu beschützen? fragte sie sich bitter. Und jetzt will ich nur noch, daß er normal bleibt, um die Letzte Schlacht ausfechten zu können. Nicht nur aus diesem Grund, aber eben auch deswegen. Er war, was er war. Licht, verschlinge mich, ich bin schon genauso schlimm wie Siuan Sanche oder die anderen!
Doch das, was Egwene über Moiraine zu sagen hatte, schockierte sie noch mehr als alles Bisherige. »Sie gehorcht ihm?« fragte sie ungläubig.
Egwene nickte lebhaft. Sie hatte immer noch diesen lächerlichen Aielschal um den Kopf gewickelt. »Letzten Abend haben sie sich gestritten, denn sie will ihn immer noch davon abhalten, die Drachenmauer zu überqueren, und schließlich befahl er ihr, hinauszugehen und zu warten, bis sie sich abgekühlt habe. Sie sah aus, als wolle sie die eigene Zunge verschlingen, aber sie gehorchte. Jedenfalls blieb sie eine geschlagene Stunde draußen in der kalten Nacht.«
»Es ist nicht richtig so«, sagte Melaine und rückte resolut ihren Schal zurecht. »Männer haben kein Recht dazu, Aes Sedai herumzukommandieren, genausowenig wie sie Weisen Frauen Befehle erteilen können. Das gilt sogar für den Car'a'carn.«
»Das haben sie allerdings nicht«, stimmte ihr Nynaeve zu. Fast wäre ihr ob der eigenen Worte der Mund offen stehen geblieben. Was geht es mich an, ob er sie nach seiner Pfeife tanzen läßt? Wir haben alle oft genug nach ihrer tanzen müssen. Aber es war wirklich nicht recht. Ich will doch gar keine Aes Sedai werden — nur mehr über das Heilen lernen! Ich will bleiben, wer ich bin. Laß ihn ihr doch Befehle erteilen! Trotzdem, richtig war es nicht.
»Wenigstens spricht er jetzt mit ihr«, sagte Egwene. »Vorher verwandelte er sich in einen Eisblock, wenn sie sich ihm auf zehn Schritt näherte. Nynaeve, er wird mit jedem Tag hochmütiger.«
»Damals, als ich noch glaubte, du würdest meine Nachfolgerin als Seherin«, entgegnete ihr Nynaeve trocken, »habe ich dir beigebracht, wie du jemanden wieder zurückstutzen kannst. Es ist das Beste für ihn, wenn du genau das machst, obwohl er mittlerweile zum Leitbullen auf der Weide geworden ist. Wahrscheinlich hat er es gerade deshalb so nötig. Mir scheint, Könige und Königinnen können sich zum Narren machen, wenn sie vergessen, was sie sind, und nur danach handeln, wer sie sind. Aber es ist noch schlimmer, wenn sie vergessen, wer sie sind, und sich nur danach verhalten, was sie sind. Die meisten hätten es nötig, jemanden neben sich zu haben, der sie daran erinnert, daß sie essen und schwitzen und weinen wie jeder Bauer.«
Melaine zog ihren Schal enger zusammen und konnte offensichtlich nicht entscheiden, ob sie zustimmen solle oder nicht, doch Egwene sagte: »Ich bemühe mich schon, aber manchmal ist er gar nicht er selbst, und auch wenn er normal erscheint, ist seine Arroganz derart, daß man nicht zu ihm durchdringt.«
»Du mußt eben dein Bestes geben. Ihm zu helfen, sich selbst treu zu bleiben, könnte wirklich das Beste sein, was man ihm antun kann. Für ihn und für den Rest der Welt.«
Schweigen trat ein. Sie und Egwene hatten nicht vor, über die Möglichkeit zu sprechen, daß Rand dem Wahnsinn verfallen könne, und Melaine dürfte das Thema genausowenig gefallen.
»Ich habe noch etwas Wichtiges, das ich Euch sagen wollte«, fuhr sie nach einer kurzen Pause fort. »Ich glaube nämlich, die Verlorenen führen irgend etwas im Schilde.« Das war nicht dasselbe, als hätte sie ihnen von Birgitte berichtet. Sie ließ es so erscheinen, als habe sie selbst Lanfear und die anderen gesehen. In Wirklichkeit war Moghedien die einzige, die sie erkennen konnte, ja, und vielleicht noch Asmodean, obwohl sie den nur einmal und auf einige Entfernung gesehen hatte. Sie hoffte, keine der anderen werde auf die Idee kommen, sie zu fragen, woran sie denn die einzelnen erkannt hatte oder wieso sie glaube, daß Moghedien sich hier irgendwo herumtrieb. Tatsächlich lag das Problem, mit dem sie es nun zu tun hatte, ganz woanders.
»Habt Ihr etwa die Welt der Träume durchforscht?« Melaines Augen schimmerten wie grünes Eis.
Nynaeve erwiderte gelassen ihren Blick, obwohl Egwene bedauernd den Kopf schüttelte. »Ich hätte wohl kaum Rahvin und die anderen sehen können, wenn ich nicht hiergewesen wäre, oder?«
»Aes Sedai, Ihr wißt wenig und Ihr wagt zuviel. Man hätte Euch die wenigen Dinge, die Ihr wißt, nicht beibringen sollen. Was mich betrifft, so bedaure ich manchmal, daß wir diesen Treffen hier zustimmten. Man sollte keine ungeübten Frauen nach Tel'aran'rhiod lassen.«
»Ich habe mir selbst mehr beigebracht, als Ihr mich jemals lehrtet.« Nynaeve behielt mit einiger Mühe den kühlen Tonfall bei. »Ich habe allein gelernt, die Macht zu lenken, und ich sehe nicht ein, warum es bei Tel'aran'rhiod anders verlaufen sollte.« Nur aus Halsstarrigkeit und Zorn heraus sagte sie diese Dinge. Sicher hatte sie sich selbst das Lenken der Macht beigebracht, aber da hatte sie nicht einmal gewußt, was sie überhaupt tat, und sie hatte auch keineswegs alles richtig gelernt. Vor der Weißen Burg hatte sie manchmal Menschen mit Hilfe der Macht geheilt, aber unbewußt, bis Moiraine ihr die Augen geöffnet hatte.