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Die Lüge. Sie hatte heute zum erstenmal Egwene bewußt belogen. Deshalb war ihre moralische Autorität dahin, deshalb war sie so ins Schwimmen gekommen und konnte sich nicht richtig verständlich machen. »Ich habe den Tee getrunken, Egwene.« Sie zwang jedes Wort aus sich heraus. Sie mußte sich wirklich zwingen. »Den Spaltwurzeltee dieser Macura. Sie und Luci haben uns nach oben geschleppt wie Mehlsäcke. Wir hatten auch nicht mehr Kraft als eben solche. Wenn Thom und Juilin nicht gekommen wären und uns am Kragen herausgezogen hätten, befänden wir uns vermutlich heute noch dort. Oder auf dem Weg zur Burg und so mit Spaltwurzel angefüllt, daß wir womöglich erst dort wieder aufgewacht wären.« Sie atmete tief durch und bemühte sich um einen festen und sicheren Tonfall, doch das war schwer, da sie gerade erst gestanden hatte, eine komplette Idiotin gewesen zu sein. Was herauskam, klang viel zaghafter, als ihr lieb war. »Wenn du den Weisen Frauen davon erzählst —insbesondere Melaine —, gebe ich dir eins aufs Ohr.«

Etwas an ihren Worten hätte eigentlich Egwenes Widerstandsgeist wecken sollen. Es schien seltsam, einen Streit bewußt vom Zaun brechen zu wollen, aber das war immer noch besser als dieser Zustand. Bei ihren Streitigkeiten ging es gewöhnlich darum, daß Egwene keine Vernunft annehmen wollte, und sie endeten meist unerfreulich, denn das Mädchen hatte sich angewöhnt, sich ständig zu weigern, etwas einzusehen. Und diesmal —lächelte Egwene sie lediglich an. Es war ein amüsiertes Lächeln. Ein herablassendes und amüsiertes Lächeln!

»Ich hatte das schon angenommen, Nynaeve. Du hast sonst Tag und Nacht von Kräutern gepredigt, aber dabei niemals eine Pflanze namens Spaltwurzel erwähnt. Ich war sicher, daß du noch nie davon gehört hattest, bis diese Frau es erwähnte. Du hast ja immer versucht, die Dinge zu beschönigen. Wenn du mal mit dem Kopf voran in einen Schweinestall fällst, wirst du noch versuchen, jedem weiszumachen, daß es Absicht war. Nun — was wir jetzt zu entscheiden haben... «

»So etwas mache ich nicht!« Nynaeve spuckte Gift und Galle.

»Aber sicher doch. Das sind klare Tatsachen. Du kannst genausogut mit dem Winseln aufhören und mir helfen, einen Entschluß... «

Winseln! Das entwickelte sich ganz anders, als sie geplant hatte. »Das sind gar keine! Keine Tatsachen, meine ich. Ich bin noch nie so gewesen, wie du behauptest!«

Einen Augenblick lang sah Egwene sie schweigend an. »Du kannst nicht damit aufhören, was? Also gut. Du hast mich angelogen... «

»Das war keine Lüge«, murmelte sie. »Jedenfalls nicht direkt.«

Die andere überging ihren Einwurf. »... und du belügst dich selbst. Erinnerst du dich, was du mir zu trinken gegeben hast, als ich dich das letzte Mal anlog?« Plötzlich hatte sie eine Tasse in der Hand, gefüllt mit einem giftgrünen, zähen Gebräu. Es sah aus, als habe man es aus einem schmutzigen, stehenden Gewässer abgeschöpft. »Das einzige Mal, daß ich dich je angelogen hatte. Die Erinnerung an diesen Geschmack hat mir sehr geholfen, nie wieder zu lügen. Wenn du nicht einmal die Wahrheit vor dir selbst zugeben willst...«

Nynaeve trat einen Schritt zurück, bevor sie sich wieder im Griff hatte. Gekochter Katzenfarn mit zerstoßenem Asblatt; bei dem bloßen Gedanken daran schrumpfte ihr die Zunge. »Ich habe doch gar nicht richtig gelogen.« Warum suchte sie eigentlich nach Entschuldigungen? »Ich habe nur nicht die ganze Wahrheit gesagt.« Ich bin die Seherin! Ich war die Seherin, und das sollte doch immer noch etwas zählen! »Du kannst doch wohl nicht glauben...« Sag's ihr doch! Du bist hier doch nicht das Kind, und das wirst du ganz bestimmt nicht trinken. »Egwene, ich...« Egwene hielt ihr die Tasse direkt unter die Nase, so daß sie den ätzenden Geruch deutlich wahrnahm. »In Ordnung«, sagte sie schnell. Das kann doch alles nicht wahr sein! Doch sie konnte den Blick nicht von der Brühe in der Tasse wenden, und sie konnte die Worte nicht mehr zurückhalten, die aus ihr herausbrachen: »Manchmal versuche ich, die Dinge für mich selbst zu beschönigen. Manchmal. Aber nie, wenn es wirklich wichtig war. Ich habe niemals — in bezug auf etwas Wichtiges — gelogen. Niemals, das schwöre ich! Nur kleine Sachen.« Die Tasse verschwand, und Nynaeve seufzte tief und erleichtert auf. Törichte, törichte Frau! Sie hätte dich nicht zum Trinken zwingen können! Was stimmt eigentlich nicht mit dir?

