Ihre Lehrerinnen in der Burg hatten gesagt, genau hier liege der Grund dafür, daß sie zornig sein mußte, um die Macht anwenden zu können: Sie hatte ihre Fähigkeiten vor sich selbst verborgen gehalten, hatte sich davor gefürchtet, und durch diese Mauer der Angst konnte sie nur mit Hilfe ihres Zorns brechen.
»Also seid Ihr eine von denen, die von den Aes Sedai ›Wilde‹ genannt werden.« Es lag eine Andeutung in diesem Wort, ob es nun Verachtung war oder Mitleid, die Nynaeve nicht gefiel. Die Bezeichnung wurde in der Burg auch meist nicht gerade als Kompliment empfunden. Natürlich gab es unter den Aiel keine Wilden. Die Weisen Frauen, die mit der Macht umgehen konnten, fanden jedes Mädchen, das mit diesem Funken geboren wurde und früher oder später diese Fähigkeit entwickeln würde, auch wenn sie gar nicht versuchte, es zu erlernen. Sie behaupteten außerdem, auch jedes Mädchen aufzuspüren, dem dieses Talent wohl nicht angeboren war, das aber später unter entsprechender Anleitung das Lenken der Macht erlernen konnte. Kein Aielmädchen starb, weil sie das ganz allein zu lernen versuchte. »Ihr kennt doch die Gefahren, wenn man ohne Führung den Gebrauch der Macht lernen will, Aes Sedai. Glaubt ja nicht, die Gefahren des Traums seien geringer! Sie sind genauso groß, und für diejenigen, die ohne das notwendige Wissen den Traum betreten, sind sie vielleicht noch größer.«
»Ich bin schon vorsichtig«, sagte Nynaeve mit angespannter Stimme. Sie war nicht hergekommen, um sich von diesem sonnenhaarigen Drachen von Aielfrau Vorträge halten zu lassen. »Ich weiß, was ich tue, Melaine.«
»Ihr wißt gar nichts. Ihr seid genauso halsstarrig wie die hier, als sie zu uns kam.« Die Weise Frau warf Egwene ein Lächeln zu, das tatsächlich wohlwollend schien. »Wir haben ihre überschüssige Energie in die richtigen Bahnen geleitet, und nun lernt sie rasch. Obwohl sie noch immer viele Fehler hat.« Egwene verging das geschmeichelte Grinsen wieder. Nynaeve vermutete, nur dieses Grinsens wegen habe Melaine das Letztere hinzugefügt. »Wenn Ihr im Traum wandeln wollt«, fuhr die Aielfrau fort, »dann kommt zu uns. Wir werden Euren Eifer ebenfalls dämpfen und Euch unterweisen.«
»Danke sehr, aber ich benötige keine Zähmung«, sagte Nynaeve mit höflichem Lächeln.
»Aan'allain wird sterben an dem Tag, an dem er erfährt, daß Ihr tot seid.«
Eine Klinge aus Eis bohrte sich in Nynaeves Herz. Aan'allain war die Bezeichnung der Aiel für Lan. Der ›Eine Mann‹ bedeutete das in der Alten Sprache, oder ›Ein Mann Allein‹, oder ›Der Mann, der ein ganzes Volk ist‹. Es war oft schwierig, Ausdrücke aus der Alten Sprache genau zu übersetzen. Die Aiel brachten Lan großen Respekt entgegen, dem Mann, der seinen Kampf gegen den Schatten nicht aufgeben wollte, gegen den Feind, der sein Land zerstört hatte. »Ihr kämpft mit schmutzigen Waffen«, knurrte sie.
Melaine zog eine Augenbraue hoch. »Kämpfen wir denn? Falls ja, dann solltet Ihr wissen, daß es in einem Kampf nur Gewinner und Verlierer gibt. Regeln, die verbieten, jemanden zu verletzen, gelten nur in Spielen. Ich will Euer Versprechen, daß Ihr nichts im Traum unternehmt, ohne es zuvor mit uns abgesprochen zu haben.
Ich weiß, daß Aes Sedai nicht lügen können, also will ich es von Euch ausgesprochen hören.«
Nynaeve knirschte mit den Zähnen. Es wäre ja leicht, die Worte auszusprechen. Sie mußte sich nicht daran halten, weil sie ja nicht an die Drei Eide gebunden war. Aber es würde trotzdem bedeuten, Melaine recht zu geben. Sie glaubte ihr jedoch nicht und würde ihr dieses Versprechen nicht geben.
»Sie wird es nicht versprechen, Melaine«, sagte Egwene schließlich. »Wenn sie diesen störrischen Blick an sich hat, kommt sie nicht einmal aus dem Haus, wenn Ihr beweist, daß ihr Dach in Flammen steht.«
Nynaeve bedachte auch sie mit einem wütenden Blick. Störrisch, ja? Wenn alles, was sie wollte, darin bestand, sich nicht wie eine Puppe herumschubsen zu lassen.
Das Schweigen zog sich in die Länge, und dann seufzte Melaine. »Also gut. Aber es wäre gut für Euch, Aes Sedai, wenn Ihr im Gedächtnis behaltet, daß Ihr in Tel'aran'rhiod nur ein Kind seid. Kommt, Egwene, wir müssen gehen.« Ein amüsiertes Zucken überflog noch Egwenes Gesicht, während die beiden verblaßten und schließlich verschwanden.
Mit einem Mal wurde Nynaeve bewußt, daß sie schon wieder die Kleidung gewechselt hatte. Oder daß sie geändert worden war, denn die Weisen Frauen wußten genug von Tel'aran'rhiod, um auch Dinge an anderen abzuwandeln und nicht nur an sich selbst. Sie trug nun eine weiße Bluse und einen dunklen Rock, aber im Gegensatz zu den Röcken der beiden Frauen, die gerade aus dem Traum gegangen waren, reichte ihr Rock nicht einmal bis zu den Knien. Ihre Schuhe und Strümpfe waren weg und ihr Haar zu zwei Zöpfen geflochten, einem über jedem Ohr, in die gelbe Bänder eingebunden waren. Neben ihren bloßen Füßen lag eine Stoffpuppe mit geschnitztem und bemaltem Gesicht. Sie konnte tatsächlich hören, wie ihre Zähne knirschten. Das war schon einmal zuvor geschehen, und sie hatte von Egwene erfahren, daß dies die Kleidung der kleinen Aielmädchen war.
Wütend kehrte sie zu dem gelben Taraboner Seidenkleid zurück, das diesmal noch enger anlag, und gab der Puppe einen Tritt. Sie flog davon und verschwand in der Luft. Diese Melaine hatte wahrscheinlich ein Auge auf Lan geworfen. Die Aiel schienen ihn sowieso für eine Art Helden zu halten. Aus dem hohen Stehkragen wurde ein breiter Spitzenkragen, und der tiefe, enge Ausschnitt ließ die Ansätze ihrer Brüste deutlich sichtbar werden. Wenn diese Frau ihn auch nur anlächelte...! Wenn er...! Plötzlich bemerkte sie, daß der Ausschnitt ihres Kleids immer tiefer wurde und die Schultern immer freier. Hastig zog sie das Kleid wieder hoch, nicht ganz, aber genug, um nicht erröten zu müssen. Das Kleid war mittlerweile so eng, daß sie sich kaum rühren konnte. Auch das änderte sie wieder ab.
Also sollte sie um Erlaubnis bitten, ja? Zu den Weisen Frauen marschieren und betteln, bevor sie etwas unternahm? Hatte sie nicht Moghedien besiegt? Damals waren sie gebührend beeindruckt gewesen, aber nun schienen sie das vergessen zu haben.
Falls sie Birgitte nicht dazu benützen konnte, herauszufinden, was sich in der Burg abspielte, gab es vielleicht einen Weg, das selbst zu erledigen.
15
Was man aus Träumen lernen kann
Sorgfältig ließ Nynaeve in ihrer Vorstellungskraft ein Bild des Arbeitszimmers der Amyrlin erstehen, so, wie sie sich vor dem Einschlafen das Herz des Steins vorgestellt hatte. Nichts geschah, und so runzelte sie die Stirn. Sie sollte sich nun eigentlich in der Weißen Burg befinden, in dem Raum, den sie sich vorgestellt hatte. Wieder versuchte sie es und sah vor ihrem geistigen Auge einen Raum, den sie schon viel öfter besucht hatte, wenn auch meist mit mulmigem Gefühl.
Nun wurde aus dem Herzen des Steins das Arbeitszimmer der Herrin der Novizinnen, ein relativ kleines Zimmer mit dunkler Täfelung und einfachen, robusten Möbeln, die von Generationen von Frauen benutzt worden waren, die diesen Posten innehatten. Wenn die Verfehlungen einer Novizin mehr Strafe verlangten, als nur zusätzliches Bodenschrubben oder Gartenarbeit, wurde sie hierher geschickt. Wenn eine Aufgenommene herbestellt wurde, mußte sie allerdings schon Schlimmeres angestellt haben, doch sie kam immer noch mit bleiernen Füßen her, weil sie wußte, daß das Ergebnis genauso schmerzhaft sein würde wie bei einer Novizin, ja, vielleicht sogar noch schmerzhafter.
Sheriam hatte sie bei ihren unzähligen Besuchen hier als vorsätzlich stur bezeichnet. Nun wollte Nynaeve das Zimmer gar nicht sehen, und doch ertappte sie sich dabei, wie sie in den Spiegel blickte, in den die Novizinnen und Aufgenommenen immer schauen mußten, um ihre eigenen tränenüberströmten Gesichter zu beobachten, während sie Sheriams Vortrag über Vorschriften oder den gebührenden Respekt oder was auch immer lauschten. Nynaeve hatte sich immer daran gestoßen, daß sie die Regeln anderer einhalten und diesen anderen den gebührenden Respekt erweisen sollte. Die verblaßten Reste einstiger Vergoldung am geschnitzten Spiegelrahmen zeigten, daß er bestimmt schon seit dem Hundertjährigen Krieg hier hing, oder vielleicht sogar seit der Zerstörung der Welt.