»Was wir entscheiden müssen«, sagte Egwene, als sei überhaupt nichts gewesen, »ist, wem wir es sagen sollen. Moiraine muß es natürlich wissen, und Rand auch, aber wenn jeder davon erfährt... Die Aiel stellen sich immer so an, was die Aes Sedai betrifft, genau wie alles andere. Ich denke, sie werden Rand als Dem, Der Mit Der Morgendämmerung Kommt, weiterhin folgen, gleich, was geschehen ist, aber sobald sie erfahren, daß sich die Weiße Burg gegen ihn stellt, läßt ihr Eifer möglicherweise nach.«

»Sie werden es früher oder später erfahren«, murmelte Nynaeve. Sie hätte mich bestimmt nicht zum Trinken zwingen können!

»Lieber später als früher, Nynaeve. Also platze bitte nicht bei unserem nächsten Treffen vor den Weisen Frauen damit heraus, wenn du auf sie sauer bist. Es wäre sogar viel besser, wenn du diesen Besuch in der Burg überhaupt nicht erwähntest. Dann kannst du es vielleicht geheimhalten.«

»Ich bin doch keine Närrin«, sagte Nynaeve steif, und dann spürte sie, wie ihre Wangen schon wieder brannten, als Egwene eine Augenbraue hochzog. Sie würde ganz sicher diesen Besuch nicht vor den Weisen Frauen erwähnen. Nicht, daß es leichter war, sie hinter dem Rücken zu mißachten. Keineswegs. Und sie versuchte gewiß diesmal nicht, etwas zu beschönigen. Es war einfach nicht fair, daß Egwene in Tel'aran'rhiod herumspringen konnte, wie sie wollte, während sie selbst sich Lektionen und diese Herumschubserei gefallen lassen mußte.

»Das weiß ich«, sagte Egwene. »Es sei denn, du läßt dich von deiner Wut dazu hinreißen. Du mußt dich einfach besser beherrschen und klaren Verstand bewahren, wenn du in bezug auf die Verlorenen wirklich recht hast, besonders was Moghedien betrifft.« Nynaeve funkelte sie an und öffnete den Mund, um zu beteuern, daß sie sich sehr wohl beherrschen könne, und wenn sie es nicht glaube, werde sie Egwene eins auf Ohr geben, doch die ließ ihr gar keine Chance. »Wir müssen diese Versammlung der Blauen Schwestern aufspüren, Nynaeve. Wenn sie sich gegen Elaida stellen, werden sie vielleicht — vielleicht — Rand so unterstützen wie Siuan vorher. Wurde eine Stadt erwähnt oder ein Dorf? Wenigstens ein Land?«

»Ich glaube... nein, ich kann mich nicht daran erinnern.« Sie kämpfte mit sich, um diesen defensiven Tonfall abzumildern. Licht, ich habe doch alles zugegeben, habe mich zum Narren gemacht, und jetzt ist es nur noch schlimmer! »Ich werde es weiterhin versuchen.«

»Gut. Wir müssen sie finden, Nynaeve.« Einen Augenblick lang musterte Egwene sie, während sie sich selbst davon abhielt, sich zu wiederholen. »Nynaeve, sei bitte vorsichtig, was Moghedien betrifft. Leg nicht los wie ein Bär im Frühling, nur weil sie dir in Tanchico entwischt ist.«

»Ich bin keine Närrin, Egwene«, sagte Nynaeve in gemäßigtem Ton. Es fiel ihr schwer, sich so zurückhalten zu müssen, aber andererseits wollte sie doch nicht als ein noch größerer Dickkopf dastehen.

»Ich weiß. Das hast du schon gesagt. Erinnere dich aber bitte daran, wenn es ernst wird. Sei vorsichtig!« Diesmal wurde Egwene nicht zuerst durchscheinend, sondern verschwand auf der Stelle, genauso schnell wie Birgitte.

Nynaeve starrte den Fleck an, an dem sie sich befunden hatte, und ging im Kopf noch einmal alles durch, was sie hätte sagen sollen. Schließlich wurde ihr klar, daß sie die ganze Nacht noch hier stehen könne, denn sie wiederholte sich nur, und außerdem war die Chance, all das zu sagen, ja sowieso vorbei. So grollte sie leise vor sich hin und trat aus Tel'aran'rhiod heraus und geradewegs zurück in ihr Bett in Sienda